Peter Schönau

Alkoholfreie Zone

 

 Rockport - Die trockenste Stadt Neuenglands

Rockport im Bundesstaat Massachusetts hat 7.282 Einwohner und liegt an der Nordspitze von Cape Ann, ca. 60 Kilometer von Boston entfernt

Mein Flieger landet verspätet in Bostons Logan International Airport, und ich verpasse deswegen den letzten Commuter Train, der Boston North Station Richtung Rockport verläßt. Notgedrungen muß ich deswegen ein Taxi nehmen. Als ich dem Fahrer (ein gebürtiger Israeli) mein Ziel nenne, blättert er in seinem Taschenatlas, um das richtige Rockport zu finden.
Was zieht mich ausgerechnet nach Rockport? Angeblich ist Rockport eine der ältesten Künstlerkolonien an der Ostküste, und seine Seeansichten gehören zu den am häufigsten gemalten auf der ganzen Welt.
Als ich in Rockport eintreffe, ist es schon spät, die Zeiger meiner Uhr rücken auf zehn Uhr vor. Wir suchen das ”Eagle House Motel”, aber keiner von uns weiß genau, wo sich die Cleaves Street befindet. Plötzlich taucht der Cruiser des örtlichen Sheriffs neben uns auf, der Taxifahrer läßt das Seitenfenster herunter und erklärt unser Problem. Der Sheriff winkt uns, seinem Wagen zu folgen. Nach wenigen Minuten habe ich mein Ziel erreicht. Das “Eagle House Motel” ist, wie ich am nächsten Morgen feststelle, günstig gelegen, in “walking distance” sowohl zum Bahnhof als auch zum kleinen Zentrum am Hafen. Außerdem ist es ziemlich preisgünstig, immerhin haben wir (noch) Hochsaison.
Am nächsten Morgen mache ich einen ersten Rundgang durch die Stadt. An der Mainstreet ist ein Coffee Shop, in dem ich Station mache und neugierig angesehen werde. Die Touristen kommen normalerweise erst später am Tag.
Neben dem Gebäude der Granite Savings Bank, das heute eine Buchhandlung beherbergt, und das an die frühere Haupteinnahmequelle der Bewohner von Rockport - neben dem Hummer- und Muschelfang -, den Granitabbau in den vielen Steinbrüchen der engeren und weiteren Umgebung erinnert, führt eine Stiege zum Strand hinunter.
Das Wasser der Sandy Bay ist glatt wie ein Spiegel, und die Luft riecht nach Tang und Salz. Es ist sehr ruhig, die Sonnenstrahlen überfluten den Strand und tauchen die Granitblöcke der Hafenmole in einen goldenen Schimmer. Die ersten Geschäfte machen auf, und davon gibt es in Rockport mehr als genug, zumindest, wenn man den Bedarf seiner Bewohner zugrundelegt, aber da sind ja noch die Touristen, und ihretwegen florieren die vielen Galerien, Andenken- und Kunstgewerbeläden, Restaurants und Fisch- und Hummerläden. Sie finden sich besonders in der Main Street, am Dock Square, in der Mt. Pleasant Street, und enden erst am Bearskin Neck, wohl der bekannteste Punkt von Rockport. Dahinter liegt der Atlantik, der sich an dem Wellenbrecher aus Granit bricht, der zum Schutz der Boote angelegt wurde, die im Innenhafen vertäut sind.
Seinen Namen hat dieser touristische Anziehungspunkt nach einer Begebenheit, die sich vor ungefähr 300 Jahren zugetragen hat. Ein Bär traute sich bis hierher und wurde angeblich von James Babson mit einem Messer getötet, das heute noch von der Sandy Bay Historical Society aufbewahrt wird.
Rockport macht zweifellos einen beruhigenden Eindruck. Ein Ort, der mit seinen gepflegten Gärten und Colonial Houses zum Verweilen einlädt, Von Oktober bis April schließen die meisten Geschäfte und Restaurants, weil in diesen Monaten der Touristenstrom versiegt. Doch Boston ist nicht weit.
Abends nehme ich zum erstenmal bei “Brackett’s” mein Dinner ein.
Natürlich entscheide ich mich für Fisch, an der Küste Neuenglands immer eine gute Wahl. Vergeblich suche ich allerdings nach einer Weinkarte, selbst Bier ist in der Getränkekarte nicht vorhanden, außer einem alkoholfreien Bier. Notgedrungen entscheide ich mich dafür, höre dann aber von der Bedienung, daß auch dieses Bier gerade aus ist.
