Nicolai Rosemann

Wintermute

Einst las Wintermute, dass der Mensch immer neue Wege und Orte findet wo er kämpfen und sterben kann. Ein Knopfdruck reicht aus um ganze Länder auszulöschen. Was ist aber wenn ein Knopfdruck reicht um alles auszulöschen?

 

Wintermute war Commander einer Geheimdiensteinheit. Sein Gebiet war außerhalb unserer Wahrnehmung, außerhalb unseres begrenzten Seins. Er kämpfte und tötete im Cyberspace. Erfolgreich ist dabei der, der die bessere Software hat. Den besseren Schutz, die besseren Hacker.

Hier regieren weder Glück noch Zufall den Ausgang einer Schlacht. Entweder man gewinnt oder man stirbt.

 

Wintermute betrat die Geheimdienstzentrale. Am Eingang wurde er durchsucht und musste seine Waffen abgeben. Die kleine Pistole und das Kampfmesser wurden in eine beschriftete Schachtel gelegt und verschwanden in einer Sortierstation. Wintermute zeichnete alle Dokumente ab und wurde dann in den Sektor 1 geführt.

Dort saßen bleiche Menschen vor Computerbildschirmen über die endlose Datenströme liefen. Jeder Schreibtisch war gleich ausgestattet. Bildschirm, Tastatur, Mouseball, Halter für Kaffee, Halter für ein Klemmbrett.

Wintermute ging durch den engen Korridor zwischen den Bildschirmen und erreichte die Sektion 2. Hier standen zwei bewaffnete Gardisten, die ihn erneut durchsuchten. Hier wurde ihn auch seine Identitätskarte abgenommen. Für den Moment war Wintermute nicht existent. Erst dann öffnete sich die versiegelte Tür und er betrat ein anderes Reich.

Der oberste Agent im dieser Anlage, die Nummer 1, saß hinter einem großen Eichenschreibtisch ohne Bildschirm oder sonstige Computeranlage. Dafür war er direkt mit dem System verbunden. Hinter seinem linken Ohr war ein Stöpsel, der durch eine Infrarotschnittstelle mit einer kleinen Anschlussstelle neben der Tür verbunden war. Agent 1 hatte so die volle Bewegungsfreiheit hier drin. Nichts würde ihm entgehen.

„Guten Morgen, Commander Wintermute. Gut geschlafen?“

„Matrizenträume, Sir“, antwortete Wintermute wahrheitsgemäß. Diese Psychosen, die Frontagenten wie er manchmal bekamen, führten zu einem schnelleren Ruhestand für diese Leute. Allerdings mussten sie davor unzählige Tests über sich ergehen lassen. Wintermute hatte aber seinen Bescheid bereits erhalten. Er war kein Simulant.

„Schade“, sagte Agent 1, „sie waren einer der Besten. Deshalb habe ich für den Abschluss für Sie etwas Spezielles aufgetrieben.“

„Ich höre.“

„Dieses Mal arbeiten wir eng mit den Leuten von der militärischen Forschungsanlage im Orbit zusammen. Die verbesserten Anlagen unserer Freunde von der freien Allianz und der postapokalyptischen Glaubensgemeinschaft haben in letzter Zeit viele unserer besten Einheiten gefangen nehmen können. Das muss jetzt ein Ende haben.“

„Ich habe davon gehört. Sie benutzen spezielle Eisbrecher um die Gehirne unserer Leute in Matsch zu verwandeln. Keine schöne Sache.“

„Sie sagen es, Commander. Was uns vor allem daran stört, ist dass dieser Eisbrecher von uns stammt. Er wurde verkauft, die entsprechende Person bereits bestraft. Aber wir müssen unser Programm zurückbekommen oder zerstören. Das ist Ihr Auftrag.“

„ICE lagert aber in einer der am besten befestigten Anlagen der postapokalyptischen Glaubensgemeinschaft. Intelligente Programme schützen den Kern, Seraphim schützen die Anlage. Mit keiner Armee dieser Welt…“

„Wir brauchen keine Armee. Nur Sie, einen weiteren Profi und zwei Cracks.“

„Unmöglich“, sagte Wintermute überzeugt.

„Nein. Sehen Sie.“ Agent 1 aktivierte ein Holovid. Es zeigte ein Programm, wie es ein anderes Programm ausschaltete. „Wir nennen es PLAGE. Kam gerade heute Morgen von unserer Orbitalanlage rein. Zerstört und schwächt innerhalb weniger Stunden. Es sollte die Verteidigung der Anlage so weit schwächen, dass Sie rein kommen. Die dritte und vierte Armee werden zur selben Zeit ein Ablenkungsmanöver starten.“

„Vielleicht können wir so die Programme ausschalten, aber was ist mit den KIs?“

„Sehen Sie“, sagte Agent 1 lächelnd. Auf dem Holovid erschien eine violette KI, die sich dem Eisbrecher zuwandte. Aber in dem Moment, als sie mit dem Programm in Berührung kam, wurde sie rot und löste sich dann auf. „Die freie Allianz ist bald Geschichte. Die KI, die wir gerade sahen, war ACE, ihre Beste. Total gelöscht. Keine Spur mehr von ihr in der gesamten Matrix. Als hätte ACE nie existiert. Unsere Truppen löschen geraden die letzten Anlagen aus. Dann stehen nur noch die Fanatiker zwischen uns und dem totalen Sieg.“

Wintermute salutierte. „Wann beginnt der Einsatz?“

„Sofort. Ihr Team wartet in der Lounge. Viel Glück!“

„Danke.“ Wintermute wandte sich zum Gehen.

„Wintermute. Verlieren Sie ICE auf keinen Fall. Gerät ICE in die falschen Hände sind wir alle verdammt. Sollten Sie oder das Team getötet werden muss der letzte Überlebende ICE auf jeden Fall löschen.“

„Ich habe verstanden.“

 

Twice saß in der Lounge an einem niedrigen Tisch und zog an einer Wasserpfeife. Der Geschmack des Datteltabaks füllte seine Lungen und langsam driftete er in die Zwischenwelt zwischen realer Welt und Matrix. Wintermute hatte ihn bei ihrem letzten und einzigen Zusammentreffen abgeraten in diese Welt zu flüchten, weil sie den Matrizenträumen nah sei.

Als er total weggetreten war, nahm ihm Thor den Schlauch ab und inhalierte selber. Als Crack verbrachte er mehr Zeit in der Matrix als hier. Die reale Welt war ihm einerseits total fremd, andererseits egal. Selbst wenn die Anlage morgen ausgelöscht werden würde, als Crack lebte man ewig. In der Matrix.

Sein letzter Partner war beim vorherigen Einsatz in eine KI eingedrungen. Für einen Crack das Todesurteil schlechthin. Die KI hatte den Eisbrecher innerhalb von Sekunden aufgehoben und Cutter in einen toten Haufen Scheiße verwandelt.

Irgendwo zwischen Matrix und realer Welt nahm er dann Wintermute wahr und lächelte. „Der Großmeister ist da.“

„Thor“, grüßte Wintermute knapp und rüttelte Twice wach. „Wo ist der andere?“

„Sie ist austreten“, murmelte Twice geistesabwesend und zog noch einmal kräftig an der Wasserpfeife.

„Sie?“

„Destiny. Die Fliegerin.“ antwortete Thor.

„Destiny Mitchell. Die Fliegerin?“ Wintermute kratzte sich ungläubig am Kopf.

„Hallo Wintermute. Hast du mich vermisst?“

 

Destiny Mitchell war bereits drei Mal mit Wintermute draußen gewesen. Das letzte Mal war sie aber in eine Falle einer KI geraten und Wintermute hatte sich zurückziehen müssen um die anderen Leute zu retten. Destiny war in der Matrix festgesessen, inmitten feindlicher Programme und einer KI, die nur darauf wartete sie endgültig zu töten.

Irgendwie hatte sie es aber dann doch geschafft zu entkommen. Sie hatte ihren Körper von der Verbindung getrennt und war dann alleine und unbewaffnet bis zum einem Flugfeld gekommen. Dort hatte sie das Computersystem aufgetrickst und einen Kampfjet entwendet. Ohne jegliche Flugerfahrung war sie durch das enge Flugabwehrfeuer der Stadt geflogen und bis zur Heimatbasis gekommen. Ihr Fahrzeug hatte sich dann als neueste Entwicklung des Feindes erwiesen. Destiny war mit einem Orden ausgezeichnet worden und hatte drei Monate Urlaub bekommen. Wintermute war degradiert worden und hatte erst nach einem Dutzend halsbrecherischer Einsätze seinen alten Rang wieder erhalten.

Und gerade jetzt, vor seinem letzten Einsatz, traf er wieder mit der Frau zusammen die er einst geliebt, dann aber so bereitwillig geopfert hatte.

