Jürgen Berndt-Lüders

Vierhundert Generationen

Ich entfloh der brütenden Hitze und fuhr mit der Seilbahn fast bis zum Gipfel hinauf.

 

Eigentlich hatte ich den ganzen Berg bezwingen wollen. Von der Basis bis zum höchsten Punkt, den seit Generationen ein eisernes Kreuz zierte. Davon hatte ich Fotos gesehen, aber es war einfach zu warm für einen Marsch in Bergsteigerkluft, und so ersparte ich mir fast dreitausend Meter.

 

Als ich aus der Seilbahn stieg, bemerkte ich das Gipfelkreuz in der Ferne, aber mein Weg führte mich erst einmal  fünfhundert Meter talwärts hinab und dann tausend wieder hinauf. Gegen Mittag hatte ich das Kreuz erreicht.

 

Gegen das verrostete Monstrum gelehnt hockte ein weißbärtiges, altes Urgestein und starrte in die Tiefe.

 

„Was tust du hier?“, fragte ich. „Wenn du springen willst, weshalb dann so theatralisch vom Gipfel eines Viertausenders aus? Ein Kirchturm hätte es auch getan.“

 

Er wandte sich kurz um, registrierte mich und schlug mit der flachen Hand auf den kalten Stein. Setz dich, hieß das, und ich setzte mich.

 

„Vierhundert Generationen, und es wird immer schlimmer“, sagte er, ohne auf meine Vermutung einzugehen. Er sprach ein sauberes Hochdeutsch, obwohl ich mit einem einheimischen Dialekt gerechnet  hatte.

 

„Moment“ rief ich und rechnete. „Vierhundert Generationen, das sind nach der üblichen Berechnung zwölftausend Jahre.“

 

Er nickte. „Sie kamen aus Afrika. Es war die xte Welle, und alle waren sie verreckt, aber ausgerechnet sie, die ich meine, schafften es. Sie überquerten die Alpen und besiedelten Europa.“

 

Ich kannte die Entwicklungsgeschichte der Menschen einigermaßen. Ich interessierte mich für Paläontologie, und mein neuester Stolz war, mitbekommen zu haben, dass der Neandertaler nicht ausgestorben, sondern vom Homo Sapiens assimiliert worden war. „Klar“, sagte ich. „Ein Teil ging rüber nach Asien...“

 

„...sicher“, sagte er. „Aber so weit bin ich nie gekommen. Ich kann nur vom Europäer reden.“

 

Ich stutzte. „So weit bist du nie gekommen?“

 

„Doch, in der letzten Zeit schon, aber da war längst alles gelaufen.“

 

Ich dachte nach. „Worauf willst du hinaus?“

 

„Sie hätten es geschafft, wenn sie nicht diesen Hang zum Individualismus hätten. Aber so schlimm wie heute war es noch nie.“

 

„Naja“, fand ich zögernd. „Aber Jahrtausende war der Einzelne nichts wert. Alle gehorchten den Herrschern...“

 

„...die Individualisten waren. Zugegebenermaßen solche mit Durchsetzungskraft und meist mit überlegenem Wissen und Geschick.“

 

„Du meinst, wenn die anderen hätten mithalten können, hätten sie auch versucht, alle zu beherrschen?“

 

„Klar, und genau das ist der Fehler. Wenn alle am gleichen Strang zögen...“

 

„...wie willst du das denn erreichen?“

 

„Das ist es ja. Das  kann ich leider nicht“,  sagte der Alte. „Aber wenn es mal einem gelungen ist, alle Kräfte auszurichten...“

 

„...scheußliche Vorstellung“, sagte ich und dachte an Napoleon. 

 

„Du denkst an Hitler. Klar, da war es eine negative Ausrichtung. Aber es könnte auch positive geben, wenn auch nur wenige.“

 

„Mahatma Gandhi“, rief ich.

 

Er winkte ab. „Das war Indien und nicht Europa. Vergiss das nicht.“

 

Ich dachte lange nach. „Du meinst, wenn die Europäer und die Europa-stämmigen, also die Amerikaner, Kanadier, Anglo-Australier  ihre Kräfte zum Positiven vereinen und ausrichten würden,  wäre das ein Fortschritt? Und weil das nicht so ist, willst du springen?“

 

„Ich springe nicht“, murmelte er und griff in seine Tasche. Er holte eine altmodische, geschliffene Phiole hervor, in der eine schwarze Flüssigkeit war.

 

„Sieht aus wie Cola“, fand ich.

 

Er lachte. „Sie wandeln sich nicht zum Guten. Im Gegenteil. Die Regierungen trauen sich nun gar nicht mehr, etwas gegen den Egoismus der Starken und Privilegierten zu tun. Der Einzelne gilt mehr denn je und die Gemeinschaft so gut wie nichts.“

 

„Und nun hast du Durst“, vermutete ich neugierig und starrte auf das Fläschchen.

 

„Ja, ich gebe auf“, sagte er. „Vierhundert Generationen habe ich darauf gewartet, dass die Evolution die Menschheit voran bringt. Aber es wird immer schlimmer. Aber wenigstens eine Kleinigkeit werde ich bewirken: Die Höhe dieses Berges muss meinetwegen neu berechnet werden.“

 

Er zog den Korken aus der Flasche und leerte sie in einem Zug. Er versteinerte zusehends, seine Masse schob mich beiseite, und sein Massiv umschloss dreiviertel des Gipfelkreuzes. Nur noch ein eiserner, verrosteter Stumpf ragte aus seinen Überresten.

 

Ein jämmerlicher Versuch, etwas Bestehendes zu verändern, dachte ich, als ich mich an den Abstieg machte. Wen interessierte schon die Höhe eines Berges?

© Jürgen Berndt-Lüders

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.07.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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