Lena Weidmann

Wolfspakt

Achtung: Kurzroman (32 Din A4-Seiten) 

Wolfspakt

Anfang des 18. Jahrhunderts. Irland an der Westküste. Keine gute Zeit für das Land und seine Untertanen. Kriege hatten Städte zerstört und Leid und Elend zurück gelassen. Das Königreich war geprägt von Hunger, Krankheit und Tod. Ein fabelhafter Nährboden für die schwarze Magie und ihre Anhänger. Einer davon war Adraco. Verehrer, aber auch Gegner nannten ihn „der dunkle Meister“. Jene, die ihn fürchteten, nannten ihn den schwarzen Teufel. Der dunkle Magier, der vor vielen Jahren aus den deutschen Landen nach Irland übergesiedelt war,  hatte es sich zur Aufgabe gemacht, seine Kunst an jüngere Generationen weiterzugeben und so ihren Fortbestand zu sichern. Um zu testen, ob seine zukünftigen Schüler dieser Ehre gerecht werden konnten, suchte er sie in ihren Träumen auf und erzeugte Trugbilder von Situationen, in denen sie eine bestimmte Reaktion zeigen sollten. Erfüllten sie seine Erwartungen, so rief er sie zu sich. Gelang es ihnen außerdem dem schwierigen und gefährlichen Weg zu ihm zu überwinden, so lehrte er sie auf seinem großen Hof mit den von außen verfallen wirkenden Gebäuden die Kunst der schwarzen Magie. Seine Schüler, die vorzugsweise aus dem deutschen Königreich kamen,  blieben zwei Jahre in seiner Obhut und erlernten in dieser Zeit alles, was der Meister für wichtig hielt. Ein Entkommen gab es nicht mehr, nachdem sie seinem dunklen Ruf gefolgt waren. Bestanden sie die schwierige Abschlussprüfung wurden sie zu anerkannten Magiern der Unterwelt. Widerstrebten sie den Anweisungen des Meisters, erfuhren sie Leid und Abweisung.

 

Der Ruf der Schlange

Er starrte an die dunkle Holzdecke seiner Kammer. Er fror. Es war Winter und der erste Schnee war gefallen. Es war eine Zeit, in der viele Menschen ihr Leben ließen. Der Hunger und die Krankheiten, die der Krieg nach seinem Ende zurück gelassen hatte, tauchten den gesamten europäischen Kontinent in einen dunklen Nebel aus Trauer und Verzweiflung. Das deutsche Königreich und seine Untertanen waren besonders hart getroffen. Das Schafsfell, das nur seinen Oberkörper bedeckte, reichte nicht aus, um Jeremias vor den eisigen Temperaturen zu schützen. Bis auf Haut und Knochen abgemagert  wünschte er sich nichts sehnlicher herbei, als das Frühjahr. Die warmen Sonnenstrahlen fehlten, die bunten Blumen, die seiner Mutter immer so gut gefallen hatten und vor Allem fehlte die Nahrung. Seine Mutter hatte den ersten, kalten Monat nicht überlebt. Wenigstens blieb sie von der Pest verschont, die vielen Menschen das Leben kostete. Sein Vater war Holzfäller und sein Gemüt eben so rau, wie die Bäume, die er bearbeitete. Jeremias kam nicht mit ihm zurecht, obgleich er versuchte, alles zu tun, was sein Vater von ihm verlangte. Er half im Haus und im Wald und versorgte mit seiner älteren Schwester die restlichen vier Kinder der Familie. Er war mit seinen fast 17 Jahren der Zweitälteste. Er hatte noch nie viel Aufmerksamkeit erfahren. Aber er wusste, dass es seine Pflicht war, der Familie entgegen zu kommen. Doch das war schwierig, wenn man in den kurzen Nächten kein Auge zutat. Er schämte sich. Vor seinem Vater und vor seinen Geschwistern. Dass ihn Alpträume verfolgten und er deswegen am Tage fast zu müde war, um zu arbeiten, verschwieg er. Er versuchte sich durchzubeißen, aber es wollte ihm nicht recht gelingen. Sein Vater beschimpfte ihn als Taugenichts und ließ ihn nur noch mehr arbeiten. Jeden Tag aufs Neue. Jeremias war am Ende. Mental und körperlich und dazu diese Alpträume. Er traute schon nicht mehr, die Augen auch nur für einen Moment zu schließen. Die pechschwarze Schlange würde wieder kommen. Sobald er die Lieder schloss, erschien sie vor seinem inneren Auge und schnellte auf ihn zu. Er hatte die Augen in der Regel  geöffnet, bevor sie ihn erreichte. Ließ er sie doch geschlossen, spürte er einen stechenden Schmerz im Herzen und schreckte auf. Er war sich sicher, dass er es sich einbildete, aber dennoch ließen ihm diese Bilder keinen Schlaf. Wenn er in der Nacht träumte, so kam die Schlange zurück, erwürgte Geschwister und Freunde und schoss dann wieder auf ihn zu. Bevor sie ihn dann erreichte, wachte er auf. Einige Male hatte er nach seinen Geschwistern gesehen, doch die schliefen tief und fest. Mit jedem Tag wurde er schwächer und je schwächer er wurde, umso realer wurden die Träume. Als er es eines Nachts nicht mehr aushielt, kletterte er auf das brüchige Dach ihrer Hütte und sprang. Er wollte sterben. Auch er wenn er sich feige fühlte, so war seine Kraft zu Ende.. Doch er starb nicht, als er auf dem Boden aufschlug. Er war noch nicht mal verletzt. Ungläubig betrachtete er seine Handflächen, mit denen er sich abgefangen hatte. Nicht ein Kratzer war zu sehen. Dann hörte er das Zischen. Es war ihm bekannt. Er kannte es aus seinen Träumen. Unsicher machte er einige Schritte nach vorne, drehte sich in alle Richtungen. Doch auch der Vollmond leuchtete nicht hell genug, um sie ausfindig zu machen. Die schwarze Schlange, die ihn in seinen Träumen heim suchte. Plötzlich zog sich ein Schmerz durch seine ganzen Körper. Er biss sich auf die Lippe, um nicht laut los zu schreien. Als er nach unten sah, erkannte er sie. Die Schlange hatte ihre giftigen Zähne oberhalb des linken Fußknöchels in seiner Haut versenkt. Sie sah in seine eisblauen Augen. Es war, als sähe sie durch sie hindurch bis in sein Herz.

Seine Gedanken kreisten nur um seine Geschwister. Die Schlange durfte nicht in die Hütte gelangen. Ruckartig machte er sich von ihr los und zog sein stumpfes Messer aus der Hosentasche. Er stach zu und traf sie etwas unterhalb des Kopfes. Sie sah ihm noch einen Moment lang in die Augen. Es schien fast, als lächele sie. Dann verschwand sie in einer Wolke aus schwarzem Rauch. Jeremias atmete schwer. Er stand da, wie festgewachsen. Seine Hand, in der er noch das Messer hielt, zitterte. Es war mit schwarzem Blut getränkt. Die Wunde, welche die Giftzähne der Schlange hinterlassen hatte, brannte. Wie in Trance ging er zurück in seine Kammer. Tausend Fragen schwirrten in seinem Kopf. Warum war er unverletzt geblieben, als er gesprungen war? Wieso erschien die Schlange aus seinen Träumen plötzlich in der realen Welt? Gedankenvoll betrachtete er die Bisswunde oberhalb seines Knöchels. Die Wundränder hatten sich schwarz gefärbt. Er hoffte, dass ihn das Gift sein Leben kosten würde. Als er am nächsten Tag aufwachte, hatten sich die Schmerzen jedoch gelegt und als er die Wunde berührte, stellte er erschrocken fest, dass sich ein Bild daraus bildete. Eine Art ewige Körperbemalung, wie er  es aus Erzählungen kannte, entstand aus der punktförmigen Wunde. Das Bild zeigte eine schwarze Schlange mit weit aufgerissenem Maul und spitzen, schneeweißen Giftzähnen. Er schloss die Augen und öffnete sie wieder. Das Bild war verschwunden. Doch als er die Wunde ein zweites Mal berührte, erschien es wieder. Was hatte das alles zu bedeuten? Noch in der kommenden Nacht sollte er es erfahren.

Die Schlange sah ansehnlicher aus, als bei den vorrangegangenen Malen. Sie war weit weniger furchteinflössend. Sie war viel mehr bewundernswert. Wie sie sich wand, schnell und zielsicher. Ihre scharf blickenden Augen fest auf einen Punkt gerichtet. Ihre Haut schwarz und glänzend. „Komm mit mir, Jeremias. Folge meinem Ruf und du wirst alles erlangen, was du dir je erträumt hast! Folge mir!“ Ihre Stimme war zischend, aber dennoch klar und gut zu verstehen.

Als er aufwachte, wurde ihm so einiges bewusst. Diese Träume, die Trugbilder und der stechende Schmerz. Jede Nacht, wenn die Schlange zubiss. Sie waren eine Manipulation, ein Zeichen, dass er etwas zu tun hatte. Er sollte ihr folgen. Folgen? Aber wohin? Die kommende Nacht brachte ihm Gewissheit. Der Traum  zeigte ein Schiff im Hafen. Er kannte ihn. Er war nicht weit von seinem Ort entfernt.  Der Nordseehafen, der Ursprung für die Schifffahrten, die teilweise die gesamte, bekannte Welt umkreisten. Er würde den Hafen aufsuchen, bald schon. Um zu wissen, was die Schlange mit ihrem Ruf bezweckte. Die Träume blieben fortan die gleichen. Die Schlange rief nach ihm und zeigte das Schiff im Hafen. Er wollte seiner Schwester davon erzählen, doch als er das aussprach, was er geträumt hatte, sah die ihn nur verwirrt an. „Was ist? Du magst Schlangen? Warum erzählst du mir das?“ Jeremias dachte, er habe sich verhört. Er wiederholte seinen Bericht. „Ja, ich weiß jetzt, dass du Schlangen magst, aber wieso zum Teufel sagst du mir das?“ Er wusste nicht, warum nicht das bei seiner Schwester ankam, was er sagte, aber er war sich sicher, dass auch das ein Werk der Schlange war. Er wollte ihr das Bild auf seinem Bein zeigen, doch sie schüttelte nur genervt den Kopf. „Jeremias! Was soll der Unsinn! Ich sehe keine Schlange. Du hast da einen kleinen Kratzer, mehr nicht. Ist auch alles in Ordnung? Hast du Fieber?“ Er schüttelte den Kopf. „Nein ... nein. Alles ist gut ... Maria? Ich werde für lange Zeit weggehen!“ setzte er an. „Bitte? Verzeih, habe ich richtig verstanden? Wieso weggehen? Wohin willst du denn?“ „Das weiß ich noch nicht, aber ich muss von hier fort. Ich kann nicht länger bei euch bleiben! Ich werde zurück kehren, so bald ich kann!“

Am nächsten Morgen – Jeremias war aufbruchsbereit – erfuhr er, dass seine Schwester dem Vater von seinem Plan erzählt hatte. Er packte ihn beim Kragen und drückte ihn gegen die Wand. Er holte aus und schlug ihm mit der flachen Hand ins Gesicht. Hatte sein Vater weniger fest zu geschlagen, wie er es gewohnt war, oder hatte er aus anderen Gründen nur einen geringen Schmerz verspürt? „Bist du des Wahnsinns? Du wirst mich hier nicht mit fünf Kindern alleine lassen. Du hast deine Aufgaben zu erfüllen. Verstehst du mich?“ Jeremias wusste nicht weshalb, aber er hatte plötzlich das Gefühl, seinem Vater überlegen zu sein. Er befreite sich aus seinem Griff und als der Vater wieder auf ihn losgehen wollte, hielt er seiner Faust stand. „Was zur ...!“ Sein Vater sah ihn an, suchte vergebens nach der Quelle seiner Kraft. Schließlich ließ er den Arm sinken. Seine Augen strahlten eine beunruhigende Gewissheit aus. „So geh, geh mein Sohn und finde deinen Weg. Aber bitte ... finde den richtigen!“ Jeremias verstand seinen Vater nicht. Er ließ ihn gehen? Um seinen Weg zu finden? Aber es war ihm Recht. Er wollte, dass die Träume aufhörten, dass diese Schlange aus seinem Leben verschwand und natürlich wollte er wissen, was es  mit all dem auf sich hatte. Er ließ seinen Vater ungern mit den fünf Geschwistern allein, auch wenn er ihn hasste. Es half nichts. Er musste gehen, um die Schlange loszuwerden. So dachte er zumindest.

Dass er sich mit dem ersten Schritt in Richtung Hafen in gewisser Hinsicht für immer an sie kettete, konnte er nicht ahnen. Schon von weitem erkannte er das Schiff, das im Hafen lag. Es war das aus sein en Träumen. Ein riesiger, dunkel hölzerner Buk und das bemalte, blassweiße Segel. „Irish Dolphin“. Jeremias las den Schriftzug auf dem Segel und betrachtete das abgebildete Symbol. Ein Delphin mit einem dreiblättrigen Kleeblatt auf der Flosse. In der Schule, die er nur bis zur vierten Klasse besuchen konnte, hatten sie gelernt, dass das dreiblättrige Kleeblatt im Wappen von Irland enthalten war. Es ging also nach Irland. Es würde eine weite und kräftezehrende Reise werden, das wusste er bereits. Nur wie sollte er auf das Schiff kommen. Er hatte nicht genügend Geld, um die Überfahrt bezahlen zu können. Er überlegte den Kapitän zu fragen, ob er ihn mitnehmen würde, aber er verwarf den Gedanken umgehend. In dieser Zeit tat niemand etwas umsonst. Es blieb ihm nichts anderes übrig. Jeremias musste als blinder Passagier an Bord gehen. Als er erkannte, dass alle Matrosen damit beschäftigt waren, die Transportkisten auf das riesige Schiff zu hieven, schlich er sich über die Laderampe in den Bauch des Schiffes und versteckte sich dort zwischen zwei großen Fischnetzen. Wie er die zweiwöchige Fahrt hier unten überleben sollte, wusste er noch nicht. Aber jetzt konnte er nicht mehr zurück. Er würde es schon irgendwie schaffen. Es dauerte eine Ewigkeit bis er fühlte, wie sich das Schiff mit Hilfe der Ruderer in Bewegung setzte.

Die folgenden zwei Tage wurden hart für Jeremias. Er musste zwischen den Netzen sitzen bleiben, da die Besatzung den Laderaum abgeschlossen hatte. Wenn das so weiter ging, musste er sich zu erkennen geben, sonst würde er verdursten. Im Gegensatz zu den Lebensmitteln schienen sie das Wasser in einem anderen Teil des Schiffes aufzubewahren. Am Ende der zweiten Nacht erschien ihm die Schlange im Traum. „Sehr gut, Jeremias. Du bist meinem Ruf gefolgt. Jetzt tue, was ich dir sage. Gehe in Irland an Land und folge dem Mond, bis wir uns wieder treffen “ flüsterte sie. Er war am Ende seiner Kraft. Seit fast drei Tagen hatte keinen Tropfen Flüssigkeit zu sich genommen und aus Angst, entdeckt zu werden, hatte er auch nie lange geschlafen. Er wusste, dass ihn das Schiff nach Irland bringen sollte. Aber ob er letztendlich lebend dort ankam, war fraglich. Am Ende des dritten Tages ohne Wasser hörte er, wie sich die Tür öffnete. Ein kräftiger, ungepflegter Mann betrat den Raum und zog drei Lederbeutel mit gesalzenem Fleisch aus einer Transportkiste. Er wollte sich gerade wieder umdrehen, als Jeremias, der sich am Netz festgehalten hatte, abrutschte und das Fischnetz mit zu Boden riss. „Was zur Hölle ...?“ setzte der Mann an. Seine Stimme war heiser und er klang betrunken. Er erkannte Jeremias unter dem Netzhaufen und zog ihn an den Haaren zu sich. „Was machst du denn hier? Warte nur, der Kapitän wird dich lehren, was es heißt, den blinden Passagier zu spielen!“ Jeremias hatte keine Kraft sich ihm zur Wehr zu setzen. Der Mann schleppte ihn eine steile Treppe nach oben auf das Deck des Schiffes. Augenblicklich unterbrachen alle anwesenden Matrosen ihre Arbeit und  starrten ihn an. „Den hab ich in der Vorratskammer aufgegabelt, wollte sich tatsächlich unbemerkt bis nach Irland mogeln.“ Die Männer begannen zu lachen. Ein großer Schlanker ging auf ihn zu und spuckte ihm vor die Füße. „Ich würde Hackfleisch aus dir machen, aber das überlass ich lieber dem Captain.“ sagte er spöttisch und kniff ihm in die Wange. Wo war die Kraft geblieben, die er verspürt hatte, als er seinem Vater gegenüber gestanden hatte? Wieso war er jetzt zu schwach, um sich zu wehren? Lag es tatsächlich nur am Wassermangel? „Was ist denn hier los? Mischke, wer ist das?“ Ein gutaussehender, junger Mann in sauberem Kapitänsanzug kam die Treppe von seiner Kabine hoch und sah den Mann, der Jeremias festhielt und den Jungen selbst abwechselnd an. „Blinder Passagier, Captain. Hab ich im Vorratsraum gefunden.“ erklärte Mischke. „Aha. Ein blinder Passagier also.“ Der Kapitän trat näher an Jeremias heran und hob sein Kinn mit der Hand an. Prüfend sah er ihm in die eisblauen Augen. „Was machst du hier? Wolltest du nach Irland?“ Seine Stimme ließ keinen Widerspruch zu. „Ja, Sir. Ich wollte nach Irland. Es tut mir Leid, Sir. Aber ich konnte die Überfahrt nicht bezahlen.“ Jeremias’ Stimme war nur noch ein gequältes Flüstern. „Zeigt dem jungen Mann, was wir mit blinden Passagieren machen und dann bringt ihn zu  seinem Arbeitsplatz!“ Jeremias Puls beschleunigte sich. Aber immerhin hatten sie nicht vor, ihn umzubringen. Der Kapitän drehte sich um und ging zur Rehling auf der anderen Seite. Mischke stieß Jeremias zu Boden und zog sich den Gürtel aus der Hose. Er begann damit auf den zitternden Jungen einzuschlagen. Jeremias biss sich in dem Versuch einen Schmerzenschrei zu unterdrücken, die Lippe blutig. Sein Vater hatte das auch mit ihm gemacht, wenn er der Meinung war, Jeremias habe nicht richtig gearbeitet, aber jetzt hatte er das Gefühl, dass dieser Mischke drei mal so fest zuschlug. Als er es schließlich nicht mehr schaffte, jeden Ton zurückzuhalten und aufgrund seiner Heiserkeit mehr quietschte als schrie, hielt Mischke auf den Befehl des Kapitäns inne. „Es reicht. Ich glaube, er hat seine Lektion gelernt.“ Mischke ließ ihn aufstehen: Jeremias beugte sich sogleich über die Rehling, um sich zu übergeben. Der Kapitän klopfte ihm auf die Schulter. „Schon gut, aber wenn wir jedem blinden Passagier seine Tat einfach so durchgehen lassen, können wir bald mit drei Schiffen mehr nach Irland segeln. Dort geht’s den Leuten momentan besser als hier.“ Der Kapitän ordnete an, dass er während der restlichen Überfahrt für seine Fahrkarte arbeiten musste. Ein Matrose brachte ihn nach unten und drückte ihm ein Tuch in die Hand. „Schrubb den Boden. Der hat’s dringend nötig!“ forderte er und verschwand. Jeremias fror und die von Mischkes Gürtel getroffenen Stellen schmerzten. Hinzu kam der Durst, der ihn immer noch quälte. Die in Salz eingelegten Sardinen, die er zwischendurch gegessen hatte, hatten es nur schlimmer gemacht. Allmählich begann er daran zu zweifeln, dass es die richtige Entscheidung gewesen war, nach Irland aufzubrechen. Nur weil eine Schlange ihn verfolgte. Wie befohlen schrubbte er den Boden und rieb sich dabei die Hände wund. Er traute nicht, sich nach Wasser zu erkundigen. Er hatte den Kapitän genug gereizt. Doch er brauchte nicht danach zu fragen, denn nach einer Stunde und nachdem der Holzboden glänzte, brachte der Kapitän einen Tonbecher gefüllt  mit Wasser. „Hier. Trink. Du brauchst nicht glauben, dass ich nicht weiß, dass du seit drei Tagen kein Wasser zu dir genommen hast. Ich bin kein Unmensch, du kannst mit mir sprechen!“ sagte er sanft. Seine Stimme war kaum wieder zu erkennen. Jeremias trank hastig den Becher aus. „Du kannst dir Wasser holen,  wann immer du Durst hast. Drüben neben der Vorratskammer lagern wir es. Und jetzt erzähl mal. Wie ist dein Name und was willst du in Irland?“ Jeremias zögerte. „Keine Angst, ich werde dich schon nicht von Bord werfen!“ „Mein Name ist Jeremias, Sir.“ Der Kapitän sah ihn fragend an. Er wusste nicht, ob er ihm wirklich von der Schlange erzählen sollte. Er entschied sich aber schließlich dafür, eine andere Geschichte zu erfinden, da der Kapitän ihm vermutlich so oder so nicht glauben würde. „Ich habe Verwandte in Irland. Zuhause hatte ich Niemanden mehr, also habe ich beschlossen, sie zu suchen!“ Der Kapitän schien sich zufrieden zu geben. „Also gut. Dann hoffe ich, dass du sie findest. Aber die verbleibende Zeit an Bord nutzt du, um deine Überfahrt mit deiner Arbeitskraft zu bezahlen!“ „Zu Befehl, Sir ...“ Der Kapitän drehte sich um und verließ den Bauch des Schiffes über die Treppe. „Sir? Danke, Sir!“ rief Jeremias ihm hinterher. Er war erleichtert. Vorerst war es ausgestanden. Die erste Hürde auf dem Weg zu der geheimnisvollen Schlange, war genommen. Dachte er zumindest. Die Arbeit auf dem Schiff war hart, aber machbar. Zudem hatte er in den letzten Tagen keine Alpträume mehr gehabt und hatte somit seit Langem wieder Schlaf gefunden. Einen halben Tag vor Ankunft an der irischen Südküste geschah ein Unglück. Die Besatzung geriet mit dem Schiff in einen schweren Gewittersturm und das Boot kenterte. Transportkisten und Gegenstände flogen wie tödliche Geschosse durch den Bauchraum des Schiffes und erschlugen vier Männer der zehnköpfigen Mannschaft. Jeremias entging nur knapp einem verrosteten Stehleuchter. Sein Puls raste, er klammerte sich an einem Pfeiler fest, um nicht auch durch das Schiff geschleudert zu werden. Der Kapitän war unter einer umgekippten Transportkiste eingeklemmt. Er wimmerte nur noch kaum hörbar. Jeremias wollte ihm helfen und ließ den Pfeiler los, um zu ihm zu kommen. „Raus hier! Ihr müsst raus oder ihr werden mit dem Schiff auf den Grund gesogen!“ brachte er mit letzter Kraft hervor. „Aber wir können Sie doch nicht hier lassen!“ Der Kapitän lächelte matt und schüttelte den Kopf. „Geh, Junge. Ihr könnt es schaffen!“ Jeremias wusste, dass sie es nicht schaffen konnten. Sie waren 8 Meilen vom Ufer entfernt. Kein Mensch würde solch eine Strecke schwimmen können. Nicht bei diesem Wetter. „Geht! Verlasst das Schiff!“ forderte der Kapitän auf, dann hustete er heftig, seine Augen verdrehten sich nach hinten und Jeremias sah zum ersten Mal in seinem Leben einen Menschen sterben. Wie konnte er ahnen, dass er sich in der nächsten Zeit daran gewöhnen musste. „Oh mein Gott! Wir werden alle sterben!“ schrie Mischke. Aus einer Platzwunde an seiner Stirn quoll Blut und lief über sein Gesicht. Es ließ ihn noch furchtsamer aussehen.. „Kommt schon, wir müssen hier raus!“ rief Jeremias den restlichen vier Matrosen zu. Jeremias kletterte mit Mühe die Leiter zum Deck hoch. Dass Schiff lag auf der Seite und trieb unbeholfen auf den tosenden Wellen. „Was tust du?“ schrie einer der Matrosen gegen den Wind an. „Wir müssen vom Schiff runter oder wollt ihr etwa mit ihm untergehen!?“ antwortete er. Der Wind peitschte ihm ins Gesicht und seine Kleidung war vom Regen ab der ersten Minute völlig durchnässt. Es würde nichts ausmachen, denn er musste sowieso gleich ins Wasser springen. „Worauf wartet ihr denn noch?“ fragte er während er sich Hemd und Schuhe auszog. „Du bist da draußen genauso tot wie hier!“ schrie einer der Matrosen. Die anderen nickten. „Wir haben eine Chance!“ versuchte Jeremias sie aufzumuntern, auch wenn er selbst wusste, dass diese gegen Null ging. „Mach, was du willst, wir bleiben! rief Mischke ihm zu, der sich scheinbar beruhigt hatte. In seinen Augen war nur noch resignierte Abgeklärtheit zu lesen. Jeremias sah zu jedem Einzelnen aus der Crue. Dieser Männer fanden sich mit dem sicheren Tod ab, umarmten sich noch einmal und verschwanden im Rumpf des Schiffes. Er bewunderte sie. Seine Angst war viel zu groß, um ihn diese Treppe wieder hinunter steigen zu lassen. Er atmete noch ein mal tief durch. Er ging davon aus, dass es einer seiner letzten Atemzüge sein würde, aber er würde es versuchen. Er würde um sein Leben kämpfen. Mit sicheren Schritten ging er auf die Rehling an der oberen Seite zu, klettere darüber und sprang. Die Kälte des Wasser sog ihm die Luft aus den Lungen. Seine Glieder schmerzten von der ersten Sekunde an. Er biss die Zähne zusammen und schwamm los. Er wusste nicht in welche Richtung, aber er dachte sich, dass es allemal besser war, als sich seinem Schicksal einfach hinzugeben. Die Minuten vergingen wie Stunden, seine Arme und Beine wollten seine Befehle nicht mehr ausführen, er spürte wie die letzte Kraft aus seinem ohnehin schon geschwächten Körper wich. „Kämpfen, Jeremias, du schaffst es!“ hörte er eine Stimme in seinem Kopf. Das klare Zischen der Schlange übertönte das ohrenbetäubende Rauschen der aufgebrachten See. Obwohl die Schmerzen fast unerträglich waren, kämpfte er. Es war tiefe Nacht, vom Vollmond erhellt. Der Vollmond. Mit letzter Kraft, hob Jeremias den Kopf und suchte nach dem von der Schlange vorausgesagten Wegweiser. Er fand ihn westlich und schwamm der dünnen, weißen Linie nach, die er auf den sich langsam beruhigenden Wellen malte. Er wusste nicht, wie lange er geschwommen war – immer mit der Stimme der Schlange im Kopf – als ihm schwarz vor Augen wurde.

„Sehr gut,  Jeremias. Du hast es fast geschafft. Folge dem Mond über das Gebirge. Raste nicht. Komm so schnell du kannst.“ Jeremias schlug langsam die Augen auf. Eine Kerze brannte neben seiner Strohmatte, auf die er gebettet war. Irgendein Tierfell war über seinem hageren Körper ausgebreitet. Vermutlich ein Bärenfell. Sobald er einen Muskel bewegte, durchfuhr ihn ein stechender Schmerz. Keuchend setzte er sich auf. Wo war er? Er sah sich im kleinen Zimmer um. An den hellen Lehmwänden flackerten Schatten, welche das Kerzenlicht warf, ein kleines, rundes Fenster war mit Holz abgedeckt und an der gegenüberliegenden Wand standen Tisch und Stuhl. Seine Augen brannten vom Salzwasser. Jeremias fuhr zusammen, als sich die niedrige Holztür knarrend öffnete. Eine junge Frau mit feuerroten, langen, zu einem Zopf gebundenen Haaren trat ein und musterte Jeremias eindringlich. Erst jetzt fiel ihm auf, dass er überhaupt nichts mehr anhatte. Er zog sich die Decke bis zum Kinn und sah die Frau zitternd an. Ihm war immer noch kalt. Dann sagte die Frau etwas zu ihm, was er nicht verstand. Er hatte diese Sprache schon mal irgendwo gehört, aber wo!? Als sie bemerkte, dass er sie nicht verstand, zog sie den Stuhl zu ihm heran und setzte sich. „Du deutsch?“ fragte sie mit starkem Akzent. Jeremias nickte. „Wo bin ich?“ Seine Stimme war heiser. Die Frau überlegte einen kurzen Moment. „Hier Irland!“ sagte sie zögerlich. Eine tonnenschwere Last fiel von ihm ab. Er hatte es tatsächlich geschafft, er war in Irland. Die Frau sagte wieder etwas auf irisch und verschwand dann. „Warte“  rief Jeremias ihr hinterher. Er konnte so unmöglich raus, nur mit dem Bärenfell um seinen Körper. Also wartete er. Kurze Zeit später erschien ein Herr in der Tür. Er war der Frau wie aus dem Gesicht geschnitten. Vermutlich waren sie Geschwister. „Ich bin Cilian und das ist meine Schwester Ava. Sie hat dich gestern Morgen am Strand gefunden. Wir dachten, du bist tot.“ erklärte er, zwar mit Dialekt, aber in korrektem Deutsch und deutete auf die Frau, die wieder hinter ihm erschienen war. „Danke, dass Sie mir geholfen haben!“ gab Jeremias zurück. „Mein Name ist Jeremias, unser Schiff ist im Sturm gekentert!“ „Ein Wunder, dass du überlebt hast. Tut dir was weh?“ „Es geht schon, danke. Ich muss aufbrechen, haben Sie meine Kleidung noch?“ Cilian übernahm einen Leinensack von seiner Schwester und gab ihn Jeremias. „Deine Hose war durchnässt und voller Risse und Löcher. Du kannst das hier haben!“ „Das ist nett, danke.“  „Wir lassen dich jetzt alleine. Wenn du fertig bist, kannst du in die Stube kommen, da kannst du dich noch ein bisschen aufwärmen, bevor du gehst!“ Jeremias nickte und zog sich die Hose, das Hemd und den Schafswollpullover über. Die Leinenschuhe streifte er über die steifen Füße und band sie mit den Lederbändern fest. Er konnte immer noch nicht richtig glauben, dass er das Schiffunglück tatsächlich überlebt hatte. Er schloss die Augen und dachte an die Matrosen. Er hoffte inständig, dass sie nicht lange hatten leiden müssen. Er konnte kaum aufstehen, aber er rief sich die Worte der Schlange ins Gedächtnis. „Komm so schnell du kannst!“ Als er in die Stube humpelte, saßen Cilian und Ava mit einem älteren Paar und einem kleinen Jungen am Feuer. Die Familie lächelte ihn an. „Setz dich. Hier hast du eine Tasse Tee. Trink das aus. Dann geht’s dir besser.“ Cilian reichte ihm das Tongefäß und machte ihm Platz vorm Feuer. „Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll.“ „Danke nicht uns! Danke Gott, dass er dich am Leben ließ!“ Jeremias nickte betroffen. Er hatte noch nie an Gott geglaubt, aber er zweifelte allmählich daran, dass es das Richtige gewesen war. Irgendjemand musste ja dafür gesorgt haben, dass er lebend an Land angekommen war. Er trank den bitteren Tee aus, bedankte und verabschiedete sich von der Familie und machte sich auf den Weg. Es war tiefe Nacht und der Vollmond schien. Immer dem Vollmond nach. Dreizehn Tage wanderte Jeremias über Berg und Tal, durchwart Flüsse und Moore, kämpfte sich durch Gestrüpp und dichte Wälder und rastete nur, wenn seine Kraft und die Schmerzen nichts mehr anderes zuließen. Am Ende der dreizehnten Nacht kam er an eine steile Klippe, unter der das Meer wieder im Endlosen versank. Am Horizont stand der Mond. Mittlerweile war nur noch eine dünne Sichel zu sehen. Der Regen und der starke Wind der letzten Tage hatten sich gelegt und seine Kleider trockneten allmählich. Inzwischen war es Dezember, aber die Temperaturen fielen noch nicht unter Null. Einige Meter von der Klippe entfernt, legte er sich unter einen Baum und schlief ein. Sein Körper und sein Geist waren gezeichnet von den Strapazen des letzten Monats. „Du bist fast am Ziel, Jeremias. Folge der Klippe in Richtung Norden bis du zu einem Tal kommst. Dort erwarte ich dich!“ Jeremias schreckte hoch. Er wusste nicht wie lange er geschlafen hatte, aber inzwischen ging die Sonne schon wieder unter. Am Himmel vor der Klippe, dort wo gestern Nacht noch der Mond gestanden hatte. Hier  musste also Westen sein. So wusste er auch, in welche Richtung er gehen musste. Er folgte der felsigen Klippe – wie befohlen – in Richtung Norden. Er lief die Nacht durch, nur begleitet von den Sternen. Der Mond war verschwunden. Als das Morgengrauen einsetzte, erkannte er das Tal, von dem die Schlange gesprochen hatte. Ein großer, verfallen wirkender Hof stand inmitten des grün bewachsenen Tales, durch das ein kleiner Flusslauf führte. Jeremias Hände zitterten vor Aufregung. So viel Leid hatte er auf sich genommen, um diesen Ort zu erreichen. Was würde ihn jetzt erwarten. Er lief den Hang hinunter, blieb noch einmal kurz stehen, um durchzuatmen und klopfte dann an einem der vier Gebäude. Als sich die Tür wie von Geisterhand öffnete, erkannte er 11 Jugendliche in seinem Alter und einen schwarzhaarigen Mann mit eben so schwarzen Augen und einem langen, schwarzen Kapuzenmantel. Die Gestalten saßen in einem Kreis, vor ihnen brannten Kerzen. Alle Blicke waren auf ihn gerichtet. Wo war die Schlange?

