Marcel Hartlage

Das Klopfen am Fenster

 

 

Es gibt die einen und die anderen Dinge. Die einen sind leicht zu erklären, man kann sie mühelos in Worte fassen und zu Papier bringen. Die anderen wiederum kann man nicht erklären – ich jedenfalls nicht. Warum? Nun, was mir passiert ist, kann ich nicht in Worte fassen.

Aber ich versuche es trotzdem einmal.

Es war, soweit ich mich erinnere, ein stürmischer Samstagabend. Ich saß vor der Glotze, schaute mir irgendeine dumme Quiz-Show an und tat im Hinterkopf so, als ob ich gebildet genug wäre, die Fragen zu beantworten (Was ist ein Naturwechsler war nur eine davon, um das mal zu erwähnen.) Jedenfalls bin ich dann irgendwann auf meinem gemütlichen Sessel – den ich im Internet sehr billig ersteigert hatte – eingeschlafen. Die Dose Bier in meiner rechten Hand viel irgendwann auf den Boden, die alkoholische Flüssigkeit setzte sich im Teppichboden fest, ohne, dass ich es mitbekam.

Ich bekam nämlich vieles nicht mehr mit, während ich da so auf meinem Sessel aus dem Internet schlief. Auch nicht, als irgendetwas meine Wohnung betrat.

Mein Haus befindet sich im Umland vom so genannten Backspot National Forest, ein riesiges Waldgebiet nahe der Grenze und weit weg von jeglicher Spur an Zivilisation. Meine Hütte stand abseits eines Waldweges, auf einem Hügel umgeben von dichten Tannen. Ich sehe selten Menschen hier, aber erst letztens hatte ich eine Gruppe Jugendlicher vorbei fahren sehen. Sonst fühlt man sich nur einsam – und irgendwie verlassen. Aber ich weiche vom Thema ab.

Es war elf Uhr Abends, als ich aus meiner unbequemen Haltung aufwachte. Und sofort spürte ich den kalten Windzug, der mich ergriff wie die Umarmung des Todes. Irgendwie hatte ich das Gefühl, das etwas hinter mir stand. Als ich mich umdrehte, merkte ich mit einem kleinen Seufzer, dass nur das Fenster aufstand und die Gardinen im kalten Wind der Nacht wie eine Geistererscheinung flatterten.

Aber warum war das Fenster auf?

Ich runzelte die Stirn. Das war eigenartig. Ich stand auf und schritt auf das offene Fenster zu. Heute noch spüre ich das unbehagliche Gefühl, dass mich damals erschlichen hatte, nachdem ich aus dem Fenster direkt in den Wald geblickt hatte. Ich fühlte mich dadurch irgendwie angezogen, aber auch beobachtet und nervös. Vielleicht lag es an der Vollmondnacht, oder an den dunklen Bäumen oder an Gott weiß sonst noch.

Meine Schritte hatten mich zum Fensterrahmen befördert. Links und rechts von mir wehten die Gardinen wie die Äste dort draußen, während ich wie gebannt auf den dunklen, unheimlichen Wald starrte. Mein Gehirn malte sich plötzlich und völlig unbeabsichtigt ein Bild aus, dass eine Gestalt zeigte, die da hinter einem Baum stand und auf mich zeigte. Dabei jagte ich mir selbst einen Schrecken ein und ich beschloss, das Fenster zu schließen. Langsam fröstelte es mir bei den Gedanken.

Dann geschah das, was ich mir bis heute nicht erklären konnte.

Ich hatte mich umgedreht und schon an ein warme Dusche gedacht, bevor ich ins Bett gehen würde, als ich gebannt von der Angst, die mich ergriffen hatte, inne hielt und mit weiten Ohren lauschte.

Da hatte irgendetwas an die Fensterscheibe geklopft.

Sollte ich mich umdrehen? Was wäre denn nur, wenn mich plötzlich eine hässliche Fratze anstarrten würde; blutverschmiert, riesige, unheimliche Augen und ein schiefes, wahnsinniges Grinsen – wenn mich solch ein Gesicht vom Fenster aus anstarren würde, wie man es aus diesen ganzen Horrorfilmen kannte?

