Nicolas Gelis

The Loss Of Human Sexual Behavior

 The Loss of Human Sexual Behavior

Massive Attack - Special Cases  (Video auf YouTube zu finden)
 
 
„Mensch zu Mensch,
Problem zu Problem,
Multipliziert und Multipliziert,
Ende und Anfang.“
 
 
07. Mai, 2011
La Palma
 
„¿Dónde esta?“
„No sé! No sé fiscio!“
„¡Ya que le estaba aquí! ¡vamos, dime la verdad o es hacerte de la día última!“
Langsam geht der Typ mir auf die nerven.
„¿Cuál de ellos hombrés?“
„¡Es claro! ¡La derecha persona esta en la fotografía!“
„¡Estaba aqui pero no se cuando es el professor ahora!”
Die nennen ihn schon Professor!? Der Typ ist kein Wahnsinniger mehr,
sondern ein Psychopath! Die Höflichkeit hat jetzt ein Ende,
egal ob Hotelgäste und Security hier sind oder nicht.
Todd zieht den jungen, aalglatten Rezeptionisten an der Krawatte herunter, sodass sein Kopf auf die Bar der Empfangshalle knallt.
Mit der anderen Hand drückt er den gegelten Kopf auf den Tisch. Die Haare nehmen surrealistische künstlerische Formen an.
„¡Ya que tenéis una información por esta ese hombre! ¡Dice!“
„¡Ya simplemente que esta en el Parque Nacional de la Caldera!
¡Quizá esta al lado de Hoya Grande!”
Todd beugt sich herunter und guckt dem Rezeptionisten tief in die dunklen Augen und gibt ein lang gezogenes „¡Bieeeeen!“ von sich.
 
Mit einem Ruck lässt er ihn los, dreht sich um und will gehen. Die Hotelgäste stehen fassungslos an der Stelle.
Alle sehen ihm hinterher, die Hotelangestellten und der Rezeptionist, der immer noch bewegungslos da liegt wie ihn Todd hinterlassen hat.
Zwei Hotelangestellte wollen ihn festhalten. Er zeigt im Gehen seine Marke und schreitet von dannen.
Links neben ihm sieht er an der Wand ein Bild von Brent Lynch, die Cigar Bar.
Das einzige was im Hotasa Costa Salinas noch Stil hat. Hah!
Der Mann auf dem Bild könnte auch Todd sein. Bloß das sein Anzug weiß, weit geschnitten, aus Leinen und sein Hut aus Stroh ist.
 
Vor dem Hotel
 
Was für ein Sommer. Wo ich bin sind es selten 39°C im Schatten.
Wie schön es wäre, wenn diese Jagd endlich ein Ende hätte.
Todd steht auf der Calle Los Cancajos und guckt über den Flughafen auf das Meer hinaus. Abel Margo sollte jetzt nicht mehr fliehen können. Eigentlich. Hoffentlich, verdammt!
Schon vor seiner Ankunft sollte der Flughafen und die Fähren von der Policía Local de la Palma kontrolliert und abgesperrt werden, aber ob diese von der Sonne faul verbrannten Spanier das hin bekamen, wusste er zu bezweifeln. Ich hätte auch gern einmal 5 Stunden Mittagspause. Aber so sind sie, die Spanier.
Er dreht sich Richtung Norden, zündet sich eine Fortuna Zigarette an und geht über die Calle Los Cancajos nach Santa Cruz de la Palma. Dies war der einzige entspannende Teil seiner 5 montigen Hetzjagd. Das erste mal das Todd sich Zeit lassen konnte. Er hatte nichts mehr zu verlieren.
Angefangen hatte alles mit Beendigung seines letzten Auftrags.
Seit 5 Jahren arbeitet Todd für eine Gesellschaft, wie sie selbstverständlicher nicht sein kann.
Eine Organisation, die jeden Geheimdienst in den Schatten stellt.
Die Erklärung bietet eine Frage am Besten:
„Wie kann ein Staat ein gefährliches Individuum ausfindig machen und exekutieren lassen, wenn es sich im Ausland versteckt, aber an sich keine terroristischen Intentionen hat?“
Bzw.
„Was tut ein Land oder ein Regierungsmitglied, wenn es in einen Skandal verwickelt ist, aber keine Festnahme einer gefährlichen Person in einem anderen Land erzwingen kann, ohne sich durch Austausch von Informationen selbst zu gefährden und damit einen GAU auszulösen?“
Klar ist:
Ein Staat oder eine Gruppierung braucht eine Organisation, um persönliche Konflikte mit einem Individuum im Ausland zu lösen.
Todd arbeitetet für den MLD, den mundi lusor defense, der unter anderem die Interessen von Amerika, England, Italien, Deutschland, Spanien, Portugal, Japans und auch einzelnen Individuen für Geld vertritt, ohne dass sie jemanden zugehörig sein muss. Man wirbt Sie an.
 
Geschichten seines amerikanischen Großvaters, über die Zeit bei der Army, hatten ihn geprägt. Nach einer Laufbahn bei der Bundeswehr und der Bundespolizei wollte Todd als Präzisionsschütze zur GSG9. Leider wurde er aber nicht mehr als ein Aspirant.
Innerhalb der vier monatigen Aufnahmezeit sei er respektlos und ignorant gewesen.
Er hatte seinen eigenen Kopf und wenn ihm jemand einen Befehl gab,
den er für sinn frei hielt, erledigte er Aufgaben anders, machte es seiner Meinung nach besser.
Das führte zu überflüssigen Diskussionen mit dem Ausbilder.
Das führte dann zur Entlassung.
Am Ende des Monats sollte er entlassen werden. Etwas überraschend bekam er trotzdem eine letzte Aufgabe. Zeit für ihn nocheinmal sein Talent zu zeigen.
 
Personenschutz von MLD Mitbegründer Rasputin Tschenko.
 
