Montag, fünf Uhr morgens. Kerzengrade, nach Atem ringend sitzt Lisa in ihrem Bett. Ein schrecklicher Traum hatte sie aus dem Schlaf gerissen.
Ein paar schwere Atemzüge später weckte sie mit zittrigen Händen ihren Freund.
„Max, Max wach auf.“ Kräftig rüttelte sie an seiner Schulter, bis sie ein Brummen hörte. „Max, bitte, wach auf“. Wieder war nur ein Brummen zu vernehmen.
Erleichtert, dass er jetzt wach war, schmiegte sie sich an ihn „Du ich hatte einen schrecklichen Traum.“
„Erzähl“, murmelte Max.
„Ich saß auf einer Brücke. Ich weiß gar nicht genau, wo? …. Die ganze Zeit starrte ich zu einem Meer aus Lichtern. War schrecklich traurig, konnte durch die Tränen nicht richtig sehen, es war alles so verschwommen. Vielleicht war es ja der Nachthimmel, den ich anblickte? Ich wusste meinen Namen nicht mehr…. Ich saß auf einer kalten Mauer und versuchte meinen Namen zu finden… dann schaute ich wegen irgendwas nach links, die Brücke entlang… ein Mensch rannte auf mich zu. Irgendwas versuchte er mir zu sagen… Doch dann, fiel ich plötzlich kopfüber in die Tiefe.“ Noch einmal rüttelte sie hektisch an seiner Schulter „Max. Ich bin diese Brücke runter gefallen...“
„Bist du nicht. Versuch wieder einzuschlafen. Es ist noch viel zu früh.“
Doch an Schlaf war für Lisa nicht mehr zu denken. Und auch den ganzen Tag über ließ sie dieser Traum nicht mehr los.
Dienstag, fünf Uhr morgens. Lisa saß in ihrem Bett. Wie nach einem Marathonlauf rang sie nach Luft. Wieder war sie aus einem schrecklichen Traum erwacht.
„Hey, alles ok ?“ Max war von Lisas unruhigem Schlaf aufgewacht.
„Ja…“ Erschöpft lies sie sich in die Kissen zurückfallen „….bin die ganze Zeit nur gelaufen und gelaufen…. Ich musste mich schrecklich beeilen. Alles war schwarz….konnte nichts richtig erkennen. Aber ich musste unbedingt, ganz dringend irgendwo hinkommen…..bevor es zu spät ist“, erzählte sie.
„ Ja hab gemerkt, dass du es ganz schön eilig hattest. Versuch noch etwas zu schlafen.“ Max küsste sie sacht auf die Stirn und schlief wieder ein. Doch genau wie in der Nacht zuvor konnte Lisa nicht wieder einschlafen. Obwohl sie nach dem Lauf sichtlich geschafft war.
Mittwoch, fünf Uhr morgens.
„Spring nicht.“ Lisa stand auf einer Brücke. Ein unbekannter Mann, saß ein paar Schritte vor ihr auf der Mauer.
Tränen rannen ihr übers Gesicht. „Bitte ich flehe dich an.“ Was sollte sie nur machen? Tiefe Trauer beherrschte ihren Körper.
Doch dann gab sie sich einen Ruck. Ging schnellen Schrittes auf den Mann zu, wollte ihn gerade packen und von der Mauer zerren. Als sie schreiend kopfüber in die dunkle Tiefe fiel.
Hellwach saß Lisa zitternd in ihrem Bett.
„Lisa. Es ist alles in Ordnung. Ich bin ja da“, meldete sich Max zu Wort und schloss sie fest in seine Arme.
Eine Zeitlang blieben sie einfach nur so sitzen. Weinend erzählte Lisa von ihrem Traum. Max hörte zu und wiegte sie tröstend in seinen Armen.
Donnerstag, fünf Uhr morgens.
„Ich heiße Mark, oder Micha? Um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht mehr. Was ich jedoch weiß ist, dass ich von der Hamburger Köhlbrandbrücke springen werde. Dreiundfünfzig Meter in die Tiefe. Ab in die Elbe. Dort wird mich niemand finden.“
Entsetzt lauschte Lisa seinen Worten und starrte unentwegt den Hinterkopf des Mannes an. Wenn er sich doch nur umdrehen würde! wenn sie ihn doch nur erkennen könnte!
