Marcel Hartlage

Telefongespräch

 

Das Telephon klingelte.

Peter schreckte noch im Halbschlaf hoch, während die Zeitung von Gestern von seinem Schoß auf den Boden viel. Verdammt, er war schon wieder vor der Glotze eingeschlafen, jetzt war es ein Uhr morgens, seine Apparatur die aus dem achtzehnten Jahrhundert zu kommen schien (Dick, kleines Bild, des öfteren Schwarzweiß und nicht für den Transport gebräuchlich)flimmerte und zeigte nichts als dieses flackern, was so manch einer wohl Ameisenrandale oder -kampf nannte. Wie auch immer. Jetzt war er wach. Und das Telephon klingelte noch immer.

Wer würde den jetzt noch anrufen wollen? Was wollte derjenige um diese Uhrzeit noch von Peter? Das Krankenhaus könnte es nicht sein, es hatte erst letzte Woche angerufen und gesagt, sein Bruder sei an Leukämie gestorben. Und niemand anderes aus seinem Bekanntenkreis lag jetzt in irgend eins dieser Krankenhausbetten um sich mit Schmerzmittel voll pumpen zu lassen.

Peter ging auf das Telephon (Mit Drehscheibe) zu und starrte es eine Zeitlang an. Er war vierundvierzig. Er war stolz auf sein junges Alter! Aber er besaß die Räumlichkeiten und Technologien seines Großvaters.

(Darauf bist du nicht stolz, was?)

Er nahm den Hörer ab.

»Was fällt ihnen eigentlich ein, mich um diese Uhr – «

Peter glotze verwirrt den Hörer an. Niemand war dran.

So ein Mist! Gerade hatte er sich einen schönen Plan überlegt, den Typen an der anderen Leitung zur Schnecke zu machen! Und jetzt legte dieser Feigling einfach auf! Was für ein Dreckskerl! Wahrscheinlich waren es nur ein paar Jugendliche gewesen, die ihm einen Streich spielen wollten, aber dennoch hätten sie seinen Ärger zu spüren bekommen. Darin war er ein Meister.

Peter legte den Hörer wieder zurück. Zeit, ins Bett zu gehen! Morgen musste er zur Buchhandlung, und er musste früh da sein, um einen gut gelegenen Parkplatz zu erwischen. Am Besten noch einen normalen, nicht solche, bei denen man bezahlen musste, wie es in Großstädten leider üblich war.

Peter drehte sich um und marschierte in Richtung Treppe um ins oben gelegene Schlafzimmer zu gehen. Doch auf der Hälfte der Strecke hielt er inne.

Das Telephon klingelte.

»Was soll das?«, motze Peter und ging erneut auf das Telephon zu. Wieder starrte er auf den Hörer, ehe er ihn schnell und energisch in die Hände nahm und brüllte: »Was zum Teufel wollen Sie von mir?«

Aber er schien mit sich selbst zu sprechen. Niemand war an der anderen Leitung.

So langsam regte Peter sich auf. Ein einzelner Scherz verkraftete er ja noch, aber zwei, und dass gleich hintereinander, war des Unglücks zu viel. Würde dieser Trottel noch ein drittes Mal anrufen, würde er einfach nichts sagen. Vielleicht erwischte er den Typen ja so noch, der da einen Spaß zur eigenen Belustigung ausübte.

Es dauerte auch nicht lange, bis das Telephon erneut klingelte.

»Jetzt hab ich dich, du Dreckskerl!«, flüsterte Peter zu sich und nahm langsam den Hörer ab. Das Klingeln verstummte, während er das Ding zu seinem Ohr beförderte. Dann lauschte er ruhig, die Luft anhaltend, und wartete auf ein Zeichen.

Aber wieder nichts. Aufgelegt.

»Mein Gott!«, schrie Peter und knallte den Hörer aufs Telephon. Sollte dieser Idiot doch so oft anrufen, wie er wollte, dass würde Peter nichts ausmachen! So leicht konnte ihn niemand manipulieren! Niemand würde es wagen, die ganze Nacht ununterbrochen das Telephon klingeln zu lassen. Wer würde dafür Zeit, Lust und Geduld aufbringen, wer auf dieser Welt? Niemand!


Es war drei Uhr, als Peter erneut im Halbschlaf aufwachte. Er hörte das Telephon unten klingeln.

»Das kann doch wohl nicht wahr sein!« Er stand auf, schwang sein Abendmantel um und ging zurück ins Wohnzimmer, wo das Telephon bereits auf ihn wartete. Er blieb wieder stehen, starrte wieder den Hörer an, bis ihn ein Geistesblitz durchfuhr und er ein breites Grinsen aufsetzte.

