Martin Jungeblut

Die Grube

»Wo genau wollen Sie die beiden gesehen haben?«
 
Gelangweilt blickte er aus dem vergitterten Fenster hinüber zur alten Eiche, unter der er in seiner Mittagspause sitzen würde, sobald die lästige Dienstroutine in Zeit dazu finden ließe.
Sonderbar gefiltert wirkendes Sonnenlicht fiel durch das fleckige Glas auf den grünen Linoleumboden, der bereit stumpf vor Alter war und einen widerlichen Geruch nach Reinigungsmitteln von sich gab.
Voll neuerlich erwachender Abscheu wandte er sich seinem Gegenüber zu.
Sein Blick glitt über das elende Exemplar menschlichen Seins.
Geduldig wartete er auf die Antwort, welche für ihn ohne jegliches Interesse war.
Warum nur zwang man ihn, diesen wunderschönen Tag mit einem dreckigen Versager zu verbringen, dessen Sinne billiger Fusel vernebelte und ihn wanken ließ, als halte er sich nur mühsam an Bord eines vom Sturm getroffenen Bootes?
 
Mühsam formten die Lippen des Mannes eine kaum zu vernehmende Antwort und mit jeder zusammenhanglosen Silbe drangen Dünste von Alkohol und Erbrochenem an die Nase des Polizisten und attackierten sein Wohlbefinden.
Baumann entschied, die Antwort nicht gehört zu haben und schrie seinem Gegenüber die Frage ins Gesicht.
»Wo? Wo haben Sie sie gesehen?«
Zu seiner Zufriedenheit zuckte der andere zusammen und hob abwehrend eine zitternde Hand vor das Ohr.
»W-w-weische vierundreisisch.«
»Da sollen die beiden gegraben haben?«
Der Mann wiegte nachdenklich den Kopf hin und her.
Vielleicht, entschied Baumann, hatte er auch schlichtweg keine Kontrolle über sein Tun.
»Jaa.«
 
Nun gut, so weit waren sie bereits schon einmal gekommen.
Tapfer wartete Baumann auf die nächste Antwort.
Nochmals überfolgen seine Augen die Notizen auf dem Papierbogen vor ihm.
Man konnte es als Drehbuch dieses vormittäglichen Stückes begreifen; und er selbst war die Hauptfigur, ohne es ändern zu können.
Er glaubte ohnehin kein Wort, wartete jede Sekunde darauf, daß der Säufer die Worte der zuvor gemachten Aussage widerlegen würde, und Baumann ihn gutmütig lachend ins Freie schicken könnte, um endlich seine Mittagspause im Schatten der Eiche im Park nebenan zu genießen.
Doch noch hangelte sich der andere mit jedem mühsam dem Suff abgetrotzten Wort am unheilvollen Drehbuch entlang.
»Wie wollen Sie die zwei denn ausgemacht haben?«
Das Drehbuch kannte die Antwort: Die Laterne, die einer der Bahnleute trug, beleuchtete die nächtliche Bühne.
Nur wenige Momente später hatte sein Gegenüber zum Text zurückgefunden und gab den Einsatz für Kommissar Baumann.
»Woher wußten Sie, daß es Bahnangestellte waren?«
Verdammt, würde er den keinen Weg finden, dieses sinnlose Spiel zu beenden?
 
Auch die Runde ging an den Penner.
Baumann wurde es immer unbequemer auf seinem hölzernen Stuhl und er versuchte verzweifelt, das Tempo zu erhöhen.
Er konzentrierte sich auf eine alles entscheidende Frage und als er sie fand, wiederholte er sie dankbar mehrfach, bis sie zum umnebelten Verstand seines Gegenspielers vorgedrungen zu sein schien.
»In dem Boden können sie mit Hacke und Spaten keine zwei Meter gegraben haben. Darunter ist Fels, Hören Sie? Wie sollen die zwei dann gänzlich darin verschwunden sein?«
Der andere starrte mit stumpfen leeren Augen und brachte kein Wort hervor.
Triumphierend blickte Baumann am zum Statisten Degradierten vorbei und seine Gedanken suchten einen Weg durch die Gitter, die ihn noch von seiner Mittagspause im im Schatten der mächtigen Eiche trennten.
 
