Rüdiger Nazar

Pilgerweg X IV.

 

Ja...wie wandern weiter...die Füße schmerzen...die Sonne brennt unbarmherzig...wie weit noch bis zum nächsten Ort. Riom...wir kommen.  Die Stadt ist groß---viele Menschen...wir sehen aus wie Penner...ungewaschen...zerzaust...Hunger...Durst...die Flaschen sind leer. 

Unser  Schritt ist so schwer...ich kann den Rucksack kaum noch tragen...Renate klagt über Schmerzen in den Beinen. Kurz vor Riom machen wir eine Pause...wir sehen uns an...wofür das alles ? 

Wofür ? Wir wollen den Pilgerweg schaffen...obwohl...meine Wölfin hat es schon angesagt...ich kann nicht mehr...will nach hause....ich bin frustriert...den ganzen Weg...um jetzt hier aufzuhören ?  In Riom machen wir Rast..eine lange und ausgiebige Rast...jetzt ein Knall...und wir müßten zuhause sein...so schießt es uns durch den Kopf. 

Wir haben absolut kein Geld mehr...warten auf die nächste Überweisung...Wasser geht zur Neige...was nun ? Als wir am Ende der Stadt waren...das letzte Haus...hier wollte ich für Wasser fragen. Draußen auf der Strasse standen einge Leute herum.  Hallo....Bonjour...ein bischen Wasser bitte. Der Typ sieht uns abschätzend an. No...kein Wasser...nicht jetzt...erst kommt ihr mal rein...wir feiern hier gerade die Einweihung meiner Autowerstatt. 

Wir stehen da...wie zwei begossene Pudel...wie kein Wasser...kommt mal rein. Und wir gehen rein...eine kleine Werkstatt...überfüllt mit Menschen...alle sind sehr freundlich....Hallo. Drei lange Tische aufgebaut...mit Herrlichkeiten an Schmaus...Camenbert...Baguette...Schinken...Wurst....Oliven...Patee...gebratene Hähnchenbeine...und jede Menge an Getränken. Ein Bier...oh ja...kein Problem. Ich trinke die Flasche auf Ex aus. Mon Dieux...was ein Durst...die nächste Flasche folgt.  Super nette Leute...der Inhaber der neuen Werkstatt ein Araber...seine Frau Französin...der Name...Cherraf Noundine. Wir hauen uns die Wampe voll...eßt...bitte eßt. Wir können nicht mehr. 

Eine schöne und harmonische Atmosphäre in der Werkstatt. Die Leute sind sehr freundlich...ich verständige mich mit Brocken von französisch und englisch. Renate sitzt auf einem Stuhl und ißt was in den Magen passt...

Fume...werde ich gefragt...oh qui sage ich...und bekomme eine Filterzigarette angeboten. Gierig sauge ich den Qualm ein. Nach einiger Zeit...ich möchte wieder rauchen...hole ich mein Tabakpäckchen heraus...und drehe mich um...weg von den Zuschauenden. Warum ? Weil ich nur zusammengesuchte Kippen von der Strasse habe...hier will ich mir jetzt eine neue drehen. 

Ein Gast...ein Portugiese...sieht mir über die Schulter...ohne das ich es merke.No sagte er...no...arett. Nimmt meine Packung und wirft sie in eine Ecke des Raumes. Dann drückt er mir sein Tabakspäckchen in die Hand...bon...sagt er. Ich denke wir haben Weihnachten...ein volles Päckchen Tabak...frisch...nicht von der Strasse zusammen gesucht.  Renate kaut immer noch an ihrem Hähnchenbein herum. 

