Dietrich Wilhelm

Hektor


 Sie pflügen den Acker, der Landmann und sein Pferd. Den Pflug fest in der Hand und mit gutem Zug schneiden sie Furche für Furche in den Boden, wenden so die Krume. Eine Furche neben die nächste, in beiden Richtungen wird gepflügt.
In Ruhe arbeiten sie, und wunderbar ist es anzusehen, wie exakt ausgerichtet eine Reihe der nächsten folgt, sich dieser geradezu anschmiegt. Harmonisch wirkt es, was dort vollbracht wird.

 
 
 
 
Gut wird der Boden den Samen aufnehmen und eine gute Ernte hervorbringen; Nahrung für viele Menschen.
 
Der Tag neigt sich dem Ende zu. Der Landmann spannt aus das Pferd und tätschelt seinen Hals. Zusammen verlassen sie das Feld und gehen zurück zum Hof.
Das Tagwerk ist vollbracht.
Nicht nur vor dem Pflug ist Hektor, so heißt das Pferd, ein treuer Gesell. Gut zieht er auch den Wagen und sonstiges Gerät. Stolz ist der Landmann auf seinen Hektor, mehr scheint er ihm zu sein als nur ein Pferd.
 
Und oft wenn Hektor im Stall steht, ob zur Sommer - oder auch zur Winterzeit, kommt der Landmann vorbei, spricht mit ihm und streicht dabei mit der Hand über seine Stirn. Wohl das Höchste für Hektor ist, wenn der Landmann seine Pfeife reinigt und etwas von dem ausgezogenen Sud auf den Trog streicht. Erstaunlich, wie ein Pferd so vor Freude wiehern kann und dann so genüsslich den Trog abschleckt.
 
 
 
 
Das Gesicht des Landmanns, wenn er Hektor dabei beobachtet und sich zurückerinnert, wird dann manchmal ganz weich.

Seine Tränen jedoch, die sieht man nicht.
 
 

 
 
 
 
  
 
Eines Tages vor vielen Jahren kam der Landmann nach Hause, mit einem Pferd, welches er auf dem Markt erworben hatte. Ein schönes Pferd, kräftig und gut im Wuchs. Hektor, so wurde es genannt, war allerdings wohl aufgrund seiner jungen Jahre noch recht temperamentvoll und dadurch ein wenig schwer zu führen.
Der Landmann setzte auf seine Geduld und nahm auch so manche krumme Furche hin. Nach Jahr und Tag hatte sich Hektor jedoch kaum gefügt, und der Landmann ward mehr und mehr unzufrieden.
Und dann geschah es; nach miserabeler Feldarbeit stellte der Landmann Hektor in seinen Stall und wollte um ihn herum das Stroh noch richten, als Hektor unverhofft nach hinten austrat. Heftig an der Brust getroffen wurde der Landmann nach hinten geschleudert. Er konnte sich glücklicherweise ein wenig zur Seite werfen, um nicht an die Wand gepresst zu werden.
Gerade wieder auf den Beinen und mit schmerzlich geprellter Brust stieg mächtige Wut auf im Landmann. Dieser Tritt und seine Unzufriedenheit mit diesem Pferd überhaupt ließen ihn so zornig werden, dass er einen groben Stab zur Hand nahm und auf Hektor einzuschlagen begann. Schlag auf Schlag traf Hektors Leib, der schnaubte und sich wild gebärdete. Und war des Landmanns Rechte müde nahm er seine Linke, und so in einem fort.
Eine kleine Ewigkeit verging, und Hektor wurde immer ruhiger, bis er schließlich nur noch mit hängendem Kopf dastand und die Schläge über sich ergehen ließ.
Erschöpft ließ der Landmann, als er sein Pferd so stehen sah, den Stab fallen. Sein Zorn war vergangen. Eher traurig war ihm nun zumute, und ein paar Minuten später, als er sich wieder einigermaßen gefasst hatte, ging er auf Hektor zu, stellte sich vor ihn hin und sprach: „Nie wieder werde ich dich, mein Pferd, noch einmal schlagen.“ Was auch niemals mehr geschah.

Und beide hatten Tränen in den Augen.
 
 
 
Und der Landmann hat auch eine Familie, eine Frau, einen Sohn und eine Tochter.
Sehr fleißig ist die Frau. Über den eigentlichen Haushalt und die Kindererziehung hinaus pflegt sie auch noch den Garten. Bei kargem Einkommen ist das wichtig und so nicht nur eine willkommene Ergänzung des Speiseplans. Darüber hinaus geht sie noch in den Stall, und bei der Ernte hilft sie sowieso. Der Landmann ist sich sicher, dass ihres Tages Werk kaum geringer ist. Auch sie ist zufrieden, wohl weil sie alles gerne macht.
Die Kinder gehen zur Schule. Ihre Leistungen sind gut. Neben den Schulaufgaben helfen sie auch noch den Eltern.
 
 
Der Sohn hilft im Stall beim Füttern und sonstigen Dingen. Pflügen darf er zwar nicht, denn dazu fehlt ihm noch die Kraft, aber neben dem Vater auf des Wagens Bock sitzen und schon mal die Zügel halten, das kann er.
 
Herrlich, wie dabei sein Gesicht strahlt!
 

 
 
 
Die Tochter ist fleißig im Haushalt, bei vielen Dingen geht sie der Mutter zur Hand. Im Garten hat sie ein eigenes kleines Beet, was sie mit Freude pflegt. Neulich hat sie ihren ersten Kuchen gebacken, und das ganz alleine. Allen hat er gut geschmeckt, und sie war sehr stolz auf sich.
 
 
Das gemeinsame Abendessen ist für alle das schönste Ereignis des Tages, wenn die ganze Familie zusammen am Tisch sitzt und den Tag beschließt.
Die Kinder erzählen von der Schule und sonstigen Erlebnissen, scherzen und zanken auch manchmal. Vater und Mutter unterhalten sich über das Getan und das Zutun. Und durchaus wird auch mal gestreichelt und geschmust. Stolz ist der Landmann auf seine Familie.
Und wenn er ab und zu noch einen Augenblick alleine am Tisch sitzt, um seine Pfeife auszurauchen, kommt es schon mal vor, dass er sich besinnt und zurückerinnert.
 
 
Dann wird sein Gesicht ganz weich.

Seine Tränen jedoch, die sieht man nicht.
 
 
 
                                                   Nach Jahren nun, der Tag ist gewiss,

                                                   der Landmann steht vor dem heil‘gen Gericht;
 

                                                   Dort wird entschieden, über seinen letzten Weg,

                                                   entweder ins Dunkel oder ins Licht;
 

                                                  Treu, gläubig und fleißig sei er ja gewesen,

                                                  doch sein Stab sei von Gewicht;
 
 

 
                                                  Habe hart gearbeitet und viele genährt,

                                                  so spricht der Landmann, tat nur meine Pflicht,
 

                                                  Schaut an euch den Hof, wie gut er bestellt,

                                                  ein schlechtes Gewissen habe ich nicht;
 

                                                 Aber wie ihr auch entscheidet, oh hohes Gericht,

                                                 meine Tränen, nein, die seht ihr nicht.
 
 
 
 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.07.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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