 

„Hey Wintermute. Ich habe dich etwas gefragt!“

„Was ist denn?“

„Ich habe gehört das sei dein letzter Einsatz. Was ganz Heißes.“

„Du solltest nicht auf Gerüchte hören, Thor. Es ist zwar mein letzter Einsatz, das heißt aber nicht, dass man mir deswegen etwas Halsbrecherisches verpasst.“

„Ich dachte nur. Opfer von Matrizenträumen kommen die Regierung teuer zu stehen. Die Nachbehandlungen, die Unterkunft, die Entschädigungen, die Pension. Das kostet alles eine Stange Geld.“ Damit hatte Thor Recht. Ein Fall wie Wintermute kostete, wie er selber ausgerechnet hatte, 10.000 Kredite pro Monat. Da Wintermute aber bereits Commander war beliefen sich die Kosten auf noch einmal 2.000 mehr.

„Wir sind gleich da“, informierte Twice die anderen. Unnötigerweise. Denn der Transporter führte nur in eine Richtung und hatte nur zwei Stationen. Die Zentrale und die Kanone. Die Kanone war die Anlage, in der die Ausrüstung lagerte. Jede Mission begann dort und endete dort. Außer man endete in einem Leichensack.

 

„Schwarzlichtanzüge, zwei kleine Automatik, vier Pistolen. Werkzeugkoffer, Datenkristallkoffer und Notfallkoffer. Fehlt was?“ fragte der Zeugwart gelangweilt und hielt Wintermute den Bescheid zur Abzeichnung hin.

„Zigaretten“, sagte Twice.

„Dürfen wir nicht mehr ausgeben. Erst nach Abschluss der Mission.“

„Ach komm. Nur ein Päckchen. Wir haben eine lange Reise vor uns.“

„Mir egal. Ich habe meine Anweisungen.“

„Penner“, flüsterte Twice, packte ein paar Sachen und ging in Richtung Umkleideraum.

„Hey, Twice. Das Röckchen wird dir gut stehen. Vielleicht führe ich dich aus“, rief Thor ihm hinterher und lachte. Twice sah sich die Sachen noch einmal an und wurde rot. Er hatte die Ausrüstung von Destiny erwischt.

 

„Commander Wintermute?“ Während sich alle anzogen, kam ein Soldat in den Raum und blieb in der Tür stehen.

„Das bin ich.“

„Petty Officer Jerry Wilson. Ich bin ihr Fahrer. Ich bringe Sie und das Team so nah wie möglich ran“, erklärte der Soldat und salutierte, „kann ich die Ausrüstung verladen?“

„Welche Ausrüstung, Junge?“ fragte Destiny. Sie kam als erste aus der Kabine. Sie trug eine besondere Form der Schwarzlichtanzüge, bestehend aus Bluse und Rock. Ansonsten war der Anzug ein großes, elastisches Ding, in das man nur schwer alleine steigen konnte. Dort, an den Stellen an denen der Rock zu kurz war, trug Destiny ihre Ausrüstung als Crack. Thor hatte seine ganze Ausrüstung am Gürtel. Notfallkoffer und die schweren Waffen würden an Twice und Wintermute gehen.

„Sie werden doch mehr Ausrüstung als diese paar Taschen haben? Schwere Waffen, Kommunikationsblocker und so weiter.“

„Wie lange bist du im Geschäft, Junge?“ fragte Wintermute genervt.

„Neun Monate. Davor war ich an der Front.“

„Hattest du jemals mit Agenten zu tun? Versteckt operierenden Einheiten? Irgendetwas Vergleichbares mit uns?“

„Nein, Sir“, gab Wilson mit leiser Stimme zu.

„Ich erkläre dir jetzt etwas, Junge. Merk es dir gut. Wenn wir mehr brauchen als das, sind wir keine verdeckte Einheit oder tot. Verstanden?“

„Ja, Sir. Verstanden, Sir.“

„Dann fahr den Wagen vor!“ befahl Wintermute. „Beeilt euch, Jungs. Die Zeit läuft gegen uns.“

 

Während der Fahrt schwiegen alle, obwohl Wilson versuchte einen Dialog aufzubauen. Aber nur drei Kilometern eisigen Schweigens gab auch er seine Bemühungen auf und konzentrierte sich auf die Straße. Diese wurde zunehmend schlechter.

Immer mehr Granatkrater und ausgebrannte Fahrzeuge säumten den Weg. Als sie nur mehr einige Minuten von ihrem Ziel entfernt waren, passierten sie auch einen Transporter mit weißen Säcken auf der Ladefläche. Er kam direkt von der Front.

„Da vorne links. Von da an gehen wir zu Fuß“, befahl Wintermute, „bereitmachen!“

„Ja, Sir“, sagte Wilson und lenkte den Jeep in den Graben. Er ließ den Motor laufen. „Wann soll ich zurückkommen?“

„Nach beendeter Mission ziehen wir uns normalerweise zur Hauptbasis zurück und greifen nicht auf Transportmittel wie dich zurück“, sagte Twice und prüfte ein letztes Mal seine Automatik.

„Ich verstehe“, sagte Wilson langsam.

„Wenn du deinen Kameraden einen Gefallen tun willst, fährst du weiter bis zur Front und nimmst ein paar Verwundete mit“, sagte Wintermute und zeigte in Richtung Frontlinie. Die Sonne ging gerade unter, die Blitze von Granaten spendeten zusätzliches Licht.

Aus dem Himmel stießen immer wieder Jagdbomber wie Fliegen auf ihr Ziel hernieder. Die Panzer waren winzig kleine Punkte. Manchmal bebte sogar hier leicht der Boden.

„Viel Glück, Commander“, sagte Wilson und fuhr los.

„Wir sind spät dran. Aktiviert die Anzüge und dann los!“ befahl Wintermute und entsicherte seine Waffe.

„Ich hoffe die Artillerie macht ihren Job“, sagte Twice sarkastisch, „sonst werden wir es merken.“

 

Pünktlich eröffnete die Artillerie das Feuer auf eine weit entfernte Stellung der Fanatiker. Ihrem Ruf gerecht werdend eilten die meisten Soldaten sofort von ihrem Posten weg um sich dem Feind zu stellen und in einem blutigen Nahkampf zurückzuschlagen oder zu sterben.

Das Team näherte sich inzwischen getarnt der Basis. Sie kommunizierten nur mehr mit Gesten, durch die Visiere der Anzüge konnten sie sich noch immer sehen.

Twice hatte ein Sensorenfeld ganz der Nähe ausgemacht. Die Kuppel aus Plexiglas, gefüllt mit Mikrochips, ragte aus dem Dach einer Bunkeranlage.

Wintermute gab Twice das Zeichen für einen EMP. Twice warf die Granate und schaltete den Wächter so aus.

Inzwischen schwappten auch schon EMP-Wellen der Artillerie bis zu ihnen. Das Team nahm diese magnetischen Wellen als blaue Linien in ihrem Sichtfeld wahr.

Langsam rückten sie weiter vor, bis sie einen Eingang erreichen. Die schwere Stahltür hatte nur ein kleines Sichtfenster. Wintermute sah sich mit einer Sonde, die er durch die Gitter des Fensters steckte, um. Ein einzelner Soldat kauerte hinter der Tür neben einem Lagerfeuer und rieb sich Hände. Es schien sehr kalt da drinnen zu sein. Sonst konnte Wintermute niemanden sehen.

Er gab Destiny das Zeichen für eine Gedankensonde. Das kleine Gerät, das aussah wie ein Headset, war die wichtigste Waffe eines Cracks nach den Eisbrechern. Damit konnten sie, richtig eingesetzt, geistig schwache Gegner für wenige Minuten für sich einsetzen. In diesem Fall würde sie diesen Wachmann versuchen zu zwingen das Tor zu öffnen.

Die meisten Soldaten erhielten, um dieser Methode vorzubeugen, ein spezielles Training. Vor allem bei den Fanatikern war dieses Training besonders hart, da sie dabei nicht nur lernten sich gegen Angriffe von Gedankensonden zu erwehren, sondern auch ihren Fanatismus in der Schlacht gegen Feinde zu richten. Einem Fanatiker im Nahkampf zu begegnen war dasselbe wie sich unbewaffnet in die Höhle eines verwundeten Löwen zu wagen.

Destiny aktivierte die Gedankensonde und konzentrierte sich auf das Ziel. Sie fiel in einen Trancezustand und schwebte wie ein Grashalm im Wind leicht vor und zurück.

Wintermute überwachte währenddessen ihre Werte. Sollten sie sich negativ verändern, würde er sie auf dem Trance holen. Denn ein geschulter Geist könnte Destiny jetzt bis in den Hirntod treiben.

Aber wie erwartet hatte dieser Soldat keine oder nur eine schlechte Ausbildung auf diesem Gebiet erhalten. Das würde auch diesen Posten erklären.

Langsam stand er auf und wankte auf das Tor zu. Er war wie Destiny in Trance, man sah nur das weiße in seinen Augen.

