Jule Nebel

Die Zeugen

Es klingelt. Ich öffne die Tür ohne vorher durch den Spion geschaut zu haben.
Sofort bereue ich es.
`Oh nein`, denke ich, und stöhne innerlich auf, `bitte nicht die Zeugen!`
Zwei Frauen mittleren Alters lächeln mich an. Sie sind konservativ gekleidet. Unter einer grauen Strickjacke, trägt eine der beiden Frauen einen braunen Wollrock.
`Modebewusstsein ist für die auch ein Fremdwort` schießt es mir durch den Kopf.
„Guten Tag“, sagt die Frau, die meinem abschätzenden Blick bisher entgangen ist, wobei ihr Stil für meinen Geschmack ebenso zu wünschen übrig lässt.
„Dürfen wir mit ihnen über Gottes Wort sprechen?“
Noch immer habe ich den Türgriff in der Hand. Ich habe ihn nicht losgelassen, seit ich weiß, wer vor mir steht.
In meinem Arm zuckt es unwillkürlich. Ich will die Tür schon kommentarlos schließen. Jeder weiß doch, dass du die Zeugen nicht los wirst, sobald du sie einmal in deine Wohnung gelassen hast. Sie kommen wieder und wieder, um dir ihren Glauben aufzuzwingen. Schon in der Schule wurde ich vor ihnen gewarnt. Eine Sekte sei das, vor der man sich in Acht nehmen muss.
Bevor du mit der Wimper zucken kannst, steckst du tiefer drin als dir lieb ist, wirst manipuliert, und schon klopfst du auch an wildfremde Türen, den Wachturm in der Hand.
 
Nun stehen die „Sektenmitglieder“ vor mir, und sie wirken so gar nicht wie die Menschen, die mir mal flugs in meinem Wohnzimmer das Gehirn waschen wollen. Außerdem, ich habe im Moment doch Zeit. Ich verpasse nichts, bloß weil ich mir eine halbe Stunde die Sicht einer anderen Glaubensrichtung erläutern lasse.
Ich trete einen Schritt zurück und bitte die Frauen herein. Sie geben mir die Hand und stellen sich mit ihrem Vornamen vor. Anna und Helga heißen sie. Beide schauen mir offen in die Augen und scheinen wirkliches Interesse an meiner Person zu haben.
 
Ich bin katholisch, und an Weihnachten, Hochzeiten und Taufen trifft man mich sogar in der Kirche an. Aber sonst? Nein, sonst bin ich nicht gläubig, habe mich allerdings auch nie intensiv mit dem Thema Religion auseinander gesetzt. Bis zum Abschluss des Abiturs wurde in dem Fach darüber gesprochen, doch seitdem sind nun schon fast zehn Jahre ins Land gegangen.
 
Nun sitzen mir Anna und Helga an meinem Wohnzimmertisch gegenüber, und was ich in der kommenden halben Stunde über Gott und Jesus lerne, ist mehr, als ich in meinem bisherigen Leben gelernt habe.
Ich werde nicht sofort bekehrt, aber ich werde neugierig. Die Zeuginnen Jehovas machen einen neuen Termin mit mir aus, den ich gern einwillige, und lassen mir die neueste Ausgabe des „Wachturms“ da.
 
Nun werde ich zweimal wöchentlich von Jehovas Zeuginnen und Zeugen besucht. Ich lerne bei jedem Bibelstudium ein neues Glaubensmitglied kennen, und eine Sache fällt mir immer wieder auf. Jedes Mitglied der Zeugen Jehovas hat ein Strahlen in den Augen. Es ist das Strahlen eines Menschen, der die Gewissheit in sich trägt, dass es nach dem Tod nicht vorbei ist, im Gegenteil. Wenn Gott das Böse auf der Welt nicht mehr ertragen kann, so ihr Glaube, wird es gravierende Umwandlungen auf der Erde geben, und nur die Menschen, die das Wort Gottes, also die Bibel, studiert und gelebt haben, werden unsterblich und in Frieden auf der Erde weiterleben.
 
Nach dem zehnten Bibelstudium muss ich zwei Dinge feststellen:
Erstens sind die Zeugen Jehovas nicht die manipulierenden und falschen Menschen, vor denen man uns in der Schule immer gewarnt hatte. Sie klingeln nicht an fremden Türen, um ihre Fänge nach immer neuen, potenziellen Sektenmitgliedern auszuwerfen. Woher ich mir da so sicher bin?
Als ich ihnen nach dem, wie bereits erwähnten, zehnten Bibelstudium verkündete, dass ich mich dazu entschlossen habe, mein Studium im Kreise der Zeugen zu beenden, respektierten sie meine Entscheidung. Natürlich, sie schienen enttäuscht, verabschiedeten sich jedoch freundlich von mir und wiesen mich noch darauf hin, dass ich mich jederzeit melden könne, sollte ich meine Meinung ändern. Daraufhin wurde ich nicht mehr von ihnen behelligt.
Womit ich zum zweiten Punkt komme. Während des Studiums lernte ich nicht nur sehr viel über Gott und Jesus, sondern auch, was es heißt, Gottes Wort zu leben. Ich war sehr angetan, ja sogar begeistert, über ihre Art, miteinander umzugehen. Wenn die ganze Welt es ihnen gleichtun würde, wäre Krieg schon bald ein Fremdwort für uns, davon bin ich überzeugt.
Es gab bloß einen Haken, der wohl nicht nur mich betrifft: Ich kann nicht glauben, was in Gottes Wort, der Bibel, verkündet wird. Vieles scheint mir zu fantastisch, zu realitätsfern. Dass Noah eine riesige Arche gebaut haben soll, auf der zwei einer jeden Tierart Platz fanden, ist nur ein Beispiel dafür.
 
Noch heute, ein halbes Jahr nach meinem letzten Bibelstudium, denke ich manchmal: Wenn auch du diese gute Gewissheit, diese Zuversicht und Liebe in dir spüren würdest, wie die Zeugen Jehovas es spüren, dann ginge es dir, gerade in schwierigen Zeiten, ganz bestimmt besser. Natürlich, auch sie haben Probleme wie jeder andere Mensch sie auch hat, doch der feste Glaube an Gott gibt ihnen Halt.
 
Einige Male war ich kurz davor, mich wieder bei Anna zu melden. Doch wenn ich nicht Glauben kann, hat das weitere Studium keinen Sinn.
Ich werde allerdings nie mehr abfällig grinsen, wenn ich den Begriff „Zeugen Jehovas“ höre.
 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.07.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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