Steffen Herrmann

Blutrotes Kreuz

Ein fensterloser, kahler Raum. Nicht gross. Die Wände sind weiss gestrichen. Der Ort ist grell beleuchtet.

Die Anwesenden:

Martin, Chef der Zelle. Etwa vierzig Jahre. Frisch rasiert, gepflegt, unauffällig gekleidet. Er steht einen Schritt vor der Wand.

Andreas, Altmitglied. Um die sechzig, liederlich, grobe Gesichtszüge. Er sitzt lässig auf einem Plastikstuhl, raucht.

Erika, Rekrutin. Knapp dreissig, elegant bis sportlich. Sie sitzt ebenfalls, beobachtet scheu die beiden anderen.

 

Martin:             (liest) Ich komme zur Top Five der aktuellen Todesliste. Nummer fünf: Pierre Leblanc. Alleinstehend, keine Kinder.  Er ist einer der Köpfe des Methusalemprojekts Darmstadt. Ziel dieser Forschungen ist es, den genetischen Alterungsmechanismus vollständig auszuschalten.  Die natürlichen Telomere werden durch Sequenzen ersetzt, die eine Strukturstabilität garantieren.

Andreas:          Wie weit sind sie?

Martin:             Schwer zu sagen. Schon heute werden Antiaging-Gene in die Keimbahn gebracht. Leblancs Ansatz ist aber radikaler. Er will die Alterung nicht nur verzögern, sondern ganz abschaffen.

Andreas:          Ein biblisches Vorhaben.

Martin:             Ja.  (liest wieder) Konservative Schätzungen gehen davon aus, dass die Lebenserwartung rasant ansteigen wird, wenn das Methusalemprojekt einmal durchstartet. Die Menschen werden wenigstens fünfhundert Jahre alt werden können, was die Struktur der Gesellschaft zerstören wird.

Andreas:          Ganz klar. Kinder werden kaum noch wahrnehmbar sein. Die Jugend wird bedeutungslos, das platte Erwachsenenleben ins Endlose gedehnt. Die Welt wird voll sein von Menschen, die nicht leben können und nicht sterben wollen.

Martin:             Ohne Tod kein Leben.

Andreas:          Und wir bringen den Tod.

Martin:             (streng) Aber wir tun es nicht gern.  Es ist aber auch klar, dass wir diese Forschungen nicht tolerieren können.

(Nimmt wieder sein Blatt und liest) Nummer vier: Henriette Walters. Alleinstehend, ein Kind. Walters ist eine zentrale Entwicklerin des Beta-Synaptischen-Cerebralen-Interfaces, genannt BeSCI.  Die bisherige Methode der Gehirnschnittstellen beruht  auf externen Elektroden, was zwar ein Lesen und teilweise auch ein Übertragen  von Gedanken ermöglicht, aber das in engen Grenzen. BeSCI dagegen ist ein invasives Verfahren, bei dem die Grenze zwischen dem menschlichen Gehirn und der Aussenwelt praktisch zerstört wird. Die Hardware dockt direkt an den Nervenzellen an.

Andreas:          Gehirne schwimmen träge in Nährtanks, eingespeist in Rechnernetzen. Ich kann‘s schon vor mir sehen.

Martin:             Konzentrieren wir uns aufs Greifbare.  (liest) Das BeSCI-Team betreibt noch Grundlagenforschung, hat aber bereits entscheidende Durchbrüche erzielt. Das naheliegende Ziel besteht im Einsatz  von Gehirnmodulen. Der Mensch würde dann direkt über die Informationen verfügen, die in dem je verwendeten Chip gespeichert sind. In einem zweiten Schritt soll die externe Hardware auch Rechenleistung  liefern können, so dass sich die menschliche intellektuelle und kreative Leistungsfähigkeit computerisiert. Diskutiert werden ebenfalls HCH-Verbünde, bei denen mehrere Menschen mithilfe von BeSCIs zu einer anfangs nur temporären Überperson verschmolzen werden. Die Forschungen laufen auf ein Ende der Personalität heraus und es versteht sich von selbst, dass diese äusserste Bedrohung der Humanität von uns nicht hingenommen werden kann.

Andreas:          Gute Wahl, die Dame gehört elimiert. (schaut zu Erika, murmelt) Sie sagt gar nichts.

Martin:             (liest) Nummer drei. Shen Sen, drei Kinder, geschieden. Wissenschaftlicher Leiter des ATP-Sauger Projektes. Entwickelte bereits mehrere Prototypen von ATP-Konnektoren, von denen gegenwärtig mehr als fünf Millionen im Einsatz sind. Bei früheren maschinellen Gliedmassen speiste sich die verbrauchte Energie aus Batterien, was deren Möglichkeiten beschnitt. Jetzt kann dagegen die Energie aus dem natürlichen Stoffwechsel angezapft werden, wodurch die Bauteile zu einem Bestandteil des Körperkomplexes werden.  Menschen werden sich zu Torsos machen lassen und sich die jeweiligen Extremitäten nach ihren aktuellen Bedürfnissen wählen.