Todd war in Berlin auf der Hardenbergstraße Richtung Ernst-Reuter-Platz.
Er hörte ein Knicken in seinem Headset und bekam Order die Zielperson abzuholen.
Tschenko ging gefolgt von einem GSG9 Kollegen zur Ecke Ernst-Reuter-Platz und wurde weiter von Todd eskortiert. Wie es üblich war, unterhielt er sich nicht mit Tschenko. Auf dem Weg zum Bahnhof Zoo entdeckte der Aspirant eine auffällige Person in der Menge. Er hatte immer einen besonderen Sinn für feindliches. Üblich war es im Personenschutz die Zielperson niemals aus den Augen zu verlieren oder schlimmer sie gar zu verlassen. Todd jedoch flüsterte Tschenko etwas ins Ohr und wechselte die Straßenseite. Er ließ es darauf ankommen.
Minuten später war auf Tschenko eine Waffe gerichtet. Der kleine Mann war wohl erstaunt sein Opfer alleine vorzufinden und sagte noch beruhigt „Mörder.“ Er kam nicht mehr dazu abzudrücken. Todd rammte ihn von der Seite, hielt mit der linken Hand den Arm des Feindes fest, bohrte mit der Rechten seine USP Expert .45 ACP hinein, so dass beim Schuss kein Laut zu hören war.
Der Attentäter verlor seine Waffe, musste aufgeben und wurde von MLD Agenten abgeführt.
Einen Monat später arbeitete Todd durch Tschenkos Einwirken für den MLD.
Die USP Expert .45 ACP ist sein einziges Andenken an den GSG9.
 
Das war seine Vergangenheit doch Todds letzter MLD-Auftrag war ein anderer:
Die Suche und Exekution von Zatoichi Yoshio, Sohn von Kodama Yoshio,
Mitglied der Yamaguchi-Gumi.
 
„Und ich soll nach Japan reisen?!“
„Ja, du wirst als Amerikaner getarnt und über Kontaktmänner Yoshio als Bankvertreter und Vertauter der Nugan Hand Bank vorgestellt. Die CIA will sein Geld zurück und Yoshio wird ne Menge zum Waschen haben.“
„Gehört der nicht zur Yamaguchi-Gumi, dem größten Yakuza Clan in Japan?“
„Ändert das etwas?“
„Nein. Wer übernimmt die Organisation?“
„Steht wie immer alles im Briefing...“
„...das ich wie immer lesen muss. Ich glaube meine Tränensäcke werden größer.
Warum muss ich nur immer so viel lesen?“
„Frag einen alten Russen nicht nach dem Warum.“
 
Sasakawa Ryoichi und Kodama Yoshio lernten sich im Gefängnis kennen.
Beide waren Größen in Japan.
Sasakawa Ryoichi, als Begründer der Nippon Foundation und Waffenhändler.
Kodama Yoshio, Yakuza und Begründer des Meiraki-gumi Yakuza - Clans. Der internationale Erfolg war nicht genug, um sich damit zu Ruhe zu setzen, weshalb sie auf der internationalen Bühne versuchten sich einen Namen zu machen.
Lockheed, einstmals ein US-amerikanisches Luft- und Raumfahrtunternehmen, gab Bestechungsgelder an Sasakawa und Kodama weiter, um dessen Interessen beispielsweise durch den Sturz des demokratisch gewählten indonesischen Präsidenten Sukarno im Jahr 1965 durchzusetzen. Dadurch lernten sie Shig Katayama kennen, welcher Verbindungen zu Paul Helliwells Castle Bank auf den Cayman Inseln hatte.
Paul Helliwell, ehemaliger Geldwäscher, Drogenverkäufer und Waffenhändler der CIA, fand Interesse an den beiden Japanern und ließ sie für sich arbeiten. Durch Bestechungsgelder an die CIA und die dadurch erworbenen Informationen wussten Ryoichi und Yoshio genau, in welchem Seemeilenquadrat die amerikanische Küstenwache Tag für Tag und Nacht für Nacht mit ihren Booten patrouillierten, wo AWACS zur Land und Wasser Kontrolle auftauchten würden und welche Polizisten sie an den Flughäfen zu schmieren hatten.
Geld für Boote und Flugzeuge gab es genug und Hawaii war nicht weit weg.
Teilweise ließen sie ihre Maschinen dreist über Los Angelos, in Miami, auf dem Flughafen für Geschäftsflugzeuge von exilkubanischen Piloten landen und ausladen ohne, dass sie jemand aufhielt. Sasakawa Ryoichi und Kodama Yoshio konnten so Tonnen an Heroin und Kokain aus Kolumbien, über die USA nach Japan verkaufen. Es gab wenige die ihnen Heroin abnahmen, Koks jedoch wurde ihnen sprichwörtlich aus den Händen gerissen. Die japanische Drogenstatistik bekräftigte dies. Es war eine Zeit, in der unter anderem die japanische Wirtschaft Siebenmeilenstiefel-Sprünge machte. Man glaubt doch nicht ehrlich, dass die alle so ehrgeizig und erfolgreich wären, wenn sie nicht andauernd koksen würden.
Das nahezu perfekte und lukrativste Geschäft für die beiden Japaner, ganz ohne Risiko.
Gebunden waren sie nur durch die CIA in Form von Helliwell, an die sie ihre Geldanteile abgeben mussten und für die sie das eine oder andere Mal Schmutzarbeiten erledigten.
Leider starb Helliwell 1976 qualvoll an einem Lungenemphysem an Weihnachten. Ob das nun Zufall war, wird mal so stehen gelassen.
Seine Bank wurde liquidiert. Die Geschäfte platzten. Lange war Ruhe auf der Drogenbühne, bis 1990zig sich die Nugan Hand Bank auf den Bahamas etablierte. Ein Mann namens Thomas Nugan, ein ehemaligen Freund Helliwells und Besitzer der Bank, nahm Kontakt zu  Yoshio und Sasakawa auf, um den Markt neu zu beleben. Überglücklich und dem Ruin nahe nahm diese das unfaire Angebot an, welches aus Drecksarbeit und teuer gewaschene Geldabgaben bestand, die jährlich stiegen. Mit der Weltwirtschaftskrise und dem Verlangen einer überaus dreisten Gebühr und einem Streit zwischen den Japanern änderte sich die Richtung des Geschäftsverhältnis. Seit dem letzten großen Coup jede Spur des erworbenen und rein gewaschenen Geldes.
Zatoichi Yoshio griff zuletzt darauf zu und nun will der Klient nicht, dass er auch nur einen Cent davon ausgeben kann...

11. Dezember, 2010
 
Hotel Crown Plaza Kobe, Stockwerk 36, schwarz ausgestattete Suite.
 
