Helmut Wurm

Mephisto, Sokrates und das Negativ-Vorbild Karl Fischer

 
Mephisto sitzt an einem Spät-Wintertag in einer stillen Ecke des Brocken-Gipfels und brütet. Er brütet wieder einmal darüber, wie er den Bündischen, den Wandervögeln schaden kann. Alle bisherigen Versuche waren ja nicht gelungen. Aber Scheitern regt das Böse nur zu noch mehr Anstrengungen an. Er sitzt da, stumm, bewegungslos, der Nebel hat Tropfen auf ihm gebildet und der leichte Schnee hat ihn eingestäubt. Er sieht dadurch aus wie ein alter Felsbrocken oder ein abgestorbener Baumstumpf, so dass Wanderer, wenn sie vorbei kommen und ihn sehen – normalerweise sehen ihn normale Menschen nicht – ihn für einen Felsen oder Baumstamm halten. Menschen würden sich so im Spät-Winter sitzend erkälten, aber Mephisto kann sich nicht erkälten, denn wenn es ihm zu kalt wird, fährt er einfach mal in die Hölle und trinkt einen feurigen Höllenpunsch. Der wärmt so durch, dass sich selbst ein Mensch nicht erkälten könnte, wenn er ihn denn vertrüge. Er murmelt vor sich hin:
 
Mephisto: Wie schadet man am besten den naiven, gutmütigen, gedankenlosen, träumerischen  Bündischen, Romantiker, die eigentlich keine andere Orientierung haben als ihre Romantik, ihre Sehsucht und ihr Fernweh. Wo kann man sie packen, wo kann man ihnen das leben schwer machen. Viele Bündische haben keine Familie und/oder keinen Beruf. Da kann man ihnen also nicht das Leben sauer machen. Das würde auch wenig nützen, denn dann würden sie dem Alltags-Ärger einfach ausweichen durch noch mehr Fahrten… Man kann sie nicht greifen, sie weichen allem Ärger aus durch ihr sorgloses Fahrtenleben.
 
Vorbilder sind viele nicht, aber für mich kaum angreifbar… Im Himmel sieht der Petrus ihnen viel zu viel nach, weil sie so fröhlich singen… „Wer singt, sündigt nicht“ ist da oben die Devise, auch wenn sie keine Vorbilder sind… Und dasselbe gilt hier auf Erden. Diesen singenden menschlichen Wandervögeln sieht man viel nach…
 
Halt! Vorbilder… Wenn sie so realitätsfremd, unbehaust, leichtlebig und voller Träume würden, dass es selbst Petrus zu viel wäre… Und wenn immer mehr von ihnen so weltfremd würden, dass sie dadurch auch ihrem Typus, ihren Gruppierungen schaden  würden?... Wenn man sie dazu brächte, Familie, Kinder, Enkelkinder, Beruf und Heimat einfach als unnütz für einen Wandervogel offen zu erklären, dann wäre ihr ansehen im Himmel wie auf Erden dahin und dann würden sie allmählich aussterben, denn welche verantwortungsbewusste Familie würde ihre Kinder noch zu solch einer Gruppierung schicken, die Familie und Kinder offen ablehnt und die Kinder dann zu Familienfeinden, Heimatfeinden und Berufsfeinden erzieht…? Das wäre das langfristige Ende dieser mir so unseligen, verruchten, verhassten deutschen Bewegung…
 
Das wäre es, das wäre ein Weg… Aber wie könnte ich das einfädeln, wie umsetzen… Die Menschen folgen gerne Leitbildern und Vorbildern… Welches Leitbild, welches Vorbild könnte ich als Hebel benutzen…? Ich werde mal die Geschichte der Bündischen Revue passieren. Vielleicht finde ich eine Figur, die ich, natürlich etwas entstellt, als Negativ-Vorbild in meinem Sinne verwenden kann… Als Negativvorbild einer Familien-, Berufs- und Heimatlosigkeit… Also alles fing an mit Hoffmann. Der eignet sich nicht, denn der hatte ein klares Berufsziel und eine Heimat, auch wenn er viele Jahre Botschafter war… Dann folgte Karl Fischer… Halt! Da hätten wir ja schon einen bekannten Wandervogel, den man als negative Leitfigur in meinem Sinne neu aktivieren könnte… Ich lasse mir mal seine Lebensdaten kommen.
Mephisto schnalzt mit den Fingern und sofort ist einer seiner Hilfsteufel zur Stelle.
 
