Richard Nüsslein

Der Wanderer (3/3)

Zu diesem Zeitpunkt wusste er noch nicht, dass die Mühen bis an die Grenzen seiner Möglichkeiten heranreichen würden, und dass ihm selbst diese Momente nicht vergönnt sein würden. Aber diese Erkenntnis würde erst zu einem Zeitpunkt seinen Verstand erreichen, wenn es zu spät sein würde. Zu spät um umzukehren, zu spät um wieder zu den anderen zurückzukehren.

 

Nachdem er eine Wiese und die Landstraße überquert hatte, ging er am Fuße des Berges entlang, um den Einstieg zu finden. Dieser Offenbarte sich als ein breiter Waldweg, dessen Boden von schweren Maschinen zerfurcht war.

Dort hatte er das Ende der bekannten Welt erreicht. Es war kein plötzlicher Ausstieg, sondern ein kontinuierlicher Prozess, der ihn aus dem Alltag heraus in die Freiheit geführt hatte.

Er atmete tief durch. Spürte wie sich seine Lungen mit der feuchten, schweren Luft des Waldes füllten. Hier würde ihn niemand erreichen können, all die Vorgänge des Alltags würden weiterhin geschehen, doch ihn ging das alles nichts mehr an, denn er war unsichtbar geworden. Er hatte sich aus dem Zugriffsbereich der anderen herausgearbeitet.

 

Er betrat den Waldweg, der langsam ansteigend bis hinauf zum Gipfel der Erhöhung führen würde. Durch die Gleichmäßigkeit seiner Schritte und die Ruhe, die ihn umgab, löste sich der Determinismus seiner Gedanken auf. Sie schwebten durch luftleeren Raum um dann endlich bei ihm anzukommen. Er spürte sich selbst wieder, seine Fußsohlen, die sein Gewicht trugen, seine Muskulatur in den Beinen, die ihn fortbewegte, und die Schwere seines Rucksackes, der ihn ernähren würde.

 

Er war auf dem Weg – auf seinem Weg.

 

Der Weg wurde schmaler und wandte sich Spitzkehre um Spitzkehre immer weiter hinauf. Bis er plötzlich am Ende des Weges stand. Einem Flussdelta gleich mündete der Waldpfad in einer kleinen Lichtung, von der aus kein Weg weiterführte. Er hielt inne spürte seinen angestrengten Atem und sein Herz gleichmäßig und kräftig schlagen. Er sah sich um, konnte aber keinen Ausweg aus seiner Miesere erkennen. Umkehren und damit ein Stück des Weges wieder Richtung all der Dinge laufen, von denen er doch flüchten wollte, war vollkommen außerhalb seines Vorstellungsvermögens. Und so entschied er sich seinen Weg weiter durch das Dickicht des Waldes fortzusetzen.

 

Jeder Schritt war nun mühsam, da der Boden weich und von Ästen übersäht war. Immer wieder musste er stehenbleiben und nach Atem ringen. Und wenn er dann aufblickte, so fand er sich umschlossen von der Natur. Neben ihm ragten die Bäume hoch in den Himmel, über ihm war ein Dach aus Blättern und Zweigen. Dieses Dach trennte ihn vom Himmel, machte es für den Wanderer unmöglich dort anzukommen. Eine leichte Beklommenheit hatte ihn ergriffen, und in ihm wuchs der Wunsch diese Umklammerung zu verlassen. So tastete er sich weiter durch das Unterholz immer weiter hinauf auf den Berg, der für ihn die Erlösung versprach.

Er setzte einen Fuß vor dem anderen bis das unausweichliche geschah. Er stolperte, verlor den Halt und in dem Versuch den Sturz zu vermeiden, machte er einen großen Schritt nach vorne, doch sein linker Fuß, der ihn bisher so famos getragen hatte fand keinen ebenen halt im Untergrund und knackte zur Seite weg. Er konnte das Splittern des Knochens hören, und in dem Bewusstsein, dass etwas geschehen war, das erheblichen Einfluss auf sein zukünftiges Leben nehmen würde verlor er das Bewusstsein.

 

Das erste das er dachte, als er wieder erwachte war, dass er alleine war, nur umgeben von einer Natur, welche ihm gegenüber völlig gleichgültig war. Das erste Mal seit langem fühlte er sich nicht nur alleine, sondern er fühlte sich einsam. Er wünschte sich in seinem inneren, dass jemand da gewesen wäre. Jemand der ihm hätte helfen können aufzustehen und ihn wieder zurück nach Hause gebracht hätte. Doch es war niemand da, und langsam verdrängte er diese Wunschvorstellung und begann die Realität anzunehmen.