Doch er hatte sich nicht an das Drehbuch gehalten.
Ein Schwall nur teilweise identifizierbarer Worte ergoß sich aus dem unrasierten Gesicht.
Leuchten, Nebel, Stimmen, Schreie, Angst.
In einem fürchterlichen Zeitraffer fand das Stück zurück zum Punkt, von dem Baumann es abzubringen versucht hatte und forderte seinen Einsatz, als die schäbige Gestalt ungelenk den Kopf in beide Arme stützte und ihn mit einer Mischung aus Trotz und schlecht verborgener Angst ansah.
Schnell wischte Baumann den Anflug von Mitgefühl beiseite, der sich seiner bemächtigen wollte.
Dieser Mann hatte ein krankes Hirn, urteilte er.
Zwar stimmte es, daß sie die zwei Vermißten noch nicht gefunden hatten.
Ebenfalls stimmte, daß beide zur Nachtzeit Dienst versahen, doch niemand, der in der Nähe der Gleise neben dem Güterbahnhof gewesen war, konnte die Version des Alkoholkranken bestätigen, der am Morgen auf der Wache auftrat und von nächtlichem Grauen und Nebeln über "der Grube" fabulierte.
Unruhig und ungeduldig zeichnete Baumann kleine Figuren auf das Blatt.
Kreise.
Dreiecke.
Unablässig arbeitete es in seinem Hirn.
Wie nur würde er die fantasierende Plage los, deren lückenhaft hervorgebrachte Geschichte - vermochte man sie zunächst von der Verstümmelung durch den im Rausche Sprechenden zu befreien - eine schreckensgeschwängerte Mär menschenfressender Baugruben war?
 
Endlich kam ihm die entscheidende Idee, sein Gegenüber und dessen hartnäckig geäußerten Sinnestäuschungen oder vielmehr dreiste Lügen loszuwerden.
Wenn er ihn nun gehen und zuvor auf seine Worte schwören ließe - dann, dessen war Baumann sich gewiß, würde mit der Nüchternheit auch die Furcht zurückkehren, ob des schlechten Scherzes mit der Polizei zu Rechenschaft gezogen zu werden.
Also bestätigte Baumann die Lügen, versicherte sich mehrfach, daß der neblige Geist des anderen den Umgang mit meineidigen Schelmen verstanden hatte und ließ ihn die abscheuliche Geschichte sauber abgetippt auf zwei Bögen unterschreiben.
Einen hiervon faltete er zusammen und überzeugte sich sorgsam davon, daß der andere ihn nachher in seiner schmutzigen Kleidung wiederfände.
Als zwei Kollegen ihn wieder zu seinem armseligen Hab und Gut abseits der Gleise brachten, erlaubte sich Baumann endlich sichtlich befreit, aus dem Tor der Wache hinüber zur Eiche zu schlendern und den Frieden des sonnigen Nachmittags zu genießen.
 
Zum Feierabend nahm er noch einmal den Papierbogen zur Hand.
Das unheimliche Drehbuch, die Anleitung des Spiels, das er zu seinen Gunsten entschieden hatte.
Noch einmal las er voll Heiterkeit die schrecklichen Sätze, als eine Person das Zimmer betrat.
Baumann erkannte den jungen Streifenpolizisten, den er geschickt hatte, um dem Säufer noch einmal ins Gewissen zu reden.
»Herr Kommissar?«
»Ja, Ebel?«
»Wir haben wie befohlen den Zeugen Steiershofer gesucht..«
»Und, Ebel?«
»Keine Spur, Herr Kommisssar.«
»Keine Spur?«
»Nun ja, das Lager war noch dort, doch der Zeuge war unauffindbar. Dafür sprachen wir mit den Bahnleuten, die bis vor Stunden noch vermißt waren.«
»Ihre Aussage?«
»Haben nach der Arbeit einen über den Durst getrunken und sind unter einer Brücke aufgewacht.«
Ein zufriedenes Lächeln umspielte Baumanns Züge, als er den Bogen nahm, langsam der Länge nach zerriß und die Reste in den bereitstehenden Mülleimer fallen ließ.
»Ausgezeichnet, Ebel! Bitten Sie noch darum, die Grube aufschütten zu lassen. Nicht, daß jemand hineinstürzt und wir weitere Sorgen damit haben.«
»Bereits geschehen, Herr Kommissar. Wie wir vor Ort kamen, hatten die Bahnleute bereits den letzten Spaten Erde auf die Grube geworfen.«

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.07.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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