Mephisto: Eile ins Höllenarchiv und bringe mir schnell die Akte Karl Fischer, Gründer der Wandervogelbewegung. Beeile Dich…
 
Nach kurzer Zeit erscheint der Hilfsteufel wieder und hat die bestellte Akte in der Hand. Die Hölle hat ein riesiges Archiv und einen riesigen Aktenbestand. Der ist oft nötig, wenn Petrus, zu gutmütig wie immer, Wichtiges im Leben eines Menschen übersieht.
Mephisto(nimmt die Akte, blättert darin und ruft): Da habe ich ja schon alles, was ich brauche und besser, als ich es mir erhofft habe… Dieser Karl Fischer war genau der Typus, den ich brauche und den ich als Leitfigur, als negative Leitfigur in meinem Sinne, aufbauen werden… Ich werde genauer die Vitadaten dieses Karl Fischers durchgehen. Also: Am 31. März 1881 geboren, gestorben am 13. Juni 1941, Herkunft aus gut-bürgerlicher Familie, begeisterter Karl-May-Leser, gründete als junger Gymnasiast bereits einen „Anti-Weiber-Verein“, dann Gründer des eigentlichen Wandervogel e.V. in Steglitz, Orientierung am unsteten Leben der Fahrenden Scholaren des Mittelalters, nach dem Abitur kein geregeltes bürgerliches Leben mehr, keine Berufsaubildung, keine Familie, keine Kinder, nach 1906 immer mehr vergessen und dann ärmlich und abgeschieden verstorben…
 
Das ist ja wunderbar, das passt ja prächtig in meine teuflischen Pläne… Ich hätte nicht gedacht, welche Munition mir das Leben dieses Wandervogelgründers für meine Zwecke, dem deutschen Wandervogel zu schaden, liefert… Nun aber konkrete Pläne geschmiedet.
Eine Karl-Fischer–Gesellschaft oder so ähnlich hat es früher schon mal gegeben. Man müsste klären, inwieweit davon noch einige Halb-Mumien leben. Eine solche Gesellschaft  neu zu gründen könnte juristische Probleme bringen… Wie wäre es mit einer Karl-Fischer-Vorbild-Gesellschaft? Die gibt es noch nicht und die könnte mir zielstrebiger nutzen… Wann wäre das geeignete Gründungsdatum für eine solche Gesellschaft?...Karl Fischers Strebedatum? Sicher schlecht und unüblich…. Das Gründungsdatum des Wandervogels e.V.? Da wird schon zu viel gefeiert und erinnert… Also das Geburtsdatum. Und das ist ja bald. Wir haben gerade Spät-Winter… Also an die Arbeit. Ich gründe am 31. März eine Karl-Fischer-Vorbild-Gesellschaft. Die Einladung muss sofort raus. 
Mephisto schnippt wieder mit den Fingern und der gerade Dienst tuende Hilfsteufel erscheint.
 
Mephisto: Nimm dir schnell Schreibblock und Schreibkohle, notiere folgende Stichworte und mache daraus einen geeigneten, aufrüttelnden Rundbrief. Also los: Rundbrief an alle Wandervögel und Bündische, bald Karl-Fischer-Geburtstag, bisher zu wenig Beachtung, Gründer des Wandervogels ist großes Vorbild, ihm nacheifern ist Ehrenpflicht, Gründung einer Karl-Fischer-Vorbild-Gesellschaft, Karl Fischer als Vorbild wieder in alle Bünde tragen, Treffen am 31. März auf dem Harz-Gipfel, alle Führer sind herzlich eingeladen, Unterschrift: Ein Karl-Fischer-Fan… Hast Du?... Und dann hole Dir alle bündischen Anschriften im Höllen-Archiv und versende diese Einladung per Post und per e-Mail… Spute Dich!... Aber zeige mir vorher Deinen Entwurf noch einmal zur eventuellen Korrektur…
 
Der Dienst tuende Hilfsteufel verschwindet und Mephisto sitzt wieder in seiner einsamen Brocken-Ecke und grübelt. Er grübelt, wie seine Eröffnungsrede lauten soll… Mitreißend natürlich, demagogisch, überzeugend, teuflisch… Er grinst.
 