Das war Jeremias’ Geschichte und die von neun weiteren Schülern folgte.

 

Die Raben fliegen wieder

So wie der Meister es uns vorrausgesagt hatte, waren wir mit der Ankunft des zwölften Schülers vollzählig.

Der Mann mit dem schwarzen Gewand hatte sich als unser Meister vorgestellt und uns in seiner Schule begrüßt. Was wir in dieser Schule lernen sollten, wussten wir noch nicht. Er sagte, wir müssten erst warten, bis wir alle anwesend waren. Als der letzte Junge auf dem Hof eintraf und sich als Jeremias vorgestellt hatte, sprach der Meister. „Willkommen auf meinem Gut. Ich bin froh zu sehen, dass ihr alle den Weg zu mir gefunden habt. Damit wir uns besser kennen lernen, bitte ich, euch einmal vorzustellen. Wer seid ihr, wo kommt ihr her und wie habt ihr hier her gefunden?“ Ich blickte in neun sprachlose Gesichter. Mädchen und Jungs sahen sich fragend an. „Jeremias. Wie hast du zu mir gefunden?“ durchbrach der Meister die Stille. Seine eisblauen Augen trafen die Blicke der Anderen. Seine braunen Haare hingen ihm ungezähmt in die Stirn.  Nach kurzem Zögern erzählte er seine Geschichte. Ja, die schwarze Schlange. Sie ist auch mein Grund gewesen, diesen schweren Weg anzutreten. Und auch ihr Bild auf meinem Fußknöchel ist  mir sehr wohl bekannt. Ich konnte sehen, dass zumindest Teile von Jeremias’ Geschichte den Anderen bekannt vorkamen. Nachdem dieser seine Erzählung beendet hatte, rief der Meister Martha auf. Ihre dunkelroten Haare waren zu zwei Zöpfen gebunden, aus denen Strähnen über die Schultern hingen. Ihre grasgrünen Augen glänzten. Ihre Hände zitterten. Sie hatte Angst. Nach weiterem Zurreden durch den Meister, begann sie. Auch sie war dem Ruf der Schlange gefolgt und hatte sich aus dem Süden der deutschen Landen auf den Weg nach Irland gemacht. Sie war mit einem Wanderzirkus bis nach Norden gereist und war von dort die Reise mit einem Schiff nach Irland angetreten. Weil sie kaum Geld hatte, war sie fast verhungert an der Nordküste Irlands angekommen und war von dort aus mit einem gestohlenen Pferd bis zur Westküste gekommen. Immer dem Vollmond nach. Nach Marthas folgte Jacobs Geschichte. Er war in Frankreich geboren, sprach aber mit leichtem Akzent fließend Deutsch. Seine braunen Augen blitzen aufgeregt zwischen dem Meister und der Kerze, die vor ihm stand, hin und her. Seine dunkelblonden, leicht gelockten Haare hatte er zur Seite gekämmt und zog nervös an einer Strähne. Er erzählte, dass er sich freiwillig einem Sklaventreiber verschrieben hatte, der ihn mit nach Irland nehmen sollte. Nur durch einen Trick gelang es ihm, zu fliehen, als das Schiff die Westküste Irlands erreichte. Er folgte dem Mond und kam schließlich am Ende seiner Kräfte beim Meister an. Klara, eine zierliche Gestalt mit weißblonden, dünnen Haaren und blassgrünen Augen, hatte die Arme um den Körper geschlungen und zitterte. Ich fragte mich, wieso sie überhaupt das Abenteuer eingegangen war, dem Ruf der Schlange zu folgen. Es stellte sich heraus, dass sie nur aufgebrochen war, da ihr Bruder Georg, der neben ihr saß und einen Arm um ihre Schulter gelegt hatte, den selben Traum geträumt hatte und sie dazu aufforderte mit ihm zu kommen. Ihre Wege hatten sich getrennt, da ihre Kutsche, die sie zu Hause gestohlen hatten, überfallen wurde und die Räuber Klara mit sich nahmen. Georg, dessen blonde Haare ihm bis auf die Schulter fielen, war zu Fuß bis zum Hafen gekommen und hatte dort vier Tage gewartet. In der Hoffnung, dass Klara kam. Sie kam nicht. Vorerst. Am vierten Tag bestieg Georg das Schiff nach Irland und folgte – so wie wir alle – dem Mond bis zum Hof des Meisters. Einen Tag später traf auch Klara ein. Ein Bürgerlicher hatte sie gegen gewisse Gegenleistungen von den Räubern freigekauft und sie bis zum Hafen gebracht.  Sie war dem Weg ihres Bruders gefolgt. Martin, ein kräftiger Junge mit hellroten Haaren und hellbraunen Augen, der an seinen Fingernägeln kaute, war aus England. Seine Eltern waren in Deutschland geboren, aber kurz nach seinem dritten Lebensjahr beide verstorben. Er war im Westen Englands in einem Heim aufgewachsen, in dem er viel Leid erfahren musste. Hungersnot, Seuchen. Er hatte einen kurzen Weg nach Irland, aber der Weg durch die felsige Landschaft hatte ihm zu schaffen gemacht. Emma, ein blasses Mädchen, dessen pechschwarze Haare in hartem Kontrast zu ihrer weißen Haut standen, war erst nach Dänemark gereist, um dort – wie von der Schlange verheißen – Lynard und Zacharias zu treffen. Lynards und Zarachrias’ Vater besaß ein Segelboot, dass sie stahlen und mit dem sie nach Irland segelten. Unterwegs hatte es viele Stürme gegeben und Emma hatte gedroht, zu ertrinken, als sie von Bord fiel. Zacharias war hinterher gesprungen und hatte sie aus dem eiskalten Wasser gezogen. Nur mit Mühe waren sie an der Ostküste Irlands angelangt und mit ihrer letzten Kraft die lange Wanderung zur Westküste angetreten. Lynard und Zacharias waren Brüder und obwohl Lynard ein Jahr älter war, sahen sie fast gleich aus. Sie hatten dunkle Haare und dunkle Augen und waren groß und schlank. Sie hatten von der Schlange den Befehl bekommen, auf Emma zu warten und sie mit nach Irland zu nehmen. Minna war mit 15 Jahren die Jüngste im Bunde, aber das sah man ihr nicht an. Ihre dunkelgrünen Augen hafteten an der dunklen Gestalt des Meisters. Ihre hellbraunen Haare waren im Nacken zusammengebunden. Auf ihrer Wange verblasste eine rote Strieme. Ihre Eltern wollten nach Irland übersiedeln und hatten ihre Tochter mitgenommen. Die lange Reise mit dem strengen Vater hatte Spuren hinterlassen. In der Nacht hatte sie ihre Eltern zurück gelassen und war nach Westen aufgebrochen, um dem Mond zu folgen. Als Minna ihre Geschichte beendet hatte und damit zehn Schüler ihren Weg zum Meister aufgezeigt hatten, sah eben dieser mich auffordernd an. Ich war an der Reihe. „Mein Name ist Anna. Ich komme aus dem Norden des deutschen Reiches und auch mir ist die schwarze Schlange im Traum erschienen. Ich bin ihrem Ruf gefolgt, weil ich das Gefühl hatte, dass ich meinen Eltern nur noch zur Last gefallen bin. Ich habe acht Geschwister und wir haben wenig Geld. Ich dachte, ich tue ihnen einen Gefallen, wenn ich gehe. Also habe ich das nächste Schiff nach Irland genommen. Bezahlt habe ich die Überfahrt mit gestohlenem Geld. Ich kannte den Herren nicht, der da schlafend unter einem Baum lag und dessen Geldbeutel aus seiner Hosentasche herausschaute. Wir kamen an Irlands Nordküste an und ich bin den restlichen Weg mit verschiedenen Händlern gefahren, die ich mit meiner Arbeitskraft bezahlte.“ Ich verschwieg, dass sie mich in ein Gefängnis gesteckt hatten, weil sie mich dem gestohlenen Geld erwischt hatten und ich dort fast umgekommen wäre. Ich wollte nicht mehr daran denken. „Du warst im Kerker. Was hast du erlebt?“ Die Frage des Meisters durchfuhr mich wie ein siedend heißer Pfeil. „Woher ...?“ fragte ich erschrocken. „Das tut nichts zur Sache.“ Er sah mich eindringlich an. „Kurz vor dem Hafen haben sie mich mit dem gestohlenen Geld erwischt. Die Strafe blieb nicht aus. Sie haben mich zwei Wochen eingesperrt und fast verhungern lassen.“ erzählte ich widerstrebend. Ich wollte die Bilder von dem modrigen Kerker mit den zahnlosen und übel riechenden Gefangenen hinter mir lassen. Es folgte kurzes Schweigen. Dann bemerkte ich wie jeder zu der einzigen Schülerin blickte, die ihre Geschichte noch nicht erzählt hatte. Sie hatte schon dort gesessen, als ich eingetroffen war und ich war eine der Ersten. Ihre langen, mittelblonden Haare waren zu einem seitlichen Zopf gebunden und ihre meerblauen Augen strahlten eine Distanz aus, so als wäre sie mit ihren Gedanken ganz wo anders. Ihr Atem ging ruhig. Überhaupt wirkte sie am Gelassensten von uns Allen. Dann sah sie dem Meister direkt in die Augen. Das traute sich keiner der Anwesenden. Man hatte das Gefühl, dass man sich an seinem Ausdruck verbrannte, wenn man zu lange in die pechschwarzen Seen seiner Augen sah. „Das ist Fin. Wir kennen uns lange. Sie ist dieses Jahr ebenfalls  meine Schülerin.“ sagte der Meister plötzlich. Sie hielt seinem durchdringenden Blick stand. Kein Wort kam über ihre Lippen. Vielleicht ist sie stumm. „Jeder von euch hatte diesen Traum von der Schlange, auf deren Ruf ihr in ein besseres Leben voller Abenteuer und Ereignisse gefolgt seid. Ihr wollt mit Sicherheit wissen, wer diese Schlange ist.“ In diesem Moment umgab den Meister eine dunkle Rauchwolke und als der Nebel sich lichtete, wand sich die uns allen so bekannte Schlange auf dem Boden. „Ich bin die Schlange! Meinem Ruf seid ihr gefolgt!“ zischte sie. Ich sah die restlichen 11 Schüler an. In ihren Gesichtern spiegelte sich meine Fassungslosigkeit. Nur Fin blieb weiterhin unbeteiligt. Wieder verschwand die Schlange in dunklem Nebel und der Meister saß wieder in unserer Runde. Emmas Mund stand offen. Klara war näher an ihren Bruder heran gerutscht. Wir konnten alle nicht glauben, was wir da sahen. Ein Mensch verwandelte sich vor unseren Augen in eine Schlange. Jeremias schüttelte fassungslos den Kopf. „Ich glaube, es ist an der Zeit, euch aufzuklären!“ setzte der Meister an. Mein Puls raste. „Mein Name ist Adraco. Ich bin Meister der Dunklen Künste und werde euch diese hier an meiner Schule lehren. Ihr seid meinem Ruf gefolgt, weil ihr unzufrieden und verzweifelt ward. Nutz eure Chance und lebt ein besseres Leben. Ihr habt alle meine schwierigen Prüfungen bestanden, das heißt, dass ihr bereit seid für die Schwarze Magie. Wenn ihr gehen wollt, so geht jetzt. Aber ihr müsst nicht glauben, dass ich euch auf eurem Heimweg noch mal zur Hilfe komme. Sagt ihr mir jedoch zu, so bleibt ihr für die nächsten zwei Jahre in meiner Obhut. Ihr werdet erreichen, was ihr euch ersehnt habt und weder Durst noch Hunger leiden. Entscheidet euch jetzt.“ Ich sah mich um. Die Geschwister begannen zu flüstern. Wenn ich daran dachte, dass ich jetzt wieder zurück musste, wurde mir schlecht. Solch eine Reise würde ich nicht noch ein mal überleben. Aber schwarze Magie. Ist es das, was ich mir ersehnt habe? Ich konnte mir noch nicht wirklich etwas darunter vorstellen. Aber der Gedanke mich in ein Tier zu verwandeln oder zaubern zu können, ließ mich eine Entscheidung treffen. Ich würde bleiben.

„Ihr habt euch entschieden? Gut. Wenn ich euch aufrufe, steht auf und teilt mit euren Entschluss mit!“ sagte der Meister. Ein Schüler nach dem Anderen wurde aufgerufen. Ein Schüler nach dem Anderen entschied sich zu bleiben. „Fin, ich kenne deine Entscheidung!“ sagte der Meister an das blonde Mädchen gerichtet, als er jeden nach seinem Entschluss gefragt hatte. Bleibt sie oder nicht? Fin zeigte keine Reaktion, aber als der Meister fortfuhr, wussten wir, dass auch sie bleiben würde. „Nehmt die Kerze, die vor euch brennt, und haltet sie an eure Male.“ Wir sahen uns verwirrt an. Wir wussten, was mit den Malen gemeint war. Die Schlange auf unseren Knöcheln. Aber eine brennende Kerze daran halten? Fin war die Erste, die zur Kerze griff. Allerdings bemerkten wir, dass sie das Mal nicht am Fußknöchel hatte, sondern am Handgelenk. Sie führte den brennenden Kerzendocht in Kreisbewegungen über die Stelle, die sie soeben berührt hatte. Sie verzog keine Miene. Als sie die Kerze wieder hinstellte, verblasste das Mal nicht. Es war unwiderruflich in ihre Haut eingebrannt. Georg und Jacob machten es ihr nach, doch ihre angespannten Gesichter verzogen sich schmerzerfüllt, als das Feuer ihre Haut streifte. Ich hatte schon die Hoffnung, dass wir an dieser Stelle in Zukunft schmerzfrei waren, nachdem Fin scheinbar mit solcher Leichtigkeit die Kerze über ihr Schlangenmal geführt hatte, doch meine Hoffnung löste sich in Luft auf, als die Flamme meinen Knöchel berührte. Ich biss die Zähen zusammen und kämpfte gegen den Drang sie einfach wegzunehmen. Als ich die gesamte Fläche, die die Schlange einnahm, „eingebrannt“ hatte, verschwand auch das Bild auf meiner Haut nicht mehr nach kurzer Zeit. Langsam wuchs meine Anspannung. Worauf habe ich mich da nur eingelassen? Der Meister lächelte zufrieden als auch der Letzte aus der Runde die Kerze wieder abgestellt hatte. „Fin zeigt euch eure Kammer und den Rest des Hofes. Wir sehen uns morgen bei der Arbeit.“ Arbeit? Hat er nicht gesagt, er lehrt uns die Kunst der Schwarzen Magie? Ich verkniff mir eine Frage. Fin stand auf und als sie lief, erkannte ich, dass sie den linken Fuß nachzog. Wir würden noch genug Zeit haben uns nach ihrer Verletzung zu erkundigen. Falls sie überhaupt sprechen kann. Wir folgten ihr nach draußen in die beißende Kälte. Doch der unangenehme Zustand, in dem die eisigen Temperaturen unsere entkräfteten Körper durchfuhren, war nur von kurzer Dauer. An einem großen, aber verfallenen Holzhaus hielt Fin an und stieß die Tür auf. In der Mitte des großen Raumes stand ein riesiger Tisch mit dreizehn Stühlen. Ein Holzofen und ein Schrank mit Tongefäßen standen an der Wand. Im Kamin brannte Feuer. Es war warm und man konnte sehen, wie alle ihre Muskeln entspannten. „Hast du deine Zunge verschluckt?“ fragte Lynard plötzlich und meinte damit Fin. Wenn Blicke töten könnten. Sie sah ihn einige Sekunden lang an und lief dann – ohne etwas zu sagen -  eine schmale Holztreppe nach oben. Wir folgten ihr. Dicht aneinander standen zwölf Betten. Im Gegensatz zu den Strohmatten, die wir von zuhause kannten, sahen diese Bettgestelle aus dunklem Holz mit eingebundenen Strohmatratzen richtig gemütlich aus. Dicke Wolldecken waren ordentlich zusammen gefaltet. „Ich glaube, sie ist wirklich stumm.“ flüsterte Klara ihrem Bruder zu.  Wir sahen Fin erwartungsvoll an. Spätestens jetzt war es an der Zeit dieses Missverständnis aufzuklären, wenn es sich dabei tatsächlich um ein solches handelte. Ich hörte wie sie lautstark ausatmete und sich zu uns umdrehte. „Nein, ich habe mein Zunge nicht verschluckt und nein, ich bin nicht stumm.“ sagte sie knapp. Kurzes Schweigen. „Und wieso sprichst du dann nicht mit uns?“ fragte Jacob. „Ihr sprecht doch auch nicht miteinander. Was soll ich denn sagen?“ gab sie zurück und öffnete eine der zwölf Schranktüren. „Du sollst uns rumführen. Dann kannst du uns ruhig sagen, wo wir hier sind!“ entgegnete ihr Minna. Fin sprach das aus, was ich mir im gleichen Moment gedacht hatte. „Hier stehen zwölf Betten. Unten steht ein Tisch. Was denkst du, wo wir sind!?“ Genervt schüttelte sie den Kopf. „Na in der Schlafkammer!“ prustete Martin los. Er dachte scheinbar, dass er unheimlich amüsant war, denn ihm war anzusehen, dass er auf entsprechende Reaktionen wartete. Sie blieben aus. Uns war nicht zum Lachen zumute. Wir waren ausgehungert und am Ende unserer Kräfte. Zudem hatten wir keine Ahnung, was in der nächsten Zeit auf uns zukommen sollte. Fin zog ein Paket schwarzer Wäsche aus dem Schrank und hielt es Jeremias hin, der direkt vor ihr stand. „In jedem Schrank ist Kleidung für euch. Röcke für die Mädchen, Hosen für die Jungs. Sucht euch eure Schränke, die behaltet ihr dann.“ Sie sah jeden in der Runde an. Ihr Blick war durchdringend und ich wäre ihr am Liebsten ausgewichen. Ich hätte es in diesem Moment nicht genau sagen konnte, aber ich glaubte, Wut in ihrem Ausdruck erkennen zu können. Ich würde zu gerne wissen, was es mit diesem Mädchen auf sich hat. „Sieh mal einer an. Sie kann tatsächlich fließende Sätze sprechen!“ stichelte Lynard. „Ich warte unten!“ war ihre einzige Antwort darauf. Sie ließ nicht provozieren, nahm sich ihre Kleidung aus einem Schrank und verschwand. Die Schlafkammer war mit schwarzem Stoff in zwei Teile getrennt. Mädchen und Jungs, vermuteten wir. Endlich lockerte sich die Atmosphäre ein wenig. „Ich weiß nicht, was ich von der ganzen Sache hier halten soll.“ begann Georg. „Ich auch nicht. Ich finde das Ganze ziemlich unheimlich!“ stimmte Emma ihm zu. „Es könnte ganz interessant werden, denke ich. Habt ihr gesehen, wie sich der Meister in die Schlange verwandelt hat. Stellt euch vor, man könnte das auch!“ sagte Lynard und sah träumerisch in die Luft. Zacharias nickte. Ich nahm meine Kleidung aus einem der Schränke und öffnete das breite Lederband, das sie zusammen hielt. Ein schwarzer Rock, der mir bis zu den Knöcheln reichte, eine lange, schwarze Leinenhose, weiche Lederschuhe, eine schwarze Bluse und ein schwarzer Wollpullover fanden sich ordentlich zusammengelegt auf meinem Bett wieder. Als wir uns angezogen hatten und uns ansahen, mussten wir unwillkürlich lächeln. Die Mädchen hatten das Lederband um die Taille gebunden und die Jungs hatten ihre weiten Hosen mit dem Band auf der Hüfte befestigt. Wir sahen alle gleich aus und dazu noch furchteinflößend- so ganz in tiefes Schwarz gehüllt. Nur unsere Gesichter und Frisuren unterschieden uns noch voneinander.  Es war wohl so gewollt, dass diese gemeinschaftliche Kleidung auch unser Zusammengehörigkeitsgefühl bestärkte. Fin trafen wir unten vor dem Kamin an. Abwesend starrte sie ins Feuer. Obwohl sie ebenfalls die gleiche Kleidung trug, hatte ich bei ihr nicht das Gefühl, dass sie eine von uns war und ich war mir sicher, dass es den Anderen auch so ging. Sie führte uns in die nebenanliegende Scheune. „Hier unten ist der Arbeitsbereich, oben findet ihr die Lehrräume.“ Zwölf massive Holztische standen in der Mitte des Raumes. „Darf ich dich mal fragen, was wir arbeiten sollen?“ sagte Martin und rieb sich die kalten Hände. Fin ging auf ein Regal zu und nahm eine Tischuhr heraus. Sie warf sie Martin zu und entgegnete seinem fragenden Ausdruck, indem sie die Augenbrauen hochzog. Sie gab ihm Zeit zum Überlegen. „Wir sollen Uhren herstellen?“ sagte er schließlich. Wir sahen uns ungläubig an. Fin nickte. „Warum das denn?“ fragte Zacharias. „Das fragt ihr besser euren Meister!“ Hat sie gerade „euer“ Meister gesagt? Ich dachte nicht weiter darüber nach und hielt es für eine Unachtsamkeit. Wir folgten ihr nach oben und betrachteten schockiert die Gläser die auf verschiedenen Regalen standen und in deren Innerem Tieraugen, andere Körperteile, ich vermutete auch von Menschen und ganze Embryos in klaren Flüssigkeiten schwammen. „Was ist das denn?“ fragte Minna angewidert und löste ihren Blick von zwei sehr großen Augen mit braunen Linsen. „Besser gefragt: Was war das denn?“ verbesserte Georg. „Na jedenfalls kein Mensch. Dafür sind sie zu groß!“ erklärte Jacob. Im oberen Raum standen ebenfalls Tische, aber nur sechs und zu jedem Tisch gehörten zwei Stühle. An einer Wand stand eine breite Holztafel, vor der eine Art Stehpult aufgestellt war. „Es sind die Augen eines Pferdes. Können wir jetzt gehen?“ richtete sich Fin an Klara, die immer noch vor dem Einmachglas stand. „Das ist ja ekelhaft!“ flüsterte Emma als sie ein zweites Mal am Glas vorbei ging, um Fin nach unten zu folgen. Inzwischen war es draußen richtig hell geworden und die Sonne schien. Aber ihre Strahlen waren viel zu schwach, um uns wärmen zu können. Wir waren alle müde, aber Fin marschierte unaufhaltsam über den Hof. Wir hatten Mühe mit ihr Schritt zu halten und das obwohl sie humpelte. Sie öffnete das Tor zum letzten Gebäude auf dem Gelände, das wir noch nicht von innen gesehen hatten. Es war ein Stall. Fünf Schweine und einige Ferkel lagen dösend in einer Box und schienen uns überhaupt nicht zu registrieren. Nebenan standen drei Ziegen und vier Kühe. Ein Ochse war an einem Pfeiler angebunden. Unzählige Hühner huschten zwischen unseren Beinen hindurch. Auf der anderen Seite war ein großer Teil mit Stroh ausgelegt und eine Tür führte nach draußen. Wir folgten Fin und erkannten 13 pechschwarze, kräftige Pferde mit glänzendem Fell, die mühevoll das letzte Bisschen Gras aus der Erde rupften. „Unsere Fortbewegungsmittel.“ stellte Martin fest. „Unsere Partner. Warte ab, du wirst noch auf sie angewiesen sein!“ korrigierte Fin. „Wir werden sehen, welches Tier zu wem gehört. Bald.“ fügte sie hinzu. Man musste schon genau hinhören, um sie zu verstehen. Sie hielt ihre Stimme schon die ganze Zeit über gesenkt. „Wozu brauchen wir Pferde, wenn wir uns selbst in ein Tier verwandeln können?“ erkundigte sich Martha. Fin gab ihr keine Antwort. „Mein Gott, was ist denn mit dir los? Fühlst du dich als was Besseres, weil du den Meister schon kennst? Du kannst ihr ruhig antworten!“ fuhr Lynard sie an. Na toll, zwei Stunden hier und schon der erste Streit. Doch Fin ging nicht auf ihn ein. „Es werden noch mehr Fragen kommen, die ich euch entweder nicht beantworten will oder kann. Ihr werdet gewisse Dinge selbst herausfinden müssen.“ gab sie mit ruhiger Stimme zurück. Lynard schüttelte fassungslos den Kopf. Ich ahnte, dass die Beiden nicht zu den besten Freunden werden würden. Im Gegenteil. „Der Meister erwartet uns. Gehen wir.“ sagte sie schließlich und beendete damit das Gespräch. Das Tor der Hütte, in der wir uns und den Meister kennen gelernt hatten, war mit Querbalken verriegelt. Fragend sah ich Emma an, die neben mir lief. Sie schüttelte unwissend den Kopf. Wir betraten die Schlaf- und Wohnstube. Der große Tisch in der Mitte des Raumes war mit reichlichen Speisen gedeckt. Ein Spanferkel zog die hungrigen Blicke auf sich. Der Meister saß am Tischende. Sein Mund war zu einem gezwungen wirkenden Lächeln verzogen. „Setzt euch und greift zu.“ sagte er und winkte uns heran. Das ließen wir uns nicht zweimal sagen. Mit ungeheurem Appetit machten wir uns an den verschiedenen Köstlichkeiten zu schaffen. In der Stube war es angenehm warm und wir krempelten die Ärmel der dicken Pullover hoch, um sie nicht im Essen hängen zu lassen. Fin saß am weitesten vom Meister entfernt und aß nichts. Ich unterbrach mein Kauen und sah sie an. Sie erwiderte meinen Blick. Irgendetwas will sie mir sagen. „Fin. Iss etwas. Du musst zu Kräften kommen!“ Die Stimme des Meisters ließ mich zusammenfahren. Sie übertönte problemlos das ausgelassene Getuschel der Anderen und das Klirren der Tongefäße. Ich kaute weiter, um nicht aufzufallen, dennoch beobachtete ich Fin aus dem Augenwinkel. Sie sah den Meister schweigend an. Auch die anderen bemerkten die Spannung zwischen den beiden Tischenden und waren augenblicklich still. Der Blick des Meisters schweifte kurz in die Runde, blieb dann aber sofort wieder an Fin hängen. „Schmeckt’s nicht?“ fragte er. Seine Stimme war kalt und hatte nichts von ehrlichem Interesse. „Mir ist der Appetit vergangen.“ Fins Stimme war zum ersten Mal seit unserem Kennenlernen laut und deutlich. Sie zeigte keine Spur von Unsicherheit. Der Meister lehnte sich in seinem Stuhl zurück und strich sich mit der Hand über den Hals. „Ich hoffe, er wird noch kommen!“ sagte er dann. Fin schüttelte kaum merklich den Kopf, stand auf, indem sie ihren Stuhl geräuschvoll nach hinten schob und verließ den Raum. Überrascht sahen wir ihr nach. „Beachtet sie nicht. Sie muss sich erst an die neue Situation gewöhnen!“ Das müssen wir alle und wir sind trotzdem nicht so giftig. „Nach dem Essen geht es an die Arbeit. Zum Ausruhen habt ihr heute Abend noch genug Zeit.“ erklärte Adraco. Obwohl ich mich vor Müdigkeit kaum mehr auf den Beinen halten konnte, war ich auf die Arbeit gespannt. Ich wäre als Letzte darauf gekommen, dass wir Uhren herstellen mussten. Wieso ausgerechnet Uhren und seit wann muss man in einer Schule körperlich arbeiten? Als wir in die Werkstatt kamen, saß Fin bereits an einem der Tische. Sie hatte die Hände übereinander gelegt und folgte dem Meister mit ihrem Blick. „Setzt euch! In den Kisten unter euren Bänken findet ihr Material. Falls ihr es noch nicht mitbekommen habt. Ihr werdet Uhren herstellen. Ich will nicht, dass eure einzige Beschäftigung darin liegt, den ganzen Tag Zaubertrankformeln in euer Gehirn zu pressen.“ Zaubertrankformeln? Das Ganze wurde immer mysteriöser. Als der Meister in unsere fragenden Gesichter sah, sagte er mit einem Kopfschütteln: „Ich hoffe, dass ihr wisst, worauf ihr euch hier eingelassen habt!“ Nein, ich weiß es nicht. Ich beschloss trotzdem den Kopf nicht in den Sand zu stecken. Noch nicht. Ich wollte erst mal abwarten, was sonst noch auf mich zukam. Als wir die Einzelteile der Uhren und das Werkzeug aus den Kisten geholt hatten und auf dem Tisch verteilt hatten, richtete sich der Meister an Fin. „Kann ich kurz mit dir sprechen? ... Draußen!“ Wenn das mal keinen Ärger gibt. „Der Meister sieht ganz schön grausam aus. Hoffentlich tut er ihr nichts.“ meinte Emma kleinlaut. „Die hätte es doch verdient!“ antwortete Lynard. Ich hatte es bereits vorrausgesagt, die Beiden würden sich in Zukunft nicht sonderlich gut verstehen. Lynard hatte offensichtlich ein Problem mit Fins Art, auch wenn ich ihr nicht unterstellt hätte, dass sie überhaupt irgendwelche Sym- oder Antipathien gegen uns hegte. Ich wusste einfach nicht, was ich von ihr halten sollte. Einerseits bewunderte ich sie, weil sie so angstfrei mit dem furchteinflößenden Meister umging, andererseits verstand ich nicht, wieso sie sich so gegen ihn sträubte. Ich hatte nicht das Gefühl, dass er uns irgendetwas Böses wollte. Als Fin einige Minuten später mit dem Meister den Raum wieder betrat, fiel mir erst nicht auf, dass sie jetzt ein schwarzes Halstuch umhatte.  Adraco erklärte uns ausführlich, wie man die Uhren zusammen baute und zeigte uns jeden Handgriff. Es war nicht schwierig, wenn man sich es erst mal gemerkt hatte. Aber es war Kleinstarbeit und auf Dauer ganz schön anstrengend. Wenn wir das hier während unserer gesamten Schulzeit machen müssen, kann ich meine Finger hinterher nie wieder bewegen. Fins Halstuch bemerkte ich erst, als ich nach drei Stunden Schrauben, Drehen und Hämmern meine Schultern hob und senkte, um die Verspannung im Keim zu ersticken, die sich durch Muskelschmerzen ankündigte. Sie saß direkt vor mir. Ich wunderte mich zwar, wozu sie bei den durchaus angenehmen Temperaturen ein Halstuch brauchte, kümmerte mich aber nicht weiter darum. Nach sechs Stunden langer Arbeit und nachdem die Sonne schon wieder unterging, entließ der Meister uns. „Ihr könnt euch Brote machen, falls ihr Hunger habt. Ansonsten wünsche ich eine angenehme Nachtruhe.“ Mit diesen Worten verschwand er und wir sahen ihn an diesem Tag nicht wieder. In der Schlafstube zogen wir uns die langen Leinenhemden an, die auf den Betten bereit lagen und hüllten uns in die Wolldecken. Um ein Gespräch kamen wir jedoch nicht herum. „Ich kann’s immer noch nicht glauben!“ begann Jacob. „Ich auch nicht. Ich bin so gespannt, was noch auf uns zukommt.“ erwiderte Martha. „Ich hoffe nur, dass sich unsere Wünsche auch wirklich erfüllen werden.“ sagte Zacharias. „Ich habe langsam die Befürchtung, dass sich das hier als Alptraum entpuppt.“ meinte Jeremias leise. „Sei doch nicht so pessimistisch. Ich glaube, dass wir ein gutes Leben führen können.“ hielt Martin dagegen. „Wir sollten uns nicht zu leichtfertig auf den Meister einlassen.“ bemerkte ich. „Wir können immer noch gehen.“ sagte Minna. „Das würde ich an deiner Stelle nicht versuchen!“ Erstaunt sahen wir zu Fin, die sich zu uns umgedreht hatte und sich aufsetzte. „Ach nein? Was würdest du denn an meiner Stelle versuchen, du Neunmalklug?“ „Es ist mir egal, was du versuchst. Aber ich habe dich gewarnt.“ Mir wurde langsam bewusst, dass es vielleicht doch ein Fehler gewesen war, mich für den Meister und die Schule zu entscheiden. „Wenn ich dem Meister sage, dass ich gehe, dann lässt er mich.“ fügte Minna sicher hinzu. „Wenn du keinen Ärger willst, lass es bleiben!“ „Warum sollte ich?“ Minna wurde wütend. Das hörte man ihr an. Fin sah sie kurz an und öffnete dann den Knoten ihres Halstuches, das sie immer noch trug. Als sie es abnahm, hörte ich wie Klara erschrocken einatmete. Handabdrücke hoben sich dunkel von Fins heller Haut ab. Kleine, blutunterlaufene Kratzer verschlimmerten den Anblick. Das ist nicht wirklich der Meister gewesen? „Die hattest du doch heute Morgen noch nicht!“ stellte Georg fest. „Und was schließt du jetzt daraus?“ Es war eindeutig. Das musste der Meister ihr angetan haben, als er sie während der Arbeit nach draußen rief. Mich überlief ein eiskalter Schauer und ich zog die Decke enger um mich. „Es ist mir doch egal, wenn du dich mit ihm anlegst. Du bist doch selbst Schuld.“ konterte Lynard. Fin nickte nur. Als ob sie die Antwort von vorne herein gekannt hätte. „Gut, ihr habt es so gewollt. Ihr habt euch auf die Dunkle Magie eingelassen. Ich hoffe nur, es wird euch nie so deutlich bewusst, welchen Vertrag ihr da geschlossen habt. Freiwillig.“ Dieses „freiwillig“ klang merkwürdig. Abwertend. Nachdem sie es ausgesprochen hatte, drehte sie sich an die Wand. Das Gespräch war für sie beendet. „Warum bist du hier, wenn du das Alles für so schlimm hälst?“ fragte Martin. Ich dachte mir, dass er keine Antwort bekommen würde und ich behielt Recht. Es dauerte lange bis ich einschlafen konnte. Zu viele Fragen schossen durch meinen Kopf. Was meint Fin mit dem Vertrag, den wir freiwillig geschlossen haben? Habe ich tatsächlich einen Fehler begangen, als ich mich mit dem Einbrennen der Schlange auf meinem Knöchel dem Meister und damit der Dunklen Kunst, verschrieb? Die Nacht die folgte, war die Erste, in der ich nicht träumte. Die folgenden Tage verliefen nach dem gleichen Schema wie der erste. Wir fütterten nach dem Aufstehen die Tiere und misteten die Ställe. Nach dem Frühstück begaben wir uns in die Werkstatt und arbeiteten mit Ausnahme einer kleinen Pause am Mittag bis zum Sonnenuntergang durch, der im Nordwesten Irlands im Winter früh einsetzte. Danach bereiteten wir gemeinsam das Essen zu und aßen auch gemeinsam. Abgesehen davon, dass die Arbeit anstrengend war, fühlte ich mich wohl. Mit der Zeit wurden mir die anderen Schüler genauso vertraut wie das Schulgelände und die Ängste wurden von anderen Emotionen in den Hintergrund gedrängt. Nach drei Wochen, in denen wir uns besser kennen lernen konnten, rief uns der Meister am Mittag in das Gebäude, dass wir als Erstes betreten hatten und das bislang verriegelt gebelieben war. Wir waren gespannt, was auf uns warten würde. Der Meister saß im Schneidersitz auf dem Boden. Wir fanden den Raum so vor, wie wir ihn am ersten Tag unseres Aufenthaltes kennen gelernt hatten. Dunkle Holzregale mit bunten Flüssigkeiten in Gläsern, Rabenfedern und Adlerklauen standen an den Wänden. Die Mitte des Raumes war leer. Der staubige Holzboden zeigte teilweise große Risse auf. Die Fenster waren mit dunklem Stoff verhangen und das einzige, fahle Licht ging von den wenigen, brennenden Kerzen aus, die überall verteilt waren. „Meine Schüler ...“ begrüßte uns Adraco. Wir setzten uns in einem Kreis um ihn herum. Mir fiel auf, dass Fin immer noch humpelte. Ich hatte ganz vergessen sie danach zu fragen. Sie gibt vermutlich so oder so keine Antwort. „Es ist soweit. Ihr werdet heute zum ersten Mal mit der dunklen Kunst in Berührung kommen.“ Mein Herz klopfte augenblicklich doppelt so schnell.  Meine Befürchtungen, ich hätte mich auf das falsche Abenteuer eingelassen, waren verflogen. Ich hatte mich so gut eingelebt und ich verstand mich so gut mit den restlichen 10 Schülern (Fin ausgenommen), dass ich mich nur noch auf den Unterricht des Meisters freute. Ich fand es interessant, etwas Neues zu lernen. Ob ich es im späteren Leben anwenden werde, ist immer noch mir überlassen. So dachte ich zumindest. „Lasst uns beginnen!“ riss der Meister mich aus meinen Gedanken. Er zog einen Lederbeutel aus der Manteltasche und verteilte die darin befindlichen Rabenfedern an seine Schüler. Wir wussten nicht, was da auf uns zukommen sollte. Er hatte noch kein Wort über die Magie gesprochen. Verlangt er jetzt von uns, dass wir zaubern? Als alle die Feder vor sich liegen hatten, stellte er sich hinter Lynard, der neben ihm saß und legte eine Hand auf seine Schulter. „Leg deine Hand über die Feder, schließe die Augen und konzentriere dich!“ sagte zu ihm. Dann murmelte er etwas in einer Sprache, die ich noch nie gehört hatte. „Crescere Cornix!“ flüsterte er immer wieder. Auch er hatte die Augen geschlossen, wie Lynard. Er wirkte tatsächlich sehr konzentriert und dann – ich traute meinen Augen kaum – wurde die Feder immer größer, sah erst aus wie ein Kugel, bekam dann plötzlich Schnabel und Krallen und nach wenigen Sekunden stand ein Rabe vor Lynard und sah ihn mit seinen Augen, die aussahen, wie schwarze Diamanten an, als würde er die Anderen überhaupt nicht bemerken. Als Lynard die Augen aufschlug wich er kurz erschrocken zurück. „Sehr gut, Lynard!“ lobte der Meister. Lynards Augen funkelten. Stolz lächelte er den Meister an. So kam der Meister zu jedem, legte ihm die Hand auf die Schulter und sprach seine Formel, die niemand von uns übersetzen konnte. Wir waren alle fasziniert von dem ungewöhnlichen Schauspiel, das sich uns bot. Alle, außer Fin. Sie saß teilnahmslos da und starrte auf die Feder, die noch vor ihr lag. Bei Jacob und Minna dauerte die Prozedur etwas länger. „Du musst dich konzentrieren, Minna. Das wird viel Arbeit!“ sagte der Meister und kam zu mir. Ich hatte Angst, dass er mein Herz pochen hören konnte. Er legte seine Hand auf meine Schulter. Ich schloss die Augen, hielt meine Hand über die Rabenfeder und hörte ihn leise sprechen. „Crescere Cornix“. Beim ersten Mal spürte ich ein leichtes Kribbeln in meiner Hand, beim zweiten Mal begann sie unwillkürlich zu zittern und beim dritten mal, hörte ich das Krächzen des Raben, der vor mir saß und mich anstarrte, als ich die Augen öffnete. Ich atmete schwer. Ich hatte tatsächlich eine Feder in einen lebendigen Raben verwandelt. Zwar mit Hilfe des Meister, aber immerhin. Nach mir war Fin an der Reihe. Als der Meister ihre Schulter berührte, zuckte sie zusammen und schloss die Augen, als würde seine Berührung ihr Schmerzen bereiten. Er hatte die Formel noch nicht mal ganz ausgesprochen, da stand auch schon der Rabe vor Fin. Geschickt unauffällig entzog sie sich dem Griff von Adraco. Was hat sie nur? Der Meister überging ihre Reaktion einfach. „Ihr habt gesehen, was ihr alles bewegen könnt. Ihr könnt Leben schaffen.“ Er ließ den Worten seine Bedeutung. Immer noch völlig fassungslos betrachtete ich den Raben, der vor mir stand. „Das sind eure zweiten Augenpaare!“ erklärte er schließlich und deutete auf die Raben. „Sie sehen das, was ihr nicht sehen könnt, also verlasst euch auf sie.“ Als der Meister in die Hände klatschte verschwanden die Raben lautlos aus einer kleinen Dachluke. „Wenn ihr sie braucht, sind sie da. Ihr werdet sehen! Glaubt aber nicht, dass alles in der Dunklen Kunst so leicht ist. Es bedarf viel Übung und eines großen Wissens, was Sprüche und Tränke angeht. Ab morgen werdet ihr Unterricht haben. Die Arbeit ist vorerst auf zwei Stunden am Tag beschränkt, aber wenn ihr euch nicht an meine Regeln haltet, sitzt ihr ganz schnell wieder den ganzen Tag in der Werkstatt.“ 