An der Wand hängt „Die große Welle von Kanagawa“ und ein Katana.
Zatoichi Yoshio steht am Fenster und sieht auf die Stadt hinaus. Todd betritt den Raum.
Er trägt eine verdunkelten Brille. Die beiden Anwesenden tragen seidene schwarze Anzüge.
“I knew, he would get in contact with me. What are you doing here already?” Sein kurzes Lachen hörte sich wie ein kleines Erdbeben an, welches in kurzen Stößen aus Yoshio drang.
“I´m here to ask you for the money. What has happened to it?”
“Don´t you know already? I invested it. But Thomas knows all about it. I can prove it.
The Documents are in the safe, next to the table. I´ll show you.”
Todd hielt es für ein Ablenkungsmanöver. Yoshio war allein.
Der MLD hatte einen wunden Punkt im Tagesplan des Yakuzas entdeckt und genutzt.
Diese Auf-engem-Raum-Situationen hasste Todd am meisten. Alles konnte geschehen.
Yoshio ging zum Safe, öffnete ihn und brachte die Papiere hervor. Er verteilte sie auf dem daneben stehenden Tisch und platzierte sich wieder am Fenster.
Todd ließ einen kurzen Blick auf die Dokumente zu und las ,,Virus Gen-Übertragung, Veränderung von Mitochondrialer DNA, Erwerb von neuen Eigenschaft, Biochrom, neue synthetische Herstellung durch Organismen, Guido Bloch, Infektionen bei Tieren, Influenza, HIV, Hepatitis, Rhesusfaktor und Abel Margo“.
“Why did you invested the whole money into Virus research?”
“It´s funny you ask me. I hoped you do. It´s about making drugs with a synthetic virus, which infects the blood of animals. Imagine, you could create drugs all over the world, without being trapped by government? Without being up to the CIA, Columbia or other drug paradises. I´m able to change the world with only one vial of the virus.
No one will know how to extract the drug out of the object. Only me.”
“What has Nugan do to with all that?”
“The son of Helliwell is collaborating with Nugan. He gave me permission to invest the money into this drug research.”
“Helliwells son?”
“Yes.”
“He never had a son. You should know that.”
Yoshio drehte sich um. Seine Mimik gab keine lesbaren Signale von sich.
“So if you are not here to gather information about the progress of research, then
what are you doing here?”
Todd zog vertikal seine USP aus dem Smoking.
“I´m here for you and the possibility to get back the money you´ve taken.”
“Are you insane? Holding ME at gunpoint in the territory of the Yamaguchi Yakuza!?”
Der Laserpunkt fand seinen Weg auf Yoshios Brust.
Er wurde blass. Wenn er nicht jetzt eine gute Antwort gab, bedeutete es seinen Tod.
“I gave all the money to someone at Biochrome in Berlin.
His name is on one of the Documents and he is German, just like you.”
Woher weiß er das? Todd guckt wieder auf das Dokument. Guido Bloch oder Abel Margo.
Es klirrte. Das Fenster wies ein Yoshio großes Loch auf. Er war gesprungen.
Es gab keinen Ausweg, das musste er wohl gewusst haben.
Diese verdammten Selbstmordgefährdeten-Ehrenkodex-Harakiri Yakuza.
Aber so sind sie, die Japaner. Gekreische und Getrampel.
Todd erweist Yoshio die letzte Ehre.
Basejump aus dem kaputten Fenster Richtung Innenstadt.
Das war eh sein Plan gewesen. Den musste Yoshio wohl ohne Fallschirm gehabt haben.
 
Nachthimmel
 
 
„Eingehender Anruf.“
Todd schreit „Annahme!“ ins Mikrofon und die Verbindung wird aufgebaut.
In dieser Höhe entsteht durch den Wind und die Bewegung ein starkes Rauschen.
„Auftrag abgeschlossen. Zielperson ist eliminiert.“
„Sehr gut. Und das Geld?“
„Verschwunden. Er hat das gesamte gewaschene Geld transferiert.“
„Und Wo…“
Schüsse. Es ist deutlich ein Geräusch zu hören, dass etwas getroffen wurde.

„Alles Okay?“
„Ja, nur meine Flugeigenschaften sind jetzt etwas eingeschränkt.
Ich hoffe das Team ist dort, wo es sein sollte. Die Ortsangaben sind hier etwas schwer.“
„Wo ist das Geld hin?“
„Das Geld wurde an einen Mitarbeiter der Organisation Biochrom übertragen.“
Genervtes Stöhnen.
„Wieso das?”
„Dafür habe ich auch keine Erklärung. Eindeut merkwürdig war, dass Yoshio dachte Helliwell hätte einen Sohn. Abgeblich soll dieser unsichtbare dritte ihm in Namen Nugans erlaubt haben, dass Geld zu transferieren.”
„Das ist unmöglich. Ich glaub eher, dass er dich verarscht hat. Wir haben den nächsten Standort ausfindig gemacht. Kehre umgehend zur MLD zurück.“
„Ich habe noch andere wertvolle Informationen über Biochrom.“
„Werden im HQ ausgewertet.“ Sein Unterton klingt gleichgültig.
„Also hat sich das mit dem Geld erledigt?“
„Nein. Du wirst denjenigen finden, der das Geld hat. Over and Out.“
 
 
Gestrüpp, Sand und Felsen. Todd bewegt sich stetig, ohne dass die Sonne ihn beugen kann. Die Sonne lässt den Asphalt aufquellen, die Wärmestrahlung fabriziert umgekehrte und falsche Bilder, wo man nur hinsieht. Es ist das absolute Hitze-Burnout und Todd raucht eine Zigarette. An ihm tropfen kaum erkennbare Schweißperlen hinab.
Er bewegt sich ganz souverän auf der Kreuzung von der Calle de Cancajos und biegt in die Calle San Antonio, am Wegrand der Steppe ein.
 