Mephisto: Ich muss das Ganze so darstellen und verpacken, dass die Nachfolge im Lebensstil von Karl-Fischer eine bündische Ehrensache wird… Natürlich muss ich selber äußerlich und von meiner angeblichen bündischen Herkunft her einen überzeugenden Eindruck machen… Äußerlich ist kein Problem, ein solcher Verwandlungskünstler wie ich… Ich werde möglichst jugendlich aussehen… Aber wo könnte ich bündisch angeblich herkommen?… Wie wäre es denn mit „Neuer Wandervogelbund zur Förderung eines Jugendreiches (NWBFJ)“… Den Bund gibt es zwar nicht, klingt aber gut, ha, ha, ha…
 
Der Dienst tuende Hilfsteufel erscheint und legt Mephisto seinen Entwurf des Einladungs-schreiben vor. Der überfliegt das Schreiben und antwortet:
 
Mephisto: Kann man so lassen… Und nun die Briefe zur Post bzw. in die höllische e-Mail-Versand-Maschine. Und jetzt muss ich mich vorbereiten… (Er schnippst wieder und löst sich in Nebel auf)
 
 
Einige Zeit später im Zimmer des Alten bündischen Führers. Der hält ein Rundschreiben in der Hand und macht ein nachdenkliches Gesicht. Er murmelt:
 
Der alte Bündische Führer: Aus diesem Schreiben werde ich nicht ganz klug… Es soll offensichtlich eine neue Karl-Fischer-Gesellschaft gegründete werden… Das ist an sich kein Grund für Misstrauen. Aber die Gesellschaft will Karl Fischer als Vorbild neu in alle Bünde tragen… War denn Karl Fischer überhaupt ein Vorbild?... Gibt es nicht bessere Vorbilder als Karl Fischer, z.B. Hans Breuer und Alo Hamm? Und was für ein unbekannter Bund ist das, der hinter dieser Einladung steht? Neues Jugendreich? Dabei beginnen die Bündischen gerade den Begriff „Jugendbewegung“ zu überwinden, weil er einfach nicht stimmt? Und dieser unbekannte, junge Bund muss ein tolles Adressearchiv und viel Geld haben… Ich werde zu diesem Gründungstreffen auch hingehen, aber sicherheitshalber meinen  Freund Sokrates mitnehmen… Es könnte nämlich sein, dass ein guter, äh! böser alter Bekannte wieder dahinter steckt… Ich werde Sokrates diese Einladung mit ein paar Zeilen von mir zuschicken… Wo ist denn die Eule des Sokrates? Sie müsste doch in der Nähe auf einem Baum sitzen…
 
Der Alte bündische Führer geht vor die Tür und schaut sich um. Tatsächlich entdeckt er bald die Eule, die ihm Sokrates hier gelassen hat, damit er ihn schnell erreichen kann. Diese Eule hat Sokrates noch aus seiner Zeit im Alten Athen mitgebracht, man hatte sie im Olymp und dann im Himmel akzeptiert und ihr ebenfalls die Unsterblichkeit verliehen, als Hilfskraft des Sokrates gewissermaßen. Sie weiß immer, wo sich Sokrates gerade aufhält. Der Alte Führer winkt sie herbei, wickelt ihr die Einladung mit seinem Zusatz um den Fuß und macht ihr das Zeichen, fort zu fliegen und Sokrates zu suchen.
 
Wieder einige Zeit später. Sokrates hat gerade seine Reise-Wolke an einen Baum vor der Wohnung des alten bündischen Führers angebunden und ist in die Wohnung getreten. Nach einer herzlichen Begrüßung und kurzen gegenseitigen Informationen über ihre Aktivitäten und Begegnungen der letzten Wochen kommen beide auf das merkwürdige Einladungsschreiben zu sprechen. Auch Sokrates macht ein nachdenkliches Gesicht. Er sagt:
 
Sokrates: Mir kommt dieses Schreiben mit seiner Absucht auch merkwürdig vor… Kann denn dieser Karl Fischer überhaupt ein Vorbild sein, dieser verträumt-phantastische, verschlossen, ängstliche, steife und gleichzeitig herrschsüchtige Gymnasiast und Student und dieser ziellos ohne Beruf und Familie dahin lebende, fast asoziale Mann?.. Dieser Karl Fischer hatte eigentlich nur von 1901 bis 1904 eine produktive Phase, später waren es nur noch Überzogenheit, Unfähigkeit sich in der Realität zurecht zu finden, Scheitern und Not… Und dann diese Betonung auf Jugendreich, wo doch die Wirklichkeit zeigt, das die Mehrzahl der Bündischen Erwachsene sind…
 