 

Die Dunkle Kunst

Den Rest des Tages hatten wir frei. Wir spazierten über das Gelände und hatten endlich Zeit, um uns ausgiebig zu unterhalten. Wenn wir in den vorangegangenen drei Wochen von der Arbeit in der Stube waren, war zum Reden keine Kraft und Zeit mehr geblieben. An diesem Tag jedoch hatten wir das dringende Bedürfnis uns auszutauschen.  „Es ist unglaublich. Wir haben Raben zum Leben erweckt. Aus einer Feder!“ sagte Jeremias wie zu sich selbst. „Ja, ich kann es auch nicht glauben. Ich hätte so etwas nie für möglich gehalten.“ bestätigte Emma. „Ob wir so was auch ohne die Hilfe des Meister hinkriegen?“ zweifelte Georg, bei dem es fast zehn Anläufe gebraucht hatte, bis der Rabe vor ihm gestanden hatte. „Nach diesen zwei Jahren Lehrzeit ganz bestimmt.“ vermutete Zacharias. „Ich bin gespannt, was noch alles kommt. Welche Tiere wir noch erschaffen ...“ beteiligte ich mich am Gespräch. „Auch wenn ich es nicht für möglich gehalten hätte, dass das irgendwann eintritt. Die Strapazen der langen Reise bis hierher haben sich gelohnt.“ sagte Martin. „Vermisst ihr eure Familien?“ fragte Klara plötzlich. Ihr Bruder Georg sah sie fragend an. Sie hatte uns an das erinnert, was wir alle bisher erfolgreich verdrängen konnten. Natürlich vermisse ich sie. Ich halte es kaum aus. „Nein. Ich habe mich hierfür entschieden und ich glaube, dass ich ihnen damit nur geholfen habe!“ sagte ich nicht ganz wahrheitsgemäß. Vielleicht hatte ich ihnen mit meinem Aufbruch wirklich nur geholfen, aber das hieß nicht, dass ich sie nicht schrecklich vermisste. „Warum sollte ich sie vermissen? Sie vermissen mich ja auch nicht. Herr Gott, ich bin froh, dass ich sie los bin!“ entgegnete Minna ziemlich lautstark. Ich erinnerte mich an die Strieme auf ihrer Wange. Sie hat es wohl wirklich nicht leicht gehabt. Als wir an den Weiden der Pferde ankamen, sahen wir Fin. Sie stand bei einem der edlen Geschöpfe und strich abwesend über das glänzende Fell. „Aus der werde ich nicht mehr schlau!“ flüsterte Jacob. „Ich auch nicht. Was hält die sich eigentlich hier ab?“ gab Martin zurück. „Ich verstehe nicht, wieso sie hier ist, wenn ihr das ja alles anscheinend überhaupt nicht passt.“ meinte Emma. „Ich hoffe, es wird euch nie so deutlich bewusst, welchen Vertrag ihr da geschlossen habt. Freiwillig.“ wiederholte Lynard ihre Worte vom ersten Abend. „Als wenn sie sich nicht freiwillig auf das hier eingelassen hat.“ fügte Zacharias kopfschüttelnd hinzu. „Hat sie vielleicht gar nicht.“ entgegnete ich ihm etwas kleinlaut. „Was soll das denn jetzt heißen?“ fragte er überrascht. „Ist euch nicht aufgefallen, dass sie keine Geschichte erzählt hat? Sie hat sich noch nicht mal vorgestellt, das hat alles der Meister übernommen. Vielleicht hat er sie gezwungen!“ sagte Jeremias. Wenigstens Einer außer mir, der sie nicht von vorne herein verurteilt hat. Irgendwie tat sie mir Leid. Ich hätte gerne gewusst, warum sie hier war und warum sie sich so gegen den Meister wehrte, aber sie sprach ja nicht mit uns. „Selbst wenn es so war. Sie soll sich mal nicht so anstellen, es geht uns doch wirklich gut hier.“ bemerkte Martha. Sie hatte Recht, das war der Punkt, der mich stutzig machte. Bisher haben wir noch nichts tun müssen, was unangenehm war. Hoffentlich bleibt es dabei.   Der Unterricht begann am nächsten Tag um neun Uhr in der Früh. Ich war aufgeregt. Wenn alles in der dunklen Kunst so spannend war, wie die Verwandlung der Rabenfeder am vorherigen Tag, könnte das sehr interessant werden. Ich saß neben Fin. Ich wusste zwar immer noch nicht, was ich von ihr halten sollte, aber ich hatte das Gefühl, dass sie in Schwierigkeiten steckte und von uns nicht gerecht behandelt wurde. Ich konnte meinen Blick einfach nicht von den Pferdeaugen abwenden, die immer noch im Glas schwammen. Als der Meister den abgedunkelten Raum betrat, herrschte augenblicklich eine beängstigende Stille. „Seid gegrüßt, Schüler. Ich hoffe, ihr seid bereit!“ Das hoffe ich auch. „In der ersten Zeit werden wir uns damit beschäftigen müssen, Werke von bekannten, dunklen Magiern zu studieren, um so die Hintergründe unserer Kunst zu erforschen. Erst dann werden wir zur Praxis übergehen.“ erklärte er und verteile in Leder eingebundene Notizbücher mit gelblichem, rissigem Papier, dicke, verstaubte, schwarz eingebundene Werke und Federn mit Tintenfässern.  „In diesen unbeschriebenen Büchern könnt ihr Notizen vermerken. Sowohl zu Theorie als auch zu Praxis. So lernt ihr besser.“ Ich klappte das Notizbuch auf und schrieb meinen Namen auf die erste Seite. Dann nahm ich das schwere Buch in die Hand, auf dem „Schwarze Magie – Die Anfänge“ geschrieben stand. Ich öffnete die erste Seite und las die verzierte Schrift: 700 vor Christus. Der Beginn der schwarzen Magie. Hervorgerufen durch Eriste Flantani, seinerseits griechischer Philosoph.   „Wir werden im Unterricht nur Teile dieses Werkes gemeinsam erarbeiten, aber ich verlange von euch, dass ihr das gesamte Buch in euerer Freizeit lest. Es ist wichtig.“ unterbrach mich der Meister. „Schlagt Seite 179 auf. Was ist Schwarze Magie? Anna, würdest du bitte vorlesen?“ Er wandte sich an mich. Ich schlug die Seite auf, atmete einmal tief durch und begann:

„Die Schwarze Magie – ausgegangen von dem griechischen Philosophen Eriste Flantani – ist die Kunst Dinge zu den eigenen Gunsten zu verändern, zu beeinflussen, zu schaffen oder zu vernichten. Dabei steht der Wille des Individuums an erster Stelle. Auf Rücksicht und Verständnis trifft der dunkle Magier meist nur unter Seinesgleichen. Magische Formeln und Zaubertränke werden durch anerkannte Werke oder Meister gelehrt und müssen nach den Regeln der schwarzen Magie ausgeübt werden. Die große Ehre, die schwarze Kunst zu erlernen, trifft nur sorgfältig ausgewählte Schüler.“ Der Absatz endete. Meine Hände zitterten. Ich legte das Buch auf die Tischplatte. Ich wagte nicht, den Meister anzusehen. Er würde meine Unsicherheit sofort erkennen. Das, was ich in diesem Buch gelesen hatte, gefiel mir nicht. Es machte mir Angst. „Der Wille des Individuums steht an erster Stelle.“ Soll das etwa heißen, schwarze Magier können tun und lassen, was sie wollen? Ohne Rücksicht auf Andere?  „Nein, Anna. Schwarze Magier können nicht tun und lassen, was sie wollen. Sie haben einen Kodex. Den werdet ihr noch früh genug kennen lernen. Macht euch zu diesem Abschnitt bitte Notizen. Ihr könnt ihn auch abschreiben.“ Ich erstarrte. Habe ich das eben laut gesagt? Völlig fassungslos sah ich den Meister an, der dazu übergegangen war, etwas in ein Buch zu schreiben. Ich sah zu Fin, die neben mir saß. Sie erwiderte meinen Blick kurz, sah dann aber wieder auf ihr Buch und schrieb die Definition der Schwarzen Magie in ihre Notizen. Ich habe das doch nur gedacht. Wieso weiß, er was ich denke? Der Gedanke, der mir dann kam, ließ mich erschaudern. Kann der Meister tatsächlich Gedanken lesen?  „Kann er.“ Erschrocken sah ich zu Fin, die immer noch über ihr Buch gebeugt den Text abschrieb. Das war doch ihre Stimme! „Was?“ fragte ich laut und sah sie an. „Sei still, Anna. Ihr braucht nicht reden, wenn ihr am Arbeiten seid!“ fuhr mich der Meister an. Ich verstummte, aber mein Blick ruhte auf Fin. „Mach weiter, na los!“ Eindeutig, es war Fins Stimme, aber ihre Lippen bewegten sich keinen Millimeter. Auch die Anderen schienen nichts gehört zu haben, jeder war auf sein Buch konzentriert. Ich war völlig perplex. Was geht hier vor sich? „Anna! Was ist los? Wieso schreibst du nicht? Soll ich dich gleich am ersten Tag zurück in die Werkstatt schicken?“ Adraco war aufgestanden und sah mich vorwurfsvoll an. „Nein. Verzeiht mir, Meister.“ antwortete ich leise. Ich machte mich daran weiter abzuschreiben, ich wollte nicht noch mehr Ärger bekommen. Aber verstehen konnte ich es immer noch nicht. Als ich nach dem Unterricht über den Hof ging, um im Stall die Eier einzusammeln, zog mich jemand hinter die Scheunenmauer. Es war Fin. Sie legte den Zeigefinger auf die Lippen und bedeutete mir still zu sein. „Du bist die Einzige, bei der ich glaube, dass sie vernünftig genug ist, dem Ganzen hier nicht zu trauen!“ flüsterte sie. „Was willst du eigentlich?“ entgegnete ich schroff. Sie hatte mich erschrocken, mit ihrer Geheimnistuerei. „Ich will, dass ihr versteht, dass das hier kein Spaß ist. Ihr habt einen Pakt mit dem Teufel geschlossen! Ist dir das eigentlich klar?“ Jetzt fängt sie wieder damit an. „Hast du eine Ahnung, was wir alle durchgemacht haben, um hier her zu kommen? Was wir bisher für ein Leben hatten? Am Abgrund, Fin, am Abgrund. Wir haben jeden Tag kämpfen müssen, wir sind jeden Abend ins Bett gestiegen und haben gebetet, dass wir am nächsten Morgen wieder aufwachen! Hier haben wir endlich wieder Hoffnung, Träume. Ist das ein Wunder, dass wir nicht mehr skeptisch sind, nachdem der Meister sich vor unseren Augen in ein Tier verwandelt hat? Nachdem wir aus einfachen Federn Leben geschaffen haben?“ „Ja, es ist ein Wunder, Anna. Das ist es. Genau diese Dinge, Zauberkunststückchen, die nichts bringen, außer Leid! Es ist ein Wunder, dass ihr da noch nicht skeptisch seid.“ „Wir tun doch niemandem weh, wenn wir uns in Tiere verwandeln oder Raben erschaffen.“ „Vielleicht ist es noch zu früh, um mit dir darüber zu diskutieren, ob die Schwarze Magie nun Leid oder Freude birgt. Ich hoffe nur, dass wir nicht allzu weit gehen müssen, bis du bereit bist!“ Fassungslos sah ich sie an. „Ich versteh dich nicht, Fin. Wieso bist du hier, wenn du das alles so verachtest? Wieso?“ „Im Moment hätte es keinen Zweck dir das zu erklären.“ Mir wurde plötzlich schwindelig. Das Bild vor meinen Augen verschwamm zu einem Farbenmeer. „Anna? Was ist mit dir?“ hörte ich Fin von weit her rufen. „Anna! Mach dich von ihr los! Sie tut dir nicht gut. Lass sie reden, Anna. Geh!“ Die Stimme des Meisters hallte in meinem Kopf wieder. Ich spürte, wie die Kraft aus meinem Körper wich und ich zusammen brach. „Sie bringt dir nur Unglück. Willst du das? Lass sie. Beachte Fin nicht, Anna.“ Mir war schlecht. Ich hatte das Gefühl mich übergeben zu müssen, aber ich war nicht fähig, mich auch nur einen Zentimeter zu bewegen. Als ich die Augen aufschlug, kniete Jeremias über mir und strich mit einem feuchten Lappen über meine Stirn. „Anna? Bist du wach?“ fragte er sanft. Ich nickte. Mehr ließ mein Zustand nicht zu. Dann kam Fin auf mich zu. Ich spürte, wie mein Puls beschleunigte und mein Kopf schmerzhaft pochte. „Geh weg! Lass mich in Frieden!“ presste ich zwischen den Lippen hindurch. Die Worte des Meisters kreisten in meinen Gedanken. „Sie tut dir nicht gut.“ „Was ist überhaupt passiert?“ fragte jetzt Minna. Die Blicke der Anderen wanderten zwischen mir und Fin hin und her. „Was hast du mir ihr gemacht, Fin?“ Jeremias Frage klang nicht vorwurfsvoll, sondern seltsamerweise einfühlsam. Fins Blick blieb an mir haften. Sie sah tatsächlich aus, als würde es ihr Leid tun. Dass sie nichts dafür konnte, wollte ich mir zu diesem Zeitpunkt aus irgendeinem Grund nicht eingestehen. „Die macht doch nichts als Ärger.“ meinte Lynard und stellte sich zwischen sie und mich. „Lass sie in Ruhe, egal, was du getan hast, verschwinde. Lass dich hier nicht mehr blicken!“ Fin sah durch Lynard hindurch. Als wäre er gar nicht anwesend. Sie schien auch seine Frage überhört zu haben. Lynard gefiel ihr Verhalten gar nicht. Er mochte es nicht, wenn ihn jemand ignorierte. Er packte sie am Kragen und warf sie mit aller Kraft, die er nach den vielen Entbehrungen noch aufbringen konnte, an die Wand und drückte zu. Jetzt registrierte sie ihn, sie sah ihn an, aber sie wehrte sich nicht. Sie versuchte es noch nicht mal. „Geh! Geh weg von hier. Wir wollen dich nicht und du scheinst dir auch nicht viel aus dieser Schule zu machen! Geh oder ich garantiere für nichts mehr!“ „Ich kann hier nicht weg. Ich kann nicht, sonst hätte ich es längst getan!“ flüsterte sie, mehr brachte sie wegen Lynards Griff nicht Zustande. Er ließ sie los. „Ich habe wirklich gedacht, du bist stark genug.“ sagte sie an mich gewandt und wollte gerade gehen, als der Meister im Raum erschien. Er stand unmittelbar vor Fin und sah erst sie, dann jeden von uns an. Ich konnte keine Gefühlsregung in seinem Ausdruck erkennen. „Geht’s dir besser, Anna?“ fragte er plötzlich und ging an Fin vorbei, einige Schritte auf mich zu. Seine dunklen Augen schienen mich zu durchleuchten, ich versuchte seinem Blick auszuweichen, aber es gelang mir nicht. „Geht schon!“ murmelte ich. „Fin, wenn ich noch ein mal etwas Negatives über dich zu hören bekomme, werfe ich dich den Geiern zum Fraß vor!“ richtete er sich schließlich an Fin und es hörte sich keineswegs nach einer bloßen Redewendung an. „Mach dir keine Sorgen, Anna. Sie wird dich in Frieden lassen. Im Trugbilder erzeugen ist sie gut. Sie will nicht verstehen, dass wir zusammen halten müssen, wir alle.“ Trugbilder? Hat sie mich etwa glauben lassen, dass der Meister zu mir spricht, selbst wenn er nicht anwesend war? Hat sie mich zusammen brechen lassen? Neben Fin blieb der Meister noch einmal stehen, sie sahen sich einen Moment lang an. Endlich konnte ich ein Gefühl in seinem Blick erkennen. Ein Gefühl, dass sich in Fins Blick spiegelte. Purer Hass. Die Spannung drohte die Luft zu zerreißen. Dann holte er aus und schlug ihr ins Gesicht. Ich zuckte unwillkürlich zusammen. „Lass meine Schüler in Ruhe, Fin. Ich warne dich!“ sagte er und verließ den Raum. Ich hätte so gerne irgendeine Regung in Fin erkannt, irgendetwas, was mir sagte, dass sie auch nur ein Mensch war. Nichts. Sie starrte auf den Boden und hob den Blick erst, als Emma sie ansprach. „Hey! Fin?“ Sie sah sie an, mit leerem Blick. In diesem Moment wirkte sie so schwach. So zerbrechlich, als würde sie in tausend Teile zerbersten, wenn man sie nur berührte. Eine rote Strieme zog sich über ihre Wange. „Warum machst du dir das Leben so verdammt schwer?“ fragte Jacob voller Unverständnis. „Ich gebe nicht auf. Solange bis das Alles hier ein Ende hat!“ flüsterte sie wie zu sich selbst und verließ immer noch humpelnd den Raum. Ich sah ihr hinterher. Hörte, wie sie langsam die Stufen hinunter stieg. „War das meine Schuld?“ fragte ich ganz leise. „Es war ihre Schuld, Anna. Sie ist ganz allein für sich verantwortlich. Wenn sie dir so was antut, dass du sogar das Bewusstsein verlierst, hat sie keine andere Behandlung verdient!“ sagte Minna. Warum tut sie das? Sie muss doch einen Grund haben. Ich konnte nicht erklären, wieso sie es tat. Warum sollte sie mich glauben lassen, dass der Meister meine Gedanken liest, obwohl er es nicht tut. Warum sollte sie Trugbilder erzeugen? Wieso sagte sie, dass wir uns wehren mussten? Ich wusste es nicht.  Aber ich war mir sicher, dass sie mir etwas getan hatte. Was genau wusste ich nicht. Jedenfalls stieg unser Unmut gegenüber Fin von diesem Tag an stetig. Mein Glaube, dass Fin gute Gründe für ihr Verhalten hatte, wich.