Aber ich gab mir einen Ruck und hatte mich umgedreht. Natürlich war da nichts gewesen.

Ich musste tatsächlich grinsen. Vielleicht war ich auch einfach nur paranoid? Vielleicht litt ich ja auch nur an Wahnvorstellungen und Verfolgungswahn? Ha, ich wünschte, es wäre so, aber das war es nicht. Kein bisschen.

Erst nachdem ich mich vergewissert hatte, das nicht nochmal ein Klopfen oder Sonstiges folgen würde, drehte ich mich um und schritt nach oben ins Badezimmer. Und dabei mahlte sich mein Gehirn wieder ein Bild aus: Diesmal eine, die ich wirklich schon mal gesehen hatte, nämlich im Film Psycho von Alfred Hitchcock, die berühmte Duschszene. Leicht belustigt, aber auch leicht beängstigt, hoffte ich, dass mir das nicht widerfahren würde.

Die Dusche war wie eine Erholung vom ganzen Abend. Während das Wasser auf mein Gesicht viel, überlegte ich, ob ich den den Fernseher überhaupt ausgestellt hatte. Ich hatte ehrlich gesagt nicht darauf geachtet, als mich das Fenster abgelenkt hatte, aber ich glaube, er war ausgeschaltet. Verdammt, er war ausgeschaltet gewesen! Wer hatte die Kiste ausgestellt?

Keine Panik redete ich mir ein. Das Ding hatte sicher nur einen Kurzschluss gekriegt, nichts weiter. Beim Versuch mich zu beruhigen nahm ich automatisch die Seife von der Ablage und streifte sie über mein Gesicht. Dann wollte ich mein Gesicht dem Wasser entgegen erheben, doch ich hielt mitten in der Bewegung an. Durch den blassen Duschvorhang durch konnte ich nur vage das Bad erkennen, aber – und das schwöre ich bei Gott – ich kannte mein Bad, mein verdammtes Badezimmer mit den Fließen aus dem Baugeschäft siebzig Meilen südlich von hier! Und noch nie war da ein Schatten neben dem Waschbecken gewesen! Noch nie!

Die einfachste Antwort wäre, da stand jemand in meinem Bad, aber das wollte ich irgendwie nicht glauben. Wer würde schon dreißig Meilen einen Waldweg entlang gehen, nur um mir beim Duschen zuzusehen? Völlig ausgeschlossen! Ein Auto hatte ich auch nicht gehört, als was war das verdammt?

Ich beendete meine Dusche schnell, trocknete mich wie in Schallgeschwindigkeit ab und band mir den Bademantel um. Dann griff ich nach dem Vorhang und zog ihn blitzschnell zur Seite, den Blick direkt aufs ganze Badezimmer gerichtet.

Da war kein Schatten neben dem Waschbecken.

Aber schleimige Fußabdrücke auf den Fließen aus dem Baugeschäft.

Wenn Sie glauben, dass war das schlimmste, was mich beunruhigte und meine Theorie bestätigtem, dann irren Sie sich aber gewaltig. Liegt die Sache nicht auf der Hand? Die Fußspuren führten ins Bad, aber nicht wieder heraus! Also was war das hier zum Teufel nochmal?

Gebannt starrte ich auf die Fußabdrücke. Sie zeigten keine Anzeichen von Sohlen oder Zehen, sie waren irgendwie in die Länge gezogen und wirkten etwas breiter. Das waren niemals menschliche Fußabdrücke!

Ich hockte mich nieder und untersuchte die Spuren genauer. Niemand war im Raum, aber irgendwer hatte ihn betreten. Ich war ausgeschlossen, meine Hausschuhe die ich den Abend über an hatte, standen immer noch neben der Badewanne und führten auch nicht zum Waschbecken. Schlamm hatten sie auch nicht unter der Sohle. Mein Gott, Panik hatte mich in diesem Moment ergriffen, als wenn mich der Teufel höchst persönlich jagen würde. Wäre es besser, die Polizei zu verständigen? Oder aber einen Therapeutin?