Dahinter könnte wieder ein guter böser alter Bekannte stecken… Ich gehe mit zu diesem Gründungstreffen. Aber es wird immer schwerer, dem Mephisto das Handwerk zu legen… Er wird immer raffinierter in seinen Tricks, er richtet sich immer mehr nach den einfachen Massenwünschen, die es bei den Bündischen auch gibt… Lasst uns unser Bestes versuchen, die Zeiten werden schwieriger…
 
Damit reichen sich Beide die Händ,e gewissermaßen als Bündnis der Anspruchsvollen gegenüber flachen bündischen Massen- und Gefälligkeitszielen.
 
Der 31. März ist gekommen. Auf dem Brocken haben sich erstaunlich viele Bündische versammelt, mehr neugierig als überzeugt…, aber das könnte ja noch kommen, hofft Mephisto. Mephisto selber erscheint als ein junger, dynamischer Bündischer, er hat ein rotes Halstuch um, ein rotes Barett auf, auf seinem Rücken hängt eine Gitarre und vor sich hat er eine Reihe von Bierflaschen und eine Weinflasche stehen. Er eröffnet die Veranstaltung und beginnt zuerst mit einem Trinkspruch und dann mit einem bisher unbekannten ausländischen Lied. Mephisto weiß genau, dass Singen, Saufen und im Ausland herum schwirren derzeit zu den Haupt-Schlüsselqualifikationen vieler Bündischer gehören und hat sich danach gerichtet…  Vorne in der ersten Reihe sitzen Sokrates und der Alte Führer und Mephisto hat sie sofort erkannt… Er geht unauffällig an ihnen vorbei und zischt:
 
Mephisto:  Diesmal habt ihr schlechte Karten, denn diesmal setze ich auf einfache und anspruchslose Vorbilder, Massenpsychologie und Modernität. Da habt ihr mit eueren hohen Ansprüchen an das Bündische wenige Chancen, nicht bei den Älteren und noch weniger bei den Jüngeren… Ihr werdet sehen!
 
Sokrates(stößt den alten Führer an): Wir haben richtig vermutet. Es wird tatsächlich immer schwieriger. Wir müssen all unser Können aufbringen. Gegen die einfachen Massenansprüche und Massenvorbilder ist es schwer anzukommen. Aber ihn  einfach zu enttarnen, dafür ist jetzt noch nicht der richtige Zeitpunkt.
 
Mephisto (beginnt seine Rede): Liebe bündische Freunde, die ihr so zahlreich hierher gekommen seid. Der Wandervogel ist verbürgerlicht, ist abgeflacht, ist in viele bequeme und lauwarme Richtungen zersplittert. Wir müssen wieder zurück zu den Wurzeln, zu den Anfängen, die der Wandervogelbewegung ihre Eigentümlichkeit und Kraft gegeben haben. Und hier ist es der von mir hoch verehrte Karl Fischer, der uns diese Kraft und Eigentümlichkeiten vorgelebt hat. An ihm müssen wir uns neu orientieren. Was sind nun diese einmaligen Eigentümlichkeiten, diese Merkmale des Ur-Wandervogels. Ich will sie euch kurz aufzählen:
 
1. Merkmal: Der Wandervogel und die ganze bündische Bewegung war und soll sein eine Jugendbewegung. Das soll nicht heißen, dass die Erwachsenen darin keinen Platz mehr hätten – sonst wären viele von euch ja hier falsch -  aber diese Erwachsenen müssen ihre innere Jugendlichkeit bewahrt haben (allgemeiner lauter zustimmender Beifall), sie müssen in ihrer eigenen Jugendzeit stecken geblieben sein (allgemeines Gemurre und Mephisto verbessert sich deshalb sofort), ich meine sie müssen in ihrer Natürlichkeit und Phantasiekraft noch Jugendliche sein (jetzt wieder überwiegend Zustimmung). Der Gründer Karl Fischer hat deswegen hauptsächlich nur Jugendliche um sich gesammelt.
 
(dann zischt er wieder Sokrates und dem alten Führer zu: Bei denen hatte er es wegen seiner inneren Unsicherheit und seinem gleichzeitigen Geltungsdrang leichter, ha,ha,ha).
 