Wintermute zeigte Twice an, dass er sich um ihn kümmern sollte. Ein Schuss. Nicht mehr.

Die drei Schlösser wurden entriegelt und der Soldat trat nach draußen. Er sah sich um. Dann stieg Verwirrung in ihm hoch, denn Destiny hatte die Verbindung beendet. Er würde jetzt einen Moment an rasenden Kopfschmerzen leiden. Einen Moment zu lange.

Twice legte an und setzte einen sauberen Schuss. Der Kopf des Jungen explodierte, der Gestank von Rauch und verbranntem Gewebe stieg dem Team in die Nase. Wintermute wandte sich ab und hielt sich die Nase zu.

„Schafft ihn weg, dass ihn niemand findet“, befahl er. Thor und Destiny nahmen den Leichnam und brachten ihn nach innen. Dort setzten sie dem Jungen den Helm auf und legten in unter eine Decke. Es sah beinahe aus als würde er schlafen. Nur dass er nie wieder aufwachen würde.

„Weiter. Wir müssen in die Kanalisation“, sagte Wintermute und übernahm die Führung.

 

Der Gestank der Abwässer war nicht schlimmer als der Gestank von verbranntem Gehirn und Blut. Sie stapften, im Moment nicht einmal durch die Schwarzlichtanzüge getarnt, durch knöcheltiefe Fäkalien und Unrat. Über ihnen tobte noch immer die Schlacht, allerdings war das Artilleriefeuer durch leichtere Waffen ersetzt worden. Jetzt tobte eine Schlacht Mann gegen Mann.

Die angreifenden Armeen schienen bereits einen Teil der Mauer gestürmt zu haben, denn einmal schlug eine durchlöcherte Leiche direkt auf einem Kanalschacht auf und tränkte Thor mit Blut und noch einer undefinierbaren Flüssigkeit. Der Crack nahm es aber gelassen, wischte sich die Soße ab und ging dann weiter.

Wintermute folgte einer Karte, die man ihm nach der Besprechung gegeben hatte. Sie erreichen schließlich ihr Ziel, den Zentraldatenspeicher. Es war ein neues Gebäude, das erkannte man schon allein daran, dass kaum Abfall zu finden waren.

Das Team wischte sich den schlimmsten Unrat von den Stiefeln und der Hose und aktivierte dann wieder die Anzüge.

„Versorgungstunnel Braun 1“, wies Wintermute Destiny ein. Sie stieg als erste hinauf und öffnete dort die Luke. Sie befand sich jetzt in einem Keller. Eine Wand war überfüllt von Geräten. Es ging anscheinend um Heizung und Wasser. In einem Sessel davor schlief der Hausmeister, der sich nichts aus der draußen tobenden Schlacht zu machen schien.

Twice hatte bereits eine Drahtschlinge zur Hand, aber Wintermute hielt ihn zurück. „Keine unnötigen Opfer“, flüsterte er leise.

Aber zu laut, denn der Hausmeister rührte sich und fragte: „Hallo? Ist da jemand? Jonas?“

Twice ging in die Hocke und watschelte hinter den Mann, der mittlerweile mit einer Taschenlampe den Raum ausleuchtete. Dann sah er die offene Luke und öffnete den Mund zu einem Schrei.

Twice legte blitzschnell die Schlinge um den Hals und zog mit aller Kraft zu. Der Draht schnitt sich in die Kehle. Ein kurzer, intensiver Todeskampf begann.

Erst als der Mann sicher erschlafft war, ließ Twice den Erdrosselten los und setzte ihn wieder auf den Stuhl.

Destiny und Thor hatten sich inzwischen umgesehen. Keine Kameras.

Wintermute deaktivierte als erster die Tarnung. „Bist du übergeschnappt? Keine unnötigen Verluste!“

„Er hätte Alarm geschlagen.“

„Er war ein Mensch.“

„Ein Feind!“ antwortete Twice scharf.

„Aber trotzdem ein Mensch. Wintermute hat Recht“, sagte Destiny.

„Halt du dich da raus, du elender Crack!“ Twice zeigte drohend auf Destiny, die einen Schritt zurückwich.

„Hallo, Leute? Wir haben einen Auftrag. Ihr könnt euch später prügeln“, schlichtete Thor. Wintermute sagte nichts mehr. Er tarnte sich wieder und öffnete dann die Tür.

 

Innerhalb der Anlage gab es, wie sie schnell merkten, einige Kontrollpunkte, die mit Sicherheitstüren und Wachen geschützt waren. Die Fanatiker waren sich der Wichtigkeit der Anlage anscheinend doch bewusst.

In den Plänen war zum Glück noch ein Weg zu ihrem Ziel verzeichnet. Dafür mussten sie aber noch einmal zurück in die Kanäle und zu den Lagerhäusern laufen. Aus irgendeinem Grund gab es von einem Lagerhaus aus einen direkten Weg hierher, der nur durch einen normale Panzertür gesichert sein würde.

In den Kanälen herrschte eisiges Schweigen. Destiny und Wintermute gingen ganz vorne und gaben die Geschwindigkeit an. Thor war dicht hinter ihnen, aber Twice fiel immer weiter zurück. Vielleicht aus Wut auf Wintermute, vielleicht aber auch aus Gewissensgründen.

Als sie das Lagerhaus erreicht hatten, mussten die anderen Teammitglieder fast zehn Minuten auf ihn warten. Twice kam in gebückter Haltung angelaufen und ließ sich noch mehr Zeit.

Inzwischen hatte Destiny das Funkfeuer angezapft. Die Fanatiker hatten die Angreifer zurückgeschlagen und es gab nur mehr vereinzelte Rückzugsgefechte.

„Du gehst vor“, befahl Wintermute.

Twice antwortete nichts und begann die verrostete Leiter nach oben zu klettern. Dann fasste ihn Wintermute noch einmal am Bein. „Keine unnötigen Opfer.“

„Überleben“, antwortete Twice und riss sich los.

 

Nachdem Twice den Aufstieg gesichert hatte, folgte das Team. Wintermute kletterte als letzter hoch. Destiny und Thor standen ganz in der Nähe des Ausstiegs, aber Twice war verschwunden.

„Hier sehen alle Räume gleich aus“, sagte Destiny.

„Wo ist Twice?“

Beide Cracks zuckten mit den Schultern. „Er war schon weg, als ich rauf kam“, brachte sich Thor ein, „vielleicht sichert er die Umgebung.“

„Findet ihn. Dann weiter“, befahl Wintermute und fluchte leise. Dieser Mann machte nur Probleme in diesem Einsatz. Der Bericht würde wohl einen schlechten Einfluss auf seine Karriere haben.

Destiny öffnete die einzige Tür, die nicht verschlossen war und trat getarnt in eine riesige Lagerhalle. Bis zur Decke stapelten sich weiße Kisten, etwa einen Meter hoch und zweieinhalb Meter hoch. Seltsamerweise standen sie leicht schräg und hatten Glasdeckel. Die Ware darunter war eindeutig kühl oder kalt, das Sichtglas war nämlich zugefroren.

„Was da wohl drin sein mag?“ fragte Destiny und wischte den Reif von einem Container. Sie winkte sofort die anderen her.

 

In den Containern lagen Menschen mit Interfaces. Sie waren alle in einer tiefen REM-Phase, einzig ihre Augäpfel rotierten.

„Ich glaube mich laust ein Affe. Das müssen ja hunderte von diesen Freaks sein“, staunte Thor. Er wischte den Reif von zwei weiteren Containern. Beide Male dasselbe Ergebnis wie beim ersten.

„Mal angenommen nur fünf dieser Leute verrichten die Arbeiten in der Kommandozentrale“, begann Destiny, „dann haben wir hier sicher fünfhundert Leute, die die Abwehranlagen bedienen können. Oder andere Arbeiten erledigen.“

„Sie schlafen nie, brauchen nie Pausen, sind nie krank. Die Perfektion schlechthin. Ein Geist zu vielen Geistern“, setzte Thor fort.

„Die Vision von George Ironheart in Perfektion. Die absolute Waffe. Wir können ihre Soldaten töten, ihre Gebäude verbrennen und ihre Ernten zerstören. Diese Leute machen weiter.“

„Bis wir ihnen den Stecker ziehen. Darum sind wir hier“, sagte Twice und trat aus dem Schatten der Container. Er hatte das Gewehr in Vorhaltestellung. Über dem Lauf trug er ein Bajonett. Blut klebte daran.

„Wo warst du?“ fragte Wintermute.