In den nächsten Wochen wuchsen wir noch stärker zusammen, erlernten fleißig das theoretische Wissen über die Schwarze Magie und brauten ab und an einen Zaubertrank gegen Unsicherheit oder Mutlosigkeit. Dieses Zeug ließ die schüchterne Klara eine 12 Meter hohe Klippe herunter springen. Ohne zu zögern und als Erste. Ich war fasziniert. Was so ein ekelhaftes Gebräu aus Adlerklauen, Wolfszähnen und jeder Menge Kräuter alles bewirken konnte. Fin half zwar beim Brauen des Trankes, weigerte sich aber, ihn zu trinken. Sie sprang trotzdem von der Klippe. Hat die eigentlich vor gar nichts Angst? Seit unserem Zusammentreffen ignorierte sie uns. Sie lebte vor sich hin und nahm nur widerwillig am Unterricht teil. Sie beteiligte sich nicht an Aufgaben oder Diskussionen und war nach dem Unterricht sofort verschwunden. Sie schlief nicht mehr im Haus. Sie schlief im Stall bei den Pferden. Die hatten sich inzwischen je einen von uns als Partner ausgesucht. Ja, sie uns. Nicht wir sie. Die kleinste Stute aus der Herde – Mekaja – kam auf mich zugetrabt und hielt ihre weiche Schnauze sanft an mein Gesicht. Ich hatte mich sofort in sie verliebt. Wenn wir frei hatten, ritten wir mit den Pferden und es waren für mich die schönsten Stunden auf dem Hof des Meisters. Es wurde Frühling – der kalte Frühling Irlands – und die Sonne stand länger am Himmel. Die Pflanzen blühten und unsere Stimmung wurde ausgelassener. Wir fühlten uns wohl.

„Heute Abend lernt ihr unsere Verbündenten kennen. Wenn diese Hürde genommen ist, können wir endlich dazu übergehen, die dunkle Kunst praktisch zu betreiben.“ sprach der Meister als wir an einem verregneten Morgen in der Lehrstube saßen. Endlich ist es soweit. Wir dürfen zaubern. Obwohl ich mich darauf freute, das Gelernte endlich anwenden zu dürfen, Gegenstände fliegen zu lassen oder Tiere nur durch meine Gedankenkraft zu fangen und zu steuern, graute es mir vor der Hürde, die uns noch bevorstand. Unsere Verbündeten? Schwarze Magier? Schon vor Adraco habe ich großen Respekt, was passiert, wenn da noch zig weitere stehen!? „Unsere Verbündeten? Ich bin mal gespannt, wer das sein soll!“ begann Martin, als wir in der Stube waren, um uns umzuziehen. Für alle magischen Handlungen hatte der Meister uns schwarze Kutten und schwarze Kapuzenmäntel gegeben.  „Ich sehe aus wie ein Mädchen!“ meinte Georg beiläufig und betrachtete sich im angelaufenen, alten Spiegel an der Wand. „Kein Wunder, bei der Haarlänge!“ neckte ihn Lynard und wir lachten. Den Zwischenfall mit Fin hatte ich fast vergessen, aber sie war uns allen immer noch ein Dorn im Auge. „Lasst uns runter gehen, sonst kommen wir noch zu spät.“ sagte Klara in ihrer gewohnt zittrigen Stimme als wir alle angezogen waren. Wir folgten Zacharias die Treppe hinunter über den Hof zum Gebäude, in dem wir die wenigen Zauber bisher ausgeübt hatten. Im Raum brannten wieder einige wenige Kerzen und die Fenster waren verhangen. Der Meister war noch nicht anwesend. Wo ist Fin? Wir bekamen sie kaum mehr zu sehen. Nachts war sie im Stall, tagsüber - wenn wir nicht lernen oder arbeiten mussten – war sie nirgends zu sehen. Mir soll’s Recht sein. Sie betrat wenige Minuten nach dem Meister, der bisher kein Wort gesprochen hatte, den Raum. Wir warteten auf das Donnerwetter, dass Fin jetzt wohl über sich ergehen lassen musste. Es kam nicht. Sie sah schwach aus, hatte tiefe Ringe unter den Augen, ihre Lippen waren farblos, ihre Augen glasig. Sie zog ihr Bein stärker nach, als sonst und ihre Hände zitterten unaufhörlich. Es war ein mitleiderregender Anblick, nur dass sich dieses Gefühl aus welchen Gründen auch immer, in keinem von uns regen wollte. Sie setzte sich neben Emma und sah mit leerem Blick auf den Boden. „Gut, dann können wir ja jetzt anfangen.“ begann der Meister. „Darf ich euch vorstellen? Unsere Verbündeten: Schwarze Magier und Feen!“ Er hatte es kaum ausgesprochen, da war der gesamte Raum von dunklem, undurchsichtigem Nebel erfüllt und als er sich langsam lichtete kamen sechs Gestalten zum Vorschein. Zwei Frauen in langen, schwarzen Gewändern mit Spitzen und Diamanten besetzt und vier Männer in langen, schwarzen Kapuzenmänteln, so wie Adraco sie trug. Ohne uns wirklich zu registrieren, bewegten sie sich zu unserem Meister und grüßten ihn. „Steht auf!“ befahl er uns und wir gehorchten. Adraco legte einen Arm um die Hüfte einer der beiden Frauen und schob sie sanft etwas nach vorne. „Das ist Nocta. Sie ist eine der besten schwarzen Feen unseres Landes. Es ist eine Ehre sie kennen zu lernen. Verbeugt euch!“ Wir folgten seiner Aufforderung. Die große, schlanke Frau mit den langen, pechschwarzen Haaren sah uns mit ihren dunklen Augen interessiert an. „Das ist Isana. Nocta’s Schwester!“ stellte er die zweite Frau vor. Sie sah fast genauso aus wie ihre Schwester, nur dass sie blaue Augen hatte. Wir verbeugten uns. Dann ging er zu den Männern über. Einen kleinen, Schmächtigen mit langem, schwarzen Bart stellte er uns als Nintos vor. Sein Nachbar, ein Mann mittlerer Größe mit dunkelblonden Haaren und giftgrünen Augen, war Fegrus. Der dritte im Bunde, ein großer, muskelbepackter Dunkelhaariger mit ebenso dunklen Augen hieß Sastos. Der letzte, der Adraco, abgesehen von der unterschiedlichen Haarfarbe, sehr ähnlich sah, war Detras. „Das, meine Schüler, ist mein Bruder!“ fügte er hinzu, als er ihn vorgestellt hatte. Wir waren sichtlich beeindruckt von den furchteinflößenden Gestalten. „Sie werden euch jetzt etwas näher in Augenschein nehmen. Beantwortet ihre eventuellen Fragen wahrheitsgemäß!“ erklärte er und schon begannen die sechs dunklen Künstler, gefolgt von Adraco, die Runde zu machen. Vor jedem blieben sie stehen, sahen ihn genau an und stellten ab und an eine Frage. Als erste war Minna an der Reihe. Nocta sah ihr in die Augen und grinste. „Ich sehe den Biss in deinen Augen, Kind. Du wirst eine starke Kämpferin. Das weiß ich!“ sagte sie. Minna freute sich sichtlich über das Lob und lächelte ein wenig. Nintos blieb vor Martha stehen. „Du bist dürr. Wenn du eine gute Magierin werden willst, so musst du zu Kräften kommen.“

Klara zitterte mal wieder, als der große Sastos vor ihr stehen blieb und sie von oben bis unten musterte. „Hast du Angst vor mir?“ Sie brachte ein wenig überzeugendes Kopfschütteln zu Stande. Der Magier machte einen schnellen Schritt auf sie zu und klatschte in die Hände. Klara zuckte zusammen, als wolle sie ein Bär anfallen. „So wird das nichts. Du musst lernen, mutig zu sein, wenn du die dunkle Kunst ausüben willst. Adraco, ich glaube fast, das war ein Fehlgriff.“ Klara hörte gar nicht mehr auf zu zittern. Tränen traten in ihre Augen. Ich hätte ihr gerne geholfen, aber ich wusste nicht wie. Bei Martin blieb Isana stehen. „Du könntest der jungen Dame dahinten ...“ Sie deutete auf Martha. „... ein wenig Gewicht abgeben. Wie willst du durch die Lüfte schweben, wenn du wie ein Stein im Wasser zu Boden sinkst?“ Martin wurde rot und man hatte das Gefühl, als schrumpfe er. Was werden die wohl zu mir sagen? Ich wurde allmählich nervöser. Bei Jeremias standen sie besonders lang. „Wenn du dich nicht kurzfristig entscheidet, doch gegen die Dunkle Kunst zu arbeiten, kann aus dir wirklich was werden, dass spüre ich!“ urteilte Detras schließlich. Jeremias sah ihn fragend an. Ich glaube nicht, dass er zu diesem Zeitpunkt auch nur den geringsten Gedanken daran verschwendete, sich gegen die Dunkle Magie zu stellen. Zu Jacob sagte Nocta, er solle sich konzentrieren und hart arbeiten, aber er wäre geeignet für die Kunst. Fegrus riet Georg sich die Haare zu schneiden, um nicht als Fee verwechselt zu werden. Emma solle ihre Ängste vor der Dunkelheit ablegen, meinte Isana. Woher wissen die das? Das wissen nur die wenigsten von uns. „Ihr Beiden gefallt mir. Ihr habt gute Chancen richtig Erfolg zu haben. Ich fühle, dass ihr gut geeignet seid für die Dunkle Kunst. Lasst euch das von Niemandem ausreden. Klar?“ sagte Fegrus zu Lynard und Zacharias. Dann war ich an der Reihe. Ich zwang mich den Blicken der Magier nicht auszuweichen. „Du zweifelst.“ sagte Nocta plötzlich. „Nein, ich zweifele nicht!“ brachte ich nach kurzem Zögern heraus. Detras sah mich ungläubig an. „Ich sehe, dass aus dir etwas werden kann. Du hast früh gelernt zu kämpfen. Du musst es nur für die richtige Seite tun. Nämlich für deine. Merk dir das!“ sagte Nintos. Meine Zweifel hatte ich abgelegt. Dachte ich zumindest. „Das Zweifeln kommt vielleicht daher, dass Fin wieder versucht, meine Schüler zu verunsichern!“ brachte sich Adraco ein. „Was?“ Detras’s markerschütternder Schrei ließ uns alle zusammen zucken. Adracos Bruder hatte sich urplötzlich umgedreht und ging sicheren Schrittes auf Fin zu. Ich hatte schon Angst, dass er ihr irgendetwas an tun würde, aber unmittelbar vor ihr blieb er stehen und ließ sein Blick auf ihr ruhen. „Knie nieder, wenn ich mit dir spreche.“ befahl er. „Du wirst mich nie dazu bewegen, dass ich freiwillig vor dir nieder knie!“ gab sie zurück. Ihre Stimme war fest, ohne jede Spur von Unsicherheit. Detras streckte seine Hand aus und senkte sie langsam. Er war hochkonzentriert und ich erkannte, wie Fins Körper wie von Geisterhand nach unten gedrückt würde. Sie wehrte sich dagegen, dass sah man ihr an, aber sie schaffte es nicht. Ohne sie zu berühren hatte er sie in die Knie gezwungen. Obwohl es mich faszinierte, was man mit seinem Willen erreichen konnte, war ich mir nicht mehr sicher, ob es mich nur faszinierte oder auch ängstigte. „Mach es Adraco nicht immer so schwer, Fin! Er will dein Bestes, das solltest du wissen! Gib endlich auf!“ Sie hat versucht uns zu überzeugen,  uns diesem Vertrag mit der dunklen Kunst entgegenzustellen, aber wieso!? Laut Adraco, weil sie seine Schüler verunsichern will. Macht es ihr Spaß, uns Angst zu machen? „Wir sind fertig hier. Danke für die Einladung, Adraco. Man sieht sich!“ Mit diesen Worten verabschiedete sich Detras und verschwand – gefolgt von den anderen dunklen Künstlern – im dichten Nebel. Ich entspannte mich langsam. Das ist auch also auch geschafft. Fin war inzwischen wieder aufgestanden. Sie atmete schwer. Wenn ich sie nur verstehen könnte!

Vom nächsten Tag an bestand der Unterricht nicht mehr nur aus dem Studieren der Lehrbücher und dem Brauen von einfachen Zaubertränken sondern endlich auch aus dem Ausführen von Zaubern. Als erstes lernten wir Gegenstände fliegen zu lassen. Zu uns zu holen oder von uns weg zu lenken. Es war schwierig.

Sehr schwierig. Wir begannen mit einem Kohlestift, den wir über unseren Pulten schweben lassen sollten. Fin schaffte es auf Anhieb, ließ ihn dann aber liegen und beobachtete die Anderen. Ich mühte mich mit diesem Stift ab und sprach immer wieder „Causa Volare“, so wie der Meister es uns vorgemacht hatte. Er erklärte uns, dass wir später auch ohne Worte und Sprüche zaubern konnten. Aber dessen bedurfte es viel Arbeit und Konzentration. Ich würde mich ja schon zufrieden geben, wenn das Ding überhaupt mal fliegen würde. Egal wie laut ich dafür schreien muss. Ich hypnotisierte den Stift mit meinen Blicken und murmelte immer wieder den Spruch. Endlich gelang es mir ihn ein Stück vom Tisch anzuheben, aber er fiel direkt wieder herunter. Bisher war es nur Fin, Lynard und Jeremias gelungen. Ich war stolz auf mich. Martin war der Letzte, der mit hochrotem Kopf vor seinem Stift saß und es einfach nicht schaffte, ihn schweben zu lassen. Der Meister kam ihm zur Hilfe und schließlich schwebten 12 Kohlestifte über sechs Bänken.

In den folgenden Wochen verbesserten wir unsere Fähigkeiten Gegenstände fliegen zu lassen, indem wir es mit immer Größeren versuchten. Nach vier Wochen gelang es uns allen Gegenstände in der Größe eines Wandschrankes nur durch unsere Willenskraft zu bewegen.

Als der Meister eines Morgens nicht in der Lehrstube, sondern im Stall auf uns wartete, wunderten wir uns anfangs nicht darüber, da wir davon ausgingen, dass wir entweder zum Dorf ritten oder jetzt damit anfingen, Tiere zu kontrollieren. Wir lagen in unseren Annahmen falsch. „Es ist an der Zeit!“ begann unser Meister. „Ihr werdet lernen zu kämpfen!“ Ich blickte in 10 ratlose Gesichter. Kämpfen? Was meint er damit? Wozu sollen wir kämpfen? „Meister, sprecht ihr von Verteidigung?“ fragte Martha vorsichtig. Ich sah, dass Fin neben mir verständnislos den Kopf schüttelte. „Angriff ist immer die beste Verteidigung!“ war die einzige Antwort des Meisters. „Hierbei werdet ihr auch die wichtigsten Grundsätze unseres Kodex kennen lernen.“

„Darf ich fragen, wozu wir das Erlernte einsetzen werden?“ erkundigte sich Georg. „Ihr solltet wissen, dass die Menschen in den Dörfern der Gegend ein Problem mit uns haben. Sie verstehen nicht, wieso wir uns weigern uns an die Regeln zu halten. Sie versuchen mit ihren lächerlichen Mitteln uns aus dieser Welt zu schaffen. Wie ich bereits sagte, Angriff ist die beste Verteidigung.“ Mir stockte der Atem. Will er damit andeuten, dass wir gegen die Menschen in den Dörfern kämpfen sollen?  Gegen Menschen, die noch nicht mal genug Geld haben, um sich ausreichend zu ernähren. Gegen Menschen, wie wir es waren. Gezeichnet von Krieg, Armut und Leid. „Ihr werdet noch sehen, dass euch gar nichts anderes übrig bleibt. Wir sollten jetzt beginnen!“ Er ging auf eine Ecke zu und griff sich ein langes Messer, das dort an der Wand hing und zum Schlachten der Tiere benutzt wurde. Mir lief es schon eiskalt den Rücken hinunter, wenn ich dieses Ding nur ansah. „In zwei Jahren, wenn ihr eure Ausbildung beendet habt, werdet ihr ohne Hilfsmittel, wie Messer, Schwerter oder Stöcke zurecht kommen. Für den Moment sollte sich jedoch jeder überlegen, mit was er arbeiten möchte. Eines sollte aber gesagt sein. Ein einfacher Holzstock kann genauso mächtig sein, wie ein Schwert. Es kommt immer darauf an, was ihr daraus macht!“ erklärte er. „Ihr habt jetzt fünf Minuten Zeit euch auf dem Gelände nach einer geeigneten Waffe umzusehen.“ Geeignete Waffe? Ich will keine Waffe. Weil ich nicht kämpfen will! Dass ich aufgrund der Umstände dazu gezwungen wurde, konnte ich nicht ahnen. Ich lief mit den anderen los. „Was soll das heißen, kämpfen?“ Klaras Stimme zitterte vor Aufregung. „Wir sollen Menschen verletzen?“ fragte ich. „Aber wieso?“ vervollständigte Jeremias meine Frage. „Adraco meinte, dass uns nichts anderes übrig bleibt.“ sagte Zacharias. „Ich habe Angst!“ flüsterte Emma. Klara und Martha nickten. „Beruhigt euch, wir werden sehen, was es damit auf sich hat.“ versuchte Martin uns aufzumuntern. Wir verteilten uns, um passende Waffen zu suchen. Die Meisten entschieden sich für Messer, aber mit diesen tödlichen Metallen wollte ich nichts zu tun haben. Ich entschied mich – wie Jeremias – für einen alten Besenstiel und betete, dass ich ihn nie benutzen musste. Nach fünf Minuten trafen alle Schüler wieder im Stall ein. „Na dann lasst mal sehen!“ Der Meister begutachtete jede einzelne Waffe. Bei den Messern nickte er beiläufig. Bei Jeremias und mir hielt er inne. „Ihr seid mutig!“ Wir sahen uns fragend an. „Es ist schwieriger einen zerbrechlichen Holzstock zu einer Waffe zu machen, als ein scharfes Messer. Aber mit ein wenig Übung könnt ihr das durchaus schaffen.“ Auch vor Fin blieb der Meister stehen. Erwartungsvoll sah er sie an. „Was ist? Wo ist deine Waffe?“ fragte er schroff. Ich konnte keine erkennen. Jedenfalls keine sichtbare. „Ich habe keine!“ bestätigte sie meine Vermutung. Was wird das denn jetzt wieder? „Und wieso nicht?“ hakte Adraco nach. „Weil ich immer noch der Meinung bin, dass Angriff nicht die beste Verteidigung ist.“ Sie antwortete wie auf eine nebensächliche Frage. Aber ihre Augen strahlten das aus, wozu ihr vom wenigen Essen und von schlaflosen Nächten gezeichneter Körper nicht mehr fähig war. Mut und Stärke. Wenn man sie während dem Unterricht betrachtete, sah man ein völlig entkräftetes Mädchen, dass aussah, als hätte es mit dem Leben abgeschlossen. Doch wenn sie vor dem Meister stand, erkannte man den Lebenswillen und die Kraft, die immer noch in ihr loderten. Sie hatte keineswegs abgeschlossen. „Ich gebe erst auf, wenn das alles hier ein Ende hat.“ rief ich mir ihre Worte ins Gedächtnis. Wenigstens jetzt musste ich ihr zustimmen. Ich hielt den Angriff auch nicht für die beste Verteidigung, aber ich wagte nicht, mich dem Meister entgegen zu stellen. „Wie willst du kämpfen, ohne Waffe?“ fragte der Meister weiter und riss mich damit aus meinen Gedanken. „Gar nicht!“ sagte Fin, als wäre es die normalste Antwort der Welt. Adraco legte das Schlachtmesser, das er immer noch in der Hand hielt, an ihren Hals. „Bist du dir da ganz sicher? Wie willst du dich verteidigen?“ Der Meister drückte zu, aber er schnitt sie nicht. „Wenn es dazu kommen sollte, mit Worten!“ Das Messer an ihrer Kehle schien sie überhaupt nicht zu beeindrucken. „Mit Worten ... Was sagt man dazu?“ Adraco begann zu lachen, aber es klang unnatürlich. „Ich werde Niemanden verletzen, der mich nicht aus einem unverständlichen Grund angreift.“ Ihr Prinzip war einfach. Menschlich. Aber ich war mir nicht sicher, ob sie damit weit kommen würde. Adraco zog das Messer an ihrem Hals entlang. Der Schnitt begann zu bluten und das dunkelrote Lebenselixier rann über Fins Hals. Sie schloss die Augen, aber wir warteten vergeblich auf irgendeine  sonstige Reaktion. Adraco nahm das Messer zurück. „Und das? Ist das kein unverständlicher Grund?“ fragte er und grinste. Zum ersten Mal seit Wochen stieg Mitleid in mir auf. Sie wollte nicht kämpfen. Das war in dieser Situation nicht feige, sondern bewies mehr Stärke, als der Meister es mit seinem Messer tat. In den Augen des Meisters war sie ungehorsam, weil sie seine Anweisungen nicht befolgte. Kann ein Mensch überhaupt gezwungen werden, solche Anweisungen zu befolgen? Fin gab ihm keine Antwort, stattdessen sah ich wie die Schnittwunde wie im Zeitraffer verheilte und nur noch eine Narbe zurück blieb. Wo hat sie das gelernt? So etwas hatte er uns noch nicht beigebracht. Sie nahm ihren Blick nicht von den Augen des Meisters. „Ich habe eingesehen, dass es zwecklos ist, mich gegen dich zu wehren! Aber eines Tages bekommst du das, was du verdienst. Das schwöre ich.“ Mir fiel buchstäblich die Kinnlatte herunter. „Du wagst es?“ Der Meister schrie nicht und doch tat die Tonlage seiner Stimme in den Ohren weh. An Fins Stelle wäre ich weggelaufen, hätte mich in Sicherheit gebracht, denn der Meister sah aus, als wolle er sie vierteilen. Doch sie bewegte sich keinen Millimeter. Sie blieb einfach stehen und sah ihn an. „Wir werden sehen, ob du dir bei den Kämpfen nicht doch eine Waffe wünschst. Aber wenn, dann kannst du lange darauf warten. Verschwinde! Geh mir aus den Augen!“ befahl er und wandte sich ab. Fin blieb noch einen Augenblick stehen und verließ dann den Stall. Ich atmete erleichtert aus. Ich hatte ein schlimmeres Ende dieser Diskussion befürchtet. Warum musste sie sich aber auch immer wieder gegen ihn auflehnen? Wir gingen dazu über, mit den Waffen zu trainieren. Wir warfen Stöcke und Messer auf Zielscheiben, die wir dank unserer Fähigkeit Gegenstände zu bewegen, immer in der Mitte trafen. Nach mehreren Wochen, in denen wir lernten, die Waffen wie unsere Hände zu führen, kämpften wir gegeneinander. Fin musste anwesend sein, aber sie nahm nicht an den Übungen teil. Ich kämpfte gegen Emma, die mich mit ihrem Messer am Arm streifte. „Ignorier den Schmerz, Anna. Wenn du dich dadurch ablenken lässt, bist du zwei Minuten später tot!“ riet der Meister. Emma traten Tränen in die Augen und sie entschuldigte sich mehrmals dafür, mich verletzt zu haben. Ich muss eben besser aufpassen. Mit jedem Tag wurden wir besser und besser. Auf ein mal erschien es mir gar nicht mehr so unwirklich, wenn ich daran dachte, die Waffe im Ernst gegen einen Menschen anwenden zu müssen. Es ist ja nur Verteidigung. Das redete ich mir ein und fühlte mich besser.

„Nehmt die Pferde und reitet zum Dorf.“ forderte Adraco nach dem wir die Ausbildung im Kampf beendet hatten. „Besorgt Zutaten für ein großes Mahl heute Abend, wir laden die Magier und Feen ein ... und kommt ja nicht auf die Idee dafür bezahlen zu wollen!“ fuhr er fort. Er verlangte tatsächlich, dass wir stahlen. Ich wusste, was er damit bezweckte. Er wollte, dass wir das Erlernte anwenden konnten. Kein Wunder, dass die Menschen im Dorf uns verachteten und angriffen. „Euer Wohl  und das unserer Gemeinschaft steht an erster Stelle. Passt aufeinander auf. Ich will keine Schwerverletzten!“ Wir zögerten kurz, doch als der Meister uns mit einer Handbewegung bedeutete, zu gehen, folgten wir seiner Forderung, sattelten die Pferde und ritten zum Dorf. „Sollen wir das wirklich machen? Die Leute haben selbst kaum zu essen. Ich weiß nicht, ob ich es fertig bringe, sie zu bestehlen!“ sagte ich zu den Anderen, während wir in zwei Reihen den unebenen Felsweg zum Dorf hinunter ritten. Fin folgte uns als Letzte und sagte kein Wort. Der Stock, der in meinem Gürtel steckte, fühlte sich merkwürdig schwer an. Kann ich damit wirklich Jemanden verletzen oder verlässt mich der Mut? Ich fragte mich, ob es überhaupt Mut war, wenn man jemanden verletzen konnte. Ich gestand es mir nicht ein, aber es war mutiger, ohne Waffen in den Kampf zu ziehen, wie Fin es tat. „Ich will nicht wissen, was uns erwartet, wenn wir mit leeren Händen nach Hause kommen!“ sagte Minna leise, aber mit sicherer Stimme. „Unser Wohl steht an erster Stelle. Wir haben in unserem Leben genug entbehrt. Es ist an der Zeit, dass wir uns das zurückholen.“ meinte Lynard und Jacob und Zacharias stimmten zu. „Seid nicht feige, wir haben gelernt zu kämpfen und das werden wir jetzt anwenden! Los!“ Lynard trieb seinen Hengst Timba zum Galopp an und wir folgten. Ich entschied, mich den Anderen anzuschließen. Vielleicht reicht die bloße Androhung des Einsatzes der Waffen, um die Menschen im Dorf folgsam zu machen. Die Raben begleiteten uns. Wir hatten sie zu uns gerufen, bevor wir losritten.  Als wir im Dorf ankamen und die ersten Menschen trafen, erkannten wir, was Adraco gemeint hatte. Entsetzen und Wut spiegelten sich in den Augen der Leute. Als wir zu Fuß im Dorf gewesen waren, schien uns keiner registriert zu haben. Doch jetzt, mit den Pferden und den schwarzen Gewändern, waren wir gebrandmarkt. Schüler der Schwarzen Magie. Mit lautem Gebrüll und äußerst zielsicher galoppierte Lynard uns allen voran Richtung Marktplatz, wo er mit seinem Messer einen Mann verletzte, der sich ihm in den Weg stellte. Wir sprangen von den Pferden ab und begannen im Laufschritt alles in unsere Lederbeutel zu packen, was wir kriegen konnten. Im ganzen Trubel dachte ich noch nicht mal bewusst darüber nach, wenn ich mit meinem Stock nach Jemandem schlug, der versuchte, mich aufzuhalten.

Viele von uns blieben ebenfalls nicht unverletzt. Schnitt- und Platzwunden wurden jedoch erfolgreich ignoriert und wir machten weiter, bis unsere Beutel randvoll waren. Wir stiegen gerade auf unsere Pferde, als ich mich nach Fin umsah. Ich hatte sie während dem Kampf am Rande stehen sehen, bei ihrer Stute Zanja, aber wie bereits angekündigt, kämpfte sie nicht. Jetzt stand sie bei einem Mann, der ihr ein Messer an die Kehle setzte. „Ihr lasst die Beute hier oder eure Kameradin stirbt.“ drohte er. Ich erkannte, dass er das Dorfoberhaupt war. Er schien sich nicht damit abfinden zu wollen, dass eine Horde Jugendlicher das Essen seiner Untertanen stahl. Die Blicke der Anderen spiegelten mein Befinden wieder. Verdammt, was machen wir denn jetzt? In dieser Zeit war es sicher, dass der Mann seine Drohung wahr machen würde. Ihm war egal, was mit Fin passierte. Hauptsache, wir kamen nicht mit unserem Verbrechen durch. Sie verteidigte sich nicht ein mal und brachte uns alle damit in Schwierigkeiten. „Lasst sie los oder wir fangen von vorne an!“ warnte jetzt Lynard. Er suchte verzweifelt nach einer Lösung. Er hob sein Messer. Viel zu langsam, denn das Dorfoberhaupt hatte Zeit zu reagieren, und stieß Fin unsanft nach vorne, sodass sie näher an das Messer rutschte. „Es wird euch nichts bringen!“ sagte sie leise. „Ihr habt euch die Falsche ausgesucht. Ich bin nicht Diejenige für die diese Menschen ihre Beute zurücklassen.“ fügte sie hinzu. Ich staunte über ihre Gelassenheit. Lynard dachte wahrscheinlich wirklich darüber nach, sie einfach ihrem Schicksal zu überlassen und ich ahnte, dass er nicht der Einzige war. Eine Minute lang rührte sich Niemand. Dann griff Fin langsam, aber sicher nach der Hand des Mannes, die das Messer hielt und drückte sie nach hinten, als handele es sich um eine Feder. Sie drehte sich zu ihm um, allerdings ohne sein Handgelenk loszulassen, sah ihm in die Augen und sagte sanft: „Es tut mir Leid!“ Dann ließ sie die Hand des perplexen Dorfoberhauptes los und ging. Sie saß auf ihre Stute auf und ritt uns voran Richtung Hof. Fin hatte Recht gehabt, als sie vorausgesagt hatte, dass wir noch auf die Pferde angewiesen sein würden. Wenn ich mir vorstellte, wie wir mit unserer Beute zu Fuß davon liefen, musste ich fast lachen. „Du hättest uns beinahe in ganz schöne Schwierigkeiten gebracht. Warum stehst du auch einfach so rum und tust nichts? Lässt dich einfach von dem Typen fangen.“ fuhr Lynard sie an, als wir am Hof ankamen. „Wir sind ein Team!“ fügte Zacharias hinzu. „Ihr seid schon lange in Schwierigkeiten, falls ihr es noch gemerkt habt und solange ihr euch auf die Schwarze Magie einlasst, gehöre ich nicht zu diesem Team.“ gab sie zurück und sprang vom Pferd ab. Der Meister kam lächelnd auf uns zu. „Ich sehe, ihr ward erfolgreich! Gut gemacht!“ lobte er und betrachtete eine Schnittwunde in Marthas Gesicht näher. „Das vergeht!“ sagte er. „Wie ist es euch ergangen? Hattet ihr Probleme?“ Kurze Stille folgte. „Ja, mit Fin!“ sagte Lynard schließlich. Das ist jetzt nicht sein Ernst. Kann er nicht einfach den Mund halten? Ich verstand ihn nicht. Ja, Fin hat uns in Schwierigkeiten gebracht, aber er weiß doch, wie der Meister mit ihr umgeht. Fin zeigte überhaupt keine Regung. Sie streichelte mal wieder geistesabwesend ihrer Stute über den Hals und erwartete die Reaktion des Meister mit leerem Blick. „Es war zu erwarten!“ gab der Meister zurück, ohne Fin eines einzigen Blickes zu würdigen. „Du solltest nur wissen, dass die Geier bereit sind!“ wandte er sich erst nach einer kurzen Pause an sie. Ich hatte wirklich Angst, dass er seine Drohung wahr machen würde.  In den folgenden Wochen zogen wir öfters ins Dorf, um uns das zu nehmen, was wir brauchten. Fin musste sich uns anschließen, aber ich habe sie nicht einmal mit einer Waffe in der Hand gesehen. Wir wussten inzwischen, dass sie sich auch ohne verteidigen konnte, sofern sie das wollte. Nach dem zweiten Überfall kam es nicht mehr dazu, dass wir uns verteidigen mussten. Nachdem Lynard ein kleines Mädchen so verletzt hatte, dass sie nur knapp dem Tod entging, machten die Dorfbewohner den Weg frei, wenn wir kamen. Sobald der erste uns Einreiten sah, waren fünf Minuten später die Straßen leer gefegt und wir konnten uns ungehindert bedienen. Ich nahm es Lynard immer noch übel, so weit gegangen zu sein. Auch er selbst, schien kein reines Gewissen zu haben, aber er verdrängte es mehr oder weniger erfolgreich.