 

Da er auf dem Rücken lag, konnte er seinen Oberkörper aufrichten und blickte dann zu seinem Knöchel hinunter. Was er dort erblickte nahm er zunächst als etwas wahr, das außerhalb seines Körpers lag. Eine schreckliche Begebenheit, die man mit den Augen erfasst, dann jedoch schnell wieder zum Alltag zurückkehrt um es nicht zu sehr ins Bewusstsein dringen zu lassen. Er hatte einen offenen Bruch. Der weiße Knochen ragte oberhalb des Knöchels aus seiner Haut heraus. Er zitterte, kalter Schweiß stand in seinem Rücken, doch er verspürte kaum Schmerz, nur ein dumpfes Gefühl in seinem Bein. So müssen sich wohl Phantomschmerzen anfühlen, dachte er. Eine innere Wahrnehmung, welche in keinster Weise zur Realität passte. Als nächstes brach er in tränen aus und tiefe Verzweiflung überkam ihn.

 

„Schöne scheiße“ – hörte er plötzlich in seinem Kopf. „Ich weiß nur nicht, ob hier flennen was hilft“. „Komm du blödes Arschloch – tu was!“. Und so begann er zu überlegen. Rational zu überlegen, er versuchte all seinen Kummer und sein Selbstmitleid auszuschalten und zu funktionieren.

Im Wesentlichen gab es zwei Alternativen. Entweder den Berg hinunter kriechen und hoffen, dass auf dem Weg weiter unter jemand vorbeikam. Oder eben hinauf. Die Wahrscheinlichkeit oben am Gipfel aus seiner misslichen Lage befreit zu werden schätzte er höher ein.

Menschen wollen nun mal auf einen Berg hinauf, und treffen sich dementsprechend am Gipfel. Es gab aber noch einen weiteren Beweggrund. Er wollte nicht zurück. Er wollte nicht aufgeben, wollte weiter, selbst jetzt noch. Einen Berg hinunter zu kriechen war entwürdigend, jedoch einen Berg auf Knien zu bezwingen hatte etwas Heroisches.

 

Er dachte über die Formulierung „einen Berg zu bezwingen“ nach. Er konnte nicht erkennen in welcher Weise der Berg unterlag. Ganz im Gegenteil der Berg stand dem aufsteigenden Menschen völlig unbeteiligt gegenüber. Er würde sich durch den Aufstieg nicht im Geringsten Verändert haben. Jemanden oder etwas zu bezwingen erfordert die Kapitulation des bezwungenen, die Erkenntnis des unterlegenen schwächer zu sein als der andere. All das konnte er nicht erkennen. Der Berg existiert eine unsagbar lange Zeit, und während einer kurzen Periode versuchen Lebewesen zu seinem Gipfel zu gelangen. Er würde den Berg nicht bezwingen können, er würde nur zum Ende seines Weges gelangen können. Zufälligerweise würde dies dem Gipfel dieses Berges entsprechen. Und genau dorthin würde er versuchen zu kommen.

 

Nachdem er diese Entscheidung getroffen hatte, überkam ihn jedoch eine Angst. Würde er sich denn überhaupt fortbewegen können, oder müsste er nicht wie ein gefangenes Tier hier verweilen, in der Hoffnung, dass ihn jemand fand.

Bevor die Angst vor dem Schmerz, der entstehen würde, wenn er sich bewegte, in ihm weiter aufsteigen konnte, unterband er seine Gedanken und war nur noch ein Wesen, dass sah, horchte, und seinen Körper fühlte.

Er senkte seinen Oberkörper ab und begann sich langsam über das unversehrte Bein auf die Seite zu drehen. In dem Moment, als Kräfte begannen an seinem Bruch zu zerren durchzuckte ihn ein Schmerz in einer Intensität die er vorher noch nie erlebt hatte. Der Schmerz war so übermächtig, dass er ihn nicht zu seinem Bein zuordnen konnte. Es war eher wie ein Blitz, der sein Gehirn durchzuckte und dann hörte er sich schreien. Doch er drehte sich weiter bis zuerst sein linkes Knie und dann sein Fuß den Boden berührten und zur Ruhe kamen. Dann verlor er abermals das Bewusstsein.

 

Als er wieder erwachte spürte er den unebenen Waldboden in seinem Gesicht. Kleine Zweige, welche über den ganzen Boden verteilt waren, und ihn wie in einem feinmaschigen Netz gefangen hielten. Er weigerte sich über seine Situation nachzudenken. Und so winkelte er seine Arme an, bis sie neben seiner Brust zu liegen kamen. Er begann sich wie bei einem Liegestütz hochzustemmen bis sein Oberkörper auf den Händen und Knien zu ruhen kam.