Wir sollten deswegen das Aufnahmealter von Jugendlichen erheblich weiter herabsetzen. Schon ab 6 Jahren sollten wir die Jungen und, wenn es sein muss, auch die Mädchen anwerben, Dann lassen sie sich leichter in unserem bündischen Sinne formen und prägen. Und damit wir sie formen und prägen können, müssen wir sie so oft in der Woche wie möglich in unsere Gruppen holen, zur Gruppenstunde, zu Spielen und Fahrten natürlich…
 
Sokrates(mischt sich ein): Als erfahrener Pädagoge muss ich deutlich widersprechen. Kinder in diesem Alter gehören zu ihren Eltern, in eine Familie, in ein festes Zuhause. Eine Gruppe kann niemals die Eltern ersetzen. Das sollte nur in klaren Ausnahmefällen eine Ersatzlösung sein. Kinder, die bereits in diesem jungen Alter keine feste personelle Bindung hatten, können sich später auch nicht mehr fest binden, z.B. in einer Ehe. Wenn Jugendliche ab ca. 12 Jahren in bündische Gruppen eintreten und die verbrachte Zeit dort ausgewogen begrenzt ist, dann ist das früh genug.
 
Aus den Teilnehmern ist teils zustimmendes, teils ablehnendes Gemurmel zu hören. Währenddem wendet sich Mephisto den beiden zu und zischt:
Mephisto: Die Jugendlichen sollen sich ja auch nicht mehr binden können, sie sollen bindungsunfähig werden. Und je früher und länger sie in unruhige bündische Gruppen kommen, desto weniger bindungsfähig werden sie als Erwachsene sein. Lasst doch euer Verantwortungsgefühl zu Hause. Das zählt heute nicht mehr.
 
 
 
(Und dann  wieder zu den Teilnehmern gewandt)
Das 2. Merkmal war, dass die echten Wandervögel sich nicht durch Berufsausbildung und Berufsalltag von ihrem Fahrtenglück abhalten ließen. Ein echter Wandervogel und echter Bündischer braucht keine anerkannte berufliche Basis. Er lebt wie der Taugenichts von Eichendorff glücklich und unbeschwert. Karl Fischer hat uns das vorgemacht. Frei von aller beruflichen Einengung war er lebenslang ein glücklicher Wandervogel. Wir brauchen also keine Berufe, sondern nur Beschäftigungen, wenn es um das nötige Geld geht, das man auch als Wandervogel zum Leben braucht. Karl Fischer war ein leuchtendes Beispiel dafür. Er hat keinen Beruf erlernt und ausgeübt, hat sich mit verschiedenen Gelegen-heitsarbeiten durchgeschlagen und hat dann von der kleinen Rente gelebt, die ihm die Nazis zustanden als Gründer der Wandervogelbewegung, nach der sich die NS neben den Pfadfindern ja auch orientierte. Man sieht: Auch wer nichts hat, wird im Alter bei uns versorgt…
 
Sokrates(etwas ärgerlich): Damit degradierst du die Wandervögel zu Schmarotzern an der Gesellschaft, die nur nehmen und nicht geben. Das ist kein positives Vorbild, keine empfehlenswerte Perspektive für die Jugend. Ein verantwortungsbewusster Wandervogel
ist kein Sozial-Schmarotzer. Der große Wandervogelführer Hans Breuer hat das schon an Karl Fischer kritisiert und gefordert, dass der erwachsene Wandervogel sich auch im beruflichen Leben bewähren soll.
 
Aus den Teilnehmern ist teils zustimmendes, teils ablehnendes Gemurmel zu hören. Währenddem wendet sich Mephisto den beiden zu und zischt:
Mephisto: Das mag sein, aber je mehr Wandervögel zu Sozial-Schmarotzer werden, desto mehr ist das in meinem Sinne. Und darauf werde ich hinarbeiten. Wenn sie einen Beruf ausüben sollen, dann nur den des Berufs-Bündischen als Gruppenführer oder Bundesführer. Sonst kann ich nur sagen: Locker, leicht, leichtsinnig durchs Leben gehen.
 
