Pierre Heinen

Kommissar Black – Sie wollten, dass ich töte! (II)

Es war ein dunkles Loch, in das der Kommissar hineinkletterte. Das, was das Sonnenlicht ihm vorhin gezeigt hatte, waren nur die Schemen des Landeplatzes gewesen. Krümelige Erde mit ringsum den Umrissen mannshoher Regale. Unbeschadet stand der Beamte schließlich im Keller des Baker-Hauses, etwas mehr als zwei Meter unterhalb der Erdoberfläche. Hier ist es wenigstens angenehm kühl.

Black starrte geradeaus und wartete, bis seine Augen sich an die Umgebung gewöhnt hatten. Nach Sekunden des stillen Ausharrens hatten sie das aber noch immer nicht getan. Um ihn herum blieb es tiefschwarz, als ob er in ein Tintenfass gestiegen wäre. Vorsichtig tastete er sich voran und drehte sich nach einigen Schritten um. Das Tageslicht, das bis nach hier unten drang, traute sich nicht von der Luke weg und bildete dort eine Art Säule. Merkwürdig ...

Auf der Suche nach etwas Brauchbarem stöberte Black blindlings über die staubigen Regale in seiner Umgebung. Der Beamte strich zufällig über eine glatte Fläche. Der eckige Rahmen drum herum brachte ihn auf eine Idee. Er nahm das Ding und ging zurück zum hellen Landeplatz. Es war tatsächlich das, was er vermutet hatte: ein großer Spiegel. Er stellte ihn, schräg an ein Regal gelehnt, auf den Boden. Das Sonnenlicht wurde sogleich reflektiert und pflügte eine Schneise aus der Schwärze.

Zufrieden mit dem Resultat bahnte der Polizist sich anschließend einen Weg durch den Keller, der vor Regalen nur so strotze. Auf den meisten befanden sich Dosen und allerlei Krimskrams, der aussah, als ob er seit Jahren nicht mehr angefasst worden wäre. Die schmale Treppe, vor der der Kommissar auf einmal stand, führte nach oben.

„Hallo!“, brüllte er hinauf. „Hier ist die Polizei!“

Das Haus blieb verschwiegen. Nichts rührte sich. Black drehte sich um. Kein einziger Laut kam durch die offene Luke herein, nicht einmal gedämpftes Vogelzwitschern oder vorbeifahrende Autos. Es herrschte absolute Geräuschlosigkeit. Was für ein Ort ...

Der Kommissar stieg behutsam die Stufen hinauf. Das knarrende Holz erlöste das Haus aus seinem Schweigen und beruhigte den Beamten. Das hört sich wenigstens normal an. Auf der vorletzten Stufe hallte plötzlich ein grelles Telefonklingeln durch das Gemäuer. Black erschrak dermaßen, dass er fast rückwärts die Treppe hinuntergefallen wäre. Er atmete tief ein und aus. Ruhig Blut!

Der Kommissar nahm den letzten Absatz in Angriff und fand im Halbdunkel schließlich den rauhen Türknauf. Das aufdringliche Schrillen des Telefons zerfetzte erneut die Stille. Black öffnete die Tür und betrat den Flur im Schummerlicht. Direkt neben dem Kellereingang hing der klobige Fernsprecher an der Wand. Er hob den Hörer auf, ehe der Apparat erneut schellen konnte.

„Bei Bakers!“, meldete sich der Beamte beherzt. „Hallo?“

Ein Rauschen und Knacken war zu hören. Dann war es ruhig. So still wie es im Keller vorhin gewesen war. Black schluckte und wollte schon auflegen, als jemand am anderen Ende der Leitung zu schluchzen begann.

„Wer ist da?“, wollte der Kommissar wissen. „Hallo!“

Zwischen den erneut einsetzenden Störgeräuschen vernahm der Beamte nur noch die Worte Unfall und tot.

Dann wurde aufgelegt. Black stand wie gelähmt da, den Hörer immer noch an sein Ohr gepresst. Ein Knarren erweckte den Beamten aus seiner Starre. Er legte Hand an seine Dienstwaffe und brüllte instinktiv nach oben:

„Hier ist die Polizei!“

Er blickte durchs Treppenauge. Steht da nicht eine Person? Er lauschte und hörte sein Herz schneller schlagen.

„Hallo!“, schrie er erneut. „Hier ist die Polizei!“

Jemand lief auf einmal die Treppen zum Dachboden hoch. Ohne zu zögern hetzte der Beamte nun ebenfalls die gewendelten Stufen hinauf. Ich wusste es! Das erste Stockwerk nahm der Kommissar beim Passieren nur flüchtig war. Tiefe Atemzüge später stand der Beamte am Ende der Treppe vor einer verschlossenen Tür. Vielleicht war es der Sohn und ich habe ihn erschreckt? Er klopfte an.

„Ich bin Kommissar Black von der Polizei“, stellte er sich ordnungsgemäß vor. „Öffnen sie bitte die Tür!“

Der Beamte fuhr über den abblätternden Lack. Dünne Bretter ... Ein Tritt dürfte genügen. Absolut nichts drang mehr an sein Ohr. Er schloss die Augen und nahm tief Luft. Was riecht hier so komisch? Zuerst duftete es nach Honig, dann vermischte sich langsam ein faulig modriger Gestank unter. Ekelhaft ...

Black trat einen Schritt zurück, legte den rechten Fuß kurz auf den Knauf und nahm Anlauf. Mit einem gezielten Tritt unterhalb des Schlosses, zerbarst die Tür und zwei morsche Bretter schlitterten auf den Dachboden. Der Beamte langte durch die Überreste der Tür und schloss auf. Ein weiterer Tritt verpasste den zusammengenagelten Brettern den Rest. Laut krachend fiel alles, was sich vorhin brav im Rahmen befunden hatte, heraus und eine Menge Staub wurde aufgewirbelt.

Black betrat den großen Dachboden. Durch die vier Luken war es, verglichen mit dem Rest des Hauses, relativ erleuchtet. Nahe der Außenwand, ihm gegenüber, stand ein altmodisches Bett und daneben kauerte ein junger Mann in einem dunklen Schlafanzug. Den Kopf hatte er zwischen seine angewinkelten Beine gepresst und seine Stirn lag auf den Kniescheiben.

„Sie wollten es!“, schrie der Junge auf einmal und fing an hin und her zu wippen.

„Wer wollte was?“, fragte Black und steckte seine Dienstwaffe zurück in den Holster.

„Ich habe ... ich kann nichts mehr tun!“, stammelte der knabenhafte Mann. „Ich ... Ich musste es tun!“

„Wo ist deine Mutter?“, wollte der Kommissar wissen und sogleich fing sein Gegenüber mit Schluchzen an. „Wo ist Doris Baker?“

Black näherte sich behutsam dem Bett. Der gehört tatsächlich in eine Anstalt! Unzählige geöffnete Dosen lagen auf dem Boden verteilt und an manchen klebte eine rote Sauce.

„Was hast du getan?“

„Sie wollten es!“, brüllte der Junge im verschlissenen Schlafanzug abrupt und wischte sich Tränen aus dem Gesicht.

Zum ersten Mal sah er hoch und zeigte sich dem Beamten. Der junge Mann war hager, hatte schulterlanges hellbraunes Haar, einen Vollbart und einen solchen apathischen Blick drauf, dass Black erschauerte. Seine Augen schienen durch alles hindurch zu sehen.

„Was wollten sie?“, fragte der Kommissar.

Zwei Meter von dem Jungen entfernt blieb er stehen und wartete auf eine Antwort. Hoffentlich ist nicht das passiert, was ich mir gerade vorstelle ...

„Wer wollte etwas von dir?“

„Sie wollten, dass ich töte!“, raunte der junge Mann dem Kommissar zu. „Sie wollten doch, dass ich sie töte!“

„Wer?“, fragte der Beamte forscher als zuvor. „Wer?“

„Sie ...“, flüsterte der Junge prompt und stand auf. „... die Anderen!“

Der junge Mann deutete gestikulierend nach oben und Black beunruhigte der Anblick der Pyjamaärmel, an denen etwas Blutrotes klebte. Der Kommissar sah dem Jungen in die Augen.

„Hast du deine Mutter gestern Nacht umgebracht?“, fragte er ohne zu Zögern und wartete auf Reaktionen.

Der Junge drehte sich um und nahm tief Luft.

„Ich musste es tun!“, schrie er die Wand an. „Sie werden das nie verstehen! Aber die anderen ... Die wollten es so!“

„Ich werde dich jetzt festnehmen und du wirst erstmal mitkommen, ist das klar?“, informierte der Polizist den jungen Mann und legte Hand an dessen Schulter.

Dann passierte etwas, woran sich Black nachher nur mit Mühe erinnern konnte. Es wurde mit einem Schlag dunkler, die Wände des Dachbodens nahmen eine violette Tönung an und der Gestank wurde immer intensiver. Dumpfe Laute tanzten plötzlich um seine Ohren und das, was seine Augen wahrnahmen, glich einer Karussellfahrt mit überhöhter Geschwindigkeit.

Der Junge, der ihm weiterhin den Rücken zugedreht hatte, blieb regungslos stehen. Es schien so, als sei er überhaupt nur noch körperlich vorhanden. Sekunden später spürte der Beamte eine unsichtbare Kraft ihn auf den wankenden Boden legen und ihm wurde Schwarz vor den Augen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.08.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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