Martin Jungeblut

Die Reise

Letztens unternahm ich eine Reise.
Keine Lustfahrt, welche lange geplant und als ruhespendende Oase im arbeitsreichen Jahr stand, vielmehr zog es mich von meinem Orte fort – ein Ziel hatte ich mir nicht gefaßt.

Meine kleine Tasche hielt das Nötigste, als ich mich an einem freundlichen Frühsommertag zum Bahnhof begab. Wie ich mich am Droschkenstand vorbei in das kühle Gebäude begab, an der Phalanx der Blumenfrauen und Gepäckträger vorbei, realisierte ich wohl zum ersten Mal das Problem meines geplanten – oder vielmehr ungeplanten – Unterfangens:
Wohin sollte ich beim Schaffner mein Billet lösen?
Welches Ziel sollte ich ihm nennen, wenn die Fahrt mir selbst bislang doch nur ohne ein solches sinnhaft erschien?
Willenlos ließ ich mich vom Strom der Reisenden in der riesigen Halle treiben, bis meine Augen den großen Fahrplan an einem der wuchtigen Pfeiler erblickten, welche das Hallendach trugen.
Minutenlang starrte ich auf die sinnverwirrenden  Zahlenkolonnen fremder Städte und Kulturen, und hinter meiner Stirn begannen sie einen Kampf auszufechten und buhlten um meine Aufmerksamkeit. Welcher sollte ich einen Besuch abstatten?
Eine Lok warf schrill den Lockruf der Ferne durch die Halle, eine Pfeife antwortete, und behäbig zog sie ihre Waggons aus dem Bahnhof in die ferne Welt.
Noch immer stand ich unschlüssig vor der Tafel und war unfähig, eine Entscheidung zu treffen.
Kurzerhand schloß ich die Augen. Eine Frau durchschritt die Menge hinter mir und pries lautstark die Backwaren auf ihrem Karren an.
Ich streckte meine Hand vor und führte sie langsam weiter, bis ich spürte, wie mein Zeigefinger auf den kühlen Untergrund des Plans traf.
Dann öffnete ich meine Augen und fixierte den Eintrag unter meinem Finger.
Schwarz gedruckt zum Ende der langen Städtereihe stand also das Ziel meiner Reise.
Von noch größerer Unruhe getrieben flogen meine Augen planaufwärts und suchten jenen Zug, welcher mich schnellstens an mein Ziel bringen würde.

Eine halbe Stunde wartete ich auf dem Bahnsteig zwischen den Gleisen und fixierte die Tauben unterm Dach bei ihrem Treiben.
Meine Linke war in der Manteltasche versunken und verbarg eifersüchtig den Namen der Stadt auf dem dicken, blauen Karton meiner Fahrkarte.
Bald schon würde ich frei sein, würden an meinem Abteilfenster Wiese, Wald, Haus, Mensch und Tier vorbeifliegen.
Noch stand der Zug majestätisch weiße Schwaden schnaubend am Gleis, und doch war ich, kaum das er stillstand, in das Abteil geklettert und sah aus dem Fenster zu, wie Schaffner Fahrkarten kontrollierten, Damen in die Abteile halfen; wie Träger große Koffer karrten und verstauten und hierfür von elegant gekleideten Herren mit einem Taler entlohnt wurden.
Dann endlich begann meine Fahrt und für Stunden sah ich Städte aus Wiesen erstehen – kleine Häuser, Gehöfte, dann größere, die zuletzt in eine prächtige Stadt hinüberflossen mit elektrischen Lichtern und großen bunten Reklametafeln.
Und kaum, daß wir ihren Bahnhof verlassen hatten, verging sie schon wieder, bis sie nur noch Felder war.
Müdigkeit überkam mich und selig schlummerte ich ein.

Als ich in der Dämmerung erwachte und meinen Blick nach draußen wandte, war da nur weite Natur. Einige Vögel erhoben sich aus einem Feld und begrüßten den neuen Morgen.
Allmählich wurde mir bewußt, daß ich schon lange nichts mehr zu mir genommen hatte, so verzaubert war ich von meiner Fahrt ins Ungewisse bislang gewesen. Ewig neue Bilder ländlicher Idylle und städtischer Größe hatten meine Augen gesättigt, doch nun verlangte mein Magen mit vernehmlichem Knurren sein Recht.
Wie ich beschloß, am nächsten Halt eine Erfrischung zu erstehen, tauchten am Horizont schon die ersten Häuser auf.
Die Straße neben den Gleisen erhielt ein Pflaster, zwei Minuten später flankierten Gaslaternen ihre Bürgersteige und leuchteten in die noch dunklen Hauseingänge.
Ich passierte eine Reihe von Signalen, und die Lok verlor allmählich an Fahrt.
Linkerhand stand ein malerisches Bahngebäude, vor dem unser Zug nun innehielt.
Da wußte ich mit einem Mal, daß ich hierbleiben wollte.