 
Die Jagd
 
 
13. Januar, 2011
 
 
Berlin, Leonorenstraße Kreuzung Am Eichengarten. Das Biochrom Zeichen.
Ein Kreis, in dem neun blaue Dreiecke ein weißes Dreieck bilden. Sehr Symmetrisch.
Zwei Stockwerke. Gelbliche Außenfassade. Eintritt zur Gesprächsaufnahme.
Blonde Sekretärin. Stockwerk hoch laufen. Einmal rechts, einmal links.
Tür mit dem Biochromzeichen. Aufschrift: Guido Bloch, Leiter Herstellung.
Kurze blonde Haare, korpulente Statur.
„Guten Tag.“
Blochs zur Begrüßung vorgestreckte Hand bleibt in der Luft hängen.
Todd starrt ihn ernst an. Die Hand fällt.
„Ich würde gerne zu Abel Margo. Mir wurde zugetragen, dass sie Kontakt zu ihm haben.“
„Hatten, nicht haben. Und Abel Margo? Der ist nicht mehr hier.“ Guido Bloch sieht sehr skeptisch aus, als wenn er etwas höchst Unangenehmes erwarten würde.
„Was haben sie mit ihm zu tun?“
„Ich bin aus finanziellen Gründen hier.“ Todd rückt einen Gästestuhl heran.
„Endlich jemand, der Licht in das Rätsel von Margos vielem Geld bringt.
Wollen sie von ihm Schulden eintreiben, die er nicht gezahlt hat?“
„Nein, aber so etwas ähnliches. Es geht nicht nur um das Geld, dass er besitzt sonder auch den Fortschritt seiner Arbeit. Er hat doch hier gearbeitet?“
„Arbeiten kann man das nicht nennen. Er hat nach seinem Abitur angefangen Pharmazeutik und Biochemie in Berlin zu studieren. Auf Zutun seiner Pflegeeltern ließen wir ihn mit unserer nicht genutzten Laborausstattung herum experimentieren. Einiges wurde dokumentiert, aber darüber kann ich ihnen wirklich keine Auskunft geben.“
„Wirklich nicht?“ Todd schmiss ihm lässig die kopierten Dokumente von Yoshio zu.
Bloch betrachtet sie in seinen Händen und wirkt angespannt.
Seine rechteckige Brille rutsch ihm ein Stück von der Nase.
„Woher haben sie das? Keiner wusste von seinem Projekt.“
„Irgendwer muss es gewusst haben und ich muss wissen wo sich Margo aufhält.
Wann haben sie Margo das letzte Mal gesehen bzw. gesprochen?“
„Das ist vier Wochen her. Er war spurlos verschwunden. Hat nichts mitgenommen außer ein paar Materialien und sein Minilabor.“
„Weiß sonst irgendwer von seinem Aufenthalt?“
„Kommen sie mit.“
 
Durch einige Gänge kommt Todd in eine Sicherheitszone. Durch die erste rechte Tür, folgt er Bloch in einen Aufenthaltsraum. Drei junge Männer sitzen in weißen Labormänteln um den zentralen Tisch, trinken aus genauso weißen Bechern Kaffee und gucken verblüfft auf den Besucher.
„Mark war der letzte, der etwas mit Margo zu tun hatte. Ich hatte ihm zwar bei dem Projekt geholfen, aber die Laboranten wissen mehr.“
Todd stellt sich demonstrativ vor den Tisch und guckt zu Mark herab.
Seine kurzen schwarzen Locken und der lichte Bartwuchs lassen ihn extrem jung erscheinen.
Mark begrüßt ihn mit Respekt.
„Was weißt du über Abel Margo?“
„Nicht so viel. War mit ihm ab und zu was trinken und hab ihn bei seinem Schwachsinnsprojekt geholfen. Er wollte eine neue Art der Phagenherstellung erfinden.
Er hielt sich immer für den Größten und hatte weniger Ahnung als wir. Irgendwann kam er dann mit so einer Injektion an, die er einem Hund gab. Wir haben das Blut des Testobjekts untersucht. Es gab keinerlei Veränderung. Er lachte nur und meinte, alles sei perfekt, denn der Hund lebe noch. Wirrer Typ.“
„Und dann? Wo ist er hin?“
„Daniel hatte viel mit ihn zu tun. Er meinte aber noch vor einem Monat, dass Abel völlig krank sei. Er hätte ihm etwas über die Lösung aller Menschheitsprobleme erzählt und von einer Revolution der gesamten Menschheit. Komischerweise ließ uns Daniel einen Brief zukommen, er sei mit Abel auf einer Forschungsreise und würde über London nach Dublin fliegen. Vollkommen unlogisch, wenn sie mich fragen.“
Die anderen Laboranten schwiegen und warteten in der Stille auf ein Zeichen.
„In Dublin also.“ Nuschelt Todd. „Wo ist dieser Hund? Das Testobjekt, meine ich.“
Aus dem Zwinger späht ein Bearded Collie. Ganz ruhig und konzentriert wartet er ab,
ohne zu hecheln oder Aufmerksamkeit erhaschen zu wollen.
„Wir halten ihn hier zur weiteren Untersuchung.“ Mark streckt seine Hand in den Zwinger und krault das Testobjekt hinter den Ohren. „Aber bis jetzt haben wir keine Veränderung festgestellt. Wahrscheinlich hat ihm Abel nur Phagenhüllen injiziert.“
Lautes Gelächter. Todd bleibt still und betrachtet den Hund.
„Ist der Hund trainiert worden?“
„Nein, dass ist ein ganz normaler, dämlicher Hund.
Er ist hier geboren, hat gefressen, seinen Darm entleert und ist gewachsen.”
„Also hatte er keinerlei Unterricht und wurde auch nicht von euch erzogen.“
Todd fasst nach vorne und streichelt den Hund, ohne dass dieser an ihm gerochen hat.
Der Hund lässt es zu, bewegt sich nicht von der stelle und guckt genüsslich in Todds Augen.
„Naja, wenn sie ihn für so gut Erzogen halten, können sie in gerne mitnehmen. Keiner von uns will ihn haben und nach der Injektion, kann man eh nicht mehr weiter mit ihm Forschen.“
Der LMD – Agent hält den Ellbogen auf die Brust gestützt und die Hand am Kinn.
„Ich nehme ihn mit.“
Unschlüssig gucken alle zu ihm herunter. Jemand kichert.
„Aber wozu wollen sie ihn denn haben?“ Todd nimmt seine Hand aus dem Zwinger.
„Mach platz.“ Der Hund legt sich hin.
„Mach sitz.“ Der Hund setzt sich.
„Gib Pfote.“ Der Hund streckt seine Pfote aus.
„Roll dich.“ Der Hund rollt sich auf dem Boden.
Offene Augen und Münder.
„What the fuck, das hat er nie gelernt! Er ist seit seiner Geburt, vor einem Jahr, hier hermetisch Abgeriegelt! Woher kann er das?!“
 