Nach einem Jahr in der Obhut des Meisters, in dem wir viel über die Schwarze Magie gelernt hatten und in den umliegenden Dörfern Angst und Schrecken verbreitet hatten, sollten wir endlich die Bedeutung der Uhren erfahren, die wir immer noch jeden Tag zwei Stunden lang zusammensetzten. 

„Diese Uhren zeigen die verbleibenden Lebenszeiten der Dorfbewohner im Umkreis von 17 Kilometern. Unser aller Meister, den ihr noch nicht kennen lernen durftet, macht sich ein Spaß daraus, diese Uhren zu beobachten. Wir stellen sie für ihn her, damit er uns gut gesinnt ist. Es ist ein alter, dunkler Zauber, dass Uhren, die von Schülern der schwarzen Magie hergestellt werden, in der Lage sind, die Lebenszeit eines bestimmten Menschen anzuzeigen. Wenn wir in Massenproduktion gehen würden, könnten wir von jedem Menschen auf der ganzen Welt bestimmen, wie lange er noch zu leben hat. Die Zahl 12 ist der Tod. Die Uhren stellen sich schon in unserer Obhut auf eine bestimme Uhrzeit. Die Hälfe der Lebenszeit, Dreiviertel und so weiter.“ erklärte er und hielt eine der Uhren in der Hand. Uns stand der Schock ins Gesicht geschrieben. Uhren, die restliche Lebenszeiten bestimmen? Es war  erschreckend, aber gleichzeitig war es faszinierend. Jeder von uns fragte sich, ob auch ihm eine Uhr zustand. Aber ich wäre nie auf die Idee gekommen, sie mir freiwillig anzusehen. Es wurde wieder Winter und es regnete am laufenden Band. Die Geschichte der Uhren, die wir mit unseren eigenen Händen herstellten, belastete uns immer noch, aber wir mussten uns auf andere Dinge konzentrieren. Unsere Ausbildung zu schwarzen Magiern war noch nicht beendet. Noch ein ganzes Jahr würden wir auf dem Hof verbringen. Im neuen Schuljahr, wenn man es so nennen durfte, begannen wir damit, zu lernen wie man Tiere seinem Willen unterwerfen konnte. Wenn man Tiere kontrollieren kann, kann man es auch bei Menschen? Ich verwarf die Frage, denn ich wollte es mir nicht vorstellen.  

Einen Tag bevor der Meister zum ersten Mal mit uns zum Dorf reiten wollte, um zu sehen, welche Fortschritte wir gemacht hatten, machte Zacharias eine furchterregende Entdeckung. In einem Hinterraum der Werkstatt, der bisher immer abgeschlossen gewesen war, standen unsere fertig gestellten Uhren. Jede auf eine andere „Uhrzeit“ eingestellt. Zacharias nahm eine Uhr aus dem ersten Regal. „Samuel Reychik.“ las er von einer goldenen Plakette ab, die wir nicht anmontiert hatten. „Ist das nicht das Dorfoberhaupt aus dem Tal?“ fragte Klara vorsichtig. „Seht mal, der Zeiger steht fast auf 12!“ stellte Lynard fest. Meine Hände wurden eiskalt. Auch wenn ich keine Bindung zu diesem Mann hatte, ging mir diese Erkenntnis nahe. Er würde bald sterben und wir wussten es schon im Voraus. „Wir sollten gehen!“ schlug Jeremias vor. „Ja, ich denke wir dürfen nicht hier sein!“ fügte ich mit zitternder Stimme hinzu. „Lasst uns nach den anderen Uhren sehen, vielleicht ist jemand Interessantes dabei.“ sagte Lynard und machte einen Schritt auf das nächste Regal zu. „Lynard, nein!“ flehte Klara und zog ihn aus dem Raum. „Sie hat Recht, wir sollten es dabei belassen!“ meinte ihr Bruder und schloss die Tür. „Feiglinge!“ zischte Lynard und verschwand.

Am folgenden Tag begleitete uns der Meister zum Dorf. Doch diesmal war etwas anders. Die Straßen waren nicht menschenleer. Dutzende Dorfbewohner bildeten eine Gasse, die wir durchritten. Angeführt durch den Meister. Er würdigte die Bewohner keines Blickes und wir taten es ihm nach. Die Raben, die uns bei jedem Ritt begleiteten, krächzten aufgeregt. Wenn man genau hinhörte verstand man, was sie sagten. „Sie lauern euch auf, verschwindet!“ Doch Adraco ließ sich nicht beeindrucken. Was geht hier vor? Wenn sie schon da stehen, wieso greifen sie uns nicht an? Als wir den Marktplatz mit den Lagerhallen erreichten, schossen Pfeile von allen Richtungen auf uns zu. Mich traf ein Pfeil in der rechten Schulter und der Schmerz raubte mir den Atem. Damit hatten wir nicht gerechnet. So konnten wir uns nicht verteidigen. Aber der Meister konnte es. Mit einer einzigen Handbewegung hielt er die Pfeile in der Luft an. „Ihr solltet nicht mit uns spaßen, Leute!“ warnte er in seiner grausamsten Stimmlage. Dann sprang er von seinem Pferd ab und ging auf das Dorfoberhaupt zu, der vorgetreten war. „Samuel Reychik?“ fragte er unnötigerweise. „Lasst uns in Ruhe! Wir haben euch nichts getan. Wir haben selbst kaum zu essen und ihr stehlt uns das Letzte, was wir haben!“ Er hatte Angst, das sah man ihm an, aber er stand für sein Volk ein. Was dann folgte, erlebte ich wie in Trance. Der Meister entzündete ein loderndes Feuer in der Mitte des Marktplatzes und zog das Dorfoberhaupt zu sich. „Das erste Opfer. Weitere folgen, wenn ihr nicht spurt!“ sagte er laut und stieß den Mann ohne zu zögern ins Feuer. Ich hörte nur noch seine wenigen, qualvollen Schreie, aber ich hatte mich weggedreht. Tränen schossen mir in die Augen. Ich sah zu den Anderen, auch sie waren sichtlich schockiert. Sogar Lynard atmete heftig und traute sich nicht, seine Blicke dem grausamen Schauspiel zuzuwenden. Fin bekreuzigte sich, nahm die Kapuze ab und senkte den Kopf. Sie glaubt an Gott? Es war das erste Mal, dass ich sie bekennen sah.

Wieder auf dem Hof angekommen, war die Stimmung bedrückt und angsterfüllt. Wir hatten einen Menschen im Feuer sterben sehen. Einen Menschen, dessen Lebensuhr, wir nur einen Tag zuvor zu Gesicht bekommen hatten. Wir saßen in der Wohnstube am gedeckten Tisch. Vor dem gestohlenen Essen, auf das wir plötzlich alle keinen Appetit mehr hatten. Der Meister hatte uns gezeigt, wie wir unsere Wunden, die wir durch die Pfeile erlitten hatten, heilen konnten. Ohne Hilfe schafften wir es noch nicht, aber er ging uns zur Hand, um uns positiver zu stimmen. Bei mir gelang es nicht. Ich war immer noch völlig verwirrt und erschrocken. „Es wird Zeit, dass ihr unseren Kodex näher kennen lernt! Ich will ihn euch vorlesen!“ begann er und nahm ein schwarz eingebundenes Buch zur Hand.
“Der Kodex der Schwarzen Magier und Feen. Die Dunkle Kunst verbindet jeden, der mit ihr in Berührung kommt, mit Denen, die sich ihr verschrieben haben. Ein Bündnis, dass nach der ersten, bewussten Entscheidung für die Dunkle Kunst, nicht mehr zu lösen ist. Der Bund verpflichtet die Mitglieder einander anzuerkennen und miteinander zu arbeiten. Jeder vertritt jeden. Menschen außerhalb des Bundes müssen nicht berücksichtigt werden. Sie unterstehen keinen Gesetzen. Anders die Dunklen Magier. Sie dürfen von ihresgleichen auf keinen Fall verletzt oder getötet werden. Um Ziele zu erreichen, dürfen jedoch Menschen außerhalb des Bündnisses verletzt oder getötet werden. Wer sich der Schwarzen Magie verschreibt, wird Träume verwirklichen können. Wer sich ihr widersetzt wird Leid erfahren.“

 

Der Beginn des Widerstandes

An diesem Abend saßen Lynard, Emma, Jeremias und Ich im Stall und versuchten den Tag zu verarbeiten. Die anderen lagen bereits in den Betten. „Er hat einen Menschen getötet. Ohne ersichtlichen Grund.“  begann ich. „Er hatte einen Grund. Er wollte den Dorfbewohnern zeigen, dass sie uns gehorchen müssen.“ entgegnete mir Lynard. Ist der etwa immer noch auf der Seite des Meisters? „Aber nicht so. Er hätte ihnen auch anders Angst machen können. Und die Sache mit den Uhren ...“ hielt Jeremias mir bei. „Er wird schon wissen, was er tut!“ Lynard hörte sich inzwischen überzeugter an. „Hoffen wir’s!“ meinte Emma kurz. Das Knarren der Tür beendete unser Gespräch. Fin trat ein. Die Narbe an ihrem Hals, die von Adracos Messer stammte, war kaum noch zu sehen, aber sie wirkte äußerlich immer noch schwach. „Ich muss mit euch reden!“ sagte sie und setzte sich zu uns. „Du solltest inzwischen wissen, dass wir nichts hören wollen.“ Fin überging Lynards Antwort. „Ihr habt es immer noch nicht begriffen, oder!?“ fragte sie verständnislos. „Was begriffen?“ entgegnete Lynard schroff. „Dass ihr euch hier ins Unglück stürzt!“ „Es ist doch alles in Ordnung. Wir leiden weder Hunger, noch Durst. Es geht uns gut.“ Lynards Augen funkelten vor Zorn. „Es ist alles in Ordnung? Nennst du es in Ordnung, wenn ein Mann vor deinen Augen verbrennt, wenn du seine Schreie hörst und nichts tun kannst? Ist das in Ordnung?“ Fin sprach immer noch ruhig. In ihrer Stimme war keine Wut zu erkennen, lediglich Unverständnis und Verzweiflung. Wir schwiegen. Natürlich ist es nicht in Ordnung. Und das weiß Lynard genauso gut, wie wir alle. Doch er wollte es nicht eingestehen. Ich hatte das Gefühl, dass er sich während der ersten Begegnung mit Fin schon im Klaren war, dass er keine freundschaftliche Beziehung aufbauen konnte, er machte dicht. „Was sagt ihr dazu? Schweigen hilft uns jetzt auch nicht weiter. Ihr müsst euch endlich dafür entscheiden, etwas zu tun. Ihr sitzt hier, als sei nichts geschehen. Was ist nur mit euch passiert?“ Wir hatten gar keine Möglichkeit ihr irgendetwas zu antworten, denn Lynard war aufgesprungen und hatte Fin an die Wand gedrückt. „Hör auf, uns zu sagen, was wir zu tun haben!“ warnte er. „Ich will, dass ihr die Augen öffnet. Seht ihr nicht, was hier vor sich geht? Müssen wirklich noch mehr Menschen sterben, damit ihr es endlich versteht?“ Fin hatte wegen Lynards Griff Mühe zu sprechen. Ich wusste, dass sie sich hätte verteidigen können, aber sie wollte nicht. Lynard zog plötzlich eine Kralle aus der Manteltasche. Sie sah aus, wie die eines Geiers, aber ich war mir nicht sicher. Ich erkannte, dass Lynard kurz stockte und ungläubig die Kralle betrachtete. Dann holte er aus und stoppte mit der scharfen Kralle erst kurz vor Fins Kehle. Ich wollte irgendetwas sagen, ihr irgendwie helfen, aber ich bewegte mich keinen Schritt. Emma und Jeremias schien es ähnlich zu gehen. Sie verstanden nicht, was sie sahen. „Lass uns in Ruhe. Hör auf mit deinen Gesprächen über die Dunkle Kunst, die angeblich so schädlich ist. Du machst alles kaputt!“ zischte Lynard. „Tu es! Schneid mir die Kehle durch, dann weiß ich wenigstens sicher, dass ich an die Falschen geraten bin.“ gab Fin zurück. In ihrem Blick keine Spur von Unsicherheit. Was hat sie schon  zu verlieren? Ein Leben, das ihr scheinbar nichts wert war. Als die Tür ein zweites Mal knarrte, fuhr ich erschrocken zusammen. Im Raum herrschte eine Spannung, welche jedes kleinste Geräusch zu zerreißen drohte. Der Meister erschien im Türrahmen und hatte in Sekundenbruchteilen die Situation erkannt. Während Lynard erschrocken zurück gewichen war, grinste der Meister unnatürlich und ließ den Blick nicht von Fin, die immer noch an der Wand stand. „Na, was ist denn hier los?“ fragte er amüsiert. Mein Puls raste. Ich griff unwillkürlich Jeremias Hand. „Seid ihr endlich bereit euch gegen Fin zu wehren? Hast dich wohl schon über die Kralle gewundert, was!?“ fragte er und kam näher. Deshalb hatte Lynard so ausgesehen, als habe er nichts mit ihr zu tun. „Dann wehrt euch wenigstens richtig!“ Mit diesen Worten schossen Wurzeln aus der Wand hinter Fin und schlangen sich um ihre Arme und Hüfte. „Nein!“ Ich schaffte es endlich, etwas zu sagen. Ich wollte verhindern, dass er ihr etwas antat, aber es gelang mir nicht. Eine einzige Handbewegung des Meisters und ich flog mehrere Meter durch die Luft. Unsanft landete ich auf dem kalten Steinboden. Mein Handgelenk pochte schmerzhaft. Jeremias kam auf mich zu und half mir hoch. „Lassen Sie sie!“ sagte er mit sicherer Stimme. „Haltet den Mund oder sie ist tot!“ drohte Adraco. Wir verstummten. Dem Meister war alles zuzutrauen. „So, dann lass mal sehen!“ richtete er sich an Lynard und hob die Hand mit der Kralle. Er flüsterte etwas Unverständliches und prompt entstand aus einer einzigen Kralle eine ganze Pranke mit fünf Krallen. „Du wolltest ihr weh tun, also worauf wartest du?“ sagte er zu Lynard. Er atmete heftig. Sein Blick flackerte zwischen Fin und dem Meister hin und her. Er wolle ihr nicht weh tun, er wollte ihr nur drohen. Ich ahnte, dass es jetzt nicht mehr bei der bloßen Drohung bleiben würden. „Was ist?“ drängte er Lynard. „Ich kann nicht.“ Ich sah ihn zum ersten Mal zittern, irgendeine Regung, die Angst bedeutete. Es ließ mich noch unruhiger werden. Jeremias legte schützend den Arm um meine Schulter. Emma war zu uns nach hinten gekommen und beobachtete angstvoll das Geschehen. „Du kannst nicht? Das werden wir ja sehen!“ Der Meister dirigierte Lynards Hand nach vorne, der die Pranke losließ. Er machte das Ganze nicht eigenständig, nicht freiwillig. Man kann also Menschen kontrollieren.  Der Meister stoppte die Pranke kurz vor Fins Schulter. Es sah tatsächlich so aus, als würde Lynard sie steuern. „Ich habe dir gesagt, dass ich dich den Geiern vorwerfe, wenn du wieder Probleme machst. Jetzt kann das ja Lynard übernehmen.“ Er hatte den Satz kaum beendet, als die Pranke wie von Geisterhand an Fins Arm hinunterrutschte und die Krallen tief in ihre Haut versenkte. Fin biss die Zähne zusammen und drehte sich weg, aber es kam kein Ton über ihre Lippen. Ich wollte, dass das ein Ende hatte, aber ich wusste nicht wie. Die Prozedur wiederholte sich an Fins linkem Arm. Die Schnitte begannen zu bluten. Ich verbarg mein Gesicht an Jeremias Schulter. Das konnte ich nicht mit ansehen. Das grenzte an Folter. „Ich gebe dir eine letzte Chance, Fin. Bei der nächsten Auffälligkeit kommst du nicht mehr so leicht davon!“ Der Meister senkte seine Arme und Lynard ließ augenblicklich die Pranke fallen. Völlig verwirrt betrachtete er den blutverschmierten Vogelfuß auf dem Boden. „Geht. Verschwindet!“ wandte er sich plötzlich an uns. „Und was ist mit Fin?“ fragte Jeremias. Seine Stimme war nicht mehr so sicher, wie zu Anfang. „Die kommt ganz gut alleine klar ... Na los, macht, dass ihr hier raus kommt oder ich fange wieder von vorne an.“ Das würden wir nicht riskieren. Wir verließen – gefolgt von dem kreidebleichen Lynard – den Stall,  aber wir blieben vor dem Tor stehen. Ich würde es nicht zulassen, dass er sie noch einmal verletzte. Ich würde es irgendwie verhindern. Die restlichen  Schüler kamen über den dunklen Hof. „Wir konnten nicht schlafen und wollte nach euch sehen! Was macht ihr da?“ sagte Minna. „Seid ruhig. Fin ist da drin mit dem Meister!“ sagte Emma leise. Jeremias lehnte sich vorsichtig an die Tür, um zu hören, was drinnen passierte. Als der Meister sprach, konnten auch wir ihn hören, so durchdringend war seine Stimme. „Ich habe dich gewarnt, Fin! Du hättest es so einfach haben können ...  Ich werde deinen Willen schon noch brechen, verlass dich drauf!“ „Das wird dir nicht gelingen!“ „Du hättest es einfacher, wenn du dich fügen würdest!“ „Fügen? In deine Schwarze Magie? Warum sollte ich?“ „Weil du meine Tochter bist!“ Ich war mir nicht sicher, ob ich ihn richtig verstanden hatte. Fin ist die Tochter des Meisters? Nach den Blicken der Anderen zu urteilen hatten sie das Gleiche verstanden. „Aber du bist schon lange nicht mehr mein Vater!“ Eine Pause folgte. „Tränen, Fin? Wegen den Schmerzen oder deshalb weil ein Vater seine Tochter nicht loslassen will?“ „Nicht loslassen will? Du kannst es nicht Adraco, weil der Bund mich an dich fesselt. Der Bund, den du mir aufgezwungen hast. Und jetzt, wenn du endlich verstehst, dass das ein Fehler war, passt es dir nicht, dass ich mich gegen dich wehre? Du hättest damit rechnen müssen. Ich habe nie freiwillig den Pakt mit dem Teufel geschlossen und ich werde es auch niemals tun. Töte mich. Ein kurzer Akt für dich, aber der Preis für meine Erlösung ist hoch. Der Verlust deiner Kraft. Das hast du nicht kalkuliert, stimmt’s?“ „Deine Tage sind gezählt, Fin. Aber deine letzte Stunde wird nicht von mir beendet. Das kannst du mir glauben!“ Wir hörten Schritte und versteckten uns neben dem Gebäude. Der Meister ging schnellen Schrittes auf seine Kammer im ersten Haus zu und verschwand. „Sie ist seine Tochter?“ fragte Klara fassungslos. „Sieht so aus.“ gab Zacharias zurück. „Was ist eigentlich passiert?“ fragte Minna. Wir erklärten den Anderen das Vorgefallene in der kürzesten Version. Lynard stützte verzweifelt den Kopf in die Hände. Dann ging er ohne ein Wort. „Wir sollten nach ihr sehen!“ sagte ich an Jeremias gewandt. „Ja, wäre vielleicht besser.“ gab er zurück und nickte den Anderen zu. „Wir warten in der Schlafkammer!“ sagte Emma leise und folgte den Anderen. Jeremias öffnete vorsichtig die Tür. Fin saß immer noch an der gleichen Stelle, aber die Wurzeln waren verschwunden. Sie hatte die Knie an den Körper gezogen und umschlang ihre Beine mit den verletzten Armen. Tränen glitzerten in ihren Augen. „Fin ...!“ setzte ich an und kniete mich neben sie. Sie sah mich nicht, sondern starrte ins Leere. „Fin!“ sagte Jeremias lauter. Endlich nahmen ihre Augen einen Ausdruck an. „Können wir irgendetwas für dich tun?“ fragte ich vorsichtig. Sie lächelte nur. Was sollen wir jetzt noch für sie tun? Das hätte uns mal früher einfallen können. Kurze Zeit später betrat Lynard den Stall. Sein Gang war unsicher und wankend. „Das wollte ich nicht!“ Seine Stimme war nicht mehr als Flüstern. „Ich weiß!“ gab Fin ohne zu zögern zurück und stand auf. „Es ist kalt. Wir sollten schlafen gehen!“ fuhr sie fort. „Kannst du das nicht heilen?“ fragte Jeremias und deutete auf ihre blutenden Wunden. „Schwarze Magie, die kann man nicht heilen!“ antwortete Fin. „Aber den Messerschnitt, den hast du doch auch geheilt.“ sagte ich leise.  Fin amtete hörbar aus. „Es würde alles nur schlimmer machen, wenn ich es euch erkläre.“ Ich ahnte, worauf sie hinaus wollte, aber sie konnte nicht wissen, dass wir es bereits erfahren hatten. „Wir wissen, dass der Meister dein Vater ist.“ sagte ich deshalb. Fin sah uns erstaunt an. „Wir haben es eben mit angehört.“ erklärte Jeremias. Sie nickte. „Das bricht den Bann. Unter Blutsverwandten ist die Heilung möglich. Aber Lynard führte die Pranke.“ sagte sie sachlich, aber ging nicht weiter auf ihren Vater ein. Sie zog den Mantel über ihre Arme und folgte uns über den Hof zur Schlafstube. Die Anderen, die bereits in ihren Betten lagen, wussten nicht wie sie jetzt auf Fin reagieren sollten. Sie legte sich wortlos ins Bett und zog die Decke bis zum Hals. „Ich glaube, es ist Zeit für eine Erklärung, Fin.“ sagte Jacob sanft. Die Distanz zwischen den Schülern und Fin wich. Wir begannen sie zu verstehen. „Wenn ihr es jetzt hören wollt ...“ antworte Fin leise und setzte sich auf. Wir nickten. „Es ist eine lange Geschichte, so wie die eines jeden von uns!“ setzte sie an. „Wir haben Zeit.“ antwortete Jeremias und setzte sich auf sein Bett. Inzwischen waren die Temperaturen in der Schlafstube unter 10 Grad gesunken, obwohl der Ofen brannte.  „Meine Mutter starb als ich zehn Jahre alt war. Mein Vater hat sie so geliebt, dass er sich nach ihrem Tod völlig verloren hat. Wir sind nach Irland ausgewandert, weil er dachte, dass es uns hier besser geht und weil er wusste, dass sein Bruder hier irgendwo leben musste. Wir fanden ihn nach langem Suchen und er brachte meinen Vater zur Schwarzen Magie. Er hatte die Anlagen, sagte Detras und mein Vater glaubte ihm. Ich verstand damals noch nicht viel von den Geschehnissen um mich herum. Ich wusste nur, dass mein Vater sich immer mehr von mir distanzierte und kaum mehr zu Hause war. Er erlernte die Dunkle Kunst bei dem großen Meister der Schwarzen Magie. Als ich 15 war, hatte er seine Ausbildung und auch die Prüfungen zum dunklen Meister absolviert.  Wir zogen an die Westküste und er eröffnete seine eigene Schule. Er hielt mich die ersten zwei Jahre versteckt, weil er wusste, dass ich mich gegen die Schwarze Magie wehren wollte, nachdem ich zum ersten Mal einen Menschen durch die Hand meines Vaters habe sterben sehen.  Mein Rabe erzählte mir von der guten Magie und ich habe begonnen, sie mir selbst beizubringen. Es war meine letzte Chance. Ich habe ein paar Mal versucht die Schülergeneration vor euch irgendwie davon zu überzeugen, dass sie das Falsche taten, aber es gelang mir nicht. Damit ich nicht weglaufen konnte, hat er mir das Mal auf den Fußknöchel gebrannt. Damit ist man an den Dunklen Bund gekettet und kann immer und überall aufgespürt und werden. Als ich das zum ersten Mal erfahren musste, habe ich das Mal aus meiner Haut geschnitten. Die Wunde ist bis heute nicht verheilt. Adraco blieb mein Versuch nicht verborgen und er hat es an meiner Hand wiederholt. Er drohte, dass ich sie verlieren würde, wenn ich es noch einmal versuchen würde. Ich habe es gelassen und mich vorerst meinem Schicksal gefügt. In der Hoffnung, dass ich es bei der nächsten Schülergeneration schaffen könnte, dann wenn ich selbst zur Schülerin wurde. Adraco wollte mich loswerden, weil ich euch gefährlich nahe kam, aber er konnte nicht. Wenn er mich selbst umbringt, verliert er durch den Kodex seine magische Kraft. Kein Dunkler Magier darf Seinesgleichen verletzen oder töten. Ich habe mir geschworen gegen Adraco und die Dunkle Magie vorzugehen, weil sie nichts bringt, außer Leid. Es ist euch überlassen, ob ihr euch mir anschließt oder nicht. Wenn ihr zusehen und daran teilhaben wollt, wie unschuldige Menschen für euer Wohl ihr Leben lassen, dann bleibt bei Adraco. Aber wenn ihr den Mut habt, gegen diese Grausamkeiten vorzugehen, dann müssen wir uns zusammenschließen. Wir können es nur als Gruppe schaffen.“  Wir waren sprachlos. Sie hatte so viel durchmachen müssen, aber sie hatte nicht aufgegeben. Sie würde weiter kämpfen, so lange bis sie ihr Ziel erreicht hatte. Eine komplette Ausrottung der Schwarzen Magie war nicht möglich, dass wussten wir alle. Dunkle Magier waren über die ganze Welt verteilt, aber wenigstens in Irland konnte man dafür sorgen, dass sie sich zurückhielten. Ich war mir noch nicht wirklich sicher, was ich davon halten sollte. Aber eines wusste ich. Es ist ein gewaltiger Fehler gewesen, mich dem Meister anzuschließen. In meinem Unterbewusstsein war es schon nach dem Tod des Dorfoberhauptes klar gewesen. Schluss damit. Aber den letzten Anstoß hatte mir Fin gegeben. Doch manche schienen zu zweifeln. „Ich weiß nicht, das kommt so plötzlich. Von heute auf Morgen!“ sagte Jacob leise. „Ich verstehe das, ihr habt euch auf die Schwarze Magie eingelassen und Vertrauen gefunden. Es ist immer schwer von vorne zu beginnen. Das weiß ich. Aber es gibt so viele Punkte, die allein wegen euch selbst, gegen die Schwarze Magie sprechen. Der Meister lehrt euch Dunkelheit zu schaffen.“ Fin hob die Hand und die Kerze vor ihr erlosch. Es war stockdunkel im Raum. „Aber ist es nicht schöner, Licht zu schaffen?“ Die Kerze entbrannte wie von Geisterhand. „Der Meister lehrt euch, Angst zu verbreiten!“ Das Bild eines grausamen Monsters erschien vor unseren Augen. Ich hörte einige erschrocken einatmen. „Aber ist es nicht schöner, zum Glück zu verhelfen? Aus dem Monster wurden zwei bunte Schmetterlinge, die einander spielerisch umkreisten. „Der Meister lehrt euch, den Krieg zu erklären.“ Wir sahen die Szene vor uns, in der wir gegen die Dorfbewohner kämpften. Wir wurde fast schlecht bei dem Anblick, wie ich eine junge Frau mit dem Holzstock zur Seite trieb. „Aber ist es nicht schöner, Frieden zu schließen?“ Wir sahen, wie wir gemeinsam mit den Menschen im Dorf die Trümmer beseitigten und Verletzten halfen. „Der Meister lehrt euch, zu hassen.“ Sie sah Lynard an. Er wich ihrem Blick aus. „Aber ist es nicht schöner, zu verstehen?“ Zur Untermalung reichte ihr fragender Blick zu Lynard. „Der Meister lehrt euch, Tränen fließen zu lassen.“ Ein sanftes Licht fiel aus einer unsichtbaren Quelle auf Klara. Stille Tränen zogen ihre Bahnen über die blassen Wangen. „Aber ist es nicht schöner, sie zu trocknen?“ Urplötzlich hatte Georg ein Stofftuch in der Hand und wischte seiner Schwester damit die Tränen aus dem Gesicht. „Der Meister lehrt euch, Leben zu nehmen.“ Ich hatte schon befürchtet, sie würde uns den Tod des Dorfoberhauptes zeigen, stattdessen sahen wir wie die einzige Pflanze im Raum ihre Blüten hängen ließ und in Sekunden verwelkte. „Aber ist es nicht schöner, Leben zu geben?“ Mit einer Handbewegung Fins blühte die Pflanze wieder in voller Pracht. Ich war überwältigt. Wir ließen dem Moment seine Bedeutung und schwiegen. „Ich schließe mich dir an, Fin. Es tut mir Leid, dass ich so lange gebraucht habe, es zu verstehen!“ sagte Jeremias schließlich. Fin lächelte erleichtert. „Ich wechsele ebenfalls die Seiten. Ich will nicht ein zweites Mal einen unschuldigen Menschen durch die Dunkle Kunst sterben sehen.“ stimmte Emma zu. „Ich gehe diesen Weg mit euch und für die Menschen aus den Dörfern Irlands.“ schloss sich Georg an. „Ich auch!“ Klara nahm die Hand ihres Bruders. „Ich habe einen Fehler gemacht, als ich mich der Schwarzen Magie verschrieben habe, vielleicht kann ich wenigstens einen Teil wieder gut machen.“ Ich hatte mich entschieden und diesmal war ich mir sicher. Das konnte nicht falsch sein. „Wir helfen euch!“ sagten Jacob und Martha. „Ich ebenfalls!“ fügte Martin hinzu. „Vielleicht habt ihr Recht. Ich will mich nicht mein Leben lang zur Sklavin der Dunklen Kunst machen lassen.“ beschloss Minna. Es fehlten nur noch Zacharias und Lynard. „Also ich weiß nicht, wie du das siehst, aber sie haben Recht. Wir müssen uns aus diesem Bündnis freikämpfen, wenn wir unser Leben so leben wollen, wie wir es für richtig halten!“ richtete sich Zacharias an seinen Bruder. „Der Kodex besagt doch, dass Dunkle Magier Ihresgleichen nicht verletzen dürfen. Wir sind Dunkle Magier, nachdem wir diesen Bund geschlossen haben!“ Lynard deutete auf sein Mal. „Wir verlieren unsere magische Kraft, wenn wir den Meister oder andere dunkle Magier töten.“ fuhr er fort. „Wenn du dich jetzt dafür entscheidet, mit uns zu gehen, kann ich euch unsere Vorgehensweise erklären. Aber erst, wenn ich von jedem sein Wort habe!“ unterbrach Fin. Zacharias und Lynard sahen sich an. „Okay, wir vertrauen dir. Ich glaube, das sind wir dir schuldig.“ antwortete Lynard schließlich. „Also gut!“ Fin stand auf, legte die Hände an die Tür und flüsterte einen Spruch in der gleichen Sprache, wie die des Meisters. Dann setzte sie sich wieder zu uns. „Wenn der Meister jetzt diesen Raum betritt, wird er uns den Betten liegen und schlafen sehen.“ erklärte sie. Ungläubig sahen wir sie an. „Es gibt nicht nur die Dunkle Magie! Sie ist nicht die einzige Macht auf dieser Erde.“ Ich verstand gar nichts mehr. „Man sagt, die Dunkle Kunst wäre der Unterwelt, der Welt der Dämonen und Teufel entsprungen. Alles in dieser Welt hat einen Gegensatz. So auch die Unterwelt und damit die Schwarze Magie.“ „Die gute Magie, von der dein Rabe erzählt hat! Was ist das?“ fragte Emma interessiert. „Laut Erzählungen ist sie entstanden aus dem Himmelreich.“ „Glaubst du deshalb an Gott?“ fragte ich, als mir einfiel, dass sie sich nach dem Tod des Dorfoberhauptes bekreuzigt hatte. „Es ist nicht sicher, ob Gott der Urheber dieser Magie war. Aber der Glaube gibt mir Kraft, weil er mich mit meiner Mutter verbindet und mir ein Ziel setzt. Frieden.“ Ich nickte verständnisvoll. „Es gibt auf dieser Welt mindestens genau so viele gute Magier, wie dunkle. Aber die Meisten halten sich bedeckt. Helfen zwar den Schwachen, gehen aber nicht direkt gegen die Schwarze Magie vor. Uns bleibt leider nichts anderes übrig, denn wir kommen sonst nicht aus diesem Bündnis heraus. Der große Meister der Dunklen Kunst in Irland muss einen unnatürlichen Tod sterben oder der Bund löst sich nicht auf. So steht es im Kodex geschrieben. In dem Teil, den Adraco ausgelassen hat. Es fällt mir nicht leicht, das zu sagen, aber unsere Aufgabe besteht darin, den großen Meister zu töten. Es gibt keine andere Möglichkeit!“ „Du hast mir noch nicht gesagt, wie du den ersten Teil des Kodex umgehen möchtest. Wir sind im Bund der Schwarzen Magie, wir dürfen keine dunklen Künstler töten, sonst geht unsere magische Kraft verloren. Oder trifft das nicht auf die gute Magie zu?“ harkte Lynard nach. „Leider doch. Da wir uns mehr oder weniger freiwillig für den Bund der Schwarzen Magie entschieden haben, würde jede magische Kraft verloren gehen, auch die gute. Das würde ich auf mich nehmen, wenn ich mir sicher wäre, dass wir dann überhaupt bis zum großen Meister vordringen können.“ „Es gibt also eine andere Möglichkeit?“ schlussfolgerte Jeremias. „Ja, die gibt es. Der Kodex der guten Magie besagt, dass Welt, Natur und Lebewesen eine Einheit sind. Es zählt jedoch die Kraft des Individuums im Bund mit den Anderen. Wenn wir unseren Körper mit dem Mal verlassen, so löst sich die Kontrolle der Dunklen Magie, jedoch nicht der Bund mit ihr. Im Körper eines anderen, neu erschaffenen Individuums sind wir frei und für die Dunkle Kunst nicht auffindbar. Kehren wir jedoch in unseren eigenen Körper mit dem Mal zurück, sind wir sofort wieder für die Dunkle Kunst erreichbar. Wir müssen also den großen Meister töten und damit den Bund der schwarzen Magie lösen. Alle schwarzen Magier Irlands verlieren ihre dunkle Kraft an die Unterwelt und wir sind befreit. Befreit von der dunklen Kraft, die in uns wohnt und befreit von den Fesseln der schwarzen Magie.“ „Was meinst du mit dem neu erschaffenen Individuum?“ erkundigte sich Martha.  „Was hat euch als Erstes an Adraco fasziniert?“ „Dass er sich in eine Schlange verwandeln kann!“ antwortete Klara sofort. „Willst du damit sagen, dass wir uns in Tiere verwandeln sollen, um zu einem neuen Individuum zu werden?“ fragte Jacob. „So ist es.“ „Aber das können wir doch gar nicht. So etwas dauert laut dem Meister Jahre, bis es reibungslos funktioniert.“ „Mit Hilfe der schwarzen Magie vielleicht. Nicht jedoch mit der guten Magie!“ „Aber wie ...?“ wollte Martin wissen. „Die gute Magie kann nur für einen bestimmten Zweck angewandt werden. Während die dunkle Kunst für den Einzelnen arbeitet und jederzeit angewandt werden kann, müssen für die Benutzung der guten Magie Gründe vorliegen. Man will anderen helfen oder sich verteidigen zum Beispiel. Aber wenn solch ein Grund vorliegt, ist sie wesentlich stärker, als die schwarze Magie.“ Ich war völlig fasziniert. Der Kodex der guten Magie sagt mir viel eher zu, als der der Dunklen. „Ich glaube, ich habe mich endlich mal für das Richtige entschieden!“ sagte Emma und sprach damit meinen Gedanken aus. Die Anderen nickten zustimmend. „Ihr müsst allerdings wissen, dass das ein harter Weg wird. Dieser Kampf wird nicht ohne Verluste ablaufen können. Wir sind auch mit Hilfe der guten Magie nicht vor Verletzungen sicher.“ erklärte Fin weiter. „Dann wissen wir wenigstens, wofür wir sterben!“ beendete Martin das Gespräch. Wir legten uns schlafen, die nächste Zeit würde kräfteraubend sein. Wir besuchten den Unterricht natürlich weiterhin, aber es war schwierig, sich nichts anmerken zu lassen. Wir waren unsicher und hatten Angst, dass der Meister irgendetwas bemerken könnte. Während unsere Tage weiterhin abliefen, wie zuvor, saßen wir Abends bis spät in die Nacht zusammen und verbrachten die Zeit damit, zu lernen, uns in Tiere zu verwandeln. „Bevor wir anfangen, sollten wir klären, in welche Tierart wir uns verwandeln. Es ist vermutlich besser, wenn wir zur selben Rasse gehören. Hat jemand einen Vorschlag?“ begann Fin. „Pferde?“ fragte Martha. „Fluchttiere. Keine größeren Möglichkeiten, jemanden – im Falle eines Falles – zu verletzen.“ gab Fin freundlich zurück. „Bären?“ schlug Zacharias vor. „Zu unbeweglich.“ antwortete sein Bruder und Fin nickte. „Adler?“ schlug Jeremias vor. Fin überlegte. „Zu schwierig, wegen den Flügeln, außerdem haben die auch nicht die richtigen Waffen, wenn ihr versteht.“ Wir verstanden. Wir sollen wir als Adler einen Menschen ernsthaft verletzen, wenn es sein musste? Eine Pause folgte. Die Köpfe rauchten. Dann fiel es mir plötzlich ein. „Wölfe! Sie töten nur, wenn sie müssen, haben messerscharfe Reißzähne und können schnell und ausdauernd laufen.“ Fin nickte zustimmend. „Sehr gut, Anna. Ich schätze, wir haben unsere Verwandlungen gefunden. Ist jemand gegen Wölfe?“ Es folgten nur positive Reaktionen. Es stand fest. Wir würden die nächsten Wochen damit verbringen uns in Wölfe zu verwandeln. „Ich verstehe das nicht. Wieso kann man die gute Magie nur für einen bestimmten Zweck anwenden?“ fragte Jacob, als wir abends im geschützten Zimmer saßen. „Worin würde sie sich sonst von der Schwarzen Magie unterscheiden?“ antworte Fin. „Es hängt nur von der jeweiligen Person ab, ob sie sich für die gute oder die schwarze Magie entscheidet?“ erkundigte sich Martha. „Nein. Es kommt auch auf die Umstände an. Wenn euch ein Engel im Traum begegnet wäre und gesagt hätte, ihr solltet ihm folgen, falls ihr anderen helfen wollt, hättet ihr es getan?“ Die Frage blieb im Raum stehen. „Ehrlich gesagt. Nein. Ich hatte genug eigene Probleme!“ sagte Lynard leise. Wir nickten. Die Schlange war wesentlich eindringlicher gewesen, als die Vorstellung eines Engels. „Seht ihr. Das ist das Problem der guten Magie. Die Menschen finden meist erst zu ihr, wenn sie sie wirklich brauchen. Wenn sie gegen etwas ankämpfen müssen zum Beispiel. Wie wir gegen den dunklen Bund ankämpfen müssen, der uns fesselt. Wenn sie den Kampf mit Hilfe der guten Magie gewinnen, bleiben sie oft bei ihr, um Anderen in Not zu helfen. Das Prinzip ist komplizierter und weit weniger effektiv als das der Schwarzen Magie, aber dafür richtet sie auch weit weniger Schaden an ... So, wir sollten jetzt anfangen.“