„Die Gegend sichern“, antwortete Twice, dann wandte er sich an die Cracks: „Ich habe passende Schnittstellen gefunden. Kommt.“

„Moment. Noch habe ich das Kommando hier. Jetzt verstehe ich, was ICE machen soll. Aber ich will mit diesem Massenmord nichts zu tun haben!“

„Der Massenmord ist deine Mission, unsere Mission. Der Mord war dein Geschäft. Als du mit einer Gedankensonde die Bewohner von Flux zum Tod verurteiltest, hast du keine Sekunde gezögert.“

„Niemand konnte ahnen, dass die freie Allianz nach dem Verlust dieser Stadt einen nuklearen Schlag führt! Hätte ich es geahnt, hätte ich auch den Befehl verweigert.“

„Hätte. Hätte. Hätte. Wach auf, Wintermute!“ knurrte Twice, „deine Zeit ist vorüber. Mach Platz für junge Leute, die ihre Leistung erbringen wollen. Die, die Befehle ausführen wie sie kommen, die keine Fragen stellen. Die perfekten Soldaten.“

„Die perfekten Maschinen. Ohne Individualität, ohne Identität.“ Wintermute zeigte drohend auf Twice. Aber der Soldat lächelte bloß. Ein gemeines Lächeln. Dann hob er das Gewehr und schoss Wintermute in die Brust. Ein einzelner Schuss.

 

Matrizentraum.dachte Wintermute als erstes. Aber dann erkannte er dass es real war. Das warme Blut, das über seine Brust rann. Die warmen Lippen von Destiny, die Luft in seine leeren Lungen pumpen wollten. Das Gefühl wie die Luft aus dem Loch in seiner Lunge entwich.

Die kräftigen Hände von Thor, der seine Uniform aufriss und die Wunde abdrückte. Die Rippe knackste.

„Er stirbt uns weg“, sagte Destiny. Wieder ihre warmen Lippen auf seinen.

„Nein. Wir müssen ihn verbinden.“ Thor.

„Er ist zu schwach.“ Twice. Dieser Bastard stand untätig vor ihm und sah mit starren Augen auf ihn hinunter. Abschätzend. Die Zeit zählend bis Wintermute seinen letzten Atemzug tun würde.

„Es ist seine letzte Hoffnung.“

 

Dieses Mal war es ein Matrizentraum. Oder doch kein Traum.

Silberne Gestalten, die von Ort zu Ort eilten. In einer Welt, in der es keine Orte gab. Die Matrix war alles und nichts. Kein Anfang, kein Ende. Ein ewiges Sein.

Und die silbernen Gestalten rannten weiter von Ort zu Ort. Legten manchmal etwas ab, nahmen manchmal etwas auf. Wie in einem Bienenstock.

Wintermute sah an sich hinunter. Er war auch silbern. Aber die Wunde in seiner Brust war ein roter Schandfleck in der Perfektion dieser Matrix. Er schloss sie, entfernte sie aus seinem Seinbild.

Inzwischen würden Destiny und Thor wahrscheinlich versuchen seinen Körper zu retten. Twice würde untätig dastehen und zusehen. Aber Wintermute würde weiterleben, selbst ohne Körper. Er war in der Sicherheit der Matrix.

Eine silberne Gestalt rempelte Wintermute an.

Entschuldigt, mein Herr. Sie blieb stehen und musterte Wintermute. Ich kenne Sie nicht.

 

Ich bin neu hier. Gerade vernetzt.

 

Dann heiße ich Sie willkommen, mein Herr. Ich muss jetzt meiner Arbeit nachgehen. Kommt mit, ich weise euch ein.

 

Danke. Aber ich werde noch etwas beobachten. Ich werde nicht lange hier bleiben.

 

So? Dann viel Glück. Und lasst euch nicht beim Beobachten stören.

 

Die silberne Gestalt ging weg und wurde dann blau. Sie drehte sich im Kreis, wurde dann wieder silbern und eilte weiter. Wintermute war beim Farbwechsel tausend Tode gestorben. Gerade war er einer KI begegnet. Einer KI mit nur einer Aufgabe: zu töten.

 

„Geschafft!“ seufzte Destiny und schloss den letzten Verband.

„Er wird leben?“ fragte Twice. Destiny nickte.

„Wir müssen ihn nur noch rausholen“, sagte Thor und löste die erste Elektrode.

„Nein.“

„Warum nicht?“

„Wir speisen ICE über ihn ein“, befahl Twice.

„Er ist nicht an dem Programm ausgebildet.“

„Etwa du?“ fragte Twice spöttisch.

„Er könnte dabei sterben.“

„Ich stimme Thor zu. Wintermute hat das zu lange nicht gemacht. Ein Crack sollte ICE einspeisen. Ich werde gehen“, sagte Destiny und stieg in den Container.

„Nein, Destiny. Ich gehe.“

 

Thor lag in dem Container, alle Elektroden waren mit seinem Kopf verbunden. Puls, Atmung und Hirnaktivität waren normal.

„Viel Glück“, sagte Destiny zu ihm. Er nickte und schloss die Augen. Dann legte Destiny den Schalter um und er tauchte in die Matrix ein.

Thor war rot. Auffallend rot in dem Silber der normalen Leute hier. Erst jetzt wurde Thor klar wie viele Leute hier waren. Es mussten tausende sein, wenn nicht noch mehr. Sie arbeiteten alle geschäftig.

Er sah sich nach einer freien Einheit um. Von dort aus würde er ICE in das System bringen. ICE war wie eine silberne Schnur an seinem Arm.

Neben ihm fuhren plötzlich haushohe Kuben hoch. Er war eingekreist, sah das Terminal aber noch immer vor sich. Thor trat auf einen Transferkanal und glitt in die Nähe des Terminals. Den letzten Schritt musste er aus eigener Kraft machen.

Aus dem Terminal stieg jede Sekunde ein grüner Strahl Informationen auf, der in den Zentralspeicher eintrat. Thor war am Ziel.

 

Wintermute spürte eine bekannte Präsenz. Er sah sich um und sah dann einen Moment lang Thor. Er war rot und unter diesen Umständen der bunte Hund in der Masse.

Im selben Moment stiegen Kuben hoch und raubten Wintermute die Sicht. Ein Sicherheitssystem.

 

Verschwinde so schnell du kannst, Crack! Thor! Verschwinde von hier!

 

Überall verwandelten sich jetzt silberne Gestalten in blaue KIs. Wintermute zählte zehn unmittelbar in seiner Nähe. Drei bewegten sich sofort auf die Kuben zu, die anderen sahen sich wachsam um.

Wintermute zog es vor zu Schweigen und betete. Betete dass Thor gegangen war.

 

Thor hatte ICE beinahe vollständig in das System geladen, als sich etwas veränderte. Es war wie eine Welle der Kälte, die ihn durchlief. Er schüttelte sich und stand auf.

Der grüne Informationsstrahl war immer noch rot. 89% von ICE waren im System. Bald würde sich das System selbstständig weiterbewegen. Dann würde Thor verschwinden.

 

Du bist tot, Eindringling.

 

Ein brennender Schmerz durchfuhr Thor. Seine Eingeweide brannten wie Feuer, die Knochen schienen sich zusammenzuziehen. Das erste Mal in seinem Leben empfand er Schmerz in der Matrix. Thor wollte schreien, konnte es aber nicht. Dann explodierte sein Herz.

 

Auf einmal waren alle Lebenszeichen von Thor verschwunden. Destiny hämmerte auf die Anzeigen ein, aber es änderte sich nichts. Thor war tot. Hirntot, körperlich tot. Für immer gegangen.

„Ist es das, was du wolltest?“ fragte Destiny. Twice antwortete nicht.

„Selbst jetzt bist du zu feige Stellung zu beziehen.“

„Es war seine Wahl. Er kannte die Risiken. Er starb in Erfüllung seiner Pflicht. Er ist ein Märtyrer. Ein Held. Ein flammendes Vorbild für alle anderen Cracks“, sagte Twice.

„Halt die Klappe! Wir müssen den Commander rausholen.“

„Wenn du meine Meinung hören willst, aber das willst du wahrscheinlich sowieso nicht.“

„Was?“

„Thor ging durch einen normalen Kanal rein. Jetzt ist er tot. Wintermute wurde einfach hinein geworfen. Meinst du er lebt noch?“

„Laut den Anzeigen schon“, antwortete Destiny zerknirscht. Aber ein Quäntchen Wahrheit lag in der Aussage. Vielleicht waren die KIs gerade dabei ihm zu verhören.

„Wir sollten ihn erschießen und verschwinden“, schlug Twice vor.

„Nein. Wir lotsen ihn nach draußen. Dann verschwinden wir.“

Twice packte aber seine Sachen und ging weg.

„Wo willst du hin?“ rief Destiny ihm nach.

„Du jagst einem Toten nach“, antwortete der Wachmann, „ich versuche mein Leben zu retten. Ich will hier raus!“

 

Als die Kuben wieder verschwanden, war Thor verschwunden und Wintermute war wieder alleine in der Matrix. Ein Fremdkörper. Die KIs waren noch immer in der Nähe und suchten nach weiteren Eindringlingen. Ihre Farben wechselten wild. Sie hatten Blut geschmeckt und lechzten nach mehr.

