Marcel Hartlage

Der letzte Pfad (Kapitel 4)

┬╗Meister? Meister, wo seid Ihr?┬ź

┬╗Ich liege vor dir, du Schwachkopf!┬ź

Kaum dreihundert Schritt vom brennenden Dorf entfernt lagen Gundrak und Nephanius im dichten Unterholz versteckt, nachdem sie mit dem Werwolf ├╝ber den Abhang gesprungen waren ÔÇô das Tier war inzwischen tot, es hatte die Verletzungen durch den Sprung nicht ├╝berlebt, als es von einem abgetrennten Baumstamm aufgespie├čt wurde. Nephanius war schwindelig, doch musste er gerade jetzt schnell und pr├Ązise denken. Sie mussten fliehen, in den Wald. So tief wie es ging in den dichten Wald vordringen und ihre gewiss kommenden Verfolger absch├╝tteln ÔÇô am besten, ohne viel Blut flie├čen lassen zu m├╝ssen.

┬╗Steh auf Gundrak, und mach dich fertig f├╝r einen langen Marsch!┬ź, sagte Nephanius und erhob sich in geduckter Position und mit gezogener Waffe. ┬╗Bis zur Morgend├Ąmmerung werden wir uns ducken m├╝ssen, alles andere w├Ąre zu riskant!┬ź

┬╗Ja-jawohl, Meister.┬ź Auch Gundrak stand nun schwankend auf. ┬╗Erlaubt mir die Frage, Meister: Was waren das f├╝r Angreifer? Welches Ziel verfolgen sie?┬ź

┬╗Ich wei├č es nicht, Gundrak, und ehrlich gesagt, ist es mir auch egal. Wichtig ist, dass ich den D├Ąmon finde, den es zu t├Âten gilt.┬ź

┬╗Was ist das f├╝r ein D├Ąmon, Meister?┬ź

┬╗Nicht hier und nicht jetzt, du Narr! Erst einmal m├╝ssen wir von hier verschwinden, also komm und blicke nicht zur├╝ck!┬ź

Ohne auf weitere Worte Gundraks zu achten, schlich Nephanius los durchs dichte Unterholz, die tollpatschigen Schritte seines Schmiedes hinter ihm. So entfernten sie sich vom brennenden, zerst├Ârten Dorf immer tiefer in den dichten, engen Wald.. Selbst das eisig kalte Mondlicht drang nicht durchs verstrickte Bl├Ątterdach, und auch kein Tier war zu h├Âren; kein Eule, keine V├Âgel, ja nicht einmal die Grillen, die f├╝r gew├Âhnlich in der Nacht zirpten.

Eine Ewigkeit, so schien es, marschierten Nephanius und Gundrak durch den dichten dunklen Wald, bis sich pl├Âtzlich die ersten Sonnenstrahlen erhoben und ein neuer Tag anbrach. ┬╗Eine rote Sonne, ein blutiger Himmel.┬ź, hatte Gundrak gesagt, als sie an einer Klippe gestanden hatten und sich ein unbeschreiblicher Anblick vor ihnen erstreckt hatte: Ein weites, gr├╝nes Tal mit dem nebeligen Duft der Morgend├Ąmmerung, und dahinter der gewaltige Sonnenaufgang. Gundrak hatte lange auf die Sonne gestartet und Nephanius dabei v├Âllig aus den Augen gelassen.

┬╗Wie weit ist es noch bis nach Hujhal'drak, Meister?┬ź, hatte er kurze Zeit sp├Ąter gefragt.

┬╗So weit, dass wir nicht z├Âgern sollten┬ź, sagte Nephanius. ┬╗In zwei Tagen sollten wir da sein, wenn wir uns beeilen, vielleicht auch nur in einen. Das h├Ąngt ganz von dir ab, Gundrak, beweg dich!┬ź

┬╗Ja, nat├╝rlich, Meister.┬ź

Sie gingen eine Ewigkeit, der D├Ąmonenj├Ąger gab keinen Ton von sich, wie ein Geist glitt er durch die W├Ąlder und Wiesen, w├Ąhrend Gundrak ihn, tollpatschig wie er war, folgte und beinahe ├╝ber jeden Baumstamm und jeder Wurzel stolperte.