Mittlerweile habe ich die dritte Flasche Bier intuss. Wenn das so weitergeht...Mahlzeit...gute Wanderung und Schwank Schwank. Wir hatten tolle Gespräche mit den Leuten...sie waren alle so natürlich...so einfach herzlich gut. Wir wurden in ihrem Kreise  ohne wenn und aber aufgenommen. Der Portugiese sagte etwas zu einem jüngeren Mann...der sofort loslief...wohin auch immer.  Nach einer halben Stunde war er wieder da...Tabak in den Händen...und reichte mir ein volles Paket mit Blättchen...ich war den Tränen nahe.  Wenn ihr nicht wißt...wo ihr heute schlafen sollt...sagte der Portugiese...könnt ihr bei uns bleiben...meine Frau freut sich bestimmt.

So nett...aber das wollte ich nicht...auch Renate nicht.

Ich weiß es nicht mehr so genau...aber es waren bestimmt drei Stunden...die wir bei diesen netten Menschen verweilten.Ich wollte und wollte noch nicht gehen...noch ein Bier und noch ein Bier...Renate schaute mich schon sauer an. Willst du dich hier besaufen ? Verdammt...und wenn schon...vielleicht wollte ich es auch.  Mir ging es schweinegut. Aus den Augenwinkeln sah ich...wie die Frau des Mannes an unseren Rucksäcken hantierte...ich direkt Rotlicht und Alarmglocken an....stürzte auf sie zu...hallo...!

Was machte sie ? Ich war beschämt...schlechte Gedanken gehabt zu haben...sie stopfte uns ein Lunchpaket in den Rucksack...gefüllt mit Schinken...Wurst und allerlei Aufschnitt...dazu zwei Baguette auf dem Tragegestell geschnürt...und versuchte mit aller Gewalt...drei Flaschen Bier in meine  Außentasche des Rucksackes zu würgen...was ihr auch gelang.

Es war eine wirklich herzliche Bekannschaft...ohne Getue und Falschheit...so habe ich es jedenfalls empfunden...der Abschied war mehr als herzlich...der Besitzer der Werkstatt hatte Tränen in den Augen...warum auch immer...seine Frau küsste uns auf den Wangen...rechts und links und links und rechts...so wie es in Frankreich üblich ist. Alle Anwesenden winkten und riefen uns zu...Bon Courage...!  Unsere Wasserflaschen waren natürlich auch gefüllt.

Ich hatte leicht einen im Tee...und Renate lachte darüber...wärst wohl noch gerne länger geblieben was ? Na klar...wäre ich das...bis zum Abwinken.  Aber wir mußten weitetr...und es ging auch weiter...der Abend nahte...die Sonne ging unter...und es wurde etwas kühl.   

Wir hatten jetzt noch vierzehn Kilometer bis Saint Clermont de Farrand. Schlafen an einem Waldesrand...die Nacht war trocken...der Schlaf war tief...schon alleine durch das Bier...Renate wachte...ihr war nicht wohl zumute. Jetzt kann ich wohl nicht mehr auf dich zählen...wenn etwas geschieht...sagte sie. Keine Panik sagte ich...bin hell wach...schlaf wie in Abrahams Schoß...ich passe schon auf...und so wie ich sprach...schlief ich auch schon ein.  Schlaf gut sagte ich...es passiert schon nichts...

Den leichten Geschmack vom Schinken im Mund...hmmmmm.....schlief ich ein.  Morgen würden wir in Saint Clermont sein...!

Renate weckte mich mitten in der Nacht. Du hast es versprochen...ab Saint Clermont ist Schluss...dann fahren wir wieder nach Hause. Ja ja sagte ich...wir fahren dann nach Hause. In meinen Gedanken drehte sich ein Bandwurm. Sollte ich wirklich alleine weiterwandern...nach Santiago de Campostela ?  Wäre das fair ? Ihr gegenüber ? Diese Gedanken hieltern mich nun wiederum wach.  Wofür waren wir all`diese hunderte von Kilometern gelaufen...um jetzt aufzugeben...um zu resignieren...um abzubrechen...um dann nach Hause zu fahren ?  Wir waren kaputt...am Ende unserer physischen und psychischen Kräfte. Morgen würden wir weitersehen...vielleicht könnte ich sie bewegen...weiter zu machen...mal sehen.


Gute Nacht liebe Leser...bis morgen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.07.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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