Wintermute lächelte über seinen Gedanken. Blutdurst bei einem Programm das nur aus Nullen und Einsen bestand. Das war genauso abwegig wie an Vampire zu glauben.

Wintermute sah sich um und suchte nach einem Ausgang. Er musste hier verschwinden. Die KIs waren für seinen Geschmack schon sehr nahe.

 

Commander. Hören Sie mich?

 

Destiny? Bist du das?

 

Zum Glück. Ich dachte wir hätten Sie auch verloren. Thor ist tot.

 

Ich weiß. Ich hab es gesehen, konnte ihm aber nicht helfen. Alles in Ordnung bei euch?

 

Nein. Twice hat sich aus dem Staub gemacht. Ich bin allein. Wenn man uns jetzt entdeckt, ist alles verloren.

 

Verdammt. Ich brauche einen Ausgang. In der Nähe sind künstliche Intelligenzen. Sie suchen nach weiteren Eindringlingen.

 

Ich versuche einen Ausgang zu generieren. Ist ein Port in der Nähe?

 

Ja, ich sehe eines. Warum?

 

Ich spiele ICE in dein System ein. Es dauert mindestens dreißig Sekunden um einen Ausgang zu schaffen. Das sollte reichen um die Arbeit von Thor zu beenden.

 

Destiny. Ich habe seit sechs Einsätzen, also fast achtzehn Monaten keinen Crack mehr gemacht. Ich glaube das sollte ein Profi ran.

 

Wer soll aber? Sobald ich den Ausgang öffne, wird das System sich abschotten. Wir kommen dann nicht mehr rein bis die Isolierung aufgehoben wird.

 

Du hast Recht. Spiel ICE ein. Aber in dreißig Sekunden will ich einen Ausgang haben!

 

Geht klar. Ich übertrage jetzt ICE.

 

Wärme durchflutete Wintermute als der Virus in seine digitale Gestalt eindrang. ICE war wohl der falsche Name. Wintermute bewegte sich jetzt unauffällig in Richtung des Ports.

Direkt neben dem Port stand eine KI in Gestalt einer antiken Göttin, nur durch eine sehr freizügige Tunika bekleidet. Sie sah sich wachsam um, dann legte sie aber ihre Arme auf die Brust und versank im Gitternetz der Matrix. Weit entfernt erschien sie wieder und setzte ihre Suche fort.

Wintermute wischte sich imaginären Schweiß von der Stirn und loggte sich in dem Port ein. ICE setzte seine Arbeit unverzüglich fort. Nach zwanzig Sekunden war er vollständig in das System geladen. Die Matrix flackerte.

 

Destiny. Ein Ausgang! Es beginnt!

 

Neben Wintermute öffnete sich eine Tür aus weißem Licht, hinter der Wintermute die reale Welt sah. Mit letzter Kraft sprang er hindurch und erwachte wieder aus dem Matrizentraum.

„Willkommen zurück.“

 

Destiny löste die letzten Verbindungen und half Wintermute dann aus dem künstlichen Sarg. Wintermute war erschöpft. Die Schusswunde von Twice schmerzte noch immer.

„Alles gut verlaufen?“ fragte Destiny. Wintermute erinnerte sich flüchtig an die letzten Momente in der Matrix. Alles war schwarz geworden, das System war zusammengefallen. In einen Moment waren unzählige Menschen gestorben. Ein hundertfacher überraschter Schrei. Er hallte noch immer in Wintermute wieder.

„Wir müssen raus hier. Es wird nicht lange gehen, bis jemand herkommen wird“, keuchte er. Destiny legte seinen Arm über ihre Schulter und half Wintermute zu gehen. Kurz bevor sie das Lager prüften, versuchte sie noch einmal die Daten über diese Anlage aufzurufen. Aber der Computer reagierte nicht. Das System war tot. Ebenso alle, die mit der Matrix verbunden gewesen waren. Terminiert. ICE war ein voller Erfolg.

„Ganz in der Nähe ist ein Flugfeld. Vielleicht haben wir Glück“, sagte Destiny. Wintermute war es egal. Der Auftrag war erledigt. Wieder würde er Wochen brauchen um die Sache verdauen zu können. Wie viele hatte er dieses Mal auf dem Gewissen?

 

„Wir könnten das beenden. Sofort. Ich will nur eine Zahl hören. Noch mal. Wie viele Leute sind mit dir gekommen?“

Twice schwieg weiterhin. Er war auf einen Stuhl aus Aluminium gefesselt und drei Wachleute prügelten immer wieder auf ihn ein. Ein dünnes Rinnsal aus Blut, ein blaues Auge und mehrere ausgeschlagene Zähne waren bis jetzt das Ergebnis ihrer Arbeit.

„Er redet immer noch nicht. Brecht ihm die Finger!“ befahl der Politoffizier, der das Verhör überwachte. Er gab die Befehle für jeden Schlag, jeden Kratzer, den Twice bis jetzt hatte.

Das Knacken war beinahe so unerträglich wie der Schmerz. Twice wünschte sich so sehr einfach ohnmächtig zu werden und nie wieder aufzuwachen.

„Die Qual könnte ein Ende haben. Ich will nur eine Zahl. Und vielleicht Namen“, sagte der Politoffizier verführerisch und wedelte mit einer Spritze vor Twice herum.

„Vier“, gab der Flüchtling schließlich nach, „wir waren vier.“

„Danke. Geht doch“, sagte die Frau zufrieden, strich sich die blonden Haare glatt und reichte die Spritze dann einem der Soldaten. „Gebt sie ihm.“

„Was ist da drin?“ fragte der Soldat skeptisch.

„Nur Luft. Wir brauchen ihn nicht mehr.“ Die Frau lachte zufrieden und ging dann. Dabei wackelte sie mit dem Hintern, das Geräusch ihrer Stöckelschuhe verhallte im Gang.

Twice spürte einen Stich, dann war Ende.

 

„Etwas erfahren, Carmen?“

„Es waren vier“, antwortete die Frau ihrem Commander und setzte sich.

„Die KI Walker hat soeben die Terminierung eines Eindringlings bestätigt. Ein weiterer konnte entkommen“, gab der Commander Report an den Politoffizier.

„Walker muss überholt werden.“

„Nicht nötig. Kurz danach fiel das gesamte System in den Sektoren 14 bis 52 aus. Neun künstliche Intelligenzen wurden gelöscht. Wie viele unserer Schläfer tot sind, wird noch ermittelt. Aber wir haben den Virus bereits identifiziert und isoliert.“

„Gut. Mit wem haben wir es zu tun?“

„ICE. Ein neues Virus. Eine Demo davon hat unsere Freunde der Allianz aus dem Geschäft gedrängt. Gerade kam die Meldung, dass ihre letzte Anlage genommen wurde. Wir sind die letzten. Wieder einmal.“

„Wir sollten versuchen die anderen beiden Mitglieder der Eindringlinge zu fassen. Vielleicht haben sie weitere Informationen“, sagte Carmen.

„Bestätigt. Ein neuer Auftrag für Sie.“

„Commander. Manchmal hören Sie sich wie ein KI an“, sagte Carmen, stand auf und ging. Der Commander drehte sich in seinem Stuhl um und schloss Kabel an seine Schnittstelle an. Dann leuchteten die Augen kurz auf. „So nah und doch so fern.“

 

Um das Flugfeld zu erreichen mussten sie einen Innenhof queren. Überall standen Kisten, dazwischen patrouillierten Arbeiter und Wächter.

Wintermute stützte sich auf Destiny. „So schaffen wir das nicht, Destiny.“

„Wir könnten oben gehen“, schlug sie vor.

„Da oben sind wir ohne Deckung. Das gäbe ein Tontaubenschießen für die.“

„Sie haben nur Projektilkarabiner. Wir könnten es schaffen.“

Wintermute schüttelte den Kopf. „Wir müssen einen anderen Weg finden. Schwarzlichtanzug aktivieren!“

„Laser, Commander. Über dem Boden.“ sagte Destiny. Erst jetzt sah Wintermute das dichte Netz am Boden, das jeden Schwarzlichtanzug sofort depolarisieren würde. Es rotierte in unregelmäßigen Abständen ohne System. Die Sache schien aussichtslos, obwohl der Fluglärm des Flugfelds bereits zu hören war. Ein Fluggerät ließ man gerade warmgelaufen, ein anderes startete gerade mit dröhnenden Maschinen.

„Ein schwerer Brummer. Wahrscheinlich der Gegenschlag für unser Manöver“, rätselte Destiny. Wintermute war es egal. Er sah nur Kisten und Menschen. Aber keinen Ausweg. Inzwischen hatte man sie aber sicher ausgemacht und Twice war verschollen.

„Da“, rief Destiny plötzlich und zeigte wild auf zwei Arbeiter. Sie kamen näher, es schien wohl Schichtende zu sein.

