Stephan Lill

Caesar und zweimal Kleopatra

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Caesar saß neben Peter Pan auf einer Gartenbank.

«Diese Kostümpartys von Heribert sind jedes Jahr noch langweiliger. Kennt der Mann keine interessanten Typen?«

»Er kennt uns.«

»Ja, das sagt wohl alles.«

Es fing an zu regnen. Die anderen Partygäste gingen ins Haus, nur Caesar blieb sitzen und starrte auf die Wassertropfen, die im Swimmingpool landeten. Nach einer Weile schaute er zur Seite. Dort saß Kleopatra. »Ich habe dich gar nicht kommen hören. Kennen wir uns?«

Kleopatra lächelte. »Schon seit Jahrtausenden.«

Caesar warf einige von seinen Heringshappen in den Swimmingpool. Er sagte: »Ich bin genauso tot wie diese Heringe, oder wie diese Kostümpartie. Ich hätte mich nicht als Caesar verkleiden dürfen. In diesem Kostüm merke ich so recht, wie wenig ich ihm gleiche. Ich könnte keine großen Armeen befehligen, sie anfeuern, anspornen, Mut zusprechen. Woher auch? Ich habe keinen Mut. Ich habe folglich auch nie etwas riskiert.«

»Ich kann zaubern. Wenn du mir in die Augen schaust und ich auf dieses Amulett dreimal drücke, dann verwandelt sich um dich die Welt: sie wird kleiner und kleiner und sie liegt dir zu Füssen, oh mein Imperator Caesar. Was wirst Du dann machen mit der Welt? Wirst du sie mit Füßen treten, so wie es dein Vorbild tat? Wirst du die Welt zu dir erheben und sie teilhaben lassen an deinem glücklichen Schicksal?«

Kleopatra drückte dreimal auf ihr Amulett, dass sie an ihrem Hals trug. Es blitzte und der Regen hörte auf. »Zumindest über das Wetter kannst du gebieten. Aber über meine Psyche kann ja nicht einmal ich selbst hoheitsvoll verfügen, ihr Befehle geben. Sie sinkt immer weiter in Abgründe, die schauerlich tief sind. Ich würde dich gerne wiedersehen, Kleopatra, aber meine Melancholie würde dir gefährlicher sein als Kaiser Augustus, vor dem du fliehen wirst in den Tod.«

Kleopatra schüttelte sich und sagte: »Es war unerträglich. Der Gedanke vorgeführt zu werden in den Straßen Roms als Kriegsbeute – ich bin geflohen in das Jenseits. Und mein Geist taucht wieder auf im Diesseits bei dieser und jener Gelegenheit. Bildet sich den vermissten Körper neu und steht dann in artigem Gewand erneut vor dem Liebhaber, der mich am Meisten beeindruckt hat, am zärtlichsten und am wildesten geliebt hat: Caesar. Wie lang ist es her, dass wir uns das allererste Mal sahen? Ich gefiel dir sogleich, nicht wahr? Ich hatte es darauf abgesehen: du warst meine Hoffnung darauf, mein Reich und mich selbst zu retten. Und nun rette ich dich. Küss mich. Ich kann wie Schlangengift aus dir heraus das Gift der Melancholie saugen. Liebe vermag solches.«

Kleopatra legte Caesar einen Arm um seinen Nacken. Er zog sie zu sich heran und sie küssten sich.

Die Sonne kam hinter den Wolken hervor und einige der kostümierten Gäste kamen wieder in den Garten hinaus. Peter Pan setzte sich neben Caesar. »Nun Caesar, du siehst glücklich aus. Wie kommt's?«

Caesar sprang auf. »Wo ist sie? Wo ist Kleopatra?«

Er schaute unter die Gartenbank. »Tatsächlich? Du sprachst mit Kleopatra? Du fantasierst. Du sitzt hier schon die ganze Zeit allein.«

Caesar setzte sich wieder. »Sie war nicht hier? Aber die Freude, die ich spüre, ist das nur Einbildung? Was ist wahr?«

Caesar betrachtete das Amulett, was neben der Gartenbank lag und hob es zögernd auf. »Kannst du dieses Amulett sehen, oder ist das auch wieder ein Teil meiner Einbildung, ein Baustein, mit dem ich mir eine Fantasie-Welt baue, die zusammenbrechen wird – und was noch schlimmer ist, die mich entfernt und trennt von der Realität.«

Es blitzte erneut und die Gäste zogen sich ins Haus zurück, als heftiger Regen niederprasselte. »Ich bin hier. Hinter dir.«

Caesar drehte sich um und hinter seiner Gartenbank stand Kleopatra. »Ach geh fort, du bist nur ein Traum, ein Gewirr meiner Fantasie.«