 
Todd steht vor einem Gebäude, unmittelbar am Strand.
Um ihn herum sind Jacaranda und Tulpenbäume zu sehen.
Kein Bock mehr zu laufen. Ich hätte mich nicht mit dem Polizeichef anlegen sollen. Der Fußmarsch zum Hotasa Costa Salinas ist doch etwas weiter, als ich ihn in Erinnerung hatte.
Er holt seine Spezialanfertigung eines Sony Ericsson Handy aus der Innentasche.
„Mike? Besorge mir in den nächsten fünf Minuten einen Fahrbaren Untersatz zur
Lagune Los Cancajos. Ich steh beim La Palma Diving Center.“
Eine freundliche Männerstimme erklingt.
„Ich weiß wo. Hab dein GPSS. Ein Polizei Wagen wird da sein. Kannst du haben.“
Vier Minuten später steigt ein braungebrannter Polizist der Policia de la Palma aus seinem Wagen und bleibt daneben stehen. Er wirkt fröhlich „Hola. Aqui hay el coche qual quererse.”
Todd geht zur Fahrertür. Beim Einsteigen sagt er mit gerade ausgerichtetem Blick „Gracias.“
Während der Fahrt ist ihm nach Musik. Radio? Anschalten. Typische Mainstreammusik schallt aus den Boxen und für Todd nicht verständliches spanisches Gequassel. Nein. Er steckt seine Adapter – Kassette in den Kassettenrekorder und stöpselt sein Sony Ericsson  Handy daran. Heute Abend wird hoffentlich auf falschen Namen ein Zimmer für ihn gebucht sein. Nachdem er nie mehr als vier Stunden geschlafen hat holt ihn die Übermüdung langsam ein. Eigentlich normal, wenn sein Kopf sich nicht so leicht anfühlen würde und er ein manischglückliches Kribbeln in seinem Bauch hätte.
Die Welt rauscht unwirklich an ihm vorbei.
Gefühle strömen.
Massive Attack – Antistar. Gutes Lied. Nachdenken und Entspannen.



16. Januar, 2011
Dublin Airport
 
Gespräch mit dem Flugpersonal. Kann weitere Informationen einholen. Er ist weiter nach New York. Beim zeigen eines Fotos werde ich vom Personal aggressiv auf ihn Angesprochen. Er hätte einen Sarg vergessen.
Ich finde die Leiche von Daniel Henningson.
 
21. Januar, 2011
Florida, USA
 
Wieder eine Spur, nachdem ich in New York keine einzigen Anhaltspunkt fand.
Er hat mit dem gleichen Konto in Orlando Labormaterial bestellt. Wahrscheinlich bestellt er das meiste im Voraus an Hoteladressen.
 
02. Februar, 2011
Illinois, USA
 
Habe in einem Hotelzimmer in Chicago ein halbes Labor ausfindig machen können. Es war alles voller Käfigen mit Tieren.
Von jeder Art war ein männliches und ein weibliches vorhanden.
Keine Aufzeichnungen oder Informationen. Nicht einmal ein kleiner Hinweis.
Auftrag des MLD: Spurenbeseitigung.
 
11. Februar, 2011
New Mexiko, USA
 
Wieder Labormaterialien. Er will wohl von Albuquerque weiter Richtung Süden.
 
28. Februar, 2011
Medellín, Kolumbien
 
Über Mexiko, Guatemala und Panamá bin ich nach Kolumbien geflogen.
Ich hatte erwartet, dass er Drogen hier zu Forschungszwecken Drogen einkaufen würde. Wieder keine Spur von ihm.
Durch Verbindungen erhalte ich Informationen, dass eine Gruppe mit Forschungsmaterialien in Richtung Tefé, Amazonas eine ungewöhnliche Expedition macht.
 
15. März, 2011
Tefé, Brasilien
 
Habe eine Forschungsstation gefunden. Einige Materialien lassen sich Eindeutig den gekauften aus Orlando zuordnen. Habe auch Tabellen mit Tierarten gefunden.
Ich vermute, dass die amerikanischen und europäischen Arten bereits habgeharkt sind.  Wieder Käfige mit Tiere.
Lasse das Gebiet auf Anweisung kontrolliert abbrennen.
Werde von Australien nach Thailand, Bangkok reisen.
Bei den Arten die übrig sind wird er hier vermutlich anreisen.

19. März, 2011
Bangkok Airport, Thailand
 
Ich habe durch Informationen der Fluggesellschaften einen Weg gefunden, sein nächstes Ziel zu bestimmen und es ist Bangkok. 374 Passagiere. Ich warte am Gateway auf ihn.
 
Zwei Verdächtige. Einen Mann mit langen Bart und langen dünnen fettigen Haaren und ein Mann mit blasser Haut, kurzen Haaren. Beide sind jung und blond. Beide würden auf das Foto passen, dass ich habe. Ich verfolge den Mann mit der blassen Haut.
Er kann mir entkommen.
Ich lasse mein Team nach ihm fahnden. In einem Billigrestaurant treffe ich auf die andere mögliche Person. Ich setze mich als Landsmann dazu und erzähle, dass der betroffene ein Bekannter von mir sei. Er entgegnet mir, er wäre sein Sitznachbar gewesen und sei ein netter junger Biologiestudent.
Ich bezahle meine Nudelsuppe und hetze durch die Stadt.
Der MLD hat ihn gefunden. Er ist Biologiestudent, leider in Hamburg und er besucht nur seine Freundin in Thailand. Die Angaben stimmen, auch nach längerem Verhör.
Der Mann mit dem kurzen blonden Haar, Abel Margo, ist verschwunden.
Sein Flieger ging nach Shanghai.
 
 
04. April, 2011
Shanghai, China
 

 
13. April, 2011
Mumbai, Indien
 

 
15. April, 2011
Dubai, Saudi Arabien
 

 
22. April, 2011
Tanta, Ägypten
 

30. April, 2011
Marrakech, Marokko
 
Ich habe von einem Informanten erfahren, dass er über Gran Canaria und Teneriffa, weiter nach La Palma geflohen ist. Von hier kann er nicht mehr weg.
Ich werde alles in die Wege leiten lassen.