„Ein Mann, eine Frau“, erkannte Wintermute. Sie gingen so gut es ging in Deckung und warteten ab. Als sie nah genug waren stießen beide vor und packten die Arbeiter. Sofort hielten sie ihnen den Mund zu und zerrten sie in den Schatten. Wintermute hörte ein Knacken. Sein Opfer zuckte noch, dann drehte auch er den Kopf schnell herum.

„Musste das sein, Destiny?“

„Nur ein Feind. Sie hätten uns verraten können. Schnell, wir nehmen ihre Kleidung und dann weg“, antwortete der Crack und machte sich ans Werk.

Wintermute zog sich die Sachen schweigend an. Überraschenderweise passten sie wie angegossen.

 

Ohne Probleme erreichten sie das andere Ende des Innenhofes. Niemand würdigte sie eines Blickes, nur ein Soldat folgte ihnen einmal einige Schritte, drehte dann aber ab und verschwand zwischen einigen Kisten. Danach sahen sie denselben Soldaten noch einmal einige Meter entfernt stehen. Er war nur auf Patrouille und ihnen zufällig einige Schritte gefolgt.

„Verdammt. Sieh nur“, flüsterte Destiny als sie die Mauer erreichten. Einige Meter links von ihnen war ein Durchgang, wahrscheinlich zum Flugfeld.

Neben der Tür war ein Fenster, dahinter saß ein müde wirkender Soldat. Für die Tür brauchte man aber trotzdem noch eine Zugangskarte. Keiner der Arbeiter hatte eine gehabt.

„Ich könnte mich reinhacken, aber das dauert.“

„Und zieht unnötig Aufmerksamkeit auf uns“, beendete Wintermute den Satz. Er sah auf die Zugangskarte, die er hatte.

„Du siehst ihm nicht annähernd ähnlich“, kommentierte Destiny. Wintermute sagte nichts und sah sich um. „Wir müssen den da dazu bringen die Tür aufzumachen.“

„Ich habe keine Gedankensonde mehr. Außerdem würde das auch mindestens eine Minute dauern und uns verwundbar machen. Du bist ohnehin schon verletzt und ich wäre dann abgelenkt.“

„Ich kann sehr gut auf mich selber aufpassen!“ knurrte Wintermute, „aber ich glaube es ist Zeit die Samthandschuhe auszuziehen. Wir sind fast draußen. Da lass ich mich von einer Tür nicht aufhalten.“ Er entsicherte sein Gewehr. Dann schoss er den Nächstbesten nieder.

 

„Schusswechsel aus Sektion 44.“

Carmen zuckte zusammen. Dann drehte sie sich um und begann zu rennen. Dort waren sicher die Eindringlinge. Sie aktivierte das Funkgerät an ihrem Gürtel: „Politischer Offizier Carmen Esteban an Sicherheit. Ich brauche ein Squad. Wir haben es möglicherweise mit einem gefährlichen Sondierteam zu tun, das möglicherweise auch hinter dem Anschlag auf unsere Cyberanlage steht.“

„Verstanden PO Esteban. Team unterwegs“, hallte es aus dem nächsten Lautsprecher. Carmen ging in die nächste Rüstungskammer und streifte ihre Schuhe ab. Dann zog sie sich schwere Stiefel und eine Weste an. Auf einen Helm verzichtete sie. Die gefährliche Arbeit würde sie dem Team überlassen.

Als sie die Kammer verließ rannte gerade ein Soldat auf sie zu. „PO Esteban. Gehören Sie zum Eingreifteam für Sektion 44?“

„Bestätigt, PO Esteban. Folgen Sie mir“, antwortete der Soldat und übernahm die Führung. Carmen sagte nichts, aber sie kannte sich bestimmt besser hier aus als dieser Junge. Mit seinen glatt rasierten Wangen, der pingelig sauberen Uniform der internen Eingreiftruppen und den blanken Stiefeln wirkte er ihr wie die drei neuen Politoffiziere ihrer Abteilung. Sie waren noch grün hinter den Ohren, glaubten aber die Welt zu beherrschen.

Sie erreichten einen Lift und fuhren nach unten. Im Lift herrschte kaltes Schweigen.

 

Das Feuer wurde sofort erwidert. Eine Kiste explodierte über ihnen und Obst hagelte auf Destiny und Wintermute herunter. Dann fiel der Stapel um und versperrte ihnen den Rückzug. Sie arbeiten sich weiter auf das Tor zu.

„Jetzt hast du deine Ruhe!“ rief Wintermute als sie die Tür erreichte. Er deckte sie mit seinem Körper ab.

„So hatte ich mir das nicht vorgestellt“, antwortete Destiny und begann sich in das System einzuarbeiten. „Ich brauche 30 Sekunden.“

„Du hast zehn!“ rief Wintermute. Von hier aus sah er bis zum anderen Ende des Hofes. Dort öffnete sich gerade eine breite Hangartür und ein halbes Dutzend bewaffnete Soldaten strömten nach draußen. Die Führung hatte ein blonder Politoffizier.

„Beeil dich“, sagte Wintermute und hob das Gewehr eines Toten auf. Mit beiden Waffen hielt er die Wachen im Schach.

 

„Vorrücken!“ befahl Carmen und zog ihre Pistole. Eine kleine Waffe aus den alten Tagen. Mit einer Trommeln und sechs Schuss in der Kammer. Das letzte Mal Munition hatte sie vor sechs Jahren erstanden. Seitdem hatte sie die Waffe nie mehr benutzt.

„Von links kommen wir nicht ran. Da sind Kisten umgestürzt“, kam sofort eine Rückmeldung. Carmen schüttelte den Kopf und keifte den Überbringer an: „Dann geht von rechts und frontal ran!“

 

„Erledigt!“ jubelte Destiny. Die Tür ging auf und sie sprang durch. Wintermute folgte ihr in Heldenmanier, zwei Waffen im Anschlag und im Dauerfeuer. Sie warf die Tür sofort wieder zu, Wintermute zerschoss die Verriegelung.

„Wir sollten das Schloss verschweißen“, sagte Destiny.

„Keine Zeit. Aber daran werden sie zu kauen haben.“ Wintermute sah sich um. Alle Gänge sahen gleich aus.

„Wohin?“

„Von diesem Teil hatten wir keine Pläne. Keine detaillierten“, antwortete Wintermute zerknirscht, „ich sage einfach mal rechts.“

 

„Macht diese Tür auf!“ befahl Carmen.

„Sie haben die Schlüsselanlage von innen zerstört.“

„Dann besorgt einen Rammbock oder ein Schweißgerät.“ Carmen wurde jeden Moment noch wütender. Diese Jungs schienen echt alle total grün hinter den Ohren zu sein. Der Bericht würde wohl vernichtend ausfallen.

 

„Warte“, sagte Destiny und reichte Wintermute ein Stim, „das wirst du bald brauchen.“

Wintermute spürte wirklich schon leichte Schmerzen an der Seite. Er setzte sich die kleine Spritze sofort. Der Schmerz klang überraschend schnell ab. Dann rannten sie weiter durch die Anlage.

„Ich glaube, wir laufen im Kreis.“

„Hier sieht auch alles gleich aus. Wir haben aber keine Zeit hier zu warten bis uns jemand nach draußen führt.“

Irgendwo startete ein weiteres Flugzeug. Destiny zeigte auf die nächste Tür. „Da durch.“

Ohne zu zögern trat Wintermute sie ein. Dahinter war eine Art Feuerleitzentrale. Sie konnten auf das Flugfeld hinuntersehen. Die beiden Leute an den Konsolen sahen sie überrascht an. Dann zog einer eine Pistole aus einer Schublade und schoss. Putz regnete auf Destiny herunter. Sie hustete.

Wintermute gab zwei Schüsse auf den Schützen ab und ging dann zu anderen starr sitzenden Funker. „Wie kommen wir da runter?“

„Wenn ich euch helfe, tötet man mich.“

„Wenn du uns nicht hilfst, töte ich dich. Du stirbst sowieso. Aber jetzt könntest du uns helfen zu entkommen.“

„Ihr seid die Massenmörder. Ihr habt die Anlage sabotiert und die Wächter getötet. Unsere gesamte Abwehr ist ausgefallen. Ich werde den Teufel tun.“

„Sag Wintermute schickt dich!“ knurrte der Soldat und erschoss auch diesen Mann.

„Die gesamte Abwehr ist außer Gefecht. Denken Sie, was ich denke, Commander?“

„Stell Kontakt zum Hauptquartier her. Wir ziehen einen Schlussstrich!“

 

„PO Esteban. Wir haben Neuigkeiten.“

Carmen nahm das Funkgerät. „Ich höre.“

„Zur Leitzentrale Eins der Kontakt unterbrochen. Der CEO vermutet, dass die Eindringlinge dort sind.“

„Wir sind bereits auf dem Weg“, antwortete Carmen. Die Tür war schon fast offen. Der Arbeiter mit dem Schweißgerät machte sich gerade an die Oberseite der Tür. Die Längsseite war bereits offen. Zwei Soldaten standen mit einem Rammbock hinter ihm, bereit die Tür aus den Angeln zu stoßen.

