Jürgen Berndt-Lüders

Nenn es Liebe, wenn du willst

Sie trafen sich durch Zufall. Durch ein Zeichen gab sie zu verstehen, dass sie reden wollte. Mit schlechtem Gewissen folgte er ihr in die Pizzeria, die die Familie früher an Wochenenden oft gemeinsam aufgesucht hatte.
 
„Ich weiß, es geht um den Unterhalt“, knurrte er am Tisch direkt beim Fenster, von dem aus man so herrlich Leute beobachten konnte.
 
„Du zahlst ja, wenn auch zuwenig und unregelmäßig“, begann Meike. „Aber es reicht nicht. Ich brauche das Geld. Das Leben ist teuer.“
 
„Das Gleiche gilt für mich“, fand Franz. Er fragte sich langsam, auf was Meike hinaus wollte. Vorhaltungen hätte sie ihm auch, wie gewöhnlich, am Telefon machen können.
 
„Ja, aber du bist allein und hast Arbeit, während ich zu Hause bin und die Kinder versorgen muss. Könntest du nicht...“
 
„...ich dachte ja, dass du wieder heiratest“, unterbrach er. „Du hast mich doch damals wegen dieses...“ Franz schnippste mit den Fingern. „Wie hieß der doch gleich?“
 
Meike winkte ab. „Das ist lange vorbei. Außerdem war der nur der Auslöser für die Trennung. Es lief doch schon lange nichts mehr bei uns.“
 
„Bei uns lief nie was“, sagte Franz und dachte an den Sex, der nie funktioniert hatte.
 
„Du denkst an Sex“, stellte Meike nüchtern fest. „Ich habe eben keine Libido. Ich weiß nicht, was in dieser Beziehung mit mir los ist. “
 
Franz hatte Oberwasser. „Das ist wahrscheinlich auch der Grund, weshalb es mit diesem Neuen nicht geklappt hat.“
 
„Stimmt“, gab Meike nach längerem Überlegen zu. Ehrlich war sie immer gewesen. „Und du gibst wahrscheinlich sogar Geld dafür aus. Das hast du doch vor unserer Zeit auch so gemacht.“
 
Franz verbarg sein Gesicht  hinter den Händen und nickte.
 
„Ich brauche das regelmäßig. Ich weiß, es ist primitiv, aber...“
 
Meike sah ihn an, als schäme sie sich für den Gedanken, der ihr eben gekommen war. Und eben durch diesen Blick brachte sie ihn auf denselben Gedanken. Was wiederum dazu führte, dass sie sich traute, ihren Gedanken zu äußern.
 
„Machen wir es doch folgendermaßen“, schlug sie vor. „Du kommst regelmäßig, packst mir den vollen Unterhalt auf den Tisch und reagierst dich an mir ab. Dann sparst du das Geld für die Damen und ich kann die Kinder ernähren.“
 
Das klang hart, und weil Franz sich dreckig vorkam, hatte er das Bedürfnis, Meike moralisch herunter zu ziehen und sie für dieses Gefühl zu bestrafen.
 
„Gute Idee“, schimpfte er in einem Tonfall, der eher auf Verachtung als auf Liebe hinwies. „Dann machen wir es wie früher. Du legst dich hin und ich bediene mich. Genau deshalb war ich oft so gereizt.“
 
Meike riss die Augenbrauen hoch. „Ich fand dich abstoßend wegen deiner animalischen Bedürfnisse, und das nahm mir den letzten Rest an Lust auf dich.“
 
So groß das Bedürfnis nach Regelung der finanziellen Probleme war, so schnell verschwand das Thema Gründe für das Scheitern der Ehe, dass sie schon vor Jahren etliche Male durchgekaut hatten.
 
Franz schluckte. „Wie machen wir es nun?“
 
Meike sah ihn lüstern an. Sie brauchte dringend Geld. „Wieviel hast du bei dir?“
 
*
Es war wirklich wie früher. Meike nahm die Position ein, die auch früher schon die schnellste Befriedigung bei Franz bewirkt hatte und nach fünf Minuten war die Sache erledigt. Im Küchenschrank in der Zuckerdose, die bis eben leer gewesen war, steckten jetzt fünfzig Euro.
 
