Kim Weißer

Der Bushalt

Und der alte Mann setzte sich. Endlich. Er seufzte, die eine Hand noch am Rollator. Die andere fuhr zittrig am Revers entlang. Sein Anzug blau-weiß. Er wartete auf den Bus.

 

Es ist warm. Ein Tag im Mai 1961. Er sitzt da, eine zukünftige Brise erhebt sich vom Boden. Er streicht erneut seinen Kragen gerade. Holt sein Portemonaie heraus, öffnet, schließt, öffnet es.Nimmt seine Busfahrkarte.

Sein Blick fällt auf seinen Personalausweiß, auf die Geldscheine. Es wird reichen, sagt er leise. Murmelt weiter, es wird reichen. Und, es wird ja mehr. So schlecht ist meine Stelle nicht. Du hast Aufstiegschancen, du bist eine gute Partie. Du bist jung, siehst fesch aus.

Aber er mag dich nicht.

Sie schon. Und ihre Mutter auch. Glaube ich zumindest. Er blickt zweifelnd in die hoffnungsfrohen Wolken.

Heute wollte er bei Elisabeths Vater um die Hand anhalten. Er wollte nicht, musste, weil er sie heiraten wollte. Er seufzte. Was sie da von ihm verlangte. Aber er wollte nun einmal sie und dafür würde er auch seinen Vater über sich ergehen lassen. Ja. Er wollte sie heiraten, Kinder kriegen, einen kleines Häuschen bauen, nach Italien fahren und das Leben kosten.

Aber er mag dich nicht. Er seufzt.

Am Anfang der Straße erscheint der Bus. Er wischt sich die Hände ab an seiner Anzughose.

Steht auf, steigt ein, setzt sich, blickt nach vorne.

Sieht der langen Fahrt entgegen. Zittrig, freudevoll, nervös, voller Pläne.

Und dann fährt der Bus.

 

Neben ihn stellte sich ein ältere Dame. Der Bus noch nicht da, der Rücken schmerzte. Neben der Frau stand ein junger Mann. Der Bus kam immer noch nicht.

„Komm Herbert“, sagte die Frau mit abgeschnürter Stimme, „ der Bus kommt heute nicht.

Er drehte den Kopf weg. Hörte ihr nicht zu.

Der junge Mann berührte ihn vorsichtig an der Schulter.

„Kommen Sie, Herr Meinen. Ich bringe Sie auf ihr Zimmer.“

Er nickte langsam. Er war müde.

Der Mann half ihm auf, legte seine Hand an den Rollator, der Alte krallte sich dankbar hinein und schob los. Hielt und schob weiter. Blieb stehen.

Der junge Mann ging zu ihm. „Ich zeige ihnen wo Sie hin müssen.“

Der alte Mann schob weiter, hörte etwas dass er nicht verstand.

„Ist das denn die einzige Möglichkeit?“

„Ja Frau Meinen. Mit der Bushalte stelle auf dem Gelände laufen sie nicht weg und steigen in einen echten Bus. So können wir sie besser wieder einsammeln.“

Und vergaß es.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.07.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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