Martin Jungeblut

Sturmesnacht

Er rannte.
Von seiner Kleidung floß der Regen, und unter seinen Schritten spritzte schlammiges Wasser aus den Pfützen auf den Weg.
Die Nacht hinderte seine Sicht, so daß er das eine oder andere Mal Gefahr lief, vom Pfad abzukommen.
Die Tannen neigten sich tief unter dem Wind und die sturmgepeitschen Wolkenfestungen spien Blitz und Donner. Ständiges Wetterleuchten gab dem Wald um ihn Leben und ließ die Tannen sich nach ihm strecken – er bemerkte es nicht.

Er rannte beständig weiter in die pechschwarze Gewitternacht. Wohin er rannte, konnte er nicht sagen, allein, daß er rannte.
Mittlerweile würden sie ihn suchen.
Er spürte seine Verfolger hinter ihm die Tannen durchschreiten; wußte, daß sie nicht ruhen würden, bis sie ihn fanden – nach allem, was geschehen war.
Er war erschöpft.
Die Seitenstiche zwangen ihn, kurz in seiner Flucht zu verhalten. Er spähte in die Umgebung.

Der Wald.
Wo? Keine Orientierung.
Wohin? Vielleicht die Stadt, vielleicht die Küste, vielleicht – oh mein Gott, nein – war er im Kreis gelaufen; nur das nicht, mein Gott, laß mich nicht zurückgelaufen sein, laß sie mich nicht finden, Gott, sei bei mir!
Er schlug die Hände vor sein Gesicht.

Mit einem dumpfen Geräusch schlug ein Gegenstand in den Morast, befreit von dem festen Griff der rechten Hand.
Regen stürzte auf ihn nieder.
Regen stürzte auf den Gegenstand, als wollte er die Sünde von dem blutverschmierten Messer abwaschen.
Als er seine Hand zurückzog, da hinterließ sie einen roten Film auf seinem Gesicht.
Kraftlos sackte er in die Knie.
Der aufgeweichte Boden nahm sein Gewicht auf und vornübergebeugt rang er nach Luft, knieend wie ein Büßer im Gebet.
Noch einmal schoß einem Blitz gleich der Eindruck eines Gesichts in sein Bewußtsein, den Mund zu einem letzten Schrei verformt. Er stand direkt vor ihm, als er beobachtete, wie das Leben aus seinen Augen wich. Dann hatte er sich abgewandt und war geflohen.
Mühsam richtete er sich wieder auf, wobei seine verletzte Schulter ein schweres Hindernis darstellte. Mit schmerzverzerrtem Gesicht und tränennassen Augen versuchte er den Weg hinter ihm zu fixieren, doch nichts außer den Tannen regte sich dort.
Langsam schritt er voran, immer weiter.

Plötzlich war ein Leuchten über den Bäumen.
Ein Blitz? Nein, das konnte kein Blitz sein.
Ein künstliches Licht? Der Leuchtturm!
Er schritt schneller aus, erfüllt von neuer Hoffnung, im Leuchtturm Unterschlupf zu finden. Der Waldrand befand sich nur noch wenige Meter vor ihm - eine lange Wiese noch, dann der schmale, weiße Bau des Leuchtfeuers.
Noch immer glaubte er sich ungefunden, noch immer gab es Hoffnung.

Ob der Tote ihm leid tat?
Nun, im Grunde war es wohl egal.
Er hätte eh nicht mit ihm fliehen können,
er hätte es eh nicht geschafft.
Schuld? Konnte man in seiner Situation Schuld empfinden? Nein, er verspürte einen stumpfen Schmerz, wenn er an seine letzten Momente dachte, doch ihn traf keine Schuld.
Ein verzweifeltes Lachen entfuhr ihm und wurde nach wenigen Zentimetern vom Sturmgeheul geschluckt.
Er beugte sich tief in den Wind, der mit unbändiger Gewalt über die Ebene am oberen Ende der Steilküste trieb. Der Regen peitschte ihm nahezu waagerecht ins Gesicht und seine tiefe Schulterwunde verursachte ihm immer mehr Schmerzen.
Blitze schlugen ins Meer vor ihm, als er sich dem Gebäude entgegen kämpfte – Meter um Meter über die Ebene zur Steilküste.
Regennasses Gras strich um seine Beine, hin- und hergeworfen in den Naturgewalten.
Möwen suchten über ihm den Kurs zu halten und wurden ein ums andere Mal vom Sturm zur Seite gedrückt.
Er sah die Tür. Die schwere Holztür, die in das Innere des Leuchtturms führte – in das Innere seines Verstecks. Nur noch wenige Schritte und er hatte sie erreicht. Er rüttelte am Knauf, doch die Tür wich keinen Millimeter. So sehr er sich auch mühte, es schien keinen Weg zu geben, dieser letzten Grenze beizukommen. Gehetzt spähte er nach seinen Verfolgern.

Dann sah er sie.
Zu Hunderten krochen sie durch die sturmgepeitschte Brandung, erschienen schwarzglänzend hinter weißer, schwerer Gischt, wo sie zwischen den Felsen ihre unmenschlichen Leiber auf Land wälzten. Ein pechschwarzer Strom ergoß sich im ersten Grau der Morgendämmerung in das kleine Fischerdorf, das einmal sein Heim gewesen war.
Ein erstickter Schrei entrang sich seiner Kehle, ein bizarres Grinsen legte sich auf seine Züge. Er lachte hemmungslos, lachte und lachte, trat dabei an die Küste.
Dann tat er einen weiteren Schritt und tief im Abgrund seines Herzens zerbrach seine Welt. 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.07.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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