Dann versuchte er zu kriechen. Zunächst zog er das unversehrte Bein an, doch bereits als er das Knie des gebrochenen Fußes stärker belastete sah er den Schmerz am Horizont aufziehen, und ihm wurde klar, dass er es nicht schaffen würde, dieses Knie zu heben und unter seinen Bauch weiter zu ziehen. So viel Wille war nicht in ihm. Eine Barriere durchzog sein Dasein. Er konnte sich nicht willentlich den zu erwartenden Schmerzen aussetzen. Wenn sein Geist es auch verlangte, der Körper antwortete mit einem kategorischem „Nein“. Und so verharrte er in dieser Stellung. Der Weg nach oben, zum Gipfel war versperrt. Die Tränen schossen ihm in die Augen und er war wütend über die Unfähigkeit seinen Körper zu beherrschen. Dann gab er nach und meinte ins Bodenlose zu stürzen. Das Gefühl des Scheiterns traf ihn mit voller Wucht und erschütterte ihn bis in die Grundfeste seiner Existenz. Der Berg hatte ihn besiegt. Aber nicht nur das, viel quälender war der Gedanke, dass er Hilfe benötigte, dass er nicht alleine bestehen konnte.

Er erkannte die Ironie seiner Situation, er wollte frei sein von den anderen, deshalb hat er sich auf den Weg gemacht. Und nun, nachdem er den Einflussbereich seines Umfeldes verlassen hatte, fühlte er sich wie ein dreijähriger, den seine Mutter im Einkaufszentrum vergessen hatte. Er verabscheute sein Dasein, seine Schwäche, die Unfähigkeit die Situation zu beherrschen. In dieser Mischung aus Wut und Verzweiflung ließ er sich auf den weichen Waldboden fallen und schloss die Augen.

 

Das Nächste das in sein Bewusstsein drang waren menschliche Stimmen. Weit entfernt und unverständlich, aber unzweifelhaft menschlich. Sie kamen ihm vor wie aus einer anderen Welt. Aus der Welt des sozialen Gefüges, der gegenseitigen Hilfestellung, aber auch der Abhängigkeit, der Unfreiheit, der Machtnahme. Er hingegen lebte in der Welt der Freiheit, aber auch der Verdammnis, denn es hatte sich gezeigt, dass jeder Schritt das Ende der Existenz bedeuten konnte.

Sein erster Instinkt war, das Wort „Hilfe“ laut auszurufen. Aber das Wort klebte an seinem Gaumen. Er brachte es nicht über sich, seine Lungen mit Luft zu füllen und das Wort in die Welt zu katapultieren. Sein Innerstes hätte sich verraten gefühlt. Er konnte nicht Jahrzehnte lange mit der Vorstellung gelebt haben, dass seine eigentlich Welt nicht die der Mitmenschen war, nur um dann in der Stunde der Not, genau diese Gemeinschaft anzubetteln, dass sie ihn wieder aufnehmen würde.

Die Stimmen kamen näher, und dann verstand er, dass sie riefen, und auch was. Sie riefen seinen Namen. In den Stimmen lag ein Ausdruck von Sorge. Und dann fiel es ihm wieder ein. Seine Frau, seine Kinder, sie alle waren da und wollten ihn wieder zurück. Erst als er die Augen öffnete verstand er die Situation. Denn es war Nacht geworden, er musste geschlafen haben, so wie es Kinder tun, wenn sie nicht mehr weiter wissen. Sein Name hallte immer klarer durch den Wald. Sie meinten ihn, zumindest den Teil von ihm den sie kannten. Und auch nur diesen Teil sollten sie auch wieder zurückbekommen. Und so rief er „Hier bin ich!“. Als sie ihn gefunden hatten sagte er mit einem überglücklichen Gesichtsausdruck „Ich bin so froh, dass Ihr mich gefunden habt!“.

Er ging noch viele Male wandern. Und natürlich musste er von nun an immer ein Mobiltelefon mit sich führen. Doch immer wenn er sein Dorf verlassen hatte schaltete er es aus. Er wollte, dass die Illusion perfekt war. 

 

 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Richard Nüsslein).
Der Beitrag wurde von Richard Nüsslein auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.07.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Die Krieger des Seins: Fayndra und Morlas: Wenn Feuer und Wasser sich vereinen ... von Ralph Gawlick



Die Welt von Terrestos scheint aus den Fugen zu geraten. Der grausame Feuermagier Rhabwyn, dessen Kräfte zunehmend stärker werden, versucht mit allen Mitteln, auch der übrigen Elemente Wasser, Erde und Luft habhaft zu werden, um über den gesamten Planeten herrschen und Angst und Schrecken verbreiten zu können. Die Wassermagierin Deanora nimmt Fanydra und Morlas in ihre Obhut, wie es vom Schicksal lange vorbestimmt war. Bei ihr und den Kriegern des Seins erlernen die beiden die Beherrschung der Elemente Erde und Luft, deren Kräfte sie schon, ohne es zu wissen, seit ihrer Kindheit bei sich tragen. Seite an Seite kämpfen die zwei jungen Leute mit Deanora und ihren Kriegern des Seins, um ihre Welt vor dem Untergang zu retten.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Abenteuer" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Richard Nüsslein

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Der Wanderer von Richard Nüsslein (Abenteuer)
Pilgertour nach Campostela...Teil II. von Rüdiger Nazar (Abenteuer)
Sein Handy versteht ihn nicht von Norbert Wittke (Satire)