Sie erreichten Hujhal'drak nach zwei Tagen.

Das Dorf war an einer gro├čen, imposanten Schlucht gebaut worden. Ein Wasserfall viel in der Mitte in einen gro├čen See, w├Ąhrend au├čen herum Holzh├╝tten und Br├╝cken entlang der Klippe gebaut worden waren. H├Âhlen f├╝hrten ins Innere der Schlucht. Hujhal'drak war bekannt f├╝r seine Minenarbeit und den Mineralien, sowie f├╝r das Goldgraben und den Abbau von Erzen. Das Dorf finanzierte sich so, w├Ąhrend sich in den verlassenen H├Âhlen S├Âldner, Banditen und Sekten verschanzen, die den Untergrund des Dorfes beherrschten.

├ťber vier Meilen reichte die Klippe in die H├Âhe, sie war fast f├╝nfzig Meilen lang, doch bebaut waren nur sechs oder sieben Meilen, den der Rest der Felsvorspr├╝nge und Kanten war von Wurzeln und Gestr├╝pp ├╝berwuchert worden.

Das Tor zum Dorf befand sich links neben dem gro├čen See, am Fu├če der Klippe. Eine H├Ąngebr├╝cke f├╝hrte im steilen Winkel ├╝ber einhundert Meter nach oben, bevor die ersten H├╝tten zu sehen waren. Nephanius und Gundrak erreichten das Tor, lie├čen sich von den Wachen ├╝berpr├╝fen und traten schlie├člich ein.

Ihr erstes Ziel war es, die Taverne H├╝pfenden Magier zu finden, um dort mit den Informanten ├╝ber D├Ąmonen zu sprechen. Nephanius hoffte insgeheim darauf, wichtige Informationen ├╝ber den D├Ąmon zu finden, doch sicher war er sich nicht. Wer wusste schon mehr ├╝ber D├Ąmonen als er?

Zwei Meilen gingen sie; auf H├Ąngebr├╝cken und befestigten Stegen am Rand der Schlucht, w├Ąhrend sie enge Wohn- und H├Ąndlerviertel passierten. Am beeindrucktesten fand Gundrak das Theater, das halb in Stein gehauen war und dennoch gr├Â├čer war als drei Wohnh├Ąuser zusammen.

Die Taverne jedoch hing an Spannseilen befestigt am Ende eines Steges, der etwa drei├čig bis vierzig Meter in die Luft reichte. Es knarrte und schaukelte, als Nephanius und Gundrak ├╝ber die wackeligen Bretter gingen. Der Steg besa├č kein Gel├Ąnder.

┬╗Was waren das nur f├╝r Architekten?┬ź, h├Ârte Nephanius Gundrak sprechen. Ihm selbst war die schwindelerregende H├Âhe von zwei Meilen egal. Man brauchte im Grunde nur nach vorne gucken.

Oben und unten waren Spannseile angebracht und befestigten die Kaserne so mit dem festen Stein der Klippen. Das Geb├Ąude selbst besa├č zwei Stockwerke, unten das Gasthaus und oben die G├Ąstezimmer. Nephanius und Gundrak betraten die in dunkel gehaltene Gastst├Ątte. Rauch und der Duft von Met hing in der Luft, die W├Ąnde bestanden aus schwarzem Holz, die dunklen St├╝hle und Tische waren mit rotem Stoff ├╝berzogen. Die beiden fingen sich hin und wieder finstere Blicke von den stummen Sitzenden ein, doch Nephanius schaute gelassen dar├╝ber hinweg und warf diesen dummen T├Âlpeln ebenfalls einen Blick zu. Provozierend und herausfordernd, sodass sie seinen Augen auswichen. Man musste nur wissen wie, und schon war man der Herr ├╝ber die Situation.

Ein Mann mit  Kapuze winkte sie zu sich her├╝ber. Er sa├č an einem Fenster hinter der Treppe der Taverne und rauchte eine Pfeife.