(Und dann  wieder zu den Teilnehmern gewandt)
Das 3. Merkmal eines originären Wandervogels war, dass er keine Familienbindung einging. Echte Wandervögel sind sich selbst genug. Familien störten sie nur in ihrer Lebensplanung. Auch hier war Karl Fischer ein Vorbild. Er hat nie geheiratet und auch keine Freundin oder Lebensgefährtin ist bekannt geworden. Er wollte nur Wandervogel sein und bleiben, ungebunden und frei. Das sollten wir uns alle als Devise wählen. Wer heiratet ist selbst daran schuld, wenn sein Wandervogelleben leidet. Wir wollen die Kinder der anderen Familien anwerben, aber selber keine Kinder in die Welt setzen. Familie ist ein Klotz am Bein.
 
Sokrates(jetzt aber laut): So denkt kein verantwortungsbewusster Wandervogelführer. Hans Breuer hatte völlig Recht, wenn er forderte, dass auch Mädchengruppen in den Wandervogel gehören, weil sich dadurch auch Ehe-Bindungen von Gleichgesinnten entwickeln können. Er hat das jedenfalls so gemacht und sich ein Wandervogelmädchen zur Frau genommen. Familie und Wandervogelsein schließen sich nicht generell aus.
 
Aus den Teilnehmern ist teils zustimmendes, teils ablehnendes Gemurmel zu hören. Währenddem wendet sich Mephisto den beiden zu und zischt:
Mephisto: Ich will, dass sich möglichst viele Wandervögel durch offene Familien- und Frauenfeindlichkeit in Verdacht und Misskredit bringen. Denn das schadet der ganzen bündischen Bewegung. Und je mehr Deutsche keine Familien mehr gründen, desto früher stirbt dieses verhasste Volk aus.
 
(Und dann  wieder zu den Teilnehmern gewandt)
Und nun zum 4. Merkmal: Viele der frühen und späteren Wandervögel waren gewohnt, schon ab der Jugend in der weiten Umgebung, in Deutschland und dann in der ganzen Welt umherzustreifen. Dadurch verloren sie zwar ein Heimatgefühl und eine räumliche Zugehörigkeit, aber was bringt das? Die große weite Welt ist die Heimat der echten Wandervögel ohne Beruf, Familie und Bindung. Dafür können dann die Menschen aus anderen Ländern hier einwandern. Wandervögel sind sehr sozial, denn sie machen ihren Platz in Deutschland frei für Fremde. Denn was ist schon dieses penible, kleinkarrierte Deutschland wert? Echte Wandervögel unterstützen diejenige Wiedergutmachungslehre, die besagt, dass die Deutschen für die Verbrechen der Nazis ihr Land und ihre Kultur aufgeben müssen, als erster Staat der Welt sich selbst aufgeben müssen zugunsten eines Vorbild-Multi-Kulti.
(Und grinsend zu den beiden gewandt: Auch wenn die anderen Nationen so etwas bei sich selbst nicht tun werden).
 
(Und wieder zu den Teilnehmern) Je weniger Heimatgefühl sich bei den jungen Wandervögeln entwickelt, desto besser ist das für das Multi-Kulti und für die nationale Selbstaufgabe der Deutschen. Und der stehen wir modernen Wandervögel nicht im Wege.
 
Deswegen sollten schon so früh wie möglich, schon ab 8-10 Jahren, die Pimpfe der Jugendgruppen auf weite Auslandsfahrten mitgenommen werden. Sie müssen innerlich unbehaust, heimatlos werden…
 
Sokratesund der Alte bündische Führer (stehen auf und rufen abwechselnd): Der frühe Wandervogel hat gerade ein Heimatgefühl geschaffen durch seine Fahrten in die engere und weitere Umgebung und durch ganz Deutschland… Die frühen Wandervögel erkannten, welch schönes Land Deutschland ist und dass es sich lohnt, hier zu leben… Und kulturelle Eigenart kann sich nur auf dem Boden von Heimatgefühl entwickeln… Und für Kinder und Jugendliche ist eine heimatliche Zugehörigkeit von Nutzen, das schafft in ihnen einen festen Orientierungsboden für ihr späteres Lebens… Den Familien nützt ein räumliches Zugehörigkeitsgefühl in ihrer ganzen Lebensplanung. Familien, die immer wieder nach kurzer Zeit die Koffer packen, werden nie eine Heimat, ein inneres Zuhause haben… Das kann nicht das Ziel von verantwortungsvollen bündischen Führern sein… Auslandsfahrten sollten deswegen in Jugendgruppen erst spät und in ausgewogenem Umfang erfolgen, wenn sie nämlich ein räumliches Zugehörigkeitsgefühl, ein Heimat-gefühl entwickelt haben…  
 