Ich warf meine Gedanken schnell zur Seite, als mich ein brachialer Schrecken überfuhr und ich wie elektrisiert zusammen zuckte. Das ganze Haus hatte gebebt. Irgendetwas hatte oben auf dem Dachboden einen gewaltigen Knall verursacht. Als ob man einen Kühlschrank anheben und aus fünf Meter Höhe wieder fallen lassen würde.

Die Angst hatte mich in ihren Bann gezogen. Ich war wie gelähmt. Ich wagte es nicht, das Bad zu verlassen, ich wagte es nicht einmal laut zu atmen. Das war kein Mensch da oben auf dem Dachboden, dass hatte ich irgendwie im Gefühl. Irgendetwas war schon in meinem Haus gewesen, noch ehe das Fenster offen gewesen war, wer sonst hätte den Fernseher ausmachen können? Das würde zu dem Ergebnis führen, das mindestens zwei dieser ... Was auch immer hier waren – und mich anscheinend verfolgen.

Ich weiß nicht wie lange ich im Bad vor den Fußabdrücken hockte, aber nach einer Zeit stand ich auf und begab mich auf den Flur, an dessen Ende sich die Luke zum Dachboden befand. Ich ging darauf zu. Wie von allein. Mechanisch und instinktiv.

Ich packte mit der Hand an den Haken und zog die Luke langsam nach unten. Das Ding quietschte und knarrte, aber ich starrte im Grunde nur auf die Dunkelheit, die da oben lauerte wie ein Monster in einem Wandschrank. Gewaltige Angst umgab mich, aber irgendwie war ich auch neugierig. Vielleicht warm gerade das eine große Schwäche des Menschen.

Mein rechter Fuß beförderte sich auf die erste Sprosse. Dann der linke. Dann gingen sie abwechselnd Sprosse um Sprosse nach oben, während ich mich der greifenden Dunkelheit näherte und wusste, dass sich keine neun Meter von mir entfernt mindestens ein ... Was auch immer befand. Dann kam der Augenblick. Mein Kopf lugte vom erhellten Korridor auf und starrte in eine Schwärze.

Ich hielt den Atmen an. Ich wusste, dass mich irgendetwas beobachtete.

Dann folgte plötzlich ein weiterer Schauer. Eine unbeschreibliche Angst ergriff mich, ein gewaltiger Schrecken, denn man nicht in Worte fassen konnte. Direkt neben mir hatte etwas einen Laut von sich gegeben. Es war eine Art Gurgeln gewesen, ein Sprechen, irgendetwas dunkles, dass sich nur anhörte wie ein langes arrrghhh.

Danach – und das gebe ich offen und ehrlich zu – bin ich von der Leiter gesprungen, den Korridor entlang gelaufen und raus aus dem Haus, den kleinen Privatweg entlang bis ich auf dem Waldweg stand, umgeben von Bäumen und Schatten, während mein Haus die Umgebung erhellte wie ein Stern am Himmel. In allen Zimmern brannte Licht, nur das kleine runde Fenster auf dem Dachboden war dunkel. Dennoch, noch heute meine ich, dass mich irgendetwas von da oben aus angestarrt hatte. Mich beobachtet hatte.


Heute lebe ich in einem Dorf, sechzig Meilen vom Backspot National Forest entfernt. Und ich bin wirklich glücklich, von Menschen und Freunden umgeben zu sein. Übrigens: Ich hatte alles in meinem Haus stehen und liegen gelassen und den Vorfall gemeldet. Ich glaube, irgendein Team von Spezialisten wollte sich nächste Woche bei mir melden. Sie hatten um einen Besuch meines alten Hauses gebeten und würden mir siebenhundert Dollar dafür geben. Deswegen stimmte ich zu. Ob ich sie begleiten werde, um meine Angst zu überwinden, steht noch im Dunkeln.

Denn dass ist eine andere Geschichte.

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.05.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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