Ich wollte durch die Straßen dieses Ortes wandern, ich wollte mit seinen Einwohnern diesen neuen Tag begrüssen, wollte nicht länger Zuschauer sein und wieder am Spiel des Alltags teilnehmen.
Rasch griff ich nach Mantel und Tasche, entriegelte die Tür und sprang behende hinab auf das Pflaster des Bahnsteiges. Auf meinem Weg zum Ausgang erwarb ich eine Kleinigkeit, welche ich später zu verspeisen gedachte.
Dort angekommen blieb ich stehen und sog die frische Morgenluft ein. Wohin sollte ich mich wenden?
Was würde mich hinter der nächsten Häuserecke halblinks erwarten?
Oder sollte ich mich nach rechts wenden, der aufgehenden Sonne entgegen?

Mein Blick fiel auf einen älteren Mann, der mit Tasche und Schirm aus dem Bahnhof auf die noch sehr leere Straße trat, und ich beschloß ihm zunächst ein Stück zu folgen.
Am Grau der Häuser vorbei, dann rechterhand vom Bahngelände fort, immer suchend, was mir auf meiner Entdeckungsfahrt als nächstes begegnen mochte.
Die Stadt erwachte und immer mehr Leute erschienen auf der Straße. Ihre Schritte hallten auf dem Kopfsteinpflaster, während sie Orten entgegeneilten, die ich nie erblickt hatte und von deren Existenz ich nichts wußte.
Vor mir wichen die Häuser zurück, und sofort nahmen die Geräusche und lärmenden Stimmen zu, als ich auf einen Marktplatz trat.
Überall waren Buden mit allerlei Ware: Nahrungsmittel und Blumen, Bürsten und Kleidung, Hausgerätschaften und Tiere.
Ich ließ es nach, dem Herrn zu folgen und suchte meinen Weg durch die engen Reihen der stoffbedachten Holzstände. Lange sah ich mir das Schauspiel an, prüfte die feilgebotenen Waren und kostete die eine oder andere Köstlichkeit, die meiner Nase gar zu gefällig war, als das ich daran vorbeigehen hätte wollen.
Zuletzt, bevor ich meine Reise fortsetzen wollte, erwarb ich noch einen schönen roten Apfel, dann lenkte ich meine Schritte in eine neue Straße, fort von dem Trubel auf dem Platz.

Bald schon erstarben alle Laute hinter mir und dann war ich allein zwischen den Häusern umher. In manchen Fenstern sah ich noch Frauen der Tagarbeit nachgehen und Alte, die voll Neugier auf mich herabschauten.
Meine Schuhe auf dem Pflaster weckten Echos in der Schlucht zwischen den Häusern.
Die Sonne schien hier nicht, zu hoch waren die Firste der Gebäude, und mit einem Mal klang das Echo fremd.
Seltsam bedeutungsleer und klagend klangen die Laute, die sich da unter meinen Sohlen formten. Ein Trauerlied, das man mir vor langer Zeit einmal gespielt hatte.
Ich begann mich unwohl zu fühlen und immer schneller bewegte ich mich nun voran – meine Hoffnung, der Straßenschlauch möge bald ein Ende nehmen, wurde dennoch nicht wahr.
Es schien diese Straße eine endlose Länge zu besitzen. Keine Einfahrten waren mehr links oder rechts, keine Straßenschilder, keine Gaslaternen und keine Menschen mehr hinter den herabstarrenden Fenstern.
Ich rannte wie von Sinnen.
Etwas streifte meinen Fuß. Ich taumelte, ich fiel - und mußte mit dem Kopf hart auf das Pflaster geschlagen sein, denn Dunkelheit umkam mich.
Wehrlos lag ich auf dem Pflaster, blickte in die Nacht.
Sah die Hand, die das Messer hielt.
Wie es vor und zurückglitt und mein Blut mit sich und auf das Pflaster riß.
Dann verließen mich die Sinne.

Wie ich wieder aufwachte und mir den schmerzenden Kopf hielt, war die Stadt um mich verwandelt.
Nicht mehr die Neue, die Unbekannte, stets gewollte Freiheit.
Verwirrt erhob ich mich, nahm meine Tasche und den Mantel und schritt die verbleibenden Meter zur Querstraße, die ich zuletzt nun doch erreichte.
Sie überquerte ich und schritt durch das Tor in der Mauer.
Dahinter war eine wunderschöne alte Kirche und ein Kiesweg wand sich zwischen großen Buchen von der Mauer fort.
Ihm folgte ich und genoß die Strahlen der wärmenden Sonne, ab und zu einen Seitenblick auf die alten Grabsteine zu beiden Seiten werfend.
Auf einer alten Bank ließ ich mich nieder und erholte mich von meinem Schreck.
Hier, zwischen den Bäumen und unter dem strahlendblauen Mittagshimmel schien die Erinnerung an die dunkle Straße fern und irreal.
Ich faßte in meine Tasche und brachte den roten Apfel zu Tage, den ich mit zunehmendem Wohlbehagen verzehrte. Das Kerngerippe warf ich achtlos über die Schulter, wo es hörbar von etwas abprallte.
Verwundert wand ich meinen Kopf und sah einen Grabstein, welchen ich in meiner gehetzten Verfassung übersehen hatte.
Neugierig stand ich auf und schritt direkt vor den verwitterten Stein.
Es brauchte einige Mühen, die alten Lettern zu lesen, doch schließlich begriff ich.

Ich war endlich wieder daheim.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.07.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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