Nina Lochmann

Sieben einhalb Minuten

 

Als sie gegangen war, hatte ihn das verletzt. Er war wütend gewesen und gleichzeitig hatte ihm ein Gefühl von tiefer Einsamkeit fast die Luft zum atmen genommen. Dann ging die Uni wieder los, er traf sich mit Kommilitonen im Park oder saß zu Hause am Schreibtisch. Es blieb ihm nicht viel Zeit, über sie nachzudenken und wenn er es doch tat, versuchte er sie immer wieder aus seinen Gedanken zu vertreiben. Das gelang ihm mehr oder weniger gut. Am Anfang hatte er sich in solchen Momenten bewusst eine Ablenkung gesucht, war mit den Anderen an den See gefahren oder einfach nur in den Park. Doch irgendwann dachte er dann nicht mehr ständig an sie. Sie war zu einer Erinnerung geworden. Manchmal sehnte er sich noch nach ihr und wünschte sich, er könnte mit ihr sprechen. Doch vertrieb er solche Gedanken stets schnell wieder aus seinem Kopf, zu schmerzhaft war die Erkenntnis, dass sie sich vermutlich nie wieder sehen würden. So vergingen seine Jahre als Student.

 

Er hatte einen gutbezahlten Job an Land gezogen und war zufrieden mit seiner Arbeit und seiner schönen Penthousewohnung in der Stadt, als sich wieder alles veränderte. Zuerst hatte er sich nichts dabei gedacht, als er unter dem Stapel an Rechnungen und Werbebriefen einen neutralen Umschlag ohne Absender fand. Er stieg die Stufen zu seiner Wohnung hinauf und drehte den Schlüssel im Schloss herum. Die Post legte er erst einmal beiseite, da fiel sein Blick auf den Brief ohne Absender. Er nahm ihn auf und drehte ihn in seinen Händen. Was ihm vorhin nicht aufgefallen war, drängte sich jetzt mehr und mehr in seine Gedanken: er kannte die Schrift. In kleinen, geraden Buchstaben stand da sein Name auf dem weißen Umschlag und seine Hand begann zu zittern als ihm bewusst wurde, wer der Absender war. Gespannt zerriss er das Kuvert und entblätterte den Bogen weißen Papieres, den dieses preisgab. Seine Blicke schweiften lang über die Zeilen, immer und immer wieder laß er sie und fühlte sich wie in einem Traum, von dem er noch nicht wusste, ob es besser war, gleich daraus aufzuwachen oder einfach weiter zu träumen. Sein Herz klopfte immer noch, als sich die Augen von dem Brief lösten und durch den Gang streiften, in dem er immer noch wie angewurzelt stand. Plötzlich wurde ihm klar, was er tun musste. Er warf noch einen Blick auf die letzten Zeilen des Briefes, wo in kleinen, zittrigen Buchstaben, fast entschuldigend klein, eine Adresse stand. Es war ihre Adresse. Und er kannte sie. Die Straße war keine 10 Fußminuten von seiner Wohnung entfernt. Den Brief noch in der Hand und den Hausschlüssel in der anderen stürmte er aus seiner Wohnung und stand 7 1/2 Minuten später vor dem Haus. Sein Herz klopfte und er war sich noch nicht ganz klar, ob dies nun wirklich geschah. Er ging durch die offene Eingangstür und stieg die Stufen hinauf bis in den dritten Stock. Den Finger auf der Klingel, unter welcher ihr Name stand, verharrte er. Die Gedanken überschlugen sich und ehe er sich überwinden konnte, die Klingel zu betätigen, öffnete sich plötzlich die Tür.

 

Da stand sie vor ihm und sah ihn an. Sie hatte sich nicht verändert und sah doch ganz anders aus. Ihr Haar war noch genauso seidig und blond wie damals, nur durchzogen es jetzt einzelne weiße Strähnen. Die Augen, die ihn einen Augenblick lang hoffnungsvoll und gleichzeitig ängstlich betrachteten, waren von kleinen Furchen umgeben, die er nicht kannte. Wortlos trat sie einen Schritt auf ihn zu und schloss ihn in ihre Arme. So standen sie im Hausflur, er genoß den Augenblick und sog tief den vertrauten Geruch in sich ein, den sie ausstrahlte. Wie lang hatte er sich nach diesem Augenblick gesehnt? Acht Jahre waren vergangen, seit sie von heute auf morgen verschwunden war, ohne eine Erklärung zu hinterlassen. Es sah fast so aus, als wollten sie sich nie wieder aus ihrer Umarmung lösen, als er eine helle Stimme in der Nähe vernahm. "Mama. Wer ist da?" fragte ein etwa sieben Jahre altes Mädchen, das plötzlich hinter ihr aufgetaucht war. Er löste sich ein Wenig aus der Umarmung und sah dem Kind ins Gesicht. Sie hatte seine Augen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.07.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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