Andreas:          (grinst) Kabinett des Grauen. Neben der Kleiderkiste der Schrank mit den Armen und den Beinen. (Kratzt sich am Hinterkopf,schau spielert maliziös und plump)  Hmm, welchen Körper nehme ich heute? Die langen oder die schnellen Beine?  Nächstes Jahr werde ich zum Sechsarmer, Schluss mit dieser langweiligen Viergliedrigkeit!

Martin:             (liest) Bei der quergstreiften Muskulatur werden die künstlichen Organe in absehbarer Zeit in allen Belangen leistungsfähiger sein als die natürlichen. Der Ausverkauf des menschlichen Leibes ist zu stoppen.

Andreas:          (hält den Daumen nach unten) Shen Sen zu den Würmern! Erika, was denkst du darüber?

Erika:               Bei den letzten beiden Fällen frage ich mich, ob  die Forschungen nicht gegen die Cyborggesetze verstossen und wir nicht auch eine legale Handhabe hätten.

Andreas:          (leise) Hab ich’s mir doch gleich gedacht. Eine Weiche.

Martin:             Die Cyborggesetze verbieten in erster Linie die Ausstattung von Maschinen mit natürlichen Geweben.  Also Roboter mit menschlichen Hirnen, Brüsten, Gebärmüttern. Das Auftauchen von Schwangerschaftsmaschinen und die Beliebtheit der fleischlichen Androidenprostituierten gehen auch vielen Progressiven zu weit.

Erika:               Seit der Konvention von Ottawa gilt diese scharfe Grenze nicht mehr. Ich glaube nicht, dass die Brainmodule legal sind.

Andreas:          Politische Mobilmachung ohne Terror ist zahnlos.

Martin:             Andreas hat recht. Die juristischen Wege sind verworren, ungewiss und langsam. Die Verbote werden auch dauernd unterlaufen, zur Not weichen die Institute in andere Länder aus.

Andreas:          Mach weiter!

Martin:             Nummer zwei ist ein Hardwarepionier.  (liest)Jeff Cludy, homosexuell, keine Kinder. Cludy ist einer der Väter der Unity-Architektur. Hier werden dezentrale Hochleistungsnetze mit einem Konzentrator ergänzt, der sogenannten Unity-Kaskade. Der aus der Peripherie kommende Datenstrom wird durch vielgliedrige Filter gejagt und schliesslich in die Netzknoten eines finalen Vibrators gepresst. Die Informationsdichte dieses Modules wird so hoch sein, dass die dort ablaufenden Prozesse nicht mehr annähernd nachvollzogen werden können. Schon heute sind die Menschen zumeist nur noch Hermeneutiker der künstlichen Intelligenz, doch mit dem  Auftauchen der Unity-Rechner wird diese ehemals strenge Wissenschaft zu einer Art Astrologie verkommen. Es gilt als wahrscheinlich, dass in den Wirbeln des finalen Vibrators ein maschinelles Bewusstsein entspringen wird.

Andreas:          Uff. Man kann diese Leute gar nicht so schnell abschiessen, wie sie nachwachsen. Diese Wissenschaftler-Freaks vermehren sich wie die Ratten.

Martin:             Cludy ist eine Klasse für sich. Ein solches Genie ist kaum zu ersetzen. Er hat allerdings schon Schaden genug angerichtet.

Andreas:          Was denkst Du, Erika?

Erika:               Ich frage mich, ob der Mann in unsere Zuständigkeit fällt. Er ist ein Informatiker, seine Arbeit bedroht die menschliche Natur nicht.

Andreas:          (schielt zu ihr) Sie versteht gar nichts.

Erika:               Dann erklär’s mir.

Andreas:          (zu Martin) Erklär du es ihr.

Martin:             Wir müssen uns die grösseren Zusammenhänge vergegenwärtigen. Wir leben in einer Zeit, wo die künstliche Intelligenz die Menschen aus immer mehr Berufen herausdrängt. Nach den Handwerkern, Arbeitern und den meisten Büroberufen sind in naher Zukunft  die Wissenschaftler selbst an der Reihe. Wir gehen davon aus, dass ein Netz der Unitylinie den Menschen in allen intellektuellen Belangen überlegen sein wird.

Andreas:          (höhnisch) Kapito?