„Ihr habt noch eine Minute!“ befahl Carmen. Dann sprach sie wieder ins Funkgerät: „Sonst noch etwas?“

„Wir haben die Eindringlinge identifiziert. Der leitende Offizier trägt den Decknamen Wintermute. Er trägt den Rang eines Commander. Die beiden bestätigten Toten sind ein Crack mit dem Decknamen Thor und ein Wächter mit dem Decknamen Twice. Letzteren haben Sie verhört, PO Esteban.“

„Wintermute also“, murmelte Carmen, „ich brauche mehr Männer.“

 

„Ich habe die Karten. Wir sind schon so gut wie draußen. Wir müssen nur noch…“ Destiny stockte. Wintermute saß neben ihr. Sein Blick war stumpf, kein Leben in den Augen. Vorsichtig bewegte sie ihre Hand vor seinen Augen. Keine Reaktion der Pupillen. Wintermute war in einen Matrizentraum gefallen.

„Mist“, fluchte sie und rüttelte ihn an der Schulter. Ohne Erfolg.

Die Wände hier drin waren nicht dick. Unter sich hörte sie Schritte. Da bewegten sich viele Leute und legten anscheinend keinen Wert darauf sich unbemerkt anzuschleichen. Destiny musste eine Entscheidung treffen.

Sie nahm ein Gewehr an sich und stellte sicher dass Wintermute keine Hinweise mehr auf ICE bei sich trug. Dann ließ sie ihn sitzen. Die Befehle für Matrizenträume waren eindeutig.

 

Carmen führte. Das Team bewegte sich wie eine Horde Elefanten durch die Anlage. Das Gebäude war sehr alt, deshalb würde man sie sicher überall hören. Aber die Eindringlinge waren in greifbarer Nähe.

Außerdem war es ein großer Zufall dass ausgerechnet Wintermute dieses Team anführte. Das würde Carmens Tag der Rache sein. Denn er hatte sie zurückgelassen.

„Aufteilen. Ich will nicht dass sie entkommen!“ befahl Carmen und zog ihre Pistole. Diese Kugeln waren speziell für Wintermute reserviert.

 

Politischer Offizier Carmen Esteban war nicht immer Anhängerin der postapokalyptischen Glaubensgemeinschaft gewesen. Sie war auch nicht immer politischer Offizier gewesen. Eigentlich war sie eine ganze andere Persönlichkeit.

Mit 21 hatte sie zufällig von den geheimen Einheiten erfahren. Eigentlich dadurch, dass ein solches Team auf der Flucht in ihre Wohnung gekommen war. Alle drei Überlebenden waren durch ihre Hand zu Tode gekommen.

Danach war sie zwangsrekrutiert worden. Sie wusste zuviel, mehr als sich die instabile Regierung leisten konnte. Sie wurde in ein Umerziehungscamp geschickt und zum Crack ausgebildet. Danach wurde sie einem erfahrenen Offizier zugeteilt um sich ihre ersten Sporen zu verdienen.

Ihr altes Leben war nur noch eine schemenhafte Erinnerung in ihrem Hinterkopf gewesen. Was damals im Vordergrund gestanden hatte, war die Propaganda gewesen, die Wahlsprüche der Regierung. Sie war ein funktionierendes Mitglied der Gesellschaft und ein guter Crack.

Sie hatte sich sogar mit ihrem leitenden Offizier eingelassen. Liebe war es zwar nicht gewesen, aber mehr als nur Sympathie. Bis er sie bei einem Einsatz zurückgelassen hatte. Während sie in der Matrix gewesen war, wurden sie entdeckt. Alle waren geflohen und sie war noch immer mit der Matrix vernetzt gewesen.

Als sie befreit wurde, war sie in einem neuen Umerziehungscamp, dieses Mal der postapokalyptischen Glaubensgemeinschaft. Sie wurde ausgequetscht, gebrochen und neu geformt. Danach hatte sie ihren neuen Beruf angetreten. Freiwillig. Man hatte ihr die Wahl gelassen. Entweder zu konvertieren, oder in den Eisenminen zu sterben.

Aber wie bereits zuvor war ihre alte Persönlichkeit nicht ganz ausgelöscht gewesen. Sie hatte Erinnerungen, Gefühle. Eines war vorherrschend: Rache an Wintermute.

 

Zwei der Soldaten erreichten die Leitzentrale Eins. Auf dem Boden hinter einer Konsole lag ein Toter, man sah nur seine Schuhe. Der andere saß stocksteif in einem Sessel.

Die beiden sahen sich an und gingen dann weiter. Die Eindringlinge waren verschwunden. Hätten sie den Raum betreten, wäre ihnen der Tote hinter der Tür aufgefallen.

 

Destiny erreichte das Flugfeld und fand auch schnell ein passendes Flugzeug. Ein Langstreckenbomber, der gerade gelandet war und neu betankt wurde. Der Pilot saß auf der Tragfläche neben dem Cockpit und rauchte eine Zigarette. Von den Ingenieuren war nichts zu sehen.

„Wohin geht es?“ fragte sie.

„Keine Ahnung. Flugdaten krieg ich erst in der Luft“, antwortete der Pilot, „wer sind Sie überhaupt? Was suchen Sie hier?“

„Ein Fluggerät. Und ich habe mich entschieden.“ Destiny verpasst dem Piloten einen Kinnhaken. Überrascht fiel er um und vom Flügel. Regungslos blieb er unter dem Bomber liegen. Destiny war das Recht.

Sie kletterte ins Cockpit und leitete die Startprozeduren ein. Wie in alten Zeiten.

Haltklammern noch aktiv.

Destiny schlug auf das Pult, aber die Anzeige stand weiter da. „Verbindung mit dem Tower.“

 

Wintermute wachte wieder auf. Der Matrizentraum hatte ihn eiskalt überrascht. Von einem Moment zum anderen war er weg gewesen. Den Weg zurück zu finden war dann auch noch schwieriger als sonst gewesen. So war er nicht überrascht, dass Destiny verschwunden war. Laut Chronometer war er über eine Viertel Stunde im Traum gewesen.

Auf dem Pult vor ihm leuchtete eine Anzeige. Ein Flugzeug wollte starten und verlangte, dass der Tower die Halteklammern löste. Aber die beiden waren tot. Wintermute nahm ein Headset und schaltete sich ein.

Er war überrascht Destiny zu hören.

„Ich brauche Freigabe.“

„Destiny?“

„Wintermute. Zum Glück. Öffne die Klammern. Sonst komm ich hier nicht weg.“

„Warte auf mich. Ich komme so schnell ich kann.“

„Wir haben keine Zeit, Wintermute. Sie sind mir auf den Fersen. Ein Wunder, dass sie dich noch nicht gefunden haben. Öffne die Klammern. Ich versuche so lange wie möglich zu bleiben. Aber wenn es mir zu heiß wird, mache ich einen Abgang.“

„Ich beeile mich“, versprach Wintermute und öffnete die Halteklammern. Ein Countdown von dreißig Sekunde begann.

Wintermute rannte los.

 

„Wir haben sie! Ein Sucher hat gerade gemeldet, dass auf dem Flugfeld eine Maschine geentert wurde. Der Pilot ist tot, das Flugzeug startbereit.“

„Aktiviert die Flugabwehr. Sie dürfen nicht entkommen!“ befahl Carmen.

„Die Anlagen sind noch immer offline.“

„Dann schießt mit allem, was ihr habt, in die Luft. Wir dürfen sie nicht entkommen lassen!“

„Bestätigt. Ein weiteres Team wird zu euch stoßen. Treffpunkt am Hangar neun.“

Zwei Soldaten kamen aus dem oberen Stockwerk runter und erstatteten Carmen ihren Bericht. Die beiden Lotsen waren tot. Carmen befahl ihnen zurückzugehen und die Zentrale zu sichern. Dann machte sie sich auf zum Flugfeld.

 

„Rauchst du?“

„Nicht mehr. Schlechte Angewohnheit. Tötet“, antwortete der andere Soldat knapp.

„Könnten wir morgen sowieso sein. Die Anlagen sind runter. Wenn jetzt noch ein Angriff kommt, geht es Mann gegen Mann.“

„Wir haben ihnen vorhin schwer zugesetzt. Sie werden sich die Wunden lecken.“

Der Soldat zündete sich eine an und bot seinem Kameraden dann trotzdem auch eine an. Es war die letzte in der Schachtel. Der Soldat zögerte, nahm sie dann aber doch. Er bekam Feuer und blies dann den blauen Dunst durch die Nase aus. „Das hat mir gefehlt.“

Dann spritzte Blut. Er röchelte und fiel um.