Entrüstet knurrend ergebe ich mich in mein Schicksal. Mein Blick schweift zu den anderen Tischen, aber auch dort trinkt niemand etwas Alkoholisches, wie ich zu erkennen glaube. Rauchverbot in amerikanischen Restaurants, von den Raucherzonen abgesehen, ist ja nichts Neues, aber Alkoholverbot ... Diese Regelung läßt mir keine Ruhe, und nachdem ich mein Essen beendet habe, mache ich noch einen kleinen Abendspaziergang und betrete ein anderes Restaurant, um mich zu vergewissern, ob das Alkoholausschankverbot überall gilt. Das Mädchen hinter dem Schild “please wait to be seated” lächelt mich strahlend an. Ob ich nicht wüßte, daß Rockport ein “dry town” sei. Durch Beschluß der Stadtvertretung sei der Verkauf von Alkohol in Rockport verboten, und in allen öffentlichen Etablissements dürfe kein Alkohol serviert werden.
Als ich sie entsetzt ansehe, fügt sie beschwichtigend hinzu, daß die Gäste jedoch normalerweise ihre alkoholischen Getränke selbst mitbringen könnten. Dafür müsse man dann - je nach Restaurant - entweder gar keinen Service bezahlen oder eine geringe Gebühr, zum Beispiel für den Eiskübel, um den Wein zu kühlen.
Am nächsten Tag verlasse ich auf meiner Rückkehr von Boston den Zug deswegen schon in Gloucester und lasse mich im Taxi zu einem Liquor Store bringen, wo ich mich für den Rest meines Aufenthaltes mit Wein eindecke. Abends schleiche ich - etwas verschämt - mit meiner Flasche Pinot Grigio in braunes Packpapier gewickelt zu Brackett’s, wo die Bedienung mir die Flasche abnimmt, um sie zu entkorken und kalt zu stellen, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Das von mir praktizierte Verfahren scheint also gang und gäbe zu sein.
In der Buchhandlung an der Main Street kaufe ich ein kleines Büchlein, um in Erfahrung zu bringen, wie es zu dieser Sitte gekommen ist. Ich lese, daß das Alkoholverbot auf das Jahr 1856 zurückgeht und wir es Hannah Jumper zu verdanken haben, einer streitbaren 76 Jahre alten Dame, die sich an die Spitze eines Zuges von 60 Rockporter Frauen stellte, die nicht mehr länger mit ansehen wollten, wie ihre Männer mehr Zeit in der Kneipe als zu Hause verbrachten. Mit Äxten bewaffnet machten sie sich von Hannahs Haus auf, um dem Alkohol in Rockport den Garaus zu machen. Auf ihrem Weg zertrümmerten sie alle Rum-, Brandy- und Bierfässer, derer sie habhaft werden konnten. In die Stadtgeschichte ist diese Begebenheit unter der Überschrift “Hannah und die Axtgang” eingegangen.
Die folgenden Abende genieße ich den neidischen Blick der anderen Gäste, wenn sie (natürlich unwissende “bloody tourists”) zu mir hinüberschauen und statt des gewünschten Bieres oder Weins mit Coke oder Wasser vorliebnehmen müssen. Außerdem habe ich die Rechnung aufgestellt, daß die Abende bei Brackett’s - an meinem jetzt schon immer für mich reservierten Platz am Fenster mit Blick auf die Sandy Bay und die blinkenden Leuchtfeuer - auf diese Art und Weise für mich erheblich billiger werden. Im Liquor Store kann ich eine Flasche Wein für weniger als die Hälfte des Betrages, den ich normalerweise im Restaurant bezahlen müßte, erstehen.
Mein letzter Morgen in Rockport ist schneller angebrochen als mir lieb ist. Ich gehe zum letztenmal zum Strand hinunter. Es ist noch früh, die ersten Sonnenstrahlen bestreichen den Sand und wärmen das Gefieder von zwei Möwen, die sich krächzend die Geschichte der Nacht erzählen. Bis die eine beginnt, die vor ihr liegende Miesmuschel zu öffnen.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.05.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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