07. Mai, 2011
La Palma, Hoya Grande
 
Während den letzten Monaten war es Todd nicht möglich, Abel Margo auch nur ein mal zu fassen. Es hätte auch keinen Sinn gehabt die Flughäfen zu sperren. Damit hätte er nur unnötig die Aufmerksamkeit des jeweiligen Landes auf sich gezogen.
Jetzt aber war seine Zeit gekommen und nach der Vorfall in Thailand war Todd sauer.
Nicht einfach nur sauer, er war gierig danach, wie eine ausgehungerte Spinne, dass ihm der eine Leckerbissen ins Netz ging. Er riss sich nach den Strapazen der letzten Tage zusammen und brachte das schwarz, weiße Auto mit der Aufschrift Policia Local auf der LP-1032 zu Höchstleistung, soweit es die Steigung möglich machte.
Mike hat ihm erzählt es hätte einen Zwischenfall im Torre solar sueca gegeben.
 
Todd fährt über das Astronomiegelände. Jeder lässt ihm freie fahrt. Man vermutet wohl möglich die Polizei sei endlich eingetroffen. Nicht die Polizei, aber die Kavallerie.
Er fährt vor das weiße Gebäude, auf den Parkplatz. Das Weiß illuminiert bei dem blauen Himmel und der grellen Sonne. Er geht auf den Eingang zu.
Eine Frau kommt auf ihn zu und redet auf ihn ein. Todd versteht nicht ein Wort und geht weiter, wo der Finger der Frau hin zeigt.
Zwei Stockwerke Höher hört er das Geschrei eines Mannes. Er rennt aus dem Raum. Jemand schießt hinter dem Mann hinterher. Man hört das Lachen eines Mannes.
Abel Margo. Der Flüchtende rennt durch den gleißend hellen Korridor, hält Todd beim vorübergehen am Anzug fest und schreit „ Loco Asesino!“
Todd geht ganz lässig am Astronomen vorbei, immer weiter auf die Tür zu und kostet den Augenblick des bevorstehenden Siegs aus, auf den er solange gewartet hat.
Mit diesem Gefühl, das er jetzt hat, hat sich die ganze Prozedur ausgezahlt.
 
Todd zieht seine USP und tritt die Tür beiseite.
Eine Einrichtung, wie in einem Biologieklassenzimmer.
„Jetzt ist Schluss, Abel Margo!“
„Oh ja! Jetzt ist Schluss!“
Die Stimme hört sich fipsig und abgearbeitet an. Abel zieht seinen Revolver, der sofort aus seinen Händen fliegt. Todd schießt so schnell wie das Licht reflektieren kann.
„Ich hab gesagt, dass jetzt Schluss ist! Du wirst keine Drogenwelt erschaffen!“
Entsetzen und Unverständnis spiegelt sich in Margos Mimik wieder.
„Was für eine Drogenwelt? DU hast doch gar kein Ahnung was...“
Todd schmeißt seine Waffe in die Luft, fängt sie am Lauf und zieht Margo den Halter über den Kopf. Eine saubere Platzwunde tränkt die blonden Haare mit Blut.
„Du weißt ganz genau wovon ich rede!“
Fast besinnungslos torkelt Abel nach hinten. Er findet halt an einem Waschbecken.
„Nein!“ sagt er gehässig und überzeugend. „Es hat gerade erst angefangen.“ Im selben Augenblick Zerschlägt Abel Margo eine Phiole am Waschbeckenrand die er in seiner Hand versteckt hielt. Der Inhalt ist eine blaue leuchtende Flüssigkeit. Er dreht den Hahn auf.
Todd hastet nach vorne. Er muss ihn stoppen, auch wenn er nicht weiß weswegen.
Zielgenau verbiegt er Margos Arm und schleudert mit der anderen Hand seinen Kopf gegen die Wand. Abel Margo bricht ohnmächtig zusammen, mit dem Boden als sein Bett.
Der Rest der blauen Flüssigkeit riecht abscheulich. Er dreht den Wasserhahn zu.
 



Mission Accomplished, Auftrag beendet.
Er ruft Mike an und gibt ihn bescheid, dass der MLD die restlichen Spuren beseitigen soll.
Abels gesamtes Sortiment wird Untersucht und verbrannt. Es soll keine Indizien geben.
Todd ist innerlich vollkommen ausbalanciert und fährt den bewusstlosen Abel Margo auf die Wache der Policia Local.
Jetzt kommt endlich die Zeit der Entspannung.
Auf dieser Insel könnte niemand mir eine Fiestá bieten, mit der ich nach dieser Tortur zufrieden wäre. Aber heute mache ich das Beste draus.
Er grinst, sieht sich im Rückspiegel an und hält sein Ebenbild für verdammt gut aussehend.
 
 
Polcia Local del Palma, Zellentrakt
 
Im Kellergeschoss ist ein Betonzimmer, eingeteilt in sechs Blöcke. Der Boden ist feucht und kalt. Alle vergitterten Fenster sitzen unter der Decke. Es erinnert an einen Kerker.
Abel wird von Todd und einem Polizisten in die rechte mittlere Zelle geworfen.
Ausgestattet mit einem offenen Klo und einer Holzpritsche.
Die Gittertür fällt in Zeitlupe vor Todd zu. Das einrasten gibt ihm ein befriedigendes Gefühl.
Er betrachtet seine Beute. Sein trainierter Körper steht wie gemeißelt dar.
Er zieht seinen Hut ein Stück mit Daumen und Zeigefinger herunter und fasst über seine stoppelige Wange. Seit wie lange hat er sich selbst nicht mehr angefasst, sich um sich selbst gekümmert oder betrachtet. Er kann sich nicht erinnern. Es ist zu lange her.
Wer ist er, wer war er? Es wurde Zeit sich selbst neu kennenzulernen.
Das ging in einer Bar, die einen guten Rum führt, am besten.
Eine Bar wie die Tasca La Cuatro.
 
 
Santa Cruz, Tasca La Cuatro
 
Eigentlich ist die Tasca La Cuatro eine Touribar, aber Todd wusste, dass heute keine Party gefeierte werden sollte. Mike hatte ihn informiert. Heute gab es schöne spanische Folklore, die mit einem guten Rum den Abend perfekt abrunden sollte.
Todd wünschte sich von der Band Chan Chan. Ungewöhnlich Kubanische Musik zu spielen, meinten sie, aber Geld vermag vieles zu erreichen.
Buena Vista Social Club – Chan Chan (Auf YouTube zu finden)
 
An der Bar bestellte Todd einen fünfzehn Jahre alten Ron El Dorado.
Er massierte seinen Kopf. Der Hut setzt irgendwann Kopfschmerzen frei. Typisch H&M.
Er dreht sich und sieht an der Bar herunter. Lange schwarze Locken, Rehaugen, eine süße Stupsnase, Haut wie Schokolade und ein Körper, wie eine Elfe.
Sie sieht ihn an und lächelt. Sie kommen ins Gespräch. Er bietet ihr einen Rum an.
Wer hätte gedacht, dass auch die Nacht sich noch abrunden lässt.
 