„Warum? Gibt es denn keine andere Lösung?“
„Nein“, sagte er und sprang.
Den Blick starr an die Zimmerdecke geheftet, lag Lisa in ihrem Bett. Um sieben klingelte ihr Wecker, kein Auge hatte sie mehr zubekommen. Immer wieder hatte sie sich den Kopf zermartert, was dieser Traum bedeuten sollte. Das konnte doch kein Zufall mehr sein, immer von derselben Sache zu träumen.
„Morgen, hast du gut geschlafen?“ fragte Max.
„Ich weiß jetzt welche Brücke es ist.“ War Lisas Antwort.
Freitag, fünf Uhr morgens.
Sacht spielte der Wind mit Lisas Haaren. Sie saß auf einer kalten grauen Mauer und schaute hinüber zum Containerhafen, der nachts wie ein Meer aus Sternen erstrahlt. Ihr Blick war klar, sie konnte alles erkennen, ja sogar das Wasser, das dreiundfünfzig Meter unter ihren Füßen floss.
„Bitte spring nicht“, hörte sie sich selbst reden.
„Sag mir wenigstens, Wann?“, doch ihr Blick war weiterhin auf den Containerhafen gerichtet.
Lisa lag wach in ihrem Bett, Tränen rannen ihr über die Wangen. Wieder beherrschte eine unendliche Trauer ihren ganzen Körper, nur warum? Das wusste sie immer noch nicht.
Samstag, fünf Uhr morgens.
So schnell sie konnte, rannte Lisa mitten in der Nacht die graue Brücke hoch. Immer näher kam sie auf den Mann zu, der dort in der Ferne saß und sie anstarrte. Lisa fing an zu rufen und zu winken, doch sein Blick wandte sich wieder der schwarzen Nacht zu.
Im nächsten Moment hatte er Lisa fest in seine Arme geschlossen „Sonntag“, schrie er ihr ins Ohr und stürzte mit ihr zusammen, hinab in die Tiefe.
Völlig geschockt, war Lisa aus einem schrecklichen Traum erwacht. Totenstille herrschte im Schlafzimmer. Sie war allein. Max hatte sich extra frei genommen und war schon am Freitag zu seinen Eltern gefahren. Wohin Lisa dann am Sonntag nachkommen wollte.
Sonntag.
Der Sonntag war schon längs angebrochen. Lisa hatte bis jetzt kein Auge zugemacht. War stundenlang im Wohnzimmer herumgelaufen. Stundenlang hatte sie überlegt, ob sie die Polizei anrufen und ob sie zur Köhlbrandbrücke um fünf Uhr morgens fährt. Weil sie ja auch immer um fünf Uhr aufgewacht war.
Nichts, nichts hatte sie von alle dem gemacht, was ihr durch den Kopf gegangen war. Total übermüdet und mit einem flauen Gefühl im Magen kam sie bei Max und seinen Eltern an.
„Lisa, Lisa. Hast du es schon gehört?“ Max stand schon wartend vor der Haustür.
„Was soll ich gehört haben?“ Verwirrt sah sie ihn an. Warum war er nur so aufgeregt?
„Heute Nacht, ist ein Mann, ein gewisser Martin S., von der Köhlbrantbrücke gesprungen. Das sagen sie schon den ganzen Tag in den Nachrichten.“
Lisa wurde Kreidebleich bei diesen Worten, das durfte nicht wahr sein. Das war zu viel.
„Ich hätte doch hinfahren sollen“, sagte Lisa und fiel in Ohnmacht.
Hinein in die schwarze Tiefe.
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würde zu dieser Geschichte gerne mal Rückmeldungen von euch erhalten. Egal ob positiv oder Negativ :).Manuela Dechsheimer, Anmerkung zur Geschichte
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.07.2010.
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Schriftliche Kunstwerke
von Manuela Dechsheimer
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