Sie setzte sich neben ihn. »Aber ich habe dich glücklich gemacht. Sieh es so: es gibt mich auch in der Realität. Suche nicht nach mir. Ich finde dich – vielmehr eine meiner vielen Kopien. Ich existiere in vielerlei Welten. Doch erst wenn du mich geschaut hast im Traum, vorm geistigen Auge, wenn du geschaut hast in meine wunderschöne Welt der Fantasie, dann hast du Tore und Wege geöffnet, damit die Liebe und das Glück dich erreichen können. Träume ich nicht vielleicht von dir – und du bist der Schlüssel zu meinem Glück? Realisierst dich in meiner Welt, nimmst Formen an? Bin ich der Traum oder bist du es?«

Caesar ging langsamen Schrittes in das Haus. Er ging durch die Räume, an tanzenden Partygästen vorbei, bis zur Haustür und sah in den Garderobenspiegel. »Kein Caesar, aber mir ist ein wenig mutiger.«

Die Haustür ging auf und Kleopatra kam herein. Caesar legte sich die Hand vor die Augen. »Ich muss lernen Realität und Fantasie zu trennen.«

»Nette Begrüßung. Sehe ich so fantastisch aus?«

Kleopatra drehte sich vorm Garderobenspiegel. Caesar betrachtete sie, indem er zwischen seinen Fingern hindurch sah. »Du siehst anders aus. Greifbarer, realer. Darf ich dich einmal anfassen?«

Kleopatra trat näher an ihn heran. »Eine skurrile Anmache – aber ich schätze, für Caesar ist das okay. Was diese Potentaten sich alles herausnehmen dürfen an Freizügigkeiten. Das könnte interessant werden.«

Caesar strich ihr vorsichtig über den Arm. »Ich muss dich einem Freund von mir vorstellen: Peter Pan. Er kann mir gewiss versichern, wie real du bist. Ich bin da seit eben ein bisschen skeptisch. Das ist mir nie zuvor passiert. Dass ich so real fantasiere.«

»Und Peter Pan kann dir aus dieser Misere helfen? Allerdings sieht der auch Feen.«

Die beiden gingen in den Raum, wo das Buffet aufgebaut war. »Darf ich vorstellen: Peter Pan. Ein Arbeitskollege von mir. – Kannst du diese Kleopatra sehen, oder ist sie nicht existent? Ich frage lieber sicherheitshalber, bevor ich meine besten Bonmots einer Fantasie-Figur widme.«

Peter Pan reichte Kleopatra die Hand. »Ich freue mich, dass du die Realität wieder mehr berücksichtigst – zumal die Realität so charmant ist. Caesar, diese Kleopatra ist definitiv vorhanden.«

»Wäre auch schade, wenn ich nicht vorhanden wäre. Was empfehlt ihr mir: sind die Käsehäppchen lecker?«

Kleopatra nahm sich einen der Käsespieße und holte sich dann ein Glas Sekt. »Lass sie nicht enteilen.«

Caesar lächelte. »Unnötig. Ich brauche nicht zu suchen, ich lasse mich finden. Ich habe mein Leben lang immer nur gesucht. Und was habe ich gefunden: mit leeren Händen sitze ich da.«

»Du bist gut. Du hast ein Vermögen verdient mit deiner Spürnase für den Aktienhandel. Die Firma hast du reich gemacht und dich auch. Und mich übrigens auch – denn du hast mir lobenswerterweise sehr viel Nachhilfe gegeben in Raffinesse und Börsenweisheit.«

»Ich meine das Psychische. Ich habe in mir keinen Reichtum. – Jahrelang habe ich mit Wirtschaftsdaten mein Großhirn gefüttert und es hat es mir gedankt, indem ich brillante Prognosen vorweisen konnte. Ich bin mir selber unheimlich. Immer akkurater wurden meine Prognosen. Meinst du, ich bin im Bunde mit den Jenseitigen Mächten? Und sie entsenden nun ihre Boten, um ihren Tribut zu fordern. War die Kleopatra dort auf der Gartenbank solch ein Bote?«

Peter Pan stellte sich neben ihn. »Vertrau einem Freund. Und der Freund empfiehlt dir: vergiss deine Grübelei und richte deine Aufmerksamkeit auf die reale Kleopatra. Sie sieht immer wieder zu dir herüber. Gleichgültig bist du ihr nicht.«

»Ach was, sie sieht das Caesar-Kostüm. Alle Frauen, die ich gekannt habe, die sahen meine schicken Anzüge und wussten: der hat Geld. – Das war mein Schutz, meine Ritter-Rüstung. Eine finanzielle Schutzburg, hinter der ich hocke und mich ein wenig sicherer fühle. – Kann man in ein Traumbild verliebt sein? Die Kleopatra, die ich eben auf der Gartenbank küsste – alles nur Illusion? Folge von zu viel Stress? Von Einsamkeit?«