Santa Cruz, Hotel Marítimo
Todds Zimmer
 
Es ist Nacht. Die Luft ist würzig und angenehm warm. Man braucht keine Klamotten.
Die Göttin der Nacht liegt vor seinen Augen. Eine Frau, die nichts verstecken muss.
Ganz im Gegenteil, sie hat sogar noch mehr zu bieten, nachdem sie sich ausgezogen hat.
Seine Erregung lässt sich nicht beschreiben. Dass das Gesamtvolumen eines Mannes vollkommen ausgenutzt wird, kommt selten vor. Zeit für Ekstase.
Er legt sich zur ihr. Das Spiel zweier ästhetischer Körper, die sich umschlingen.
Sie ist bereit. Er dringt in sie ein und wird von einem extremen Schmerz betäubt.

08. Mai, 2011
Santa Cruz, Hotel Marítimo
Todds Zimmer
 
Es ist Morgen. Todd schießt hoch und guckt sich um. Die Schönheit ist geflüchtet.
Was verdammt noch mal ist passiert? Sein Kopf ist eine Baustelle. Argh.
Er erinnert sich, dass er drei oder vier Gläser Rum mit der señorita getrunken hat, sie haben viel geredet, dann sind sie in das Hotel gefahren und dann hatten sie Sex, oder nicht?
Hat sie ihn betäubt? Ihm Geld geklaut? Er muss ja auch immer damit prahlen.
Nein. Geld fehlt keines. Auf seinem Nachttisch liegt ein Zettel.
Auf spanisch steht geschrieben, dass sie ihn nicht wach bekommen hatte,
nachdem er sich vor Schmerzen im Bett verkrampft hatte und eingeschlafen war...
Er erinnert sich. Diese Schmerzen. DIESE Schmerzen... Woher konnte das kommen.
Gab es etwas ungewöhnliches in letzter Zeit. Ja, verdammt, es gibt nur ungewöhnliches in meinem Leben! Hat er was ungewöhnliches gegessen oder getrunken? Nein, ich hatte immer nur Heißhunger. Wurde ihm etwas untergejubelt? Nein, von wem auch. Margo etwa? Hatte er sich in letzter Zeit verändert? Ja. Vielleicht. Irgendwie habe ich das Gefühl. Was hatte ich noch letztens über Veränderung gelesen? Da war doch was? Zerschnittene Gedankenfaden. Konzentration! Fällt schwer. Kopf unter kaltes Wasser hilft.
Der Bericht von Abel Margo! Er schaltet den Laptop an, sucht und findet.
Genveränderungen brauchen Substanz. Wird an einem Objekt eine Genveränderung vollzogen, resultiert daraus ein starke Verdauung und das Bedürfnis nach Nahrungsaufnahme, damit die Veränderung stattfinden kann.
Gottverdammt Margo! Was hast du mit mir gemacht?!
 
 

Polcia Local del Palma, Zellentrakt
 
Abel Margo liegt auf der Holzpritsche. Sein Kopf liegt in seinen Armen, die Augen geschlossen, das Haar verkrustet und ein Lächeln auf dem Mund. Sein blondes langes Haar verhüllt seine Augen.
„Abel Margo.“ Keine Reaktion.
„Abel Margo!“
„Was ist?“  Entgegnet er vollkommen gleichgültig.
„Was hast du mit mir gemacht, du Bastard?!“
Margo setzt sich auf und hebt gelangweilt sein Kopf. Die Augen sind leer.
„Was sollte ich mit dir gemacht haben, Theodor Kain?“
Mein Name. Woher hat er meinen richtigen Namen.
Theodors zu Schlitzen verzogene Augen stieren auf Margo.
„Ich weiß mehr über dich als du denkst. Ich habe auch meine Quellen.“
Abel grinst.
„Dein Spiel ist zu Ende. All die infizierten Tiere waren umsonst.
Das Serum, mit dem du die Drogen aus ihnen extrahieren wolltest, haben wir zerstört.
Die letzt Spur, die zu dir finden könnte, halte ich mir als Haustier.
Du wirst bis an das Ende deines Lebens hier drin hocken und DAS wird eine lange Zeit.“
Kain grinst.
Abel fängt lauthals an zu lachen. Der Hall lässt die Decke erbeben. Seine Augen leuchten.
„Du hast noch immer den Hund? Hah!“
Er klatsch sich mit der Hand aufs Knie.
„Kein Wunder, dass du hier bist. Das hätte ich niemals erwartet! Der Hund hat dich infiziert. Da du heute hier bist, bedeutet es, dass du Gestern.” Er grinst entzückt. „Na du weisst schon.”
Todds Mimik ist lang gezogen und voller Fragen.
Woher...?! Was hat Sex damit zu tun und warum hat der Hund mich infiziert?!
Todds Mine verzerrt sich. Er wird rasend vor Wut.
„Sag mir was das  bedeutet soll, bevor ich es aus dir raus foltern muss!“
Abel steht auf und geht in die Mitte der Zelle.
„Weißt du Theodor, eigentlich habe ich es nicht nötig noch etwas zu sagen und die Entwicklung der Menschheit würde alles offenbaren, aber weil jetzt eh alles zu spät ist werde ich es einem Rohling wie dir gerne erklären:
Die Menschheit hat die Möglichkeit eine edle Natur zu werden. Wir leben in der Abhängigkeit und dem Konsum von Sex. Sex ist die oberste Art davon. Entferne die Ware und erfahre Weisheit. Entferne den Konsum und nutze deinen Geist. Verstehst du?“
Margo lacht. Todd schlägt gegen die Zellwand. „VERARSCH MICH NICHT!“
„Um es zu konkretisieren: Der Virus, den ich durch meine fabelhafte Entdeckung herstellen konnte, produziert keine Drogen. Das war nur Mittel zum Zweck, damit ich an Geld kommen konnte. Vielleicht könnte ich das sogar, aber was hätte ich davon.
Der Virus, den du in dir trägst, hat eine ganz andere Funktion:
Er nimmt dir den Reiz beim Sex und ersetzt ihn durch puren 100%igen Schmerz,
so wie bei dir letzte Nacht. Anstatt Lust fühlst du nur Schmerz, obwohl dir sonst nichts fehlt.
Es verhindert den Akt und ist so prägend, dass du in Zukunft völlig ungewollt sein wirst, es noch einmal auszuprobieren. Wie das möglich ist kann ich einem Laien wie dir nicht erklären, aber um es vereinfacht auszudrücken, durch DNA-Veränderungen ist alles möglich!
Sie vollbringt es, Gottes Werk zu verbessern!
Und meine gezüchteten Viren sind in der Lage die DNA zu verändern!“
 
