Heidi Schmitt-Lermann

Abenteuerreise nach Marokko 5

Willkommen beim Reisebericht 5


nach dem Mittagessen fuhren wir von Erfoud aus los. Zuerst war die Wüste noch dunkel gefärbt und steinig. Nach langem Fahren in größter Hitze kamen wir in ein Dorf, in dem die Menshen in kleinen Lehmhütten wohnten. Ziegen und Schafe lebten in Erdlöchern, also eher Erdbecken, in denen sie herumliefen. Diese Erdbecken waren teilweise überdacht, so war es für die Tiere wohl kühler. Um uns herum erhoben sich die riesigen Dünen, so viel gehäufter Sand, so hoch wie der Liebfrauendom in München. Da ich immer sehr unter subtropischer Hitze litt und nach gehabtem Ungemach meiner Krankheit wollte ich mich meinen Kameraden nicht anschließen, die sofort diese Dünen besteigen wollten. Also blieb ich alleine im Auto zurück. Ich sah noch wie die beiden Männer die Sandhügel mühsam erklommen. Es war irre heiß und der Sand gab unter ihren Füßen immer wieder nach. Aber schon bald war ich umgeben von Erwachsenen und den Kindern des Ortes. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass wir hier so ein Weltwunder waren, weil diese Strecke mit dem Ziel Dünen eine Attracktivität für Touristen war. So kam mir die Erleuchtung, sie wolten Geld. Viele, viele Hände streckten sich aus nach mir in unserem Auto. Ich hatte keinen Dirham dabei, nur deutsches Geld.
Die Menschen wurden immer mehr und jetzt klopften sie schon an das Vehikel. Nach dem ich bedauernd mit den Schultern zuckte und auf die Dünen wies, fingen sie wütend an das Auto zu schütteln. Ich hupte verzweifelt meine Freunde zurück. Meine Kameraden hatten die missliche Lage in der ich mich befand aber schon bemerkt und kamen stopernd und rutschend eiligst von den Dünen zurück. Sie warfen ein paar Münzen herum und stiegen schnell in das Auto ein.

Bei den vielen Händen, die sich an das Auto gedrückt hatten, bemerkte ich zu meinem Entsetzen, dass viele davon verstümmelt waren. Auch die Füße sahen bei genauerem Hinsehen nicht anders aus. Viele gingen am Stock. Das Unwort "Lepra" wurde von uns nicht ausgesprochen, aber nachdem wir diesem Ort entkommen waren, wuschen wir uns in einiger Entfernung unsere Hände und Füße mit Wasser. Dann rieben wir uns mit meinem mitgebrachen Desinfektionsmittel gegenseitig ein.
Wenn ich bedenke, dass die Inkubationszeit 20 Jahre dauern kann, kann man sich vorstellen, wie lange wir mit Sorge, auch später noch, an unsere Reise dachten.

Wir fuhren einige Zeit durch das wüstige Gelände und es dämmerte schon, als unser Auto zu rauchen anfing und dann schnell den Geist aufgab. Schreckensbleich stiegen wir aus, um uns den Schaden zu betrachten und dann resigniert festzustellen, dass der Motor im Eimer war, weil unser Fahrer, der Held, vergessen hatte Öl nachzufüllen. Nun standen wir nachts in der Wüste, 90 Kilometer von Erfoud entfernt, mit rauchendem Auto. Es wurde schnell ganz dunkel.

Ich hatte ja vorsichtshalber Tüten mit Nudelsuppe mitgebracht und da wir vor unserer Fahrt in die Wüste unsere Wasserkanister aufgefüllt hatten, auch genügend Wasser. Einen Gas-Kocher hatten wir auch dabei, so brauchten wir wenigstens nicht zu darben.
Wir hatten unser Auto noch leicht auf die Seite in das dürre Gebüsch gerollt, aber so ein Lagerfeuer konnte uns schnell verraten. Auf alle Fälle sammelten wir uns Verteidigungsprügel, die am Weg lagen, die uns im Zweifelsfall natürlich nichts genützt hätten. Aber sie zu haben, tat der Seele gut. Nach dem Essen löschten wir das Feuer und legten uns an anderer Stelle nieder. Im zwei Stundentakt musste immer ein anderer von uns Wache schieben. Wenn man so alleine in der Wüste sitzt, die schlafenden Kameraden um einen herumliegen, überkommen einen schon die seltsamsten Gedanken. Am großen dunklen Firmament funkelten Abermillionen von Sternen. Ihr glaubt es vielleicht nicht, aber in der Wüste bei Nacht ist der Sternenhimmel noch viel klarer und man sieht es funklen und leuchten. Dort stand das große W , die Kassiopeia, das Sternbild des nördlichen Himmels. Die leuchtete jetzt auch in München, wenn meine Eltern hinaufblicken würden. Ach, wie gerne wäre ich jetzt  zuhause gewesen.

