Talula Zimt

Schattengestalt

Merkwürdig, dachte sie. Ich hab doch eben noch einen Schatten gesehen?! Oder bild ich mir das nur ein? Sie drehte sich einige Male um sich selbst und nahm ihr Zimmer zum gefühlten hundertsten Mal genauer unter die Lupe. Doch da war nichts. Niemand sonst befand sich in ihrem Zimmer. Weder Mensch noch Tier. Nicht einmal eine kleine Fliege, die sorglos durch die Lüfte flog, war zu sehen. Es war wie verhext und das schon seit Wochen. In letzter Zeit geschah es immer wieder, dass sie sich, in Momenten wo sonst niemand anwesend war, beobachtet fühlte. So als ob ihr jemand auf Schritt und tritt folgen würde, aber wenn sie sich schließlich dazu aufraffte ihre Befürchtungen zu ignorieren und sich genauer umzusehen, war da niemand. Nie!
Langsam begann sie an ihrem Verstand zu zweifeln, obwohl sie sich ganz sicher war, sich nicht zu täuschen, wenn sie diese schattenartigen Schemen aus dem Augenwinkel heraus sah. Für sie gab es keinen Zweifel mehr. Irgendetwas stimmte nicht mir ihr.
 
Wenn sie doch wüsste wer ich bin. Wenn sie nur wissen würde, dass ich existiere. Wenn sie mich nur sehen würde, dachte er. Sie sieht so atemberaubend schön aus. Ihre langen braunen Haare, in denen sich die Wellen fangen. Das Funkeln ihrer himmelblauen Augen, das aussieht als ob der Mond sein Antlitz auf die Wasseroberfläche zeichnen würde.
Den ganzen Tag verzehrte er sich nach ihr. Begehrte sie, nicht nur ihres Aussehens wegen. Er folgte ihr überall hin und das schon seit Jahrzehnten. Aber jetzt war etwas anders. Etwas hatte sich in ihm geändert. Er hatte Gefühle für sie entwickelt. Er liebte sie. Von ganzem Herzen. Und obwohl er wusste, dass diese Liebe aussichtslos war, gab er sich ihr hin. Genoss jeden Augenblick, jede Sekunde und jeden Herzschlag den er mit ihr hatte, wenn er ihr folgte. Sie wusste nichts von alledem. Weder davon, dass er ihr folgte, noch von seiner tiefen, innigen Liebe. Wie hätte sie auch? Er konnte es ihr nie erzählen, wenn er bei ihr war. Sich ihr nie offenbaren. Ihr nur still und heimlich folgen.
 
Nachdem sie sich zurecht gemacht hatte, machte sie sich, immer noch an ihrem Verstand zweifelnd, auf den Weg zu ihrem Freund. Er wartete bestimmt schon am vereinbarten Ort auf sie, da sie eine notorische Zuspätkommerin war. Bestimmt würde er sie wieder von weitem schräg ansehen, wenn sie endlich ankäme und ihr dann schmunzelnd einen Spruch an den Kopf knallen, wie: „Du bist ja so pünktlich.“ Sie würde es ignorieren und ihn mit einem leidenschaftlichen Kuss entschädigen.
Plötzlich riss sie ein vorbei rasendes Auto, das sie fast überfahren hätte, aus ihren Träumereien.
 
Als sie ihr Zimmer verlies folgte er ihr. Er konnte nicht anders und selbst wenn, so liebte er sie doch zu sehr, als das er sie alleine lassen würde. Berauscht von ihrem makellosen Äußeren, beobachtete er jeden Schritt den sie machte. Schnell fiel ihm auf, dass sie in Gedanken wieder einmal ganz woanders war, als im Hier und Jetzt. Sah er ihr verhaltenes Schmunzeln während sie so vor sich hinträumte, dann strahlte er. Wenn sie glücklich war, war er es auch. Das war alles, was für ihn zählte.
Stumm und verliebt folgte er ihr weiter. Die kommende Ampel schaltete gerade auf rot um, doch sie hatte es noch nicht gemerkt. Beunruhigt lief er nun vor ihr und beobachtete, immer abwechselnd, den Straßenverkehr und ihr Gesicht. Sie machte keine Anstalten anzuhalten und sie kam der viel befahrenen Straße immer näher. Er wollte sie nicht aus ihren Träumen reißen, aber wenn sie nicht bald anhielt, würde ihm nichts anderes übrig bleiben. Andernfalls lief sie blindlings bei rot über die Straße und das musste er um jeden Preis verhindern.
Sie hielt nicht an!
In letzter Sekunde neigte er sich zu ihrem rechten Ohr und flüsterte ihr: „Pass auf! Die Autos!“, zu. Schlagartig blieb sie stehen, erwachte aus ihren Träumereien und sah gerade noch ein Auto, das hupend an ihr vorbei fuhr.
Ihr Schutzengel atmete auf. Wieder hatte er das Schlimmste verhindern können.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.08.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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