Aus den Teilnehmern ist teils zustimmendes, teils ablehnendes Gemurmel zu hören. Währenddem wendet sich Mephisto höhnisch grinsend den beiden zu und zischt:
Mephisto: Dass ihr Recht habt, weiß ich auch selber. Aber ich will ja gerade verhindern, dass in den heranwachsenden Deutschen ein Heimatgefühl entsteht. Je weniger Heimatgefühl die heranwachsenden Deutschen haben, desto eher kann die verhasste deutsche Kultur zusammenbrechen.
Ihr veralteten Verantwortungsbewussten! Nehmt doch endlich zur Kenntnis, dass der Trend immer mehr hin zum Spaßwandervogel und weg vom verantwortungsbewussten pädagogischen Wandervogel geht. Ihr werdet mir diesmal nicht alles verderben. Zu viele der Teilnehmer denken in der Richtung, wie ich sie propagiere - das sehe ich den Mienen - an, nicht um dem Wandervogel zu schaden, sondern einfach nur aus Leichtsinn und weil es dem bequemen Trend entspricht.
 
(Und wieder den Teilnehmern zugewandt): Ich fasse kurz zusammen, wie ein originärer Wandervogel denken und handeln muss: Sich immer als Jugendlicher fühlen, kein Heimatgefühl haben, keine Familie wollen und keinen Beruf ausüben. Das hat uns Karl Fischer vorgelebt, das sollten wir wieder in die Gruppen tragen.
 
Aus den Teilnehmern ist teils zustimmendes, teils ablehnendes Gemurmel zu hören. Da stoßen sich Sokrates und der Alte bündische Führer gegenseitig an und stehen auf:
Die Beiden: Bevor du jetzt noch weiteres Unheil mit deinen modernen gefälligen Thesen anrichtest, sollten wir dich endlich entlarven. (Und an die Teilnehmer gewandt): Wer von euch hat schon einmal etwas von einem „Neuen Wandervogelbund zur Förderung eines Jugendreiches (NWBFJ)“ gehört? Wir noch nicht.
 
(Die bündischen Teilnehmer blicken sich um, schütteln die Köpfe und stellen fest, dass keiner von ihnen von diesem neuen Bund bisher gehört hat. Ein gewisses Misstrauen beginnt sich breit zu machen)
 
Die Beiden (abwechselnd): Davon könnt ihr auch noch gar nichts gehört haben, denn diesen Bund gibt es überhaupt nicht… Es geht hier unter dem Deckmantel dieses neuen Bundes und dieses Aufrufes darum, unsere verantwortungsbewussten Vorbilder zu demontieren und den schwierigen und gescheiterten Karl Fischer dazu zu benutzen, der ganzen bündischen Bewegung zu schaden… Schaut euch doch mal den linken Schuh des Redners an, der ist nicht ohne Grund etwas größer als der rechte Schuh… Und außerdem können wir uns des Eindruckes nicht erwehren, dass es hier etwas nach Schwefel riecht… Und weshalb ist diese Gründungsversammlung wohl gerade auf dem Brocken zusammen gerufen worden…?
 
Weiter brauchen die Beiden nicht zu reden, denn plötzlich gibt es einen Blitz und eine Rauchwolke zieht über die Versammlung und als sie sich verzogen hat, ist der Redner verschwunden… Die Teilnehmer ziehen sich danach mehr oder minder eilig in ihre Zelt-Quartiere weiter unterhalb zurück.
 
Die Beiden(abwechselnd zueinander): Da haben wir und die bündische Bewegung ja noch einmal Glück gehabt… Aber es wird immer schwieriger, die Argumente werden immer gefährlicher… Etwas könnte bei den Spaß- und Gefälligkeitswandervögeln hängen geblieben sein… Man muss besorgt sein… Wann wird der nächste Versuch kommen?...
 
Damit gehen auch sie zurück, der alte Führer zu seinem Zug, mit dem er gekommen ist, und Sokrates zu seiner Wolke.
 
 
(Verfasst von discipulus socratei, dem Sokrates das Ereignis erzählt hat, als er wieder an seinen derzeitigen normalen Arbeitsplatz zurück gekehrt war)

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.07.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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