„Ging ja schnell“, stellte sie fest. „So wie früher.“
 
„Ebenso“, bestätigte Franz. „Wir haben es eben gemacht, beide haben wir es gemacht. Hast nur die Körpermitte frei gemacht, dein weißer, birnenförmiger Arsch hat mich angemacht und dann habe ich es gemacht...“
 
Meike winkte angeekelt ab. „Warum erzählst du mir das? Meinst du, das bringt mich dazu, mehr zu wollen? Niemals. Das war die Hölle damals.“
 
Das Geschäft mit der Hölle war jedes Mal schnell abgewickelt, bis Meike den Reißverschluss ihrer Jeans oben ließ und reden wollte.
 
„Hör mal“, flüsterte sie und sah zur Seite, als wolle sie die Worte, die sie so oft geübt hatte, an der Tapete ablesen. „Mit uns, das geht nicht mehr.“
 
„Ach nee“, spottete Franz. „Brauchst du kein Geld mehr? Hast du Arbeit? Hast du vielleicht einen neuen Lover?“
 
Wie gut er sie kannte. Meike nickte und sah ihn von unten her an, so wie früher, wenn sie ihn zu etwas überreden wollte. „Ja, ich habe einen Freund, und wir sind offen zueinander. Ich habe ihm gesagt, dass wir zwar seit Jahren auseinander sind, dass du mich aber etwa alle 14 Tage besuchst.“
 
Franz lachte. „Und da ist er aufgestanden und gegangen“, spöttelte er.
 
„Nicht ganz“, gab sie zu. „Aber ich habe ihm versprochen, dass das nie wieder passiert.“
 
Franz ließ sich auf den Sessel fallen, an dessen Lehne sich Meike sonst fest hielt, wenn sie ihr gemeinsames Geschäft durchzogen.  „Du bist ja wohl wahnsinnig. Das wird doch nichts. Wenn der feststellt, dass du überhaupt keinen Bock auf ihn hast, dass du es im Grunde nur tust, weil du einen Partner und Geld brauchst...“
 
Meike setzte sich zu ihm auf die Kante und sah ihn prüfend an, aber sie prüfte nicht ihn, sondern sie prüfte sich, und sie stellte fest, dass sie in letzter Zeit bei jedem Treff mehr Lust verspürt hatte, Franz in die Arme zu nehmen, ihn zu küssen und zärtlich zu ihm zu sein. Jetzt, wo alle Illusionen und Enttäuschungen früherer Zeiten über den Jordan waren und nichts galt als das, was sich in diesem Moment in beider Herzen abspielte.
 
„Ich will dich“, rief sie mit rauer Stimme und rutschte auf seinen Schoß. Sie griff seinen Kopf mit beiden Händen und küsste ihn.
 
„Warte“, rief er gequetscht. „Du hast dein Geld noch nicht.“
 
Meike überlegte. Etwas Wahres war ja dran an dem, was Franz sagte. Erst der Verstand und dann das Bedürfnis, dachte sie.
 
„Wir gehen nachher gemeinsam einkaufen, und dann darfst du bezahlen“, rief sie und küsste sein Gesicht, und sie küsste ihn überall dort, wo sie ihn lange nicht mehr geküsst hatte.
 
„Genau wie früher“, rief Franz und lachte.
 
„Ich meine unsere ersten beiden Monate“, fügte er hinzu, ehe sie ihn falsch verstehen konnte.
 
Copyright Jürgen Berndt-Lüders

Was ich ausdrücken möchte, ist vielleicht nicht für jeden ersichtlich. Es kommt auf die Erfahrungen an, die man gemacht hat: die beiden kennen und verstehen sich im Grunde von selber, aber es haben sich in der ersten Zeit der Ehe Vorurteile und Probleme gebildet, die unüberbrückbar wurden. Und erst durch das Streichen aller Erwartungen und Möglichkeiten der Fehldeutungen merken sie, dass sie sich noch lieben.

Wie so oft
Jürgen Berndt-Lüders, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.08.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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