Amelie Sardisong

Erlösung in den Dünen...

Ich war nie die Ausdauerndste gewesen, was das Joggen anging, aber heute musste ich raus. Den Kopf frei kriegen. Einfach nicht mehr denken. Ich lief und lief, fand kein Ende, das Atmen tat mir weh, meine Beine wurden mit jedem Schritt schwerer und der Schweiß lief mir in Strömen über das Gesicht. Völlig fertig hielt ich auf der Traumbrücke. So wurde dieses lauschige Plätzchen seit meiner Schulzeit genannt, weil es eine Brücke mitten im Wald war, von der aus man einen wunderschönen Blick über den See hatte, und hier mit Sicherheit das ein oder andere Liebesversprechen abgegeben oder erneuert worden war. Welche Geheimnisse hütete diese Brücke wohl?

 

Ich lehnte schwer atmend über dem Geländer, mein Gesicht spiegelte sich im Licht der Abendsonne im völlig ruhig vor mir liegenden See wieder. Ich schloss die Augen und da waren sie wieder. Seine blauen Augen. Sein Lächeln. Der Schauer, der mir über den Rücken lief beim Gedanken an seine Hände in meinem Gesicht, auf meinem Körper… Ich versuchte die Bilder abzuschütteln und lief weiter. Schneller, wütender, enttäuschter, trauriger.

 

Was bildete sich dieser Mistkerl eigentlich ein… War er tatsächlich nur gekommen, um seine Lust zu stillen, völlig ohne Rücksicht auf meine Gefühle? Ich hätte es auch gewollt, ja. Aber wie konnte er denn, als es kaum noch ein zurück gab, sagen, dass er ja eigentlich nicht dürfe… Ich war schnaufend vor der Tür meiner besten Freundin angekommen. Da wollte ich gar nicht hin, aber plötzlich wollte alles heraus. In einer Mischung aus Tränen, Erschöpfung und Wut konnte ich ihr an der Türsprechanlage klar machen, dass ich die späte Störung war und ich stolperte mit einem Schwall Schimpfworte in ihre Wohnung. Sonja warf mir ein Handtuch über den Kopf. „Geh unter die Dusche, ich leg Dir was zum Anziehen hin und mach mal ein Fläschchen Wein auf. Dann erzählst Du mir, was passiert ist.“ Wie immer war sie praktisch veranlagt, glücklicherweise, denn das holte mich wie immer ein wenig auf den Boden der Tatsachen zurück.

 

So fand ich mich in Sonjas für mich zu großem Pyjama unter einer Wolldecke bei Kerzenlicht und Rotwein wieder. Sonja hatte Kleenex bereitgestellt und hielt mich im Arm, während ich von diesem verkorksten Abend erzählte. Martin… ich war schon seit Ewigkeiten mit ihm befreundet. Immer wieder hatten wir uns getroffen, ich hatte mich ihm immer so nah gefühlt. Die letzten Male hatte es furchtbar geknistert, wenn wir uns sahen. Aber immer war einer von uns beiden vergeben. Gestern hatten wir uns also das erste Mal seit zwei Jahren wieder gesehen. Wir hatten viele E-Mails rund um die Erdkugel geschickt, denn Martin war viel unterwegs. Manchmal waren es sehr kurze emotionslose Mitteilungen, aber manchmal auch sehr gefühlvolle, auch manchmal sehr zweideutige Briefe gewesen.

