Meine Grossmutter ging immer ins Zimmer ganz hinten links. An der Tür hing das Schildchen Jamaica. Meine Grossmutter sagte nicht, was in dem Zimmer war. Wenn sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, drehte sie den Schlüssel. Nicht einmal mein Grossvater wusste, was sie in Jamaica tat. Manchmal war meine Grossmutter für Stunden weg, dann kehrte sie aus Jamaica zurück und erzählte uns, dass sie John F. Kennedy und Fidel Castro getroffen hätte. Mir sagten diese Namen nichts, aber so wie die Grossmutter über sie redete, mussten es bedeutende Männer sein. Mein Grossvater sass im Schaukelstuhl vor dem grossen Haus und rauchte seine Pfeife. Wenn ich ihn fragte, wie es denn in Jamaica sei, sagte er: "Ich weiss es nicht, frag lieber deine Grossmutter." Und als ich sie fragte, sagte sie: "Darüber darf ich nicht sprechen." Dann ging ich zu meinem Grossvater und erzählte ihm, was die Grossmutter zu mir gesagt hatte. Der Grossvater schwieg und schaute in den Obstgarten.
Meine Grossmutter blieb mit zunehmendem Alter immer länger in Jamaica. Den Grossvater machte das traurig. Manchmal nahm die Grossmutter viele Esswaren und Getränke unter den Arm und verschwand für Wochen nach Jamaica. Und als sie zurückkehrte, sagte sie nur: "Ich bin wieder zurück, ich muss meine Kleider waschen, ich freue mich, euch wieder zu sehen." Einen Tag später verabschiedete sie sich wieder von uns, und wir wussten, dass wir sie lange nicht mehr sehen würden. "Aber wenn sie auf einmal stirbt", sagte ich zu meinem Grossvater, "dann wissen wir das ja nicht." "Das will deine Grossmutter so haben."
Eines Tages stand ich vor Jamaica und hörte merkwürdige Geräusche. Meine Grossmutter hörte ich nicht. Erst nach Wochen kam sie mit vielen zugeschnürten Schachteln aus Jamaica zurück, ging in den Garten und zündete die Schachteln an. Dann umarmte sie uns alle und sagte: "Ich liebe euch." Als die Schachteln verbrannt waren, ging sie in den Wald und kehrte nie mehr zurück.
Ich habe seither nichts mehr von meiner Grossmutter gehört. Ich vermute aber, dass sie sehr alt geworden ist.
© René Oberholzer
Vorheriger TitelNächster TitelEV: Entwürfe, Nr. 27, Mobile Home, Literaturzeitschrift, Zürich (CH), 2001
V: Freiberger Lesehefte, Nr. 6, Literaturzeitschrift, Freiberg (D), 2003
V: Mond in der Ecke, Anthologie, Daniela Herrmann Verlag, St. Gallen (CH), 2004
V: Die Liebe wurde an einem Dienstag erfunden, Nimrod-Literaturverlag, Zürich (CH), 2006
V: e-Stories, Internet-Portal, Nauheim (D), 2010
V: amobo, Internet-Portal, Ursensollen (D), 2011
V: WebStories, Internet-Portal, Berlin (D), 2012
V: Schreiber Netzwerk, Internet-Portal, Leinfelden-Echterdingen (D), 2012
V: Writtenby, Internet-Portal, Winterthur (CH), 2012René Oberholzer, Anmerkung zur Geschichte
Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (René Oberholzer).
Der Beitrag wurde von René Oberholzer auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.08.2010.
- Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).
bluewin.ch (Spam-Schutz - Bitte eMail-Adresse per Hand eintippen!)René Oberholzer als Lieblingsautor markieren

Ca-Do-Cha - Das Geheimnis der verlorenen Seele
von Jutta Wölk
Seit ihrer schlimmen Kindheit ist Kim davon überzeugt, dass es das Übersinnliches und Geister wirklich gibt. Als sie Pam kennenlernt, die kurz darauf in einem herunter gekommenen maroden Haus einzieht, nehmen die seltsamen Ereignisse ihren Lauf. Bei der ersten Besichtigung des alten Gemäuers überkommt Kim ein merkwürdiges Gefühl. Als sie dann noch eine scheinbar liegengelassene Fotografie in die Hand nimmt, durchzuckt sie eine Art Stromschlag, und augenblicklich erscheint eine unheildrohende Frau vor ihrem geistigen Auge. Sie will das Haus sofort verlassen und vorerst nicht wiederkommen. Doch noch kann Pam nicht nachempfinden, warum Kim diese ahnungsvollen Ängste in sich trägt, sie ist Heidin und besitzt keinen Glauben. Nachdem Kim das Tagebuch, der scheinbar verwirrten Hauseigentümerin findet und ließt, spürt sie tief in ihrem Inneren, dass etwas Schreckliches passieren wird. Selbst nach mehreren seltsamen Unfällen am Haus will Pam ihre Warnungen nicht ernst nehmen. Erst nachdem ihr, als sie sich nachts allein im Haus befindet, eine unbekannte mysteriöse Frau erscheint, bekommt sie Panik und bittet Kim um Hilfe. Aber da ist es bereits zu spät.
Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!
Vorheriger Titel Nächster Titel
Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:
Diesen Beitrag empfehlen: