Paul Rudolf Uhl

Das Prekariat...

 

Das ist ein neues Wort, das in den meisten Lexika und Wörterbüchern noch nicht zu finden ist. Es ist abgeleitet von dem Wort prekär, was etwa ungesichert, schwierig, misslich, heikel bedeutet. Entstanden  ist es wohl, weil ein neuer Ausdruck gefunden werden musste, der eine akute Situation unserer Zeit beschreibt: eine neue Armut.

 

Früher gab es das Wort Proletariat. Es kam aus dem Lateinischen (proletarius) und bedeutete

„Bürger der untersten Klasse“. Schon im alten Rom war das Proletariat die Bevölkerungsschicht der untersten Klasse, welche außerhalb der fünf Klassen der Steuerordnung stand, weil ihr Vermögen den Mindestsatz zur Besteuerung nicht erreichte. Der einzige „Besitz“ dieser Menschen waren ihre Kinder (proles).

 

Später war es eine Bezeichnung für Lohnarbeiter in vielgestaltigen Arbeitsverhältnissen, zunächst der frühneuzeitlich-agrarischen Gesellschaft, die weitgehend rechtlich frei und ohne eigene Produktionsmittel waren.

Die Klasse der Lohnarbeiter (Arbeiterklasse, Arbeiterschaft) entstand mit der Industrialisierung zuerst in England (seit etwa 1770), danach in Deutschland und Frankreich (seit etwa 1800). Im Verständnis von KarlÿMarx waren Bourgeoisie und Proletariat die Gegensätze des Kapitalverhältnisses und als solche soziale Klassen.

 

Heute gibt es sogar ein akademisches Proletariat, nämlich den Personenkreis, der keinen seiner qualifizierten Ausbildung entsprechenden Arbeitsplatz findet.

 

Jetzt gibt es das Prekariat: Durch die weit verbreitete Massenarbeitslosigkeit in Deutschland nach der Wiedervereinigung und die weltweite Globalisierung entstanden – sogar aus Veranlassung oder mit Billigung durch die Regierung - bisher unbekannte, unsichere  Arbeitsverhältnisse (prekäre Lage): Teilzeitarbeit, Zeitverträge, Leiharbeit, erzwungene Selbständigkeit (sog. Ich-AG´s), Minijobs, Ein-Euro-Jobs usw.  Der Wegfall des Kündigungsschutzes und solche Erscheinungen wie die Streichung des Weihnachtsgeldes und anderer Sozialleistungen, die Forderung von Arbeitgebern und der „Agentur für Arbeit“ nach unbeschränkter Flexibilität sowohl in zeitlicher als auch in örtlicher Hinsicht verstärken die Verzweiflung und Unsicherheit des betroffenen Personenkreises.

 

Gewissenlose Arbeitgeber verlagern ihre Produktion in Billiglohnländer, Industrieriesen gehen aus Eigennutz nach Absahnung der von der Arbeiterschaft erwirtschafteten Gewinne in Konkurs, Aufsichtsräte kassieren Milliarden und lassen dann ihre Betriebe vor die Hunde gehen, durch Fusionierung fallen weitere Abertausende von bisher gesicherten Arbeitsplätzen fort. Der Kapitalismus ist in seiner Höchstphase angelangt – oder kann man es noch weiter treiben?!!!

 

Zunächst waren nur Einwanderer ohne Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis, ungelernte Kräfte usw. davon betroffen. Inzwischen erreicht das Prekariat auch die Mittelschicht.

  

Das Ergebnis dieser Verunsicherung sind pessimistische Zukunftsaussichten, ein Massenbewusstsein von Angst und Unsicherheit, Politikverdrossenheit und sie hat die Leugnung bisheriger moralischer Werte zur Folge. Auch die Kriminalität und die Flucht in Drogen etc. dürften durch diese Situation erheblich ansteigen.

 

So ist das Prekariat als Erscheinung des auslaufenden 20. und des beginnenden 21. Jahrhunderts wohl das Ergebnis der Verhältnisse im Zeitalter nach der Industrialisierung und der bisher in ihren Auswirkungen völlig unterschätzen Globalisierung, aber auch die Folge von gewissenlosem Kapitalismus. …

 

                                   Paul Uhl

 

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