 

Ich war gerade sowieso emotional sehr angeschlagen. Gerade frisch getrennt, noch nicht mit der Situation im Reinen hatte ich Martin von meinem Gefühlschaos erzählt. Er war wie immer aufmerksam, baute mich auf, ermahnte mich, doch auch endlich mal stolz zu sein auf das, was ich geschafft hatte. Er machte mir Komplimente, er nahm mich als Frau wahr. „Sonja, es war so schön. Ehrlich. Er wollte gehen, aber dann hat er mich an sich gezogen. Ich weiß nicht wie lange wir so da standen. Er hat so gut gerochen, es hat sich so gut angefühlt. Er hat mich angeschaut, hielt mein Gesicht in seinen Händen und ich hatte einfach nur Herzklopfen.“ Ich hatte mehr als deutlich seine Lust gespürt. Und plötzlich, ich hätte ihn so gerne geküsst, ich hätte alles gemacht und vor allem mit mir machen lassen, sagt er: „Es ist so schwer. Wie kann man so schnell solche Lust empfinden. Aber ich darfs ja gar nicht.“ Dann hat er mich noch einmal an sich gedrückt und ist gegangen. Ohne ein Wort. „Ich kam mir so seltsam vor, Sonja. Ich wollte auch, ich wollte so gerne, dass er bleibt, dass er mich küsst, dass seine weichen Hände überall auf meinem Körper sind. Ich war vollkommen durcheinander. Und das habe ich ihm auch in einer SMS geschrieben. Er war immer so einfühlsam und weißt du, was er mir zurück geschrieben hat? Sorry für das Durcheinander, war nicht der Plan. Alles beim Alten, viele Grüße!“ Und wieder liefen mir die Tränen über das Gesicht. Sonja versuchte alles um mich zu trösten, aber Martin war während meiner Beziehung mit Tom immer mein Geheimnis gewesen. Sie kannte nichts von ihm, außer einem Foto und den wenigen Dingen, die ich ihr erzählt hatte. So verbrachten wir den Abend mit Lästereien und Beschimpfungen über das männliche Geschlecht, leerten die ein oder andere Weinflasche und gingen anschließend schlafen.

 

Die nächsten Tage verbrachte ich mehr oder weniger erfolgreich damit, sein Gesicht, die Erinnerung an seine Berührungen aus meinem Gedächtnis zu löschen. Frau ist in solchen Situationen ja gerne masochistisch. Ich las alte Briefe und Mails, unfähig sie zu löschen und unfähig zu glauben, dass ich mich so sehr in ihm getäuscht hatte. Aber er war nicht mehr ständig vor mir, wenn ich die Augen schloss. Ich war fest entschlossen, ihn keiner weiteren schlaflosen Nacht, keines Traumes und keiner überflüssigen Zukunftsvision mehr zu würdigen, und stürzte mich in die Arbeit.

 

Ich ließ mich sogar auf einen mehr als heißen Flirt mit Josh, meinem Arbeitskollegen ein. Das Leben ging auch ohne Martin weiter. Ich war zu verletzt, um ihm zu schreiben, verdrängte all meine Gefühle in die hinterste Ecke meines Gehirns und ließ keine Gefühle mehr zu. Sonja und ich genossen unser Singleleben. Wir gingen aus, hatten Spaß, spielten das ein oder andere Spielchen mit dem vermeintlich starken Geschlecht und ließen so richtig die enttäuschten Zicken raushängen, was weder sie noch ich waren. Das war ein Leben, dass wir uns gut schönreden konnten. Bis es passierte: Sonja, die Abtrünnige, wie ich sie von nun an liebevoll nannte, verliebte sich. Sie VERLIEBTE sich. Wir wollten uns doch nie wieder verlieben. Das war so nicht geplant. Sie hatte wieder diese rosarote Brille auf, sie verniedlichte alles, sie fand es schon vergötterungswert, wenn Brian, ihr Liebster, ihr die Einkäufe in ihre Erdgeschosswohnung trug, kurz: ihr war nicht mehr zu helfen. Das einzige, was ich tun konnte war, sie in ihrem Glück ein wenig allein zu lassen.

 

Ich packte kurz entschlossen meine Tasche, nahm zwei Wochen Urlaub und fuhr an die Ostsee. Ich hatte ein kleines Zimmer in einer gemütlichen Pension direkt hinter dem Deich ergattert und ließ mir den Wind um die Nase wehen. Wie heilsam doch manchmal eine Luftveränderung wirkt. Ich saß am Strand, ließ den Sand durch meine Finger rieseln, sah dem Tanzen der Wellen zu und wünschte mir sehnlichst, auch wieder zu lieben. Und geliebt zu werden.