Fin kramte ein kleines Notizbuch aus ihrem Schrank. „Ich habe Sprüche und Formeln aufgeschrieben, die mir mein Rabe gebracht hat. Ohne ihn wäre ich weder zur guten Magie noch zu deren Ausführung gekommen.“ „Und du hast dir sonst alles selbst beigebracht. Ich meine, das was du uns gezeigt hast.“ fragte ich. „Beibringen ist das falsche Wort. Jeder Mensch trägt diese Magie in sich. Er muss sie nur finden und das kann unter Umständen ein langer und schwieriger Weg sein. Um noch mal auf das Buch zurückzukommen. Vielleicht sollte sich jeder so etwas anlegen. In der Regel funktioniert die gute Magie, wie die Schwarze, auch ohne ausgesprochene Formeln. Aber am Anfang ist es so leichter.“ Mit diesen Worten legte Fin ihre Hand auf das Buch und sprach leise, aber deutlich: „Multiplicare!“ Elf weitere Bücher, die Fins zum Verwechseln ähnlich sahen, stapelten sich auf dem ersten Buch, als Fin die Hand wieder weg nahm. Sie verteilte sie in der Runde. „Alle Formeln, die mir der Rabe überbracht hat, sind darin aufgelistet. Es gibt sicher Tausende mehr, aber die kenne ich nicht. Wir werden so auskommen. Schlagt mal die vierte Seite auf, da findet ihr die Formel zur Verwandlung. „Verwandlung in ein beliebiges Tier: Mutare ...“ las Emma vor. „Mutare? War’s das?“ fragte Zacharias verwundert. „Nein, der Name des Tieres wird hinzugefügt.“ antwortete Fin. „Mutare Wolf?“ fragte Minna und lachte. „Fast! Wolf auf lateinisch!“ sagte Fin und lächelte. „Lateinisch?“ Martin sah Fin ungläubig an. „Die Sprache der guten und der dunklen Magie. Die Sprüche, die ihr benutzt habt, waren auf lateinisch. Die der guten Magie sind es auch.“ „Aber von uns kann doch niemand lateinisch!“ stellte Georg fest. „Dann müssen wir es lernen! Wir haben Lateinbücher auf dem Hof.“ erklärte Fin. „Und wie sollen wir daran kommen?“ fragte Klara vorsichtig. „Die erste Hürde auf unserem Weg. Ich wusste, dass es nicht lange dauern würde.“ gab Fin zurück. „Jemand muss ein Buch holen, solange der Meister in seiner Kammer ist.“ schlug Martin vor. „Ich mach das ...“ sagte Fin, nachdem eine kurze Stille entstanden war. „Nein! Du hast genug getan. Ich mache es, das bin ich euch schuldig!“ meldete sich Lynard. Fin wollte ansetzen etwas zu sagen, aber er legte den Finger auf die Lippen. „Schon okay. Ich gehe es holen!“ Fin nickte. Als er den Raum verlassen hatte, nahm sie den Spiegel in die Hand und brach eine Ecke heraus. Wir sahen sie fragend an. Sie murmelte irgendetwas unverständlich und plötzlich erschien auf der Spiegelscherbe ein Bild. Es zeigte Lynard, wie er im strömenden Regen über den Hof lief. „Wie hast du das gemacht?“ fragte Minna erstaunt.  „Speculum Monstrare. Ein Spiegel zeigt dir nicht immer nur dich selbst!“ antwortete sie. Wir sahen in den Spiegel und erkannten, dass Lynard in unserem Lehrgebäude angekommen war. Er durchsuchte eines der vielen Regale nach dem Lateinbuch. „Such nach Latinitas! Das ist der Titel des Buches, glaube ich.“ sagte Fin. Lynard unterbrach seine Tätigkeit. Konnte sie mit ihm sprechen? Nervös sah er sich im Raum um. „Keine Panik! Ich bin’s nur. Das Buch heißt Latinitas!“ beruhigte Fin ihn. Er nickte schließlich und fuhr mit der Hand zum Buchstaben „L“. Nach einer Minute hatte er es gefunden und zog den verstaubten Einband aus dem Regal. Dann verließ er den Raum und eilte wieder über den Hof. Kurz bevor er unsere Schlafstube erreicht hatte, hielt er inne. Nur Sekundenbruchteile später war eine Schlingpflanze aus dem Boden geschossen und hatte sich um sein Bein gewickelt. „Was ist denn jetzt los?“ fragte Klara erschrocken. Dann erschien der Meister in seinem wehenden Gewand im Bild und baute sich vor Lynard auf. „Was zum Teufel machst du hier draußen?“ herrschte er ihn an. „Ich ... ich!“ stotterte Lynard. „Du hast ein Lateinbuch genommen!“ beantwortete sich der Meister die Frage selbst. Das Buch schwebte aus Lynards Manteltasche und landete in der Hand des Meisters. „Er wird seine Gedanken lesen!“ sagte Fin knapp. Hektisch blätterte sie in ihrem Notizbuch. „Wir müssen jetzt alle zusammen laut und deutlich „Abdere Cogidatio“ sagen! Verstanden?“ forderte sie uns auf. Wir nickten und sprachen die Formel gemeinsam.  „Was wolltest du damit?“ harkte Adraco nach. „Ich konnte nicht schlafen. Ich dachte, ich präge mir die Sprüche besser ein, wenn ich ihre wörtliche Bedeutung kenne.“ Blitzschnell griff der Meister nach Lynards Hals und drückte zu. Er rang nach Atem und versuchte sich zu befreien. Keine Chance. „Ich hol ihn daraus!“ sagte Fin entschlossen und stand auf. „Das wirst du nicht tun. Der Meister hat’s so wie so auf dich abgesehen. Willst du, dass er dir wirklich was antut?“ Jeremias stellte sich ihr in den Weg. „Ich gehe.“ sagte er schließlich. „Bist du dir sicher?“ Unser Blick fiel auf den Spiegel. Der Meister drückte fester zu. Mit letzter Kraft nickte Lynard. Adraco ließ ihn los. Lynard hustete heftig und hatte Mühe sich auf den Beinen zu halten. „Es ist ja sehr vorbildlich, was du hier machst, aber wenn ich dich noch einmal des Nachts über den Hof schleichen sehe, kriegen wir Ärger!“ Lynard nickte. „Hier hast du das Buch. Du kannst morgen die ersten 35 Seiten auswendig oder du landest für ein paar Wochen im Schweinestall!“ Der Meister verschwand. Lynard atmete erleichtert aus. Wenige Sekunden später, erschien er im Raum. „Mann, das war knapp.“ sagte er atemlos. „Ist alles okay?“ fragte Fin besorgt. „Geht schon!“ gab er zurück und legte das Buch auf den Boden. „Gut gemacht! Danke, Lynard!“ richtete sich Fin an ihn und schlug das Buch auf. „Mit den 35 Seiten lassen wir uns was einfallen!“ versprach sie. Sie suchte nach der Eintragung zu Wolf und fand sie kurze Zeit später. „Gut. Der lateinische Begriff für Wolf ist Lupus, Wölfin heißt Lupa.“ erklärte sie. „Mutare Lupus also.“ stellte Martin fest. „Oder Mutare Lupa, wenn sich kein Mädchen einer Geschlechtsumwandlung unterziehen will.“ lachte Minna. Wir lachten mit und genossen es. Es wird nicht mehr viele, solche Momente in nächster Zeit geben. „Ich werde das jetzt versuchen. Wenn irgend etwas schief geht, sprecht ihr gemeinsam „Revocare Cantanem“. Zusammen sind Formeln immer stärker. Damit widerruft ihr den vorgegangen Spruch. Ich kann mich doch auf euch verlassen, oder!?“ begann Fin. „Klar!“ versicherte ich ihr. Die Anderen stimmten zu. „Dann werde ich es mal versuchen.“ Fin schloss die Augen. Nach kurzer Zeit der Konzentration sprach sie deutlich: Mutare Lupa.“ Ein dichter Nebel umhüllte sie. Doch als er verschwand, war sie nicht mehr zu sehen. Auch keine Wölfin saß an ihrer Stelle. „Verflucht, was ist denn jetzt passiert?“ fragte Jacob erschrocken. „Wir sollten sie zurückholen!“ sagte Zacharias. Wir hielten uns an den Händen und sprachen „Revocare Cantanem.“ Sie erschien wieder in ihrer Mitte. „Gott sei Dank!“ sagte Emma erleichtert. „Irgendwas habe ich falsch gemacht.“ „Wo warst du?“ fragte Jeremias. „Anscheinend in irgendeiner Zwischenexistenz. Ich habe nur verschwommene Farben gesehen. Ich versuche es noch mal!“ Ein gutes Gefühl hatte dabei nicht, aber es blieb uns nichts anderes übrig. Fin war die Erfahrenste von uns und sie würde es schon schaffen. Sie wiederholte den Spruch und wieder verschwand sie in dichtem Nebel. Doch als er sich diesmal lichtete, saß tatsächlich eine Wölfin vor uns. Klara wich zurück und ich griff unwillkürlich nach der Hand von Emma. „Das gibt’s ja nicht.“ sagte Lynard völlig fassungslos. Die gelben Augen des Tieres blitzten uns an. Das dichte Fell schimmerten in allen Grautönen. Als sie das Maul ein Stückchen öffnete, sahen wir die scharfen Reißzähne. Sie sah beängstigend aus und gleichzeitig so vertrauenswürdig. Soll das wirklich Fin sein? „Fin? Kannst du uns verstehen?“ Es dauerte eine Weile bis sie mit dem Kopf nickte. „Okay, sprechen kann sie scheinbar nicht!“ stellte Georg fest. „Wie auch? Sie ist ein Wolf!“ meinte Jacob. „Kannst du dich zurückverwandeln?“ fragte Jeremias. Die Wölfin schloss die Augen. Ein Nebel umhüllte sie, doch sie blieb Wolf. „Das sieht aber gar nicht gut aus!“ bemerkte Minna. „Was machen wir denn jetzt?“ fragte Klara. Die Wölfin legte die Pfote auf das aufgeschlagene Notizbuch. „Ja, der Spruch, der die Magie rückgängig macht.“ Wir wiederholten den Spruch gemeinsam und aus dem Nebel erschien Fin als Person. „Für den Anfang war das schon mal nicht schlecht.“ sagte sie. Da mussten wir ihr zustimmen. Wir hatten nicht damit gerechnet, dass es ihr schon beim zweiten Versuch gelingen würde. „Und? Wie fühlt man sich als Wolf?“ fragte ich interessiert. „Nicht mehr so hilflos. Die Zähne machen schon was aus. Außerdem war mir ziemlich warm und ich konnte nur schwarz-weiß sehen. Dafür aber umso deutlicher. Ich habe Adraco bis hier her wahrgenommen. Unsere Nasen sind als Wölfe kaum zu übertreffen. Außerdem habe ich eine Menge Geräusche gehört. Es war schwierig euch zu verstehen. Ich denke, das werden wir lernen. Aber sprechen, sprechen können wir nicht. Jedenfalls nicht zu Menschen. Hoffentlich können wir untereinander kommunizieren, wenn wir alle Wölfe sind.“ „Ich bin mal gespannt, wie lange wir brauchen werden, bis sich jeder in einen Wolf verwandeln kann.“ sagte Minna. „Wir schaffen das. Aber bitte nicht im Alleingang. Wie ihr gesehen habt, kann das auch schief gehen und dann braucht man Jemanden, der einen zurück holt.“ Sie hatte Recht. Ich will nicht den Rest meines Lebens in einer Zwischenexistenz verbringen.

„Wir sollten uns neben der Verwandlung in die Wölfe auch auf Gedankenübertragung konzentrieren. Falls das mit der Kommunikation später nicht so funktioniert, wie wir es gerne hätten. Eine Stunde Verwandlung, eine halbe Stunde Gedankenübertragung jeden Abend. Einverstanden?“ fuhr Fin fort. Wir nickten. "Jetzt zu den 35 Seiten. Er wird dich sie schreiben lassen. Nach dem Unterricht. Ich kann sie dir per Gedankenübertragung diktieren!" schlug Fin Lynard vor. "Ja, das dürfte klappen!" willigte er ein und es klappte. Der Meister wunderte sich zwar über Lynards Präzision, aber er schien unseren Trick nicht zu bemerken.  Das Erlernen der Gedankenübertragung war weit weniger schwierig als das der Verwandlung in ein Tier. Und außerdem ungefährlich. „Sucht euch einen Partner und haltet euch bei den Händen. Ich flüstere gleich jeweils einem von euch einen Satz ins Ohr. Den müsst ihr per Gedanken an den Anderen übertragen. Ihr dürft euch nur, wirklich nur darauf konzentrieren. Das gilt auch für die Empfänger!“ erklärte Fin. Ich nahm Emma bei der Hand und schloss die Augen. Ich hörte, dass Fin zu Emma ging und leise etwas sagte. Ich verstand es nicht. Dann ging sie an mir vorbei zu den anderen Paaren. Ich konzentrierte mich nur auf Emma. Es dauerte einige Minuten bis ich tatsächlich ihre Stimme hörte, allerdings sehr unverständlich. Ich öffnete kurz die Augen, um sicherzugehen, dass sie nicht wirklich mit mir sprach. Ihre Lippen blieben geschlossen. Ich konzentrierte mich wieder und verstand Bruchteile des Satzes. „... gelingen ... Magie ... sicher“. Es folgte eine kurze Pause, in der absolute Stille herrschte und dann auf einmal, war Emmas Stimme so klar und verständlich, als würde sie direkt mit mir sprechen. „Es wird uns gelingen, die schwarze Magie zu besiegen. Ganz sicher!“ Ich öffnete die Augen und sah, dass Fin ihre Hände auf Emmas Schulter gelegt hatte. „Gut gemacht! Wenn das so weiter geht, könnt ihr euch in ein paar Tagen fließend unterhalten, ohne dass ihr miteinander sprecht. Anna, was hast du gehört?“ sagte sie. Ich wiederholte den verstandenen Satz. Ich konnte immer noch nicht begreifen, was ich in der letzten Zeit erlebt hatte. Ich kam mir vor wie in einem Buch. Ein furchteinflößendes, aber auch ein aufregendes Buch. „Ist jedem gelungen, den Satz zu verstehen oder zu senden?“ Keine Widerworte. „Sehr gut. Das ist ein toller Anfang. Die Gedankenübertragung wird schwieriger, je weiter man voneinander entfernt ist. Aber mit ein bisschen Übung verstehen wir Menschen, die sich am anderen Ende der Welt befinden.“

Der Meister schien tatsächlich nichts von unseren abendlichen Lektionen zu wissen. Wir hatten inzwischen gelernt, Tiere zu kontrollieren und gingen jetzt dazu über, das Gleiche mit Menschen zu tun. Es fiel uns schwer, nachdem wir uns für die gute Seite entschieden hatten. Aber sobald jeder von uns in der Lage war, sich in einen Wolf zu verwandeln, würde der Kampf beginnen. Und dann hat das Alles hoffentlich bald ein Ende. Es vergingen weitere zwei Monate, in denen wir Abend für Abend an unseren Verwandlungen feilten. Lynard, Jacob und Minna hatten es bereits geschafft. Ich landete immer noch in der Zwischenexistenz oder saß als Wolf mit Menschenkopf vor den Anderen. Fin gelang es inzwischen auch sich vom Wolf zum Mensch zurück zu verwandeln und die vier Wölfe hatten festgestellt, dass die Kommunikation, so wie wir sie kannten, nur durch Gedankenübertragung funktionierte. Da wir die aber mittlerweile alle gut beherrschten, war das unser geringstes Problem. Die Woche, die dann folgte, schien eine Kraft zu haben, die uns alle stärker machte. Bis zum Ende dieser ersten, warmen Frühlingswoche hatten es alle geschafft. Wir saßen abends mit 11 anderen Wölfen und Wölfinnen auf unseren Betten und langsam stieg die Gewissheit, dass die Schonfrist zu Ende war. Wir waren zu neuen Individuen geworden und das hieß, dass es beginnen konnte.

„Ich glaube, es wird Zeit, dass wir einen Pakt schließen!“ sagte Fin an diesem Abend, als wir uns alle erfolgreich wieder zurück verwandelt hatten. „Einen Pakt?“ fragte Klara. „Ich habe genug von Pakten!“ gab Lynard zurück. „Ich weiß. Aber wir müssen uns aufeinander verlassen können. Dieser Pakt ist von guter Natur. Er fesselt euch nicht. Er schafft lediglich Vertrauen!“ „Okay, also gut.“ antwortete er nach kurzem Zögern. „Ohne Kerzen und eingebrannte Male?“ fragte Martha, bevor Fin ansetzen konnte, etwas zu sagen. Sie lächelte. „Ja, ohne Kerzen. Aber mit Malen. Das gehört zu einem Pakt dazu. Ein Zeichen. Aber keine Panik. Diese Male werden euch keine Schmerzen bereiten, vertraut mir.“ Wir hatten gelernt ihr zu vertrauen. Sie hatte uns noch nicht enttäuscht und sie würde es auch nicht tun. „Dann lasst uns diesen Pakt morgen Abend schließen. Wenn wir uns in Wölfe verwandelt haben.“ „Wie wird das ablaufen?“ fragte Georg interessiert. "Wir werden uns neue Namen geben und indem wir die Pfoten aufeinanderlegen, während wir eine Formel sprechen, schließen wir den Pakt. Einen Pakt, der sich zwar auch nicht so ohne weiteres lösen lässt, der uns aber nur an die Gemeinschaft und nicht an einen einzelnen Menschen oder Ort bindet." Neue Namen. Ein weiterer Pakt. Wohl war mir bei dem Gedanken an eine erneute Bindung nicht, aber ich wusste, dass Fin es gut meinte.

Wie besprochen sollte die Paktschließung am nächsten Abend stattfinden. Eine große Kerze brannte in der Mitte unseres Kreises, aber Fin hatte versprochen, dass wir damit nichts irgendwo einbrennen mussten. Sie diente lediglich zur Erhellung des Raumes. "Dann lasst uns jetzt die Identität wechseln. Wir verwandeln uns in Wölfe und jeder wird seinen neuen Namen durch eine Formel erfahren, den er uns mitteilt. Dann legen wir die Pfoten übereinander und schwören uns gegenseitiges Vertrauen und Verlässlichkeit." begann Fin. Wir verwandelten uns mit Hilfe der erlernten Formel "Mutare Lupus" in den Wolf oder die Wölfin, die ab sofort zum größten Teil unsere neue Identität darstellten. "Sprecht die Formel "Identificare Nominus" in eurem Geiste und hört auf den Namen, der entsteht. Konzentriert euch!" teilte uns Fin per Gedankenübertragung mit. Ich sprach die Formel, schloss die Augen und konzentrierte mich. Der Name "Elhana" kam mir plötzlich in den Sinn und wiederholte sich immer wieder vor meinem inneren Augen. Wir schwiegen noch eine Weile, bis sich Fin wieder an uns richtete. "Habt ihr einen Namen? Ich frage jetzt jeden von euch. Prägt euch eure Namen und die der anderen gut ein. Wir dürfen uns in dieser Identität nur mit den neuen Namen ansprechen. Alles andere verrät uns. Also gut ... Lynard. Wie ist dein Name?" Lynard hob den Kopf mit den gelben Augen und dem schwarz glänzenden Fell. "Yumal!" hörte ich ihn sagen. Ich versuchte mir seinen Namen zu merken. Lynard wurde also in der Identität als Wolf zu Yumal. Wir fuhren fort. Zacharias wurde zu Skeras. Emma zu Rayil. Minna zu Seneca. Jacobs neuer Name war Goran. Georg wurde zu Imiak und Martin zu Kubrat. Klaras neuer Name war Lanja und der von Martha war Jicin. Jeremias wurde zu Aragon und Fin zu Mahana. Mir fiel auf, dass unsere Namen ähnlich waren. Mahana und Elhana. Da ich vermutete, dass ich dessen Bedeutung nicht herausfinden würde, weil wir keine Übersetzungen der Namen kannten, dachte ich nicht weiter darüber nach. Nach Fins Aufforderung legten wir jeweils die rechte Pfote auf die linke unseres rechten Nachbarn und schlossen die Augen. "Stabilare Constita" hörte ich sie nach einer kurzen Zeit sagen. Ich fühlte, dass die Pfote, auf der Fin die ihre liegen hatten, wärmer wurde, aber ich spürte keinen Schmerz. Nach einer gefühlten Ewigkeit, ließ Fin mich los und verwandelte sich als Erste zurück. Auf unseren Handgelenken waren Pfotenabdrücke zu sehen. Unser Mal. Der Pakt ist geschlossen. Der Kampf kann beginnen.