┬╗├ťberlass mir das Reden, Gundrak.┬ź, sagte Nephanius und nahm stumpf aber selbstbewusst gegen├╝ber des Informanten platz.  Gundrak setzte sich links neben seinem Meister.

┬╗Nephanius, der D├Ąmonenj├Ąger.┬ź, sagte der Informant. D├╝nne Rauchschwaden entschwanden seinem verdunkelten Gesicht unter der Kapuze und vielen gegen die Zimmerdecke. ┬╗Es ist mir eine Ehre, euch kennenzulernen.┬ź

┬╗Ich bin nicht hier, um ein h├Âfliches Geschw├Ątz zu f├╝hren. Mein Auftraggeber sagte mir, ich w├╝rde euch hier antreffen.┬ź

┬╗Ganz recht, Nephanius.┬ź, sagte der Informant und w├╝rdigte Gundrak nicht mal eines Blickes. ┬╗Ich bin es, der euch die Schw├Ąchen des D├Ąmons benennen soll.┬ź

Nephanius nickte.

┬╗Er hat keine Schw├Ąchen.┬ź

Normale Menschen ÔÇô geistlich schwache, wenig intelligente ÔÇô w├╝rden in dieser Situation mit einer Antwort z├Âgern. Aber Nephanius nicht. ┬╗Warum sitzt Ihr dann hier? Habe ich den Dreitagesmarsch etwa umsonst angetreten?┬ź

┬╗Nein, nat├╝rlich nicht, Nephanius.┬ź, sagte der Informant. ┬╗Ich will Euch nur sagen, dass ihr diesen D├Ąmon, diese Bestie, ├╝berraschen m├╝sst, um an ihn heranzukommen. Eine solche Kreatur rechnet nicht mit Angriffen, weil sie wei├č, dass nichts und niemand sie aufhalten kann.┬ź

┬╗Dann kennt sie mich nicht.┬ź, sagte Nephanius.

┬╗Vielleicht ist das so, aber seit versichert: Dieser D├Ąmon ist der wohlm├Âglich st├Ąrkste aller Zeiten.┬ź

┬╗Und wenn sucht diese Bestie?┬ź

┬╗Nun, das ist eine andere Frage. Auf jeden Fall verbirgt dieses Monster ein Geheimnis, denn es sucht nicht grundlos jemanden. Niemand wei├č, worin die Absicht liegt.┬ź

┬╗Wie sieht dieser D├Ąmon aus? Hat man ihn schon gesehen? Ist er menschlich?┬ź

Der Informant ÔÇô immer noch rauchend ÔÇô schien unter seine Kapuze zu grinsen. ┬╗Dieses Gesch├Âpf der H├Âlle kann nicht menschlich sein. Es ist die Grundform eines D├Ąmons, diese Bestie verk├Ârpert das absolute B├Âse. Auch ein Sieg gegen dieses Wesen ist unwahrscheinlich. ┬ź

┬╗Hat man es gesehen? Ich wiederhole mich nur ungern.┬ź

┬╗Nein. Alle die dieses Gesch├Âpf sahen, waren danach tot.┬ź

┬╗Woher wei├č man dann, dass es sich um einen D├Ąmon handelte?┬ź

Eine dicke Rauchschwade entschwand dem verdunkelten Gesicht des Informanten. ┬╗Weil es Anzeichen darauf gibt, dass es der D├Ąmon war. Sein Weg wird eingel├Ąutet, wenn er auf der Erde erscheint.┬ź

┬╗Was sind das f├╝r Anzeichen?┬ź, fragte Nephanius.

┬╗Nun. Zuerst soll die Erde beben, als wenn tausend Riesen zugleich marschieren w├╝rden. Anschlie├čend sollen gewaltige Flammenschwaden erscheinen, die gr├Â├čer sind als Feuer, die einem Drachen entsteigen. Und zuletzt soll die Bestie br├╝llen, als wenn zehntausend L├Âwen zugleich br├╝llen w├╝rden. Sie soll so laut br├╝llen, dass jeder in der N├Ąhe taub von diesem Gebr├╝ll wird.┬ź

Eine Zeit lang schwiegen sie alle.