 

Ich hatte bereits drei Tage hinter mir, als ich einen kleinen gemütlichen Pub entdeckte. Ich setzte mich an die Theke und sah mich ein wenig um. Es lief leise Musik, es war wenig Betrieb. Plötzlich gefror das Blut in meinen Adern und ich hatte für einen kurzen Moment das Gefühl, einer Ohnmacht nah zu sein. Das Lachen… ich musste mich verhört haben. Ich sah keine Gespenster, ich hörte sie! Ich traute mich kaum, mich umzudrehen, aber derjenige, der gerade an mir vorbeigerauscht war, um das stille Örtchen aufzusuchen, roch genauso… Ich bezahlte mein Bier und wollte fluchtartig die kleine Kneipe verlassen, aber er hatte mich gesehen. Er schien sich wirklich zu freuen, mich zu sehen. Wut stieg in mir hoch. „Verdammt Martin, was machst Du hier? Ich bin hier, um dich endlich zu vergessen!“ Ich sah ihn so haßerfüllt, wie das mit klopfendem Herzen möglich ist, an und stürmte an ihm vorbei. Ich wollte nur weg, ich wollte laufen, schneller sein, als meine Gefühle, wollte nicht, dass sie mich wieder einholten. Ich hatte einmal den Fehler gemacht, Martin zu sagen, was ich empfand, den Fehler würde ich nicht noch einmal machen. Ihm zuliebe hatte ich immer so getan, als empfinde ich nur freundschaftliche Gefühle, war mir zum Schluss meiner Gefühle selbst nicht mehr sicher gewesen, aber seine Aktion vor wenigen Monaten hatte das Fass endgültig zum Überlaufen gebracht. Keine Liebe, aber auch keine Freundschaft mehr. Soviel war klar. Ich war mit Sicherheit naiv, aber so weit ging mein Selbstzerstörungstrieb nicht mehr. Ich wollte ihn nicht verlieren, aber in erster Linie wollte ich mich selbst nicht verlieren. Ich lief an den Strand und zückte zum ersten Mal in diesem Urlaub mein Handy, um Sonja anzurufen, und die tat, wofür ich sie am liebsten erwürgt hätte: sie lachte. Tja, sie war verliebt, sie sah für die ganze Welt erfüllte Liebesträume. Wütend legte ich einfach auf. Was war nur mit mir los? Ich ließ mich in den Sand fallen und saß dort, in Gedanken verloren und starrte auf die Lichter des Leuchtturms und der Schiffe, die an der Küste vorbeizogen.

 

Urplötzlich wurde ich mir der Gegenwart Martins bewusst, der hinter mir gesessen war. „Was machst du hier?“ Martin sagte nichts, er sah mich nur an und ich hätte schon wieder in seinem Blick versinken können. „Martin, wenn Du meinst, die Urlaubsatmosphäre macht mich lockerer oder was auch immer, dann täuschst Du Dich!“ Er sagte immer noch nichts, sondern rückte näher an mich heran und legte seine Arme um mich. Ich hätte aufstehen und weglaufen sollen, aber ich konnte nicht. Seine Nähe, der Duft, seine Hände hatten eine hypnotisierende Wirkung auf mich, der ich mich nicht entziehen konnte. Ich atmete tief ein und schloss die Augen. Martin… Seine Lippen streiften meinen Nacken. „Du siehst wunderschön aus!“ Ich spürte seinen Atem warm an meinem Gesicht, er zog mich enger an sich. „Ich habe mir Dich so oft vorgestellt!“ Phantasie und Realität verschwammen, ich konnte nicht mehr klar denken. Ein Schwall zu lange nicht mehr zugelassener Gefühle brach über mich herein. Ich lehnte mich an ihn, umfasste seine Hände, ertastete jede Unebenheit seiner Finger, als müsse ich mir diese bis in alle Ewigkeiten einprägen.