 

Der Pfad der Wölfe

"In der nächsten Zeit ist es wichtig, dass wir die gute Macht perfekt beherrschen. Deswegen müssen wir so oft üben, wie möglich. Wenn wir gegen die Schwarze Magie eine Chance haben wollen, dann dürfen uns keine Fehler unterlaufen!" sagte Fin ein paar Tage später bei unserer abendlichen Runde. "Wie genau hast du dir das eigentlich vorgestellt?" meldete sich Jacob, alias Goran. "Den Kampf gegen die Schwarzen Magier? Einen genauen Plan habe ich nicht. Den gibt es auch nicht. Eines steht aber fest. Wir müssen den Großen Meister finden. Ohne seinen Tod werden wir unser Ziel nicht erreichen. Und den Großen Meister finden wir nur durch seiner Anhänger. Wenn wir beim nächsten Mal auf Schwarze Magier treffen, haben wir nur eine Aufgabe. Rausfinden, wo sich der Große Magier aufhält." "Aber wie willst du das machen?" Die gleiche Frage, wie Minna gerade ausgesprochen hatte, stellte ich mir auch. Die Schwarzen Magier werden den Aufenthaltsort des Großen Meisters nicht einfach so ausplaudern. "Einfach wird es nicht. Es wird uns nichts anderes übrig bleiben, als sie zu erpressen." "Genau. Mit Zeichensprache, oder wie!?" Lynard hatte Recht. Wir konnten nicht mit anderen Arten kommunizieren, wenn wir Wölfe waren. "Das ist genau das Problem. Mindestens einer von uns muss sich zurückverwandeln, wenn wir einen von ihnen in der Zange haben, um ihn auszufragen." "Wir müssen sie also soweit kriegen, dass wir sie in der Hand haben." schlussfolgerte Jeremias. "Richtig. Erst wenn wir jeden von ihnen unter Kontrolle haben, kann sich jemand zurückverwandeln und sie nach dem Ort des Meisters fragen." "Und den werden sie uns einfach so verraten? Was willst du ihnen androhen? Folter?" fragte Zacharias. "Ich hoffe, dass wir nicht so weit gehen müssen. Schwarze Magier sind nicht so standhaft, wie sie aussehen. Sie denken nur an sich, wenn man ihnen zum Beispiel mit Verwandlung droht, dann spuren sie schon." gab Fin zurück. "Mit Verwandlung? Wie meinst du das?" Ich verstand gar nichts mehr. "Wir können alles tun, was Schwarze Magier auch tun. Und die können - sofern sie mächtig genug sind - eine Person in ein Tier verwandeln ... und zwar ohne Weg zurück." "Das können wir auch?" Georg stand die Überraschung ins Gesicht geschrieben. "Man muss es lernen, aber theoretisch können wir es, ja. Wenn du einem Schwarzen Magier androhst, ihn in einen Regenwurm zu verwandeln, wird er schon gehorchen. Sofern du ihm das glaubwürdig genug vermittelst." "Mir macht es Angst, dass ich nicht genau weiß, wie das ablaufen wird." sagte Emma leise. "Wir wissen nur eines. Wir müssen - in der Identität der Wölfe - die Magier unter unsere Kontrolle bringen. Das funktioniert mit Hilfe verschiedener Sprüche und Formeln. Fesseln, verwandeln, bewegungsunfähig machen. Das werden sie sich aber nicht einfach so gefallen lassen. Das wird ein schwerer Kampf, bis wir sie alle im Griff haben. Dann muss sich einer von uns in einen Mensch verwandeln, um die Magier nach dem Meister zu fragen. Wenn sie uns seinen Aufenthaltsort nicht verraten, drohen wir ihnen und zur Not machen wir die Drohung wahr. Es darf nicht schief gehen. Wenn auch nur einer der Magier nach dem Erkennen unserer Identität noch magische Kraft hat, war's das. Das heißt, wenn wir den Großen Meister nicht so schnell wie möglich finden, nachdem sie uns seinen Ort verraten haben, dann haben wir keine Chance. Wir müssen also irgendwie dafür sorgen, dass die Schwarzen Magier solange wie möglich außer Gefecht sind. Hat Jemand eine Idee?" Schwarze Magier außer Gefecht setzen. Gibt es ein schwierigeres Unterfangen? Ein flatterndes Geräusch ließ uns alle zusammen fahren. Wir beruhigten uns erst, als wir erkannten, dass es Fins Rabe war, der durch das offene Fenster in die Kammer geflogen kam. "Es gibt eine Möglichkeit. In der Guten Magie gibt es eine Formel, die die magische Kraft einer Person für ungefähr eine Stunde unwirksam macht. Sie kehrt danach in ihrer gewohnten Stärke zurück, aber dann hättet ihr eine Stunde Zeit." flüsterte der Rabe. Es war kaum zu verstehen. Fins Miene hellte sich auf. "Danke, mein Guter. Kannst du uns die Formel sagen?" Kaum hatte Fin den Satz beendet, berührte der Rabe mit dem Schnabel das Notizbuch, welches vor ihr lag und eine Schrift erschien. "Determina Pagrus"  las ich auf dem vergilbtem Papier. "Das ist die Lösung. Dann müssen wir vielleicht gar nicht gegen sie kämpfen." sagte Emma erleichtert. "Daraus wird nichts. Ihr müsst die Person eine ganze Minute lang berühren. Das wird nicht funktionieren, ohne sie vorher ruhig gestellt zu haben!" nahm der Rabe uns die Hoffnung. "Schon gut. Wir schaffen das. Lasst uns anfangen. Wir üben die Sprüche, die wir in der letzten Zeit gelernt haben, damit sie an unserem großen Tag sitzen." schlug Fin vor und stand auf. Die Sprüche, damit meinte sie jene Formeln zum Fesseln, Verletzen oder Beschwören von Personen, die wir zur Vorbereitung auf den Kampf gegen die Schwarze Magie gelernt hatten. Es vergingen weitere vier Wochen, bis wir uns in Allem sicher genug fühlten, um den Kampf anzutreten. "Der Meister hat die Magier zu einem Fest eingeladen, weil in wenigen Wochen unsere Abschlussprüfungen stattfinden sollen. Das ist unsere Chance!" erklärte uns Fin am Abend. "In drei Tagen ist es so weit. Adraco wird an diesem Tag seine Gäste nur kurz begrüßen, um dann zum großen Meister gehen. So will es die Tradition. Das ist die Gelegenheit, die Magier auszufragen." fuhr sie fort. "Ich habe da mal eine ganz blöde Frage: Wieso folgen wir Adraco nicht einfach zum Großen Meister? Dann haben wir den Kampf gespart." erkundigte sich Zacharias. So dumm war seine Frage gar nicht. Ich kannte keine Antwort darauf. "Wenn es so einfach wäre. Jeder Magier, der den großen Meister besuchen will, muss sich an diesen Ort zaubern. Damit es Nichtmagiern oder Unbefugten nicht gelingt, seinen Ort ausfindig zu machen." Es wäre auch zu schön gewesen. Um Wasser zu holen, ging ich später am Abend über den Hof, als ich aus der Kammer des Meisters Stimmen hörte. Ich meinte, die Stimme von Detras, Adracos Bruder zu erkennen. An der Ecke des dunklen Holzgebäudes blieb ich stehen und horchte. "Wie lautet dein Plan, Bruder?" hörte ich Detras fragen. "Was meine Tochter betrifft?" gab Adraco zurück. "Ja, was Fin betrifft. Du willst sie doch nicht laufen lassen? Sie könnte großen Schaden anrichten!" "Ich habe nicht vor, sie laufen zu lassen. Aber du weißt genauso gut wie ich, dass mir momentan keine andere Möglichkeit bleibt, als abzuwarten." "Adraco, sei vernünftig. Du wirst nicht darum kommen, sie zu töten!" "Ja, das habe ich jetzt auch eingesehen. Aber ich kann nicht und auch sonst keiner aus unserer Gemeinschaft. Ich werde nach den Prüfungen einen der neuen Schüler zwingen, es für mich zu tun. Einen, der noch nicht den Pakt geschlossen hat." "Sehr gut, ich wusste, dass du noch zur Vernunft kommst." Mein Puls raste. Adraco will Fin töten lassen. Schon nach den Prüfungen. Das waren nur noch wenige Wochen. Wenn es uns nicht gelingt, den großen Meister zu töten, bevor die neuen Schüler den Hof erreichen, wird Fin sterben. Auch wenn wir jetzt alle bereit waren, sie zu schützen, würde Adraco mächtiger sein, wenn er darauf vorbereitet war. Als ich zurück zur Schlafkammer ging, war ich mir nicht sicher, ob ich es Fin sagen sollte oder nicht. Ich wollte sie nicht beunruhigen, aber ich konnte sie nicht anlügen. "Kann ich kurz mit dir reden, Fin?" fragte ich oben angekommen und bemerkte, dass meine Stimme zitterte. "Natürlich, Anna." Sie blieb sitzen. Ich wollte es nicht vor allen anderen sagen. "Wenn es uns alle betrifft, dann kannst du es ruhig auch vor Allen sagen. Wir haben einen Vertrag geschlossen, Anna, wir vertrauen uns." sagte sie sanft und wies in die Runde, womit sie mir bedeutete mich zu setzen. Ich blieb stehen. "Es betrifft dich, Fin." brachte ich gerade so zustande. Es war ein Wunder, dass sie mich überhaupt verstanden hatte. Einen Augenblick sah sie mich verwundert an, dann erlangte sie ihren typischen, sicheren Ausdruck zurück. "Dann kannst du es auch hier sagen. Wir verfolgen alle das gleiche Ziel!" Ich zögerte kurz. Als Fin mir schließlich aufmunternd zunickte, setzte ich mich doch. Fin hatte Recht. Die anderen sollten es auch erfahren. Schließlich mussten wir alle dafür sorgen, dass Adracos Plan nicht umgesetzt werden konnte. "Ich habe eben ein Gespräch zwischen Adraco und Detras mit angehört." Ich schluckte. Es fiel mir schwer, Fin zu eröffnen, dass ihr Todesurteil gesprochen war. "Anna, es ist okay. Du kannst ruhig sagen, was du gehört hast." versuchte sie mich zu beruhigen. "Wenn die Prüfungen vorbei sind und die neuen Schüler kommen, will Adraco dich töten lassen." Die Stille, die entstand war unerträglich. Kurz blieben alle Blicke an mir haften, dann sahen die anderen Fin an. Ihre Augen spiegelten den Schock wieder, den auch ich erlebt hatte, als ich im Schutz der Dunkelheit vor Adracos Kammer gestanden hatte. Nur Fin zeigte mal wieder keine Regung. Sie starrte kurz ins Leere, sah dann zu mir und lächelte sanft. Unwillkürlich traten Tränen in meine Augen. Die zwei Jahre auf dem Hof des Meisters hatten mich stark gemacht. Aber sie hatten mich auch gelehrt, den Verlust zu fürchten. "Es musste so kommen. Er wartet schon seit drei Jahren auf eine Möglichkeit mich umzubringen. Die neuen Schüler, die den Pakt noch nicht geschlossen haben, sind die erste und einzige Möglichkeit. Die wird er sich nicht entgehen lassen." Ich konnte nicht glauben, wie souverän sie mit der Situation umging. Ich konnte nur noch den Kopf schütteln. Sie rückte näher und legte den Arm um meine Schulter. "Ich bin froh, dass du es gesagt hast, Anna. So weiß ich wenigstens, woran ich bin. Aber Adracos Morddrohung ist noch lange nicht das Ende. Es muss erst mal dazu kommen, dass die neuen Schüler diesen Hof betreten. Und das werden wir verhindern. Oder?" Sie sah fragend in die Runde. Es dauerte nur einen kurzen Moment, bis wir ihr antworteten und unsere Antwort meinten wir genau so, wie wir es sagten. "Ja, wir werden es verhindern!" Am Abend vor dem Fest, zu dem Adraco die Magier eingeladen hatte, saßen wir in unserer Kammer und besprachen den morgigen Tag. Wenn alles glatt lief, waren wir in wenigen Tagen frei. "Wo ist eigentlich Martin?" fragte Minna als wir beginnen wollten. "Er wollte sich etwas zu trinken holen!" beantwortete Jacob die Frage. "Dafür braucht er aber la..." Klara wurde von dem Türknarren unterbrochen. Martin betrat die Kammer. Er hielt den Blick gesenkt. Irgendetwas stimmte nicht. Ganz und gar nicht. Er wirkte verstört und irgendwie apathisch. "Martin, was ist passiert?" erkundigte sich Fin. Er zeigte keine Regung. Fin ging auf ihn zu. Bevor sie ihn erreichte, fiel er auf die Knie und stützte den Kopf in die Hände. Fin kniete sich vor ihn und legte die Hände auf seine Schultern. "Was ist passiert?" wiederholte sie sanft. "Ich habe meine Uhr gesehen." Was er sagte, war kaum zu verstehen, so leise antwortete er. Fin schluckte, langsam zog sie ihre Arme zurück. "Was zeigt sie an?" fragte sie leise. Es herrschte eine beängstigende Stille im Raum. Jeder wartete nur noch auf Martins Antwort. Aber ich war mir noch nicht mal sicher, ob ich sie wirklich hören wollte. "Sie steht auf Zwölf!" Er stützte sich mit den Händen auf den Knien ab, aber er sah immer noch keinen von uns an. "Ich werde sterben, Fin." sagte er schließlich und Tränen liefen über seine Wangen. Es war das erste Mal, dass wir ihn weinen sahen. Fin nahm ihn in den Arm und hielt ihn fest. Auch mir stiegen die Tränen in die Augen. Den Anderen ging es genauso. "Ganz ruhig. Manchmal geht bei dem Zauber etwas schief, der die Uhren stellt. Die 12 hat nichts zu sagen." versuchte sie ihn zu beruhigen. "Der Dorfoberste ist auch gestorben." Jeremias reichte mir ein Taschentuch und ich trocknete die Tränen auf meinen Wangen. Wir wussten alle, dass es eher unwahrscheinlich war, dass die Lebensuhr falsch ging. Martin würde heute oder morgen sterben und wir würden nichts daran ändern können. Klara begann laut zu schluchzen. "Können wir denn gar nichts tun?" fragte Lynard. Auch ihm stand der Schock ins Gesicht geschrieben. "Du kannst dich in einen Wolf verwandeln und von hier verschwinden." schlug Fin vor, allerdings schien sie davon nicht besonders überzeugt. "Fin, bitte sei ehrlich. Wenn die Uhr richtig geht, dann werde ich bald sterben. Egal wo und wie. Auch als Wolf in irgendeinem Versteck." Martins Stimme wurde sicherer. Fin zögerte, bevor sie antwortete. "Ja, wenn sie richtig geht, wird dich auch die Identität als Wolf nicht schützen." "Warum sollte ich dann weglaufen und euch im Stich lassen? Nein, ich werde mit euch kämpfen. Und wenn ich dafür mit dem Tod bezahle, sterbe ich wenigstens nicht als Feigling." Fin nickte. "Danke, Martin. Es wäre schwierig geworden ohne dich." gab sie zurück und das meinte sie ernst. Martin beherrschte inzwischen die Zauberformeln mit am Besten. Ich rief mir seine Worte ins Gedächtnis, die er gesagt hatte, als wir uns für die gute Seite entschieden. "Dann wissen wir wenigstens, wofür wir sterben!" Keiner von uns schlief in der kommenden Nacht besonders ruhig. Wir fürchteten den kommenden Tag. Vor allem jetzt, nachdem wir von Martins Uhr erfahren hatten. Fin hatte uns gewarnt. Dieser Kampf würde nicht ohne Verluste ablaufen.  Der Morgen kam schneller, als wir es uns wünschten. Ich rieb mir den Schlaf aus den Augen und sofort kam mir die schreckliche Nachricht vom Vorabend in den Sinn. Martins Lebensuhr. Ich fand ihn vor seinem Schrank. Fast andächtig zog er seinen Umhang über. Wir hofften alle, dass wir diese Robe heute zum letzten Mal trugen. Aber wir wagten es nicht, das vor Martin zu sagen. In seinem Fall war es zweideutig und wir wollten ihn nicht verunsichern. "Die Magier werden gleich hier sein. Nachdem Adraco uns verlassen hat, geht es los. Ihr wisst, was ihr zu tun habt. Ohne Adraco sind es 12 Magier, das heißt, jeder von uns übernimmt einen. Stellt sie ruhig, sorgt dafür, dass sie nicht mehr in der Lage sind, irgendeine Formel auszusprechen. Jeremias, du wirst dich zurück verwandeln und sie nach dem Aufenthaltsort des Meisters fragen. Alles klar?" wandte sich Fin an uns. Wir waren es so oft durchgegangen. Jeder von uns wusste genau, wie er vorzugehen hatte, und trotzdem schnürte mir die Angst die Kehle zu. Mit schwarzen Magiern war nicht zu spaßen. Das einzige, was uns helfen würde, war die Identität aus Wölfe. Jeremias hatte sich bereit erklärt, die schützende Identität des Wolfes aufzugeben, um nach dem Meister zu fragen. Wir anderen würden die Magier im Zaum halten. Jedenfalls würden wir es versuchen.