Plötzlich sah ich ich auf der einen Seite des hohen Atlas Lichter blinken, welche auf der anderen Seite beantwortet wurden. Hier dreimaliges Blinken und dort dreimaliges Antworten. Ich hatte die größte Befürchtung, es könnte doch heißen: " Rotes Auto kaputt!  Ausländer sitzen fest! Ausrauben!"
Man würde uns nie mehr finden. So oft waren Menschen nicht mehr aufgetaucht und in den Botschaften zuckte man nur bedauernd mit den Schultern.
In meiner Angst weckte ich die anderen und berichtete und schließlich sahen sie es selbst, das Blinken und das Antwortblinken.
Dann hörten wir in schneller Fahrt einen Lastwagen daherrattern. Er war beleuchtet mit vielen bunten Lämpchen, wie klein Oktoberfest. Im Anhänger standen eine ganze Anzahl Männer mit weißen Kaftanen und weißen, flattenden Turbanen, dicht gepresst. Geduckt in unser Gebüsch konnte wir sie zu unserer Erleichterung an uns vorbei fahren sehen. Sie wurden wohl zur Arbeit transportiert. Die übrige Nacht verlief dann tatsächlich ruhig.

Im Morgengrauen erhoben wir uns mit steifen Gliedern, wie gerädert. Wir hofften auf vorbeifahrende Menschen, aber lange passierte nichts. Als wir dann in der Ferne ein Knattern vernahmen, das nur von einem Motorrad sein konnte, stellten wir uns am Straßenrand auf. Es kam ein Motorrad. Also, wenn unsere Lage nicht so ernst gewesen wäre, hätte ich laut lachen müssen. Vorne saß ein Federgewicht von Männlein, wodurch das Motorrad vorne in die Höhe gehoben wurde, weil hinten ein großes, dickes Schwergewicht saß, das die Reifen hinten fast platt waren. Es waren wirklich "Dick und Doof, die Wüstensöhne", welche uns ängstlich betrachteten.
Schnell wollten sie Gas geben, aber wir hielten sie trotzdem an. Mit Händen und Füßen und ein paar Brocken Französisch erklärten wir ihnen unser missliche Lage.
Als ich unseren Bildhauer sagen hörte:" une Schraub` kapü!", musste ich doch sehr lächeln. Sie erhoben einen horrenden Preis, um uns abzuschleppen und wollten diesen auch gleich kassieren. Aber sie bekamen von uns nur einenTeil und würden erst bei erfolgter Ankunft in Erfoud den Rest bekommen.
Besorgten Herzens mussten wir ihnen vertrauen, denn es hätte wirklich kein Pfund mehr auf das Motorrad gepasst. So verging Stunde um Stunde und die Hitze plagte uns. Wir ärgerten uns schon, dass wir ihnen das Geld auch noch ohne Gegendienst vor die Füsse geschmissen hätten, als endlich das Tuckern eines Tracktors uns freudig überraschte. Die Beiden kamen tatsächlich zurück. Sie banden ein langes, dickes, rotes Seil an unser Auto und zurück ging es über Stock und Stein. Aus dem Rettungsbulldog kamen schwarze Dieselschwaden, welche uns die ganze Heimreise beglückten, aber wir waren so glücklich, dass wir aus der sengenden Wüste geholt wurden, dass uns dieser Gestank, wie sämtliche Rosendüfte Arabiens vorkamen.

In Erfoud wurden wir vor die einzge Autowerkstätte gebracht. Zu unserem Erstaunen arbeiteten darin ausschließlich Kinder. Mit großer Skepsis sahen wir hilflos zu, wie unser Auto in sämtliche Bestandteile zerlegt wurde. Es würde drei Tage dauern um die Ersatzteile aus Casablanka zu holen. Alleine die Entfernung von 800 Kilometern kostete schon 800,-- DM. Wir verbrachten unsere Wartetage in Erfoud, das natürlich lange nicht so sehenswert war, wie die anderen Städte Marokkos, welche wir besucht hatten. Endlich bekamen wir die Nachricht, das das Teil angekommen war. Acht Stunden bastelten die Kinder ( 9 bis 10 jahre alt) an userem Toyota und tatsächlich schafften es die Kerlchen, dass nicht eine Schraube übrig blieb.