Theodor Kain ist fassungslos. Er steht ruhig gegen die Gitter gelehnt.
Er dachte er hätte gewonnen, aber das Gegenteil ist eingetroffen. Er schnaubt.
„Was zum Teufel willst du damit erreichen, Menschen Sexunfähig zu machen?“
Abel geht dichter an Kain heran.
„Tja, da ist des Pudels wahrer Kern. Denk doch mal an dein Haustier.
Was glaubst warum er so klug ist? Weil sein Gedankengang nicht ein bisschen mehr dazu genutzt wird an Fortpflanzung zu denken. Er wird bis zu einem bestimmten Grad permanent schlauer, wdenn kein Gehirnareal wird mehr für die Fortpflanzung genutzt.
Und genau so werden auch alle Menschen. Das wird alle Menschheitsprobleme lösen, denn schlussendlich reultieren alle Probleme aus Sex!“
 Margo zieht Theodor durch die Gitterstäbe am Jackett.
„Du solltest mal Freud lesen.“ Er lässt ihn wieder los.
Theodors Wut ist in resignierende Traurigkeit, Angst, und Hilflosigkeit transformiert.
„Abel, wie bekomme ich den Virus aus meinem Körper?“
Abel Margo geht ganz nah an Todd.
„Du hast das Antivirus zerstört.“ Die Mundwinkel von Abels Grinsen sind gespitzt.
„Keiner weiß wie man ihn erzeugen kann und ich werde niemanden die Möglichkeit geben ein Neues herzustellen, denn die Anleitung dafür sind in meinem Kopf.“
Mit dem gleichen Grinsen entfernt sich Abel Margo rückwärts wieder in die Mitte der Zelle.
In der Hand hält er Todds USP. Todd guckt ungläubig auf seine Hände und seinen Halfter.
„Und was ich wollte, habe ich erreicht, deswegen brauche ich auch meinen Kopf nicht mehr.“
Er setzt die Waffe in seinem Mund an und drückt ab.
Die Hinterwand der Zelle bedeckt sich mit Rot, Blut, Schädel und Gehirnmasse.
Der leblose Körper bricht in sich zusammen.
Todd ist erstarrt.
Und denkt:
Nie wieder Sex...
 

Epilog
 
21. Mai, 2011
 
Theodor Kain wird vom MLD entlassen. Es wird keine weitere Spur von ihm gefunden.
 
 
 
09. Juni, 2011
 
Zahlreiche Infektionen durch ein unbekanntes Virus werden weltweit gemeldet.
Alle gehen von großen Touristenstädten aus.
 
 
 
11. August, 2011
 
Der Abelsche Virus verbreitet sich über die gesamte Welt.
 
 
 
04. Dezember, 2011
 
Wissenschaftler finden heraus, dass Tiere nach einer Inkubationszeit von fünf Monaten den Virus an Menschen über deren Kontakt, über die Luft und das Wasser weitergeben.
Die tierischen Gene bleiben durch den Virus unverändert.
Bei Menschen befällt er das Blut und wirkt nach wenigen Tagen.
 
 
 
23. Juli, 2012
 
Die Welt ist vom Abelschen Virus infiziert.
Die Wissenschaftler auf der ganzen Welt konnten kein wirksames Gegenmittel finden.
Der Abelsche Virus sei schlimmer als jeder andere bekannte Virus.
 
 
 
26. Oktober, 2012
 
Statistiken zeigen, dass es in den letzten Monaten keine Vergewaltigung mehr gab, kein Kindesmissbrauch. Es gab weniger Unfälle, weniger Aggressives Verhalten, weniger Überfälle, keine Obszönitäten in den Medien.
„Die Welt wird gelassener und sauberer.“ Schreibt ein Journalist.
Der Papst bekennt sich zum Virus.
 
 
12. Dezember, 2012
 
Die Menschen sind Unfähig sich Fortzupflanzen.
Die Nationen der Welt richten für alle Weltbürger Stationen zur Embryonenaufzucht ein.
Die Menschheit lebt in einem neuen Zeitalter.
Menschen werden Nicht geboren, sondern produziert.
Es ist das Zeitalter der Befreiung der Menschen von ihrem natürlichen Sexualverhalten.
 
Eat your potatoes (mellow mix)  - YouTube
 
 
 Spanische Übersetzung:

„Wo ist er?“
„Ich weiß es nicht! Ich weiß es wirklich nicht!“
„¡Sag es mir sofort! ¡Los, erzähl mir die Wahrheit oder das war dein letzter Tag!“
Langsam geht der Typ mir auf die nerven.
„Welcher von den Männern?“
„Ist doch klar! Der Mann rechts auf dem Foto“
„Er war hier, aber ich weiß nicht wo der Professor jetzt ist!”
Die nennen ihn schon Professor!? Der Typ ist kein Wahnsinniger mehr,
sondern ein Psychopath! Die Höflichkeit hat jetzt ein Ende,
egal ob Hotelgäste und Security hier sind oder nicht.
Todd zieht den jungen, aalglatten Rezeptionisten an der Krawatte herunter, sodass sein Kopf auf die Bar der Empfangshalle knallt. Mit der anderen Hand drückt er den gegelten Kopf auf den Tisch. Die Haare nehmen surrealistische künstlerische Formen an.
„Ich weiß, dass du die Information hast, wo dieser Typ ist! Sag es!“
„Ich weiß nur das er in den Nationalpark de la Caldera wollte!
Der ist in der Nähe des Hoya Grande!”
Todd beugt sich herunter und guckt dem Rezeptionisten tief in die dunklen Augen und gibt ein lang gezogenes „¡Guuuuuut!“ von sich.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 




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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.05.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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