Martin:             Die Menschen können diesen Verdrängungsprozess nur verzögern, indem sie sich selbst kybernetisieren, also ihre eigene Natur abwickeln. Die Architekten der Rechner sitzen so im eigentlichen Zentrum der bedauerlichen Umwälzungen unseres Zeitalters.

Andreas:          Sie will nicht töten.

Erika:               Ich bin nicht grundsätzlich gegen das Töten. Ich frage mich nur in jedem einzelnen Fall, ob es auch tatsächlich sein muss.

Andreas:          Nein. Du willst nicht töten.

 Martin:            Wir alle töten nicht gern. Wir verabscheuen die Gewalt. Aber wir leben in einer Zeit, wo wir Einzelne opfern müssen, um Milliarden zu retten. Wir schaffen ein Klima der Beklemmung und des Nachdenkens, um den Menschen die Kraft zur Umkehr zu geben. Das rote Kreuz wurde seinerzeit gegründet, um Menschen in Not, verletzten Menschen zu helfen. Sicher, an unseren Händen klebt Blut. Doch das Ziel ist dasselbe geblieben - den Menschen zu retten.

Andreas:          Genug davon. Wer hat denn  gewonnen?

Martin:             Nun zum Sieger (lächelt schief, liest dann) Leon de Breugel, verheiratet, drei Kinder. Langjähriger Gendesigner. Seit vier Jahren ist er die Seele eines gekapselten Transhumanprojektes. Es wird, mit faktischer Duldung der Behörden, an der Entwicklung einer nichtmenschlichen Intelligenz gearbeitet. Im Unterschied zur bereits realisierten Infantenspezies wird die neue Art dem Menschen in allen Belangen überlegen sein. Breugel  ist von Haus aus Harmonisator, doch vor allem ein genialer Aberrator.

Andreas:          Das sind die Finsterlinge, die neue Arten zeugen. Schrecklich.

Martin:             Allerdings. (liest)Über den Genbaukasten des Entwicklungsteams ist wenig bekannt, die Forschungen haben einen dezidiert konspirativen Charackter. Unsere Aufklärer konnten bisher nur wenig Konkretes in Erfahrung bringen. Als sicher gilt, dass der aktuelle Prototyp mit dem Menschen nicht mehr fortpflanzungsfähig sein wird.

Andreas:             (empört) Wie kann man solche Pläne verfolgen! Advokaten des Teufels!

Martin:                (liest) Die Mannschaft verfügt über eine eigene Obfuskationsabteilung, die sehr professionell arbeitet. Die Natur der Forschungen wird verdunkelt – bisher ist es dem Institut gelungen, die Öffentlichkeit über seine wahren Ansichten zu täuschen. Sollten  die überaus fanatischen Foscher nicht aufgehalten werden, treiben sie die Aberration immer weiter. Spätere Intelligenzen werden nicht mehr so an den Menschen angelehnt sein, wie der jetzige Entwurf.

Andreas:             Jeder Wissenschaftlicher will schliesslich etwas Besonderes kreieren. Die Eitelkeit Gottes.

Martin:                Die Folge wäre, dass die Menschen im günstigsten Fall an den Rand gedrängt und ihrer Bedeutung beraubt würden. (Schaut auf, sein Blick streift erst Andreas, bleibt dann für Sekunden an Erikas Augen hängen.) Schluss, aus, Finito.

Andreas:             (schaut zu ihr) Und – Erika?

Erika:                    Ich kenne ihn.

Andreas:             Oh!

Erika:                    Als ich noch als Journalistin arbeitete …. Ich habe Interviews mit ihm geführt.

Andreas:             Und?

Erika:                    (versonnen)Er ist in der Tat sehr intelligent.

Andreas:             (forschend) Und?

Erika:                    (leise) Er ist kultiviert, freundlich, warmherzig.

Andreas:             (maliziös) Du hast mit ihm geschlafen.

Erika schweigt. Andreas rückt zu ihr heran, fixiert sei, geniesst ihr Unbehagen.

Andreas:             (leise) Du hast ihn geliebt.

Erika:                    (schwach) Was soll das?

Andreas:             Er muss sterben.

Erika:                    (Seufzt) Ja, er muss wohl. (Pause, dann leise) Ich will nicht, dass er stirbt.

Andreas:             Sein Tod ist notwendig.

Erika:                    Ja.

Andreas kommt noch näher.Grob, schmierig. Er tätschelt ihr Haar und haucht ihr ins Ohr.

Andreas:             Wenn es dich beruhigt: Ein Platz in der Top Five ist geradezu eine Überlebensgarantie. Die kriegen einen Polizeischutz, das ist abartig. Auf Platz 912 zu stehen, ist viel gefährlicher.

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.05.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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