Er würde einfach den Stecker herausziehen. Warum war er nicht schon eher auf diese geniale Idee gekommen? Peter, du bist ein Genie, redete er sich ein und kniete sich unter den Tisch an der Wand, auf dem das Telephon stand. Nur noch den richtigen Stecker finden und – da wahr er, an der zweiten Steckdose. Gleich könnte er endlich die letzten Stunden in Ruhe schlafen, ohne von diesem nervigen Klingeln geweckt zu werden!

Peter zog den Stecker raus.

Irgendwie überraschte es ihn nicht, dass das blöde Ding trotzdem noch klingelte. Er hatte fast damit gerechnet.

Also blieb ihm nichts anderes übrig, als abzunehmen und mitzuspielen.

Wieder beförderte Peter den Hörer in Richtung Ohr, um danach wieder aufzulegen und das ganze von Vorne beginnen zu lassen. Wie lange er diesen Schrott mitmachen würde, wusste er nicht, aber es war ihm jetzt gerade sowieso egal.

»Hallo?«, fragte er und sprach laut und deutlich in die Sprechmuschel.

»... seits … «

Peter zuckte vor Überraschung zusammen! Na endlich! »Was fällt Ihnen ein, mich so spät in der Nacht anzurufen! Antworten Sie, oder – «

»... seits … «, kam es von der anderen Seite her.

»Was sagten Sie?« Peter gab es zwar ungern zu, aber er hatte ein wenig Angst. Vielleicht war es ja auch ein Verletzter, der Hilfe brauchte oder der irgendwo einen Platten

(Sicher, deshalb ruft er auch dich an)

hatte. Wichtig war, das er das Gespräch fortsetzte.

» … Jen … seits … « Die Stimme am anderen Ende der Leitung war nicht zu erkennen. Sie war ausdruckslos, und sie klang weit weg, als ob sie von einem fernen Ort her spräche.

»Was meinen Sie? Jenseits? Geht es Ihnen gut?«

»Jenseits«

»Hören Sie, wenn Sie verletzt sind, dann – «

»Du kommst ins Jenseits«

Peter schreckte zusammen. Die Stimme war noch immer weit weg und klang entfernt, aber irgendwie war sie stark gewesen. Ausdrucksstark. Und sie machte ihm Angst. Verdammt, sogar panische Angst.

»Was meinen – « Aber Peter brauchte es gar nicht auf diese Tour versuchen. Das war irgendein Irrer, vielleicht aus einer Anstalt oder so, auf jeden Fall würde dieser Trottel wieder und wieder anrufen, wenn Peter auflegen würde.

»Geist«

Dieses Wort jagte Peter eine Gänsehaut über den Rücken. Und er musste irgendwie an die Weihnachtsgeschichte denken, an Ebenisa Scrooge und den Geistern. Drei Geister verdammt, und der vierte erwischt gerade mich.

»Könnten Sie bitte deutlicher sprechen?« Peter versuchte es auf die rationale Weise. »Ich kann sie sehr schlecht verstehen.«

»Ein Geist … aus dem … Jenseits«

»Bitte was?«

»Kommt heute«

»Ach ja, wirklich?« Langsam wurde Peter ungeduldig. Das Spielchen reichte langsam. Müsste ein Wärter von der Anstalt diesen Knaben nicht längst gefunden haben.

»Schritte wirst du hören … Der Wind wird heulen … Die Gestalt erscheint im Spiegel.«

»Das sagt wer, hä? Ein Vollidiot, der nicht weiß, zu welcher Zeit man Leute anruft?«

»Dein Bruder«

Dann war es still. Peters Redefreund hatte aufgelegt.

Auch Peter legte auf. Mein Gott, was war das für ein Irrer gewesen! Völlig durchgeknallt! Vielleicht würde er morgen die Polizei verständigen oder sich in der Zeitung über einen entflohenen Häftling einer Anstalt informieren. Irgendwie sowas musste es ja sein! Niemand würde völlig sinnlos solange das Telephon klingeln lassen, nur um solch alberne Worte von sich zu geben.

Peter ging wieder nach oben und legte sich in Bett. Die Wärme der Decke war wieder entwichen, wie lange hatte er den da unten telefoniert? Er hätte sich konzentrieren müssen, verdammt! Niemand hätte ihn wegen eines Unfalls angerufen! Am Besten wäre es, die ganze Sache zu vergessen und nach vorn zu blicken. Er hatte einen anstrengenden Tag vor sich.

Kurz bevor er einschlief, lauschte er noch einmal durchs Haus. Und plötzlich, und etwas weiter entfernt, meinte er Schritte zu hören. Schritte, die über den morschen Holzboden seines Wohnzimmers schlichen und sich der Treppe näherten.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.05.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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