┬╗Wo┬ź, begann Nephanius wieder. ┬╗kann ich ihn finden? Wie kann man ihn heranlocken?┬ź

Der Informant schien wieder zu Grinsen. Gundrak schaute abwechselnd zu Nephanius und dem geheimnisvollen Informanten. Die ganze Taverne schien einen Ton leiser und angespannter zu sein.

┬╗Es muss ein Ritual durchgef├╝hrt werden.┬ź, sagte der Informant. ┬╗Dazu bedarf es sechs Seelensteinen und einen Beutel von magischem Pulver. Au├čerdem wird trockene und staubige Erde ben├Âtigt, am besten sogar erhitzte Erde, wie man sie in den W├╝sten dreihundert Meilen s├╝dlich von hier findet. Und man ben├Âtigt einen K├Âder. Einen menschlichen K├Âder.┬ź

┬╗Und dann erscheint der D├Ąmon?┬ź

┬╗Man formt aus den Steinen ein Sternenbild des D├Ąmons. Sechs Ecken, drei oberhalb, drei unterhalb, die Mittleren etwas in die H├Âhe versetzt. Dann verbindet man diese Seelensteine mit dem magischen Pulver. Eine weitere Linie muss von jedem Stein exakt in die Mitte f├╝hren. Dort muss der K├Âder aufgestellt werden. Dann wird der D├Ąmon erscheinen.┬ź

┬╗Findet man diese Materialien hier?┬ź

┬╗In diesem Dorf findet Ihr alles, Nephanius. Sogar einen K├Âder.┬ź

┬╗Und wer ist das?┬ź, mischte sich Gundrak ein. Nephanius warf ihm einen drohenden Blick zu, doch der Informant antwortete, ohne Gundrak anzusehen. ┬╗Ja. Innerhalb der H├Âhlen befindet sich ein Sklavenh├Ąndler. Der H├Ąndler geh├Ârt wahrscheinlich der Werwolfssekte an, aber er verkauft billig.┬ź

┬╗Werwolfssekte?┬ź, fragte Gundrak. ┬╗Meister, unser Dorf?┬ź

┬╗Die Werwolfssekte ist eine Organisation, die das Z├╝chten von Tieren mit schwarzen Magien unterst├╝tzt. Sie hat ihren Sitz im Norden, innerhalb des Schneegebirges. Sie lernen dort das Reiten auf Werw├Âlfen.┬ź, sagte der Informant. ┬╗In letzter Zeit sind sie wieder auf Beutezug. Sie vernichten alles, was sich gegen H├Âlle und schwarze Magie wenden k├Ânnte.┬ź

┬╗Deswegen haben sie unser Dorf angegriffen.┬ź, sagte Nephanius. ┬╗Wegen mir und meinem Meister. Aber wozu?┬ź

┬╗Sie denken, sie werden von der Dunkelheit und der H├Âlle verschont, wenn sie stattdessen alles Gute und Reine vernichten. Und da der D├Ąmon sein Unwesen treibt, hoffen sie auf Kapitulation mit diesem.┬ź

┬╗Diese Narren. Sollen sie in ihrem eigenen Blut ertrinken!┬ź

┬╗T├Âtet den D├Ąmon, Nephanius, und vielleicht werden auch ihre Morde dann enden. Ich habe euch alles gesagt, was ich wei├č.┬ź

Nephanius erhob sich; Gundrak stand schwankend auf. ┬╗Dann soll es so sein. Komm, Gundrak.┬ź

Nephanius und Gundrak kehrten dem Informanten den R├╝cken zu, aber dennoch sagte er etwas. Ausnahmsweise etwas, das Nephanius ├╝berraschte. ┬╗Auch apokalyptische Magien werden nicht viel n├╝tzen, im Kampf gegen der Bestie.┬ź

┬╗Gehen wir, Gundrak. Wir m├╝ssen ein paar Dinge erledigen.┬ź

Sie verlie├čen die Taverne.

Das Ritual sollte schon morgen stattfinden.

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