Mit Freude setzten wir unsere Reise fort. Leider mussten wir nach einiger Fahrt feststellen, dass die Kinder beim Hochbiegen der Bremsleitungen, die Rohre zu sehr geknickt hatten, so dass sie undicht wurden. Da wir jetzt die Schnauze voll hatten, wollten wir nur noch nach Hause. Wir fanden die undichte Stelle und so war ich gezwungen auf unserer Heimreise nach Spanien, mich nach unten beugend das Leck mit den Fingern zu verschließen. Nach langer Fahrt kamen wir in Ceuta an und setzten mit der Fähre nach Algecira über. Dort wurden wir erst einmal unendlich lange gefilzt. Wahrscheinlich dachten die Zollbeamten dasselbe, was wir immer gefürchtet hatten. Nämlich, dass unser Auto, weithin rotleuchtend, sehr geeignet war, wenn wir schliefen, dort Rauschgift zu verstecken. Nicht umsonst waren wir in Marokko stets von der Polizei angehalten worden. Aber der Tojota erwies sich als clean.  Dann fuhren wir in eine Werkstatt um das Bremsrohr schweißen zu lassen. Wir hatten wirklich großes Glück, dass uns noch ein Mechaniker um 5 Uhr abends drannahm. So konnten wir danach gleich wieder weiterfahren.

Wir erreichten in den frühen Morgenstunden Marbella an der Costa del Sol. Die Stadt der Snobs und Reichen und Schönen, die uns nicht besonders gefiel. Irgendwie überschwebt diese Überflussgemeinde und Sorglosigkeitslangeweiler der Odeur der Stagnation und des Überdrusses. Alles bewegte sich so müde und auch die Sonne schien bleiern herab. Wirklich schön war nur ein bereinigendes Gewitter und die dadurch entstandenen wilden, hohen, schäumenden Wellen, welche an die Kaimauer schlugen und das Meer brüllte. Die in der Bucht liegenden Millionärsjollen wiegten sich hin und her, dem peitschendem Sturm hilflos ausgeliefert.
Dann sind wir wieder weitergefahren. Irgenwo in Frankreich, kurz vor der deutschen Grenze, haben wir uns in der Nacht auf eine Wiese gestellt. Zwei blieben im Auto, aber unser Kamerad wollte unbedingt im Freien nächtigen. Am Morgen aus dem Auto sehend, sah ich direkt vor mir das Hinterteil einer Kuh, die sich gerade über dem noch schlafenden Freund ihres Darmes entleerte. Vor lauter Schock kam unser Warnschrei zu spät. Mit einem Entsetzensschrei, total beschmiert war unser Gefährte so unliebsam geweckt, empört aufgeprungen. Was unsere Kuh erschreckte und schnelles muhendes Fersengeld gab, Man soll ja Tiere nicht vermenschlichen, aber mir kam es vor, als ob dieses Muhen wie ein Lachanfall klang. Innerlich lachten wir mit, bleiben aber äußerlich todernst. Das hätte unser Freund zu allem Unbill auch noch gerade brauchen können, dass wir uns über ihn lustig machten. Unser Kamerad nahm trotz schon empfindlicher Kälte des Oktober ein Bad im naheliegendem Bach, zog dann erst seine Kleider aus und frische wieder an. 

Erheitert sind wir weitergefahren. In Deutschland waren die großen Bäume so bunt und alles war so sauber. Immer musste ich an die armen Frauen in Afrika denken, die in Staub und Sand ihre kleinen Kinder in großen Tüchern auf dem Rücken trugen. Viele waren sehr krank und die Fliegen liefen über ihre kleinen Gesichter mit  den großen, müden, tiefliegenden Augen. Ich werde sie nie vergessen. Marokko ist eine ganz andere Welt und ganz bestimmt keine bessere. Ich habe ein halbes Jahr gebraucht um mich von den körperlichen und seelischen Strapazen zu erholen und nie wieder bin ich nach Afrika gefahren.



Das ist also das Ende unserer Abenteuerreise nach Marokko. Ich bedanke mich für Euer Interesse und versichere nocheinmal, dass das alles der Wahrheit entspricht, was wir erlebt haben. Froh allen Gefahren entgangen zu sein, bin ich jetzt eher ein Freund des Nordens geworden. Obwohl 30 Jahre her, war ich überrascht, wievieles ich doch noch in Erinnerung habe. Heidi Schmitt-Lermann, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.07.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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