 

Wintermute hatten einen Waffenschrank entdeckt. Aber außer einigen Patronenhülsen für Automatikgewehre und einem Notfallkoffer hatte er nichts gefunden. Im Koffer waren einige Stims, Verbandsmaterial und ein Skalpell gewesen. Sofort setzte sich Wintermute noch ein Stim. Dann packte er das Skalpell aus. Es war messerscharf, brandneu laut Verpackung.

Wintermute aktivierte den Schwarzlichtanzug und ging dann getarnt weiter. Am Fuß der Treppe standen zwei Soldaten und rauchten.

Lautlos schlich er runter und schnitt dem ersten Soldaten die Kehle durch. Der andere riss sofort das Gewehr hoch und schwenkte mit dem Lauf herum. Das Lasersuchgerät schaltete er aber zum Glück nicht an. Die Laser konnten nämlich die Schwarzlichtanzüge außer Kraft setzen.

Wintermute schlich weiter, stieg dabei über die Leiche des anderen Soldaten und versteckte sich dann in einem Winkel. Auf der Suche nach dem unbekannten Angreifer bewegte sich der Soldat jetzt langsam zu seinem toten Kameraden. Wintermute stellte sich hinter ihn und trieb ihm das Skalpell dann durch die Wirbelsäule. Dabei brach es zwar ab, aber der Soldat brach zusammen und zuckte am Boden. Wintermute nahm das Kampfmesser des bereits toten Gegners und beendete das Leiden des anderen.

Dann nahm Waffen und Munition an sich und rannte weiter. „Destiny? Bist du noch da?“

„Ja, aber nicht mehr lange.“

 

Im Hangar neun traf das kleine Team von Carmen mit einem Eliteeingreifteam zusammen. Diese kampferprobten Soldaten waren vor allem zur internen Sicherung der Anlage ausgebildet worden, hatten ihre Fähigkeiten aber auch schon bei der Verteidigung der Stadt und im offenen Feld unter Beweis gestellt. Sie waren schnell, brutal und fanatisch.

„Ab hier übernehmen wir“, sagte der leitende Captain herablassend. Carmen zückte aber unbeeindruckt ihre Marke und brachte das Großmaul zum Schweigen.

„Hört mir gut zu, denn ich sage das nur ein Mal. Die Festsetzung dieser Eindringlinge hat höchste Priorität. Ein Fehlschlag ist absolut inakzeptabel.“

„Kein Problem. Wir sprengen das Flugzeug mit der Bazooka. Dann kommen sie nirgendwo hin. Sollten sie überleben.“

„Wir brauchen sie aber lebend! Keine schweren Waffen. Wir beschränken uns auf Blendgranaten und leichte Schusswaffen. Keine Gatlings.“

„Jawohl. Dann los!“

Sie öffneten die Hangartore. Das Feld war geräumt, nur ein Flugzeug stand auf dem Flugfeld. Die Halteklammern hatten sich gerade gelöst und der Pilot wendete die Maschine um auf das Rollfeld zu kommen.

„Aufhalten!“ bellte der Offizier der Eingreiftruppe. Seine Männer verteilten sich und eröffneten das Feuer.

 

Wintermute hatte gerade das Gebäude verlassen als ein Hangar geöffnet wurde und schwer bewaffnete Soldaten auf das Flugfeld strömten. Sie nahmen das Flugzeug unter Feuer.

Wintermute warf alle Skrupel über Bord und deaktivierte den Schwarzlichtanzug. Für alle gut sichtbar rannte er los, feuerte dabei sein Gewehr ab und traf mindestens einen der Soldaten und versuchte zu dem immer schneller rollenden Flugzeug aufzuschließen.

Aber das Trommelfeuer der Verteidiger war zu stark und Destiny schaltete auf vollen Schub um wenigstens sich in Sicherheit zu bringen. Das Flugzeug hob ab und schmolz zu einem kleinen Punkt im Himmel zusammen.

Wintermute verlangsamte seine Schritte und warf das Gewehr weg. Die Sache war aussichtslos.

„Festnehmen!“ war das letzte was er hörte. Dann warfen sich mehrere Soldaten auf ihn und rissen ihn zu Boden. Ohne Rücksicht auf ihn rissen sie seine Arme nach hinten und fesselten sie.

Wintermute entschwand für einen Moment. Als er wieder bei Sinnen war, sah er sich von Stiefeln umgeben. Er wagte es nicht seinen Blick zu heben.

„Welch Überraschung. Ausgerechnet den Wolf unter den Schafen erwischen wir“, sagte jemand, dessen Stimme Wintermute nur zu gut kannte. Aber er hatte gedacht die Person sei tot.

 

Zwanzig Stunden später fiel diese Basis in die Hände der Fraktion, der auch Wintermute angehört hatte. Nach der Niederwerfung der neuen Allianz hatten sie sich umbenannt und traten als Befreier aller Menschen auf.

Die Gräueltaten, die für ihren Erfolg von Nöten gewesen waren, wurden vertuscht. Um auch den letzten Beweis zu vernichten, wurden die Opfer zuerst in Umerziehungslager gebracht. Dabei musste vor allem aussortiert werden, wer Funktionär und wer nur einfacher Arbeiter gewesen war.

Die meisten Leute, sowohl Soldaten als auch andere Bedienstete im Kriegseinsatz, erfuhren erst danach was sie oder ihre Kameraden alles getan hatten.

Die Leute der Sonderkommandos für Cyberspaceeinsätze, also alle Cracks, verschwanden kurz darauf mysteriös von der Bildfläche.

Kaum waren sie verschwunden, löschte ein Systemfehler die Psychoprofile aller Mitarbeiter. Nach der Wiederherstellung blieben die Daten der Geheimdiensteinheiten unvollständig.

Leute wie Wintermute, vor einigen Monaten noch als Helden deklariert und geehrt, verschwanden so für immer aus dem Gedächtnis der Gesellschaft.

 

In den Eisenminen arbeiteten vorzugsweise Lurker, Leute die niemand vermissen würde. Das hatte den Vorteil, dass einstürzende Grubenstollen selten Kosten nach sich zogen, von den Werkzeugen einmal abgesehen.

Eines Tages trafen sich dort zwei Frauen. Die eine hatte blonde Haare und einen für die Minen sehr zierlichen Körperbau.

Die andere war brünett und mittlerweile kräftig gebaut. Sie wurde Miriam genannt und war noch nicht so lange hier. Davor hatte sie in einer andern Fabrik an den Ambossen gearbeitet. Das versuchte ihr zumindest ihr Restselbstbild vorzugaukeln. Aber irgendwie hatte der Name Destiny für diese Frau eine Bedeutung. Er holte sie immer wieder in ihren Träumen an. Der Psychiater sagte aber, es wäre nur eine Blendung der Vergangenheit, die durch ihre Umprogrammierung entstanden sei. Miriam sei angeblich in der Fabrik ausgerastet, total durchgebrannt.

Als sie diese beiden Frauen trafen, die Blondine arbeitete wegen ihres zierlichen Körpers nur in der Werkzeugausgabe, sahen sie sich zufällig in die Augen.

Bei der Blondine, Carmen, machte man sich nicht die Mühe ihr eine falsche Erinnerung einzuspeisen. Man hatte ihren Charakter nur gefügig gemacht, aber sie erinnerte sich an ihr voriges Leben. Das Restselbstbild war nicht vorherrschend. Sie sah die Vergangenheit in ihren Träumen gestochen scharf und wusste, wer sie gewesen war. Vielleicht die letzte Zeugin einer längst vergangenen Periode.

Als sie sich in die Augen sahen, wurde etwas ausgelöst. Beide konnten es sich nicht erklären und schwiegen darüber. Aber in diesem Moment fühlten sie sich sehr verbunden und ein Name brannte sich in ihr Gedächtnis – Wintermute.

Wer war Wintermute?

 

In seinen letzten Sekunden hatte sich Wintermute erinnert. Dass die Menschen immer neue Mittel und Wege finden zu sterben. Erst jetzt erkannte er, wie sehr der Autor recht gehabt hatte. Über ihm stand Carmen und sah spöttisch auf ihn herunter, in der Hand ihren Revolver. „Weißt du was du mir angetan hast?“

Wintermute wusste es und es tat ihm Leid. Aber um Gnade zu flehen war sinnlos.

„Ich werde dich töten.“

Wintermute schloss die Augen und besann sich darauf, dass er ein Held war, ein Märtyrer. Dass er nie vergessen werden würde.

 

Wie falsch er doch lag.

Verfasst habe ich die Geschichte vor knapp 4 Jahren, kurz nachdem ich William Gibsons "Die Neuromancer-Trilogie" gelesen hatte. Dieses Werk dominiert auch diese Geschichte, die ich mit Elemente aus Sid Meiers Alpha Centauri vermischt habeNicolai Rosemann, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.06.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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