»Jetzt kommst du einfach mit. Verzeih meine Gewalt. Aber ich zwinge dich jetzt zu deinem Glück.«

Peter Pan zog Caesar an seinem Kostüm mit sich fort. Sie steuerten auf Kleopatra zu, die neben dem Billardtisch stand und sich mit dem Hausherrn unterhielt, der als Zeus verkleidet war. Kleopatra sagte: »Mit Gewalt muss Caesar zu seiner Kleopatra gezerrt werden? So viel Widerwillen. Muss ich erst den Beistand des Göttervaters Zeus erflehen, dass Er mir den Geliebten gnädig stimme? Kann ich dieses nicht allein? Vermag mein Anblick, meine Nähe ihn nicht mehr zu locken?«

Zeus reichte Kleopatra die schwarze Billardkugel. »Reich ihm das als fürchterliches Los. Denn wer weibliche Schönheit von sich weist – für den hat Göttervater Zeus keinerlei Verständnis. Unheil folgt solchem Tun.«

Caesar sagte: »Ist es nicht vielmehr so, dass aus Deinen Ausschweifungen erst das Unheil wuchs wie wüstes Unkraut? Deine Laster, oh Zeus, sollen mir ein Vorbild sein? Nacheifern will ich dem Allmächtigen, so gut ich es vermag – doch verlange Er nicht von mir Ihm zu folgen in seiner Selbstsucht, die Ihn fortführt von Hera, Seinem treuen Weibe.«

Einige der übrigen Gäste schauten interessiert zu ihnen herüber. Caesar wandte sich zu ihnen und sagte: »Ihr glaubt, wir spielen Theater? Wer von Euch ist denn real? Wer würde einem Realitäts-Test aus dem Jenseits standhalten? Wer sich nur klammert an das, was er ist, wird niemals das sein, was er sein soll: was in ihm angelegt ist im verborgensten, geheimsten Ort: in seiner Seele. Seid, was die Seele verborgen hält in sich, lasst es real werden, was noch nicht ist. Wenn sie sprechen und erscheinen euch in lieblichen Gestalten, dann hört zu, was sie sprechen die Uralten. Auch wenn sie jung erscheinen – sie sind uralt, erfahren, mit Weisheit vollgestopft. Hört auf sie, die aus Seelentiefe zu euch sprechen. Es würde sich ansonsten bitter rächen. Verfehlen würdet ihr das eigentliche Lebensziel. Nur geleitet, fehlgeleitet von dem Willen eurer Mitmenschen – woher wollen die wissen, welcher Weg der eure ist und wo einzig das Glück ihn erwartet.«

Kleopatra stellte sich neben Caesar und sie reichte ihm die weiße Billardkugel. »Nimm dies, Geliebter, die weiße Kugel bewegt die anderen. Sie agiert. Die anderen reagieren nur. Werden gestoßen – sie erreichen Impulse, die sie in diese und jene Richtung lenken – sie werden nicht gefragt. Sei dein Schicksal das der weißen Kugel, und möge deine Bahn dich freiwillig zu mir führen. Werde mich zurückhalten und dich nicht verführen. Oder erwartest du das von deiner Kleopatra? Nur weil Caesar mächtig ist, soll die Liebe ihn einfangen und die Vorteile genießen aus solcher Beziehung? Soll Liebe sich dafür hergeben? War niemals echte Liebe zwischen uns, mein Caesar? War alles nur Berechnung, Kalkulation? Wie berechnet man seinen potenziellen Partner? Was ist, wenn man sich verrechnet, weil man Menschenseele nicht berechnen kann? Woran orientiert sich dann die Liebe?«

Kleopatra blieb dicht vor ihm stehen und ihr Mund näherte sich seinem. Caesar sagte: »Lass mich dir auch etwas schenken. Ich habe hier ein Amulett, ich weiß leider nicht, ob du es sehen kannst. Ich weiß nicht, ob es aus einem andern Reich stammt oder ob es existiert.«

Er reichte ihr das Amulett. Sie schaute es verwundert an. Und dann zog sie aus ihrem Kleid ein ebensolches Amulett hervor. Sie sagte leise zu ihm: »Ob du es glaubst oder nicht. Aber der Grund warum ich so spät zur Kostümparty kam: ich sprach mit Caesar, bevor ich in meinen Wagen gestiegen bin. Er gab mir dieses Amulett. Es war nur eine Fantasie – jener Caesar. Und wie erschrak ich, als ich hereintrat zur Haustür und sah dich. Du ähnelst meinem Fantasie-Caesar sehr. Und jetzt reichst du mir gar dieses seltsame Amulett. Ist das ein Scherz?«

Caesar betrachtete die identischen Amulette. »Oder Magie. Liebe zieht Magie an. Wir sollten testen, ob es wirklich Liebe ist.« Sie nickte und die beiden küssten sich.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.08.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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