Jürgen Berndt-Lüders

Das Candlelight-Dinner

Marion drückte die Aus-Taste auf ihrem Handy. Sie starrte auf den Fotokopierer gegenüber an der Wand und ließ sacken, was sie eben gehört hatte.

 

Conrad hatte sie zum Candlelight Dinner zu sich nach Hause eingeladen. Heute Abend, und sie sollte nichts mitbringen außer sich selbst und gute Laune.

 

Ihr Pflichtbewusstsein erinnerte sie an den Bericht auf ihrem Bildschirm, der danach schrie, fertig gestellt zu werden. Sie tippte ein paar Buchstaben, der erste davon war schon falsch, der Cursor flutschte zurück, sie verbesserte, begann ein neues Wort und machte den nächsten Fehler.

 

Candlelight-Dinner, sowas hatte sie noch nie gemacht. Schön, sie hatte mit ihrem Ex alle paar Monate mal ein feierliches Essen veranstaltet, dann aber meist für die ganze Familie, anlässlich einer Feier, aber Candlelight?

 

War das nicht etwas, mit dem man jemanden dazu bringen wollte, sich in einen zu verlieben? Irgendwie fühlte sich Marion genötigt.

 

Der nächste Satz wurde wieder zum Fehlergrab, und sie ließ es vorläufig sein.

 

„Bin gleich wieder da“, flüsterte sie der Kollegin zu, als sie an ihr vorbei huschte.

 

Wohin? Zur Toilette? nein, die passte nun gar nicht zu ihren Gedanken. Vor die Tür? zu den Rauchern?

 

Kurz entschlossen ging sie an ihren Arbeitsplatz zurück und zog sich den Mantel über.

 

„Ist dir schlecht? Gehst du nach Hause?“ fragte die Kollegin.

 

„Nein, mir ist gut und ich gehe eine Runde durch den Park“, sagte sie und grinste.

 

Der Park wartete auf den Frühling, und an den Spitzen der Zweige zeigten sich die ersten Knospen.

 

Conrad. Er war einer aus ihrer Grundschulklasse, ein unauffälliger, aber lieber Typ. Sie hatte ihn beim Bäcker getroffen. Die beiden hatten sich sofort wieder erkannt, hatten sich begrüßt, ihre Brötchen geschnappt und vor der Ladentür ein kurzes Bewerbungsgespräch geführt.

 

Ja, es sie hatten beide ganz automatisch abgecheckt, was sie füreinander würden bedeuten könnten, wenn sie es denn wollten.

 

„Ich bin verwitwet“, hatte Conrad gesagt, und sie hatte genickt. Sie auch.

 

„Ich besitze ein Haus“, hatte Conrad in die Waagschale geworfen. „Und eine Haushälterin, aber mit der habe ich nichts. Sie ist ja auch nicht so hübsch wie du“, hatte er schelmisch lächelnd, wenn auch etwas unbeholfen hinzu gefügt. 

 

Sie hatte genickt. Obwohl sie nur eine Etagenwohnung besaß und alles allein putzen musste.

 

Eben diesen Weg, den sie jetzt gerade ging, war sie auch mit Conrad bei ihrem ersten Date gegangen. Es hatte geregnet, und er hatte seinen großen, schwarzen Herrenschirm schützend über sie gehalten. Altmodisch hatte er dieses Lied gesungen, dieses „unter einem Regenschirm am Abend“, und seine Stimme hatte warm und weich geklungen.

 

Vor ihrer Haustür hatte Conrad sie geküsst.

 

Allein dieser Kuss hatte tausend Vibrationen in ihr ausgelöst. Sie hatte versucht, diese Gefühle zu vermeiden, hatte sich auf den Geschmack seiner Zahnpasta konzentriert, Blend a med wahrscheinlich. Erstaunlich, dass sie die Zahnpasta am Geschmack erkannt hatte.

 

Nur um den Gedanken an die Wärme und Zärtlichkeit eines Mannes wegzuschieben hatte sie sich vorgestellt, sie stünde bei Thomas Gottschalk und sei mit der Wette angetreten, fünfzig verschiedene Männer mit Zunge zu küssen und die jeweils verwendete Mundhygiene erkennen zu können.

 

Conrads Kuss war mächtiger gewesen. Er hatte alle Gottschalkereien über den Haufen geworfen. Dazu war es zu lange her gewesen, dass sie ein Mann nicht fordernd, sondern zärtlich geküsst hatte. Nur mit Mühe hatte sie es geschafft, ohne ihn nach oben zu gehen.

 

Sein „Ich liebe dich, ich habe dich damals schon geliebt“, war ihr viel zu früh gekommen, zu drängend, und vielleicht war es das gewesen, was ihr die Kraft gegeben hatte, ihn stehen zu lassen.

 

Konnte sie überhaupt gleich ziehen? War bei ihr mehr als nur Sympathie?

 

Und mit diesem Mann sollte sie einen Abend bei Kerzenschein und Kuschelrock verbringen?

 

Mein Gott, fiel ihr ein. Der wird mehr wollen. Der wird die Betten frisch bezogen haben, mich auf Händen ins Schlafzimmer tragen und mich auf die Federkernmatratze werfen. Und ich werde meine geliebten Baumwollschlüpfer tragen und mich blamieren.

 

Sie spürte regelrecht, wie sein Zeigefinger unter dem Schlüpfergummi stockte und wie ein unterdrückter Lachkrampf seinen Körper schüttelte.

 

Wenn sie jetzt aber frisch gestylt, parfümiert und mit Intimspray präpariert zu ihm ging, war da nicht jede Spontaneität zum Teufel?

 

Sollte sie trotzdem zu ihm gehen? Trotz aller Hindernisse?

 

Die Bäume bildeten ein schützendes Dach über dem Waldweg.

 

Ein einsamer Herr kam ihr entgegen. Der Herr wurde größer und größer und am Ende wurde er zu Conrad, der sie lachend in die Arme nahm.

 

„Ich konnte es nicht mehr aushalten“, sagte er, „und da bin ich unseren Weg noch einmal gelaufen.“

 

Er küsste sie. Er schmeckte nach Kaffee, aber sie hatte keine Ahnung, welche Marke er getrunken hatte. Nur, dass sie verliebt war, das wusste sie nun genau.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.05.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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