"Willkommen! Heute ist der Tag, an dem der Abschluss unserer 12 Schüler gefeiert werden soll. Wie es die Tradition verlangt, werde ich mich zum großen Meister aufmachen. Ich wünsche euch ein ausgelassenes Fest!" Mit diesen Worten erschien Adraco und verschwand sofort wieder. Die 12 schwarzen Magier hatten am Tisch Platz genommen und begannen zu essen. Als Fin die Stimme erhob, fuhr ich zusammen. Das war das Zeichen. Es würden nur noch wenige Minuten vergehen, bis es losging. "Verehrte Magier. Ich hoffe, ihr könnt uns kurz entschuldigen, denn wir haben etwas vorbereitet. Wie ihr wisst, will es die Tradition, dass wir euch das Erlernte vorführen, damit ihr beurteilen könnt, wie wir uns entwickelt haben und ob jeder von uns zu den Prüfungen zugelassen ist." Ihre Stimme war vollkommen sicher ohne jegliche Andeutung von Anspannung. Manchmal wünschte ich mir, ich hätte wenigstens einen Teil von Fins Mut. Detras nickte. "Geht nur, geht. Wir sind gespannt!" Oh ja, das bin ich auch. Wir standen zeitgleich auf und gingen als Gruppe zum Hauptgebäude. Dort wollten wir uns verwandeln und die Magier in der Identität als Wölfe von allen Seiten her angreifen. "Es ist soweit. Wir sind fast am Ziel unseres Weges. Ich wünsche euch alle Macht, die uns geschenkt ist. Gebt euer Bestes!" Mit diesen Worten und nach einem einstimmigen Nicken unsererseits verwandelten wir uns in die Wölfe. Was am Anfang völlig ungewohnt war - das extrem gute Gehör, der unfehlbare Geruchssinn, die klare Sicht, die kräftigen Muskeln und die messerscharfen Zähne - war jetzt zu einem Teil von mir geworden. Ich empfand mein zweites Ich Wolf als völlig natürlich und das war gut so. Wir mussten unseren Körper und unsere Sinne vollständig unter Kontrolle haben, um es mit den schwarzen Magiern aufnehmen zu können. Ich sah in die wilden Augen meiner Brüder und Schwestern. Ja, das sind sie - Geschwister, Familie, Seelenverwandte. Fin sagte uns, wer welchen Magier übernehmen sollte. Ich war für Isana zuständig. Jeremias, der inzwischen zu den Stärksten gehörte, übernahm auch den stärksten Gegner. Detras, Fins Onkel. Alle waren mit der Zuteilung einverstanden, auch wenn sich die Anspannung jetzt nicht mehr verbergen ließ. Dennoch waren wir froh, dass wir endlich etwas Konkretes tun konnten. Dass bald alles vorbei sein würde. Egal, welches Ende es nehmen würde. Wir verteilten uns um die Grenzen des Hofes. Auf leisen Pfoten schlichen wir auf den Tisch der Magier zu und zogen den Kreis um sie damit immer enger. Der erste bemerkte uns erst, als wir nur noch 15 Meter von ihnen entfernt waren. Er schnellte herum und stieß einen erschrockenen Schrei aus. "Angriff!" hörte ich Fins Befehl und machte einen gewaltigen Satz nach vorne, um meiner Gegnerin weniger Zeit zur Reaktion zu lassen. Ich musste dafür sorgen, dass sie ruhig gestellt war, für eine ganze Minute. Als mich Isanas Blick traf, erfuhr ich so etwas wie eine Tunnelsicht. Ich blendete die geräuschvollen Sprünge der Anderen aus, die auf ihre Gegner zu rannten und konzentrierte mich nur noch auf Isana. Die Angst war wie weggeblasen, es zählte nur noch der Kampf. Knurrend und mit gefletschten Zähnen sprang ich die große, schlanke, schwarze Gestalt an und grub meine schärfsten Waffen in die elfenbeinweiße Haut oberhalb ihrer Brust. Sie stieß einen für meine empfindlichen Ohren schmerzhaft lauten Schrei aus. Mit aller Kraft, die ich aufbringen konnte, warf ich sie zu Boden und setzte meine spitzen Krallen an ihre Kehle. Doch der Überraschungsmoment war vorüber. Bevor ich eine Formel aussprechen konnte, um sie unschädlich zu machen, traf mich ein Blitzschlag an der Schulter, der mir die Kontrolle über meine Muskeln entriss. Sie setzte sich auf und sah mich drohend an. Ihre Augen funkelten vor Zorn, ihre Brust bebte unter ihren heftigen Atemstößen. Als sie eine Formel sprach, um mich zu töten, konnte ich den grellen Lichtschein, der auf mich zu schoss, gerade noch rechtzeitig ablenken. Er spaltete eine junge, zehn Meter hohe Eiche in der Mitte, die daraufhin in Flammen aufging. Ich versuchte es mit einem Fesselzauber, aber bevor sich die Ranken um ihre Fußknöchel winden konnte, hatte sie sie mit einem Dolch durchtrennt, den sie plötzlich in den Händen hielt. Der Schmerz, als sich der Dolch wenige Sekunden später oberhalb der rechten Schulter in meinen Rücken bohrte, raubte mir kurzzeitig den Atem. Sie hielt ihn fest - mit einer Kraft, die nur die Magie auslösen konnte - und bewegte ihre Lippen, um den tödlichen Zauber ein zweites Mal auszusprechen. Ich saß in der Falle, ich konnte mich nicht rühren, konnte dem Zauber nicht ausweichen. Mit aller Kraft versuchte ich mich ihrem Griff mit dem Dolch zu entziehen, der jetzt scheinbar Widerharken hatte. Die Schmerzen waren unerträglich, als ich es schaffte, mich ein paar Zentimeter von Isana zu entfernen, aber ich versuchte sie zu ignorieren. Wenn ich mich jetzt nicht hundertprozentig konzentrierte, würde das meinen sicheren Tod bedeuten. Als sie den Zauber aussprach und mir nichts anderes übrig blieb, als es mit einem Verteidigungszauber zu versuchen, konnte ich kaum glauben, was ich sah. Das war kein Verteidigungszauber, der sich vor meinen Augen ereignete. Das war ein Angriff, den ich so weder geplant, noch gekannt hatte. Obwohl ich eigentlich nur schwarz-weiß sehen konnte, erkannte ich eine blutrote Flamme, die sich wie von Geisterhand auf Isana richtete. Sie schrie und zappelte, doch bevor sie den Griff vom Dolch in meiner Schulter lösen konnte, um mir aus dem Weg zu gehen, fesselte ich ihr Handgelenk am dunklen Holzgriff. Ich schlug sie mit ihren eigenen Waffen. Als meine Verteidigunghaltung und damit die Flamme nachließ, konnte Isana nur noch keuchen. Sie war zu keinem Zauber mehr fähig. Ich nutzte die Gelegenheit und belegte sie wieder mit dem Fesselzauber. Diesmal konnte sie nichts dagegen ausrichten. Als sie sich keinen Millimeter mehr bewegen konnte, berührte ich mit der Pfote ihre unnatürlich kalte Haut am Arm und sprach so deutlich, wie es meine Verfassung zuließ "Determina Pagrus." Ich zählte im Kopf bis 60, riss mich dann von dem Dolch los, der eine brennende, stark blutende Wunde hinterließ und sah sie abwartend an. Sie sprach den tödlichen Zauber zum dritten Mal, doch er hatte keine Wirkung. Es geschah nichts. Fins Rabe hatte Recht gehabt, dieser Spruch raubte einem Magier für kurze Zeit seine Macht. Erst jetzt war ich fähig meine Umwelt wahrzunehmen, manche Zauberer, darunter Fegrus, den Fin angegriffen hatte und Nocta, um die sich Minna gekümmert hatte, lagen bereits gefesselt und ohne magische Kraft am Boden, andere kämpften noch. Obwohl ich vor Erschöpfung hätte auf der Stelle umfallen können, kam ich Klara - alias Lanja - zu Hilfe, die sich mit einer Magierin abmühte, die ich nicht mit Namen kannte. Da fiel mir auf, dass auch sie, ein ungewöhnliches Talent besaß. Als sie sich verteidigen wollte, erschien vor ihr plötzlich ein heller, runder Ball, der sehr dem Mond ähnelte, und flog fast anmutig auf die zierliche Magierin zu. Sie schlug die Hände vorm Kopf zusammen und wimmerte immer stärker, je näher die helle Lichtkugel ihr kam. Wir nutzten diesen kurzen Moment ihrer Verletzbarkeit und fesselten auch sie. Wir sahen uns um und erkannten Jeremias. Er war übersät mit blutenden Wunden. Wir rannten auf ihn und Detras zu, doch noch ehe wir ihm zu Hilfe kommen konnten, erstarrte Detras plötzlich mitten in der Bewegung. Ein Kegel, scheinbar aus blauem Eis, war auf ihn gerichtet und ließ ihn so sehr frieren, dass er zu keiner Reaktion mehr fähig war. Jeder von uns hat eine Gabe. Wenn wir uns mit den üblichen Zaubern verteidigen wollen, kommt eine viel stärkere Magie dabei heraus. Es war kaum zu glauben, damit hatten wir nun überhaupt nicht gerechnet. Mit Jeremias kamen wir Martha und Jacob zu Hilfe, deren Gegner scheinbar aus den anderen Kämpfen gelernt hatten und den ungewöhnlichen Gaben (bei Martha, alias Jicin, begannen die Gegner am ganzen Körper zu zittern und bei Jacob, der als Wolf Goran genannt wurde, hielten sich die Magier mit schmerzverzerrten Gesichtern krampfhaft die Ohren zu) ausweichen konnten. Zu viert zähmten wir auch sie. Dann suchte ich nach Fin, Mahana in Wolfsgestalt. Sie kämpfte an der Seite von Emma, alias Rayil gegen Sanus. Fin hatte als Verteidigungs-, bzw. Angriffszauber anscheinend eine grell weiße Flamme, die auf ihre Gegner zuschoss. Rayil steuerte mit einem schmalen, offensichtlich kochend heißen Wasserstrahl bei, der Mahanas Flamme nicht löschte, sondern zur Höchstform anstachelte. Gemeinsam brachen wir auch Sanus Magie. Jetzt kämpften nur noch Zacharias, alias Skeras und sein Bruder Lynard, alias Yumal gemeinsam gegen einen ziemlich großen Magier, den ich nur vom Sehen kannte und Georg, als Wolf Imiak ging mit Hilfe von Martin, alias Kubrat gegen Nintos vor. Mir fiel auf, dass Skeras scheinbar die Gabe hatte, einen Sturm heraufzubeschwören und aus Yumals Richtung schossen Pfeile aus Staub und kleinen Holzteilen geformt. Vor Imiak schwebte eine grelle Sonne, wie eben vor seiner Schwester Klara eine Art Mond. Erleichtert registrierte ich, dass Martin noch lebte. Blitze, ähnlich denen von Isana, schossen auf Nintos zu und setzten ihn unter Strom. Das also war Kubrats Gabe. Ich hatte keine Zeit mir mehr Gedanken über die rätselhaften Gaben eines jeden von uns zu machen, wir mussten den Anderen helfen. Wir teilten uns auf. Ich half zusammen mit Rayil, Goran, Seneca und Lanja Yumal und Skeras, während die Restlichen Kubrat und Imiak zur Hand, bzw. zur Pfote gingen. Als wir auch diesen dunklen Magier unter Kontrolle hatten, blickten wir zu den Anderen und dann ging alles ganz schnell. Ich sah wie Nintos der blendenden Sonne von Imiak auswich und dann einen Zauber gegen ihn verwandte, der ihn zu Boden gehen ließ. Nintos stellte sich vor dem völlig schutzlosen Imiak auf streckte eine Hand aus. Er sprach einen Zauber, von dem ich wusste, dass er Jeremias die vielen Schnitte zugefügt hatte und richtete ihn gegen Imiak. Fin sprang dazwischen, um Imiak zu schützen und wurde von dem Zauber am rechten Auge erwischt, über das sich sofort ein langer Schnitt zog. Als Imiak sich wieder aufgerichtet hatte, kam Kubrat an seine Seite und sie sprangen ihn gemeinsam an. Da sprach Nintos einen Zauber, mit dem wir uns nicht auskannten. Wir wussten nur eines. Er war absolut tödlich. Kubrats Verteidigungszauber kam den Bruchteil einer Sekunde zu spät. Der Zauber erwischte ihn an der Brust und ließ ihn wie eine leere Hülle auf den Boden krachen. "Nein!" schrien mehrere Stimmen gleichzeitig, die ich nur in meinem Kopf hörte. Imiak war scheinbar teilweise getroffen worden. Ich sah, dass er atmete, aber er bewegte sich kaum. Kubrat hingegen bewegte sich überhaupt nicht mehr und er atmete auch nicht. Fin stellte sich zum zweiten Mal vor den halb bewusstlosen Imiak. Ein fürchterliches Knurren entfuhr ihrer Kehle. Es spiegelte ihre Verzweiflung und die unbändige Wut wieder, die sie zu zerreißen drohte. Wir lösten uns mit Mühe aus unserer Schreckstarre und rannten von mehreren Seiten auf Nintos zu. Gegen zehn Verteidigungszauber unterschiedlichster Art hatte er keine Chance mehr. Als Letzter wurde auch Nintos unserer Kontrolle unterworfen. Damit kehrte Ruhe ein und mit der Ruhe kam die Erkenntnis. Erst jetzt wurde mir das ganze Ausmaß dieses Kampfes deutlich. Jeder der Wölfe verletzt, davon Mahana, Rayil, Aragon, Yumal und Imiak schwer. Und dann traf mich der Anblick von dem toten Wolf vor dem gefesselten Nintos wie ein Schlag. Obwohl ich es ja mitbekommen hatte, verstand ich es jetzt erst richtig. Kubrat, Martin. Er war tot. So wie es die Uhr voraus gesagt hatte. Hätte ich als Wolf weinen und schluchzen können, so wären mir jetzt die Tränen haltlos über die Wangen gelaufen. Stattdessen stimmte ich in das zerreißende Geheul meiner Geschwister mit ein. Fin schlich geduckt und mit eingeklemmter Rute zu Martin und ließ sich neben ihm nieder. Auch wenn wir wussten, dass wir kaum Zeit hatten, so brauchten wir den Moment des Abschieds. Er hatte so tapfer gekämpft und das obwohl er wusste, dass er dafür mit dem Tod bezahlte. Um unser Ziel zu erreichen, war er bis zur Grenze gegangen. Bis zur Grenze von Leben und Tod. Fin war die erste die die Schnauze auf Kubrats blutverschmiertes Fell gelegt hatte und sie war die erste, die sich wieder erhob. "Wir müssen das hier zu Ende bringen. Für Kubrat. Er wird nicht umsonst so stark gekämpft haben!" hörte ich. Es fiel mir schwer, aber ich musste akzeptierten, dass sie recht hatte. Jetzt aufzugeben wäre völlig falsch. Ich erhob mich ebenfalls und die Anderen folgten. "Es ist soweit, Jeremias. Frag sie, wo der Meister ist!" Nach Fins Aufforderung verwandelte Jeremias sich in einen Mensch. So sahen seine Verletzungen noch schlimmer aus. Sein schwarzes Gewand war zerrissen und die Schnitte bluteten heftig. Er stand aufrecht und sein Blick war sicher, auch wenn man ihm ansah, dass es ihm große Anstrengung und Selbstbeherrschung abverlangte. Die schwarzen Magier wussten natürlich, dass wir uns hinter den Wölfen verbargen und dennoch hörten wir ein ungläubiges, erstauntes Raunen, als Jeremias plötzlich als Mensch vor den gefesselten, machtlosen Magiern stand. "Ich will keine Zeit verschwenden. Wo ist der Dunkle Meister?" fragte er. Seine Stimme klang erstaunlich fest. Detras brach in Gelächter aus. Mit einem Satz stand Fin vor ihm. "Ich warne dich, Detras. Du hast mich zum Niederknien gezwungen, ich werde nicht scheuen, dich ebenfalls zu zwingen!" knurrte sie. Natürlich sprach sie es nicht aus, aber ich war mir sicher, dass Detras sie hören konnte. "Du? Mich zwingen? Bitte Fin, bleib ernsthaft!" Er lachte immer noch. Fin setzte ihre Krallen an seine Kehle. "Ich bin ernsthaft!" Sie betonte jedes Wort. "Wo ist der Meister?" fragte Jeremias wieder. "Wir verwandeln den ersten von euch in eine miese Küchenschabe, wenn wir nicht gleich eine Antwort bekommen!" drohte er und es hörte sich fast an wie sein wölfisches Knurren. "Komm schon, Fin, ihr habt keine Chance!" stichelte Detras. "Ihr seid eindeutig zu schwach." Fin drückte ihre Krallen in seine faltige Haut. "Sieh dich um Detras. Glaube ja nicht, wir sind schwach!" gab sie zurück. Die anderen, schwarzen Magier sahen Detras fragend an. Sie konnten nicht hören, was Fin sagte. "Also gut, dann müssen wir unsere Drohung leider wahrmachen!" sagte Jeremias nach kurzem Schweigen. "Yumal, kommst du?" fragte er und Lynard stellte sich mit gebleckten Zähnen hinter ihn. "Wir beginnen mit der da." Jeremias deutete zu der Magierin, gegen die Martha gekämpft hatte. "Deine letzte Chance. Wo ist der Meister?" wiederholte Jeremias. Sie biss die Zähne zusammen und schüttelte den Kopf, aber man sah ihr an, dass sie Angst hatte. Jeremias nickte in Lynards Richtung. Seine gelben Augen bohrten sich in die der Magierin und wir hörten alle die Worte die er sprach. "Convertere Culex Irrevocabilis" Aber er dachte einen anderen Spruch. Damit hörte Detras, wie Lynard im Kopf die Formel sprach, die die Magierin unwiderruflich in eine Küchenschabe verwandelte, konnte aber nicht wissen, dass er sie eigentlich nur für bestimmte Zeit verwandelt hatte. Wir hatten uns für die gute Magie entschieden, also wollten wir nicht unnötige Gewalt anwenden. Eine schwarze, widerlich aussehende Schabe kroch über die Fesseln hinweg. Jeremias hob sie auf und tat sie eine Schachtel. "Ihr meint es ernst!" sagte Nocta. Ich konnte es kaum fassen, aber ihre Stimme zitterte. "Und wie ernst wir es meinen. Der nächste ist dran. Wer möchte gerne eine Eintagsfliege sein?" Jeremias machte einen Schritt zu Nintos. "Du vielleicht?" Ich bewunderte Jeremias dafür, dass er die Wut und die Anspannung so gut im Zaum hielt. Als auch Nintos nicht antwortete, verwandelte ihn Lynard in die besagte Eintagsfliege. Bevor er wegfliegen konnte, fing Jeremias ihn ein und steckte ihn zu der Schabe in die Schachtel. "Wir haben später einen hübschen Insektenzirkus. Weiter geht's!" In seiner Stimme schwang absolut kein schwarzer Humor mit. Sondern nur endlose Abscheu und seine unterdrückte Wut. Yumal wollte gerade Isana verwandeln, als eine allzu bekannte Stimme ihn unterbrach. "Meine Augen trügen mich!" schrie Adraco. Wir fletschten alle gleichzeitig die Zähne und knurrten. Es hörte sich an, als würde irgendwo eine Steinlawine ins Rollen kommen. "Ihr habt euch gegen mich gewandt?" Er war völlig fassungslos. "Wer von euch ist Fin? Sei wenigstens so stark und steh dafür ein, was du hier angerichtet hast!" Seine Stimme übertönte unser Knurren nur schwer. Fin, der weiß-graue Wolf trat nach vorne. Ihr Knurren wurde fordernder, lauter. Mit einem Schritt stand Jeremias vor Fin. "Sie hat uns die Augen geöffnet und dafür sind wir alle unendlich dankbar. Wir wollen deine elenden Spielchen nicht mehr spielen!" sagte er. Wir stellten uns jetzt alle vor Fin. Die Zeit, in der sie die Außenseiterin war, für die Niemand eintrat, war endgültig vorbei. "Was wollt ihr überhaupt?" fragte er dann mit einem Seitenblick zu den gefesselten Magiern. Bevor jemand antworteten konnte, stach mir das goldene Medaillon, das Adraco plötzlich um den Hals trug, ins Auge und Fin schien es gleichzeitig mit mir zu bemerken. Wir hatten bei unseren vielen Nachforschungen über den großen, dunklen Meister gelernt, was es zu bedeuten hatte. Es war das unmissverständliche Symbol der Herrschaft. Der große Meister der Dunklen Kunst trug diese Kette und vererbte sie bei seinem natürlichen Tod dem Nachfolger. Mir klappte buchstäblich das Maul auf. Adraco war der Nachfolger des großen Meisters. Er war der Große Meister. "Jeremias verwandel dich!" hörte ich Fin rufen und dann stürzte sie auch schon auf ihren verhassten Vater zu. Wir folgten sofort und setzten unsere speziellen Verteidigungszauber ein. 11 gegen einen, aber gegen einen sehr Mächtigen. Es kam mir vor wie eine schmerzhafte, qualvolle Ewigkeit, der Kampf gegen den großen Meister der dunklen Magie. Einer nach dem anderen von uns ging zu Boden verletzt, bewusstlos, ich glaubte noch jeden Herzschlag ausmachen zu können und ich betete, dass so blieb. Ich wollte nicht, dass noch jemand sein Leben verlor. Irgendwann standen nur noch Fin, Jeremias und Ich. Verletzt, am Ende unserer Kräfte und doch dachte Niemand an Aufgeben. Wir waren so nah dran, zu gewinnen und wir wussten, dass eine Niederlage gleichbedeutend mit unserem Tod sein würde. Und als wir alle drei unsere Zauber gleichzeitig gegen Adraco richteten, stellten wir fest, welche unglaubliche Wirkung die zweifarbigen Flammen mit dem blauen Eis hatten, wenn sie verbunden wurden. Adraco wurde mehrere Meter nach hinten geschleudert. Stöhnend lag er am Boden. Er litt schreckliche Schmerzen und es war der erste Mensch in meinem Leben, in dem ich das von Herzen gönnte. Nintos käme vermutlich an zweiter Stelle. "Ich bin bei euch, aber bitte, bitte übernehmt diesen letzten Schritt für mich." hörte ich Fin leise sagen. Ich konnte es verstehen. Sie wollte und konnte ihren Vater - wie sehr sie ihn auch verabscheute - nicht töten. Und jetzt war es ungefährlich. Adraco konnte sich nicht wehren. Obwohl ich genau davor fürchterliche Angst gehabt hatte, widerstrebte es mir kein bisschen, Adraco den Gnadenstoß zu versetzen. Gemeinsam sprachen wir die Bekannteste aller tödlichen Formeln. "Finere Vitam." Ein letztes Mal zog Adraco Sauerstoff in seine Lungen und dann war alles ganz still. Mein außergewöhnliches Gehör erlaubte es mir jeden einzelnen Herzschlag aller Anwesenden zu vernehmen. Und ich kann nicht beschreiben, was für ein Gefühl war, diesen Einen verstummen zu hören. Ich brach zusammen und verwandelte mich damit in einen Mensch. Jeremias folgte mir in die menschliche Gestalt und kniete sich neben mich. Die Schmerzen waren als Mensch wesentlich schwerer zu ertragen und ich konnte einfach nicht mehr. "Schon gut, beruhige dich. Es ist vorbei!" flüsterte Jeremias, auch Fin kam als Mensch zu mir und strich mir behutsam über die blutverklebten Haare. "Danke, Elhana. Danke, Aragon! Ich bin euch etwas schuldig!" sagte sie leise und dann lagen wir uns in den Armen. Die verzweifelten Schreie der machtlosen, dunklen Künstler, deren magische Kräfte jetzt nie zurück kehren würde, im Hintergrund. "Martin ..." hörte ich Klara ganz leise schluchzen. Mit Mühe stand ich auf und folgte den Anderen zum Körper unseres verstorbenen Bruders. "Danke für deine Tapferkeit, Kubrat. Du wirst für immer in unseren Herzen sein." Eine stille Träne bahnte sich einen Weg über Fins blasses Gesicht. Wir wussten, dass es nicht ohne Verluste ablaufen würde und trotzdem war es kaum zu ertragen, Kubrat so da liegen zu sehen. Mittlerweile - da die magische Kraft aus seinem Körper gewichen war - war er Mensch geworden. Seine geöffneten Augen starrten in die Leere, aber sein Mund wurde von dem leisesten Anflug eines Lächelns umspielt. "Dann wissen wir wenigstens, wofür wir sterben" Das waren seine Worte. Nein, er ist nicht umsonst gestorben.

 

Das Licht am Ende der Nacht

Zacharias nahm die Schachtel mit den beiden verwandelten Magiern in die Hand und machte den Zauber rückgängig. Fassungslos starrten sie uns an. Sie hatten nie geglaubt, dass es jemandem gelingen würde, die schwarzen Magier Irlands zu besiegen. Erst recht keine Schüler. "Bindet sie los, sie können uns nichts mehr anhaben!" sagte Fin leise. Wir taten wie geheißen und lösten die Fesseln. "Versucht aus eurem erbärmlichen Leben etwas zu machen. Es geht auch ohne die Dunkle Kunst!" sagte sie an die sich langsam aufrichtenden, ehemaligen Magier gewandt. Keiner von ihnen sagte ein Wort. Schweigend verschwanden sie in den angrenzenden Wäldern. Wir ließen die Wunden heilen, so gut es ging. Dann setzten wir uns wieder um Martin leblosen Körper. Fin fuhr mit der Hand über seine Augen und schloss die Lider. "Wir haben sie besiegt, die Dunkle Kunst Irlands hat ein Ende. Aber ich kann mich nicht richtig darüber freuen. Die Trauer um Martin ist einfach zu groß!" sagte Martha und wischte sich eine Träne aus dem Gesicht. "Wir haben sie nur durch unsere Verteidigungszauber besiegt. Wie konnte das funktionieren? Es war bei jedem eine andere Waffe!" Auf Jacobs Frage waren wir alle ratlos. Auch Fin schüttelte unwissend den Kopf. "Ich habe davon noch nie etwas gehört. Es muss ein weiterer, mächtiger Teil der Guten Magie sein!" gab sie schließlich zurück. "Da liegst du ganz richtig." Die unbekannte Stimme ließ uns aufsehen. Wir drehten uns um und suchten nach ihrer Herkunft. Dann sahen wir die Person am anderen Ende des Hofes. Ein alter Mann mit weißen, kurz geschorenen Haaren, der ein helles Gewand mit goldenen Verzierungen trug. Fin stand auf. In Verteidigungshaltung blickte sie dem Mann entgegen, der langsam auf uns zu kam.  Wir stellten uns ebenfalls auf, schützend vor Martin, als könnten wir ihn noch vor irgendwas bewahren. "Ich komme nicht, um euch anzugreifen." Sein sanftes Lachen klang wie ein Glockenspiel. So schnell würden wir Niemandem mehr trauen. Die Sterne am Himmel verschwanden langsam und eine leichte Röte ließ sich im Osten über den Bergen ausmachen. "Was willst du dann?" fragte Lynard barsch. "Euch gratulieren." gab der alte Mann sofort zurück. "Wer seid ihr?" wollte Georg wissen. Der Mann lächelte weise. "Mein Name ist Vientos." stellte er sich vor und blieb kurz vor unserer Gruppe stehen. Fragend sahen wir uns an. Was will er von uns? "Ich bin der große Meister der Guten Magie." sagte er schließlich. Die Blicke der Anderen waren genauso verwirrt wie mein eigener. "Ich habe von eurer überaus mutigen Tat erfahren." Seine Augen wanderten zu der Leiche von Adraco. "Ihr habt euch und die Menschen Irlands von der Dunklen Kunst befreit und eure Kraft ist erstaunlich." Ich sah wie Fin sich langsam entspannte und konnte einen schwarzen Punkt am Himmel ausmachen, der immer größer wurde. Es war Fins Rabe. Er landete auf Vientos Schulter. "Er spricht die Wahrheit, Fin. Er ist der Meister der Guten Magie." krächzte er. "Ihr habt durch den Kampf einen schweren Verlust erlitten?" Unwillkürlich traten wir zur Seite und gaben den Blick auf Martins Leiche frei. "Ja, Kubrat hat sehr tapfer gekämpft." gab Fin leise zur Antwort. "Kubrat?" fragte Vientos und lächelte wieder. "Ja, wir verwandelten uns ins Wölfe um gegen die Magier kämpfen zu können. Mit der neuen Identität kam der neue Name." erklärte Fin. Vientos nickte. "Schneller Blitz." sagte er nur und wir verstanden gar nichts. Er amüsierte sich über unsere verständnislosen Gesichter. "Kubrat bedeutet Schneller Blitz. Ich bin mir sicher, sein Verteidigungszauber bestand aus Blitzen!?" Vielsagend sahen wir uns an. Es bestand kein Zweifel mehr. Vientos wusste, wovon er sprach und er war auf unserer Seite. "Habt ihr alle solche Namen?" fragte er interessiert. "Ja und wir halle haben unterschiedliche Verteidigungszauber!" antwortete Jeremias. "Ich würde gerne eure Namen hören und dann, dann will ich euch einen Vorschlag machen!" Er ließ sich auf dem Boden nieder. Wir taten es ihm nach. Die Erschöpfung verschwand, ich wollte nur noch wissen, was es mit der guten Magie auf sich hatte. "Mein Name ist Mahana!" sagte Fin, als Vientos sie ansah. "Mahana, weiße Flamme. Das ist dein Zauber!?" Fin nickte. Diese Namen bedeuteten also doch etwas. Er sah zu mir. "Elhana!" Er lächelte und sein Blick ging zwischen mir und Fin hin und her. "Ihr seid auf wundersame Weise verbunden. Fast wie Geschwister. Die Legenden sagen, dass sich Nahestehende ähnliche Gaben haben. Dass deren Gaben zusammen wirken können und damit stärker werden. Elhana bedeuten Rote Flamme." Es hatte also doch einen Sinn, dass sich unsere Namen ähnlich anhörten. Er ließ seinen Blick zu Jeremias schweifen. "Aragon." "Blaues Eis. Ihr drei steht euch sehr nah. Ich weiß, dass sich Eis und Feuer als Verteidigungszauber zu den mächtigsten Waffen verbinden." Er sah zu Martha. "Jicin." "Reißendes Beben." sagte er kurz. Das erklärte, warum Marthas Gegner zu zittern begannen, wenn sie sie angriff. Jacobs Name Goran bedeutete grollender Donner. Deswegen hielten sich die Gegner die Ohren zu. Vor Klara war ein Mond geschwebt, vor ihrem Bruder Georg eine Sonne. Ihre Namen Lanja und Imiak bedeutenden Heller Mond und Blendende Sonne. Lynard, der spitze Pfeile aus dem Material erschaffen konnte, das gerade zur Verfügung stand, hieß Yumal, was Pfeilwind bedeutete. Vientos erklärte uns, dass die Pfeile durch den Wind voran getrieben wurden. Sein Bruder Zacharias, der in Wolfsgestalt Skeras hieß, konnte einen Sturm hervor rufen. Sein Name bedeutete Wilder Wind. Emma, als Wolf Rayil hatte ihre Gegner mit einem kochend heißen Wasserstrahl abgewehrt. Ihr Name bedeutete Lavaquelle. Minnas Name Seneca - übertragen Starkes Gift - verriet, dass ihr Verteidigungszauber darin bestand, ihren Gegner für längere Zeit durch ein Gift in den Augen außer Gefecht zu setzen. Wir waren beeindruckt. So etwas gab es bei der Dunklen Magie nicht. "So und jetzt, da ihr wisst, wozu ihr fähig seid, mein Vorschlag." machte Vientos weiter. Wir hörten gespannt zu. "Die Guten Magiern haben sich dazu entschlossen eine Armee aufzustellen, die gegen die Dunkle Kunst vorgeht. Und als mir mein Adler erzählte, was sich hier zugetragen hat und wie ihr es als Gruppe geschafft habt, die Dunkle Kunst zu vernichten, war ich mir sicher, dass wir gefunden hatten, was wir suchten. Wir brauchen euch. Ihr seid unglaublich mächtig. Vor allem zusammen. Die Dunkle Kunst wird Irland nicht lange verschonen. Schon bald werden Künstler aus anderen Gebieten sich aufmachen, um hier neue Schulen zu gründen. Das müssen wir verhindern. Hiermit biete ich euch an für mich und das Gute der Welt zu kämpfen. Ohne vertragliche Bindung. Ihr könnt gehen, wann ihr wollt. Es ist euer freier Wille, ihr seid zu nichts verpflichtet." Wir sahen uns an. Wir hatten uns gerade aus einem Bündnis gelöst. Soll das Ganze von vorne beginnen? "Ich verspreche euch, dass ihr für das Gute handelt und wenn es euch zu viel wird, könnt ihr ohne Abschied gehen. Niemand wird euch verfolgen. Ich gebe euch mein Wort!" "Was sagt ihr? Wenn wir das durchziehen, dann als Gruppe!" Fin übertrug uns ihren Gedanken, sie sprach ihn nicht laut aus. "Ich bin dafür. Wir haben am eigenen Leib erfahren, was die Dunkle Kunst anrichten kann. Wir müssen das verhindern!" sagte Jeremias und ich stimmte zu. Vientos betrachtete uns geduldig. Auch die anderen sagten einer nach dem anderen zu. Wir lassen nicht zu, dass nochmal Schüler gezwungen werden den Weg der Schwarzen Magie zu gehen. "Wir werden dir folgen, Vientos." sagte Fin schließlich laut. Er zeigte die makellosen Zähne in einem breiten Lächeln. "Das freut mich. Dann lasst uns mal das fehlende Glied der Kette zurückholen." Wir hielten gleichzeitig den Atem an. Was soll das denn jetzt bedeuten? Er lachte über unsere Reaktion. "Glaubt ihr ernsthaft, ich lasse zu, dass der 12. meiner Krieger hier zurückbleibt? Die Lebensuhren sind nicht rechtmäßig. So etwas darf es nicht geben und nach dieser Uhr darf Niemand ums Leben kommen. Kubrat ist keines natürlichen Todes, nicht zu seiner Zeit, gestorben. Ich lasse das nicht einfach so stehen!" Wir waren völlig perplex. Vientos will Martin zum Leben erwecken? Er stand auf und ließ sich direkt neben Martins leblosem Körper wieder nieder. Er legte eine faltige Hand auf seine Stirn und murmelte leise etwas vor sich hin. "Bringt mir die Uhr!" rief er und Jeremias löste sich aus dem Kreis, der um Martin und Vientos herum stand. Als er nach einer Minute zurück kehrte, sah er verwirrt aus. "Kubrats war die einzige Uhr, die noch da war. Alle anderen waren verschwunden. erklärte er leise und reichte Vientos die Uhr. "Das war mein Werk. Diese Uhren mussten vernichtet werden, aber die von Martin brauchen wir noch." antwortete Vientos und legte die freie Hand an den Zeiger. Er schob ihn knapp über die 12 und sprach erneut eine Formel. Urplötzlich schlug Martin die Augen auf und setzte sich langsam. Vientos stützte ihn. Er rieb sich übers Gesicht. Erschrocken zog ich die Luft ein. Er lebt! "Was ist passiert?" fragte er mit heiserer Stimme. Ohne eine Antwort zu geben, stürzten wir auf ihn zu und fielen ihm um den Hals. Wir sind wieder komplett. Das fehlende Glied in der Kette wurde wieder eingesetzt. Als sich die Aufregung über seine Auferstehung gelegt hatte, erklärten wir ihm das Vorgefallene. Mit großen, ungläubigen Augen hörte er uns zu. "Ich bin natürlich auch dabei!" sagte er schließlich, als Vientos ihn fragte, ob auch er für die Gute Magie eintreten wollte. Es war beschlossen. Wir Zwölf waren die neugeborene Armee der guten Magie. Es war kaum zu glauben, aber nichts erinnerte mehr an die Zeit, in der wir, auf der Seite der Schwarzen Magie standen. Die Pferde, die uns auf der Reise in andere Gebiete folgten, wechselten die Fellfarbe. Von schwarz zu weiß. Auch die schwarzen Raben wurden zu weißen Adlern. Wir zogen auf unseren Kontrollreisen durch Irland und stellten auch mehrere Jahre später fest, dass noch kein Dunkler Künstler dabei war, die Schwarze Magie in Irland wieder zum Leben zu erwecken. Wir halfen den Menschen in den Dörfern, auch denen, die wir früher angegriffen und ausgeraubt hatten. Als Vientos uns berichtete, dass die Dunkle Kunst in den deutschen Landen eine Hochphase durchlebte, reisten wir über den großen Ozean und gingen gegen die schwarzen Magier vor. Andere gute Magier kamen und standen uns zur Seite. Wir siegten, aber wir wussten, dass es nicht vorbei war. Die Welt brauchte uns und keiner entschied sich, uns zu verlassen. Wir blieben die 12 Wölfe, die alles bewachten. Wir hatten endlich unseren Platz in dieser Welt gefunden. Wir alle.

 

Jeremias Hände waren schweißnass, als er an die altbekannte Holztür klopfte. Was würde seine Familie wohl sagen, wenn er nach sieben Jahren wieder vor ihrer Tür stand. Die Tür knarrte als eine junge Frau sie öffnete. Jeremias erkannte Maria nur an ihren stahlblauen Augen, die seinen eigenen so ähnelten. Sie war kräftiger geworden, nicht mehr so eingefallen, wie zur Zeit der schweren Seuchen. Sie hielt ein kleines Kind in den Armen, das er nicht kannte. Ein Mann, etwa in ihrem Alter, den Jeremias ebenfalls nicht kannte, trat hinter sie. "Wer ist das?" fragte er. Nicht unfreundlich, aber interessiert. Maria traten Tränen in die Augen, als sie ihn endlich erkannte. Das Kind in ihren Armen rutschte ein Stück aus ihren Händen. Bevor es ganz fallen konnte, reichte sie es dem Mann hinter ihr. "Jeremias?" fragte sie und zitterte am ganzen Körper. "Ja, ich bin es, Schwester." gab er zurück. Sie trat aus dem Licht und Jeremias stellte fest, dass er ganz vergessen hatte, wie schön sie war. Sie fiel in seine Arme und schluchzte hemmungslos. "Wir dachten, wir hätten dich für immer verloren!" Als sie sich beruhigt hatte, drehte sie sich um und zeigte auf den Mann hinter ihr. "Das ist mein Gatte Johannes und das ist unsere Tochter Jeremia." Er lächelte bei dem Namen. Er hatte eine Nichte. Schwere Schritte hallten aus der Kammer im Haus. "Vater, es ist kaum möglich. Weißt du, wer gekommen ist?" fragte Maria immer noch schluchzend, als ein alter, kraftloser Mann, der am Stock ging, neben ihrem Ehemann zum Stehen kam. Seine glasigen, grauen Augen starrten in die Leere. Er war blind. "Vater, ich bin es. Jeremias!" Er sah wie seine Beine wegknickten und fing ihn gerade noch auf. "Du bist zurück?" fragte er leise. "Ja, Vater. Es tut mir Leid, dass es so viele Jahre gedauert hat!" Der alte Mann schlang die dürren Arme, die einst so kräftig waren, um den Hals seines Sohnes. "Ich dachte, ich muss sterben, ohne dich je wieder gesehen zu haben!" Er raffte sich mühsam auf. "Tanya, Wendelin, Sarah, Thomas, kommt her! Euer verlorener Bruder ist zurück!" Seine jüngeren Geschwister stürmten die Treppe hinunter und umarmten ihn sofort. Sie waren alle so groß und stark geworden. Er hatte so viele Jahre ihres Erwachsenwerdens verpasst und jetzt konnte er kaum fassen, wie sehr sie sich verändert hatten. "Du hast es also geschafft." sagte sein Vater, als nur die beiden am Abend vor der Hütte saßen. "Was geschafft?" fragte Jeremias verwirrt. "Damals ging das Gerücht um, dass ein dunkler Zauberer aus Irland Kinder zu sich ruft, um sie auszubilden. Als du plötzlich so eine Kraft hattest und immer zu davon erzähltest, dass dir Schlangen gefallen, ahnte ich, dass er dich ausgesucht hatte. Ich hatte solche Angst!" Jeremias hatte nicht gewusst, dass sein Vater tatsächlich mit so etwas gerechnet hatte. "Wir haben ihn besiegt, den dunklen Künstler. Jetzt gehören wir - damit meine ich meine Brüder und Schwestern aus der dunklen Schule - zur Armee der Guten Magie und gehen gegen das Böse vor. Ja, Vater. Ich habe meinen Weg gefunden. Und ich glaube, es ist der Richtige!" Er lächelte. "Das glaube ich auch, mein Sohn! Wenn du uns morgen wieder verlässt, werden wir dich dann wieder sehen!" Jeremias berührte die Hand seines Vaters. "Ganz bestimmt, Vater. Beim nächsten Auftrag im deutschen Königreich werde ich euch besuchen. Ich möchte nicht wieder so viele Jahre der Entwicklung meiner Geschwister verpassen und auch nicht die Kindheit meiner Nichte." Sein Vater schien damit zufrieden zu sein. "Es tut mir Leid, dass ich gehen musste." sagte Jeremias schließlich. "Ich weiß, mein Sohn, ich weiß. Aber du hast das Beste daraus gemacht und ich bin sehr, sehr stolz auf dich!" Das war das erste und das letzte Mal, dass sein Vater freundlich zu ihm sprach. Als Jeremias seine Familie ein Jahr später wieder besuchte, war sein Vater bereits verstorben. Aber seine Nichte freute sich über seinen Besuch, als wisse sie mit ihren drei Jahren genau, dass ein nächstes Widersehen nicht unbedingt selbstverständlich war. Dennoch. Jeremias genoss die Zeit mit seiner Familie, aber genauso gerne lebte er die Zeit mit seiner neuen Familie. Mit seinen Brüdern und Schwestern, den zwölf Wölfen der ersten Armee.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.06.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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Stream of thoughts: Stories and Memories – for contemplating and for pensive moments (english) von Heinz Werner



Do we know what home is, what does this term mean for modern nomads and cosmopolitans? Where and what exactly is home?
Haven't we all overlooked or misinterpreted signs before? Are we able to let ourselves go during hectic times, do we interpret faces correctly? Presumably, even today we still smile about certain encounters during our travels, somewhere in the world, or we are still dealing with them. Not only is travveling educating, but each travel also shapes our character, opens up our view for other people, cultures and their very unique challenges.
Streams of thoughts describes those very moments - sometimes longer, sometimes only for a short time - that are forcing us to think and letting us backpedal. It is about contemplative moments and situations that we all know.

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