 

Er drehte mich um zu sich, sodass ich ihm in die Augen sehen musste. Diese blauen Augen… im Schlaf hätte ich jede kleine Färbung beschreiben können, jede Lachfalte nachzeichnen können. Sein Mund mit den vollen Lippen, denen ich meinen Blick so schwer nur zu entziehen vermochte. „Ich habe Dich so enttäuscht.“ Ich konnte nichts erwidern, ich kämpfte gegen die aufsteigenden Tränen. Er hielt mein Gesicht in seinen Händen, genau wie vor einigen Monaten, und zwang mich, ihn anzusehen. „Ich habe Angst vor meinen eigenen Gefühlen.“ Das konnte nicht wahr sein, ich musste mich verhört haben. Was sagte er da? Angst vor seinen Gefühlen? Bei allem Respekt! „Du warst erst gerade wieder Single, ich war es nicht. Ich dachte, ich sei verliebt, bis ich Dich wieder gesehen habe. Ich wusste, einer von euch beiden müsste ich weh tun.“ Achja, und ich eignete mich, wie so oft in der Vergangenheit natürlich besser dafür. Ich schluckte die Verbitterung herunter. „Es verging kein Tag, ohne einen Gedanken an Dich.“ Na, diese Gedanken hast Du erfolgreich für Dich behalten! Einen kleinen Moment dachte ich, die aufkeimende Wut würde sich ihren Weg nach oben bahnen. „Ich wollte mich nicht richtig verlieben, wollte mich nicht binden, wollte weiterhin meine kleinen Abenteuer!“ Ich erfuhr gerade Dinge, die ich nicht wissen wollte, trotzdem saß ich still vor ihm, sah in seine blauen Augen und war mir seiner Hände auf meinem Rücken mehr als bewusst. „Aber man kann vor seinen Gefühlen nicht weglaufen. Das weiß ich jetzt.“ Galt das mir? Ich hatte auch verzweifelt versucht zu fliehen. Wollte vergessen, wollte nie wieder solche Gefühle zulassen. „Sonja hat mir gesagt, dass du hier bist.“ Kein Zufall? Empört holte ich tief Luft um endlich meiner Verärgerung, meiner Enttäuschung Luft zu machen, aber Martin zog mich enger an sich. „Ich liebe Dich.“ Und dann, bevor ich das realisiert hatte, spürte ich seine warmen weichen Lippen auf meinem Mund. Warm und fest, ein wundervolles Gefühl. Nie zuvor hatte mein Herz so geklopft.  Seine Zunge spielte ein zärtliches Spiel mit meiner, dieser Kuss dauerte eine gefühlte Ewigkeit. Ich hatte ein Deja-Vú, als ich ihm sagte, dass mein Herz furchtbar klopfte. Angst, er würde wieder aufstehen und gehen, aber er hatte das gesagt, was ich mich nie zu träumen gewagt hätte. Er liebte mich? „Kannst Du es noch mal sagen?“ hörte ich mich flüstern. Martin sah mir in die Augen. „Ich liebe Dich! Ich liebe Dich über alles. Es tut mir so leid, um all die Zeit. Ich weiß, ich kann es nie wieder gut machen, Dich so enttäuscht zu haben. Aber ich liebe Dich!“ Ich strich zärtlich über sein Gesicht. War das hier wirklich die Realität? Martin und ich? Ich musste ihn berühren, wollte ihn spüren, ganz nah bei mir, auch er ließ die Finger nicht von mir. Wie wundervoll diese Mischung aus Liebe, Verlangen und Erlösung war. Wir waren beide wie vernebelt, es gab nur ihn und mich und Liebe. Und mit Sonja würde ich noch mein ganz privates Hühnchen rupfen…

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.06.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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