Michael Dauk

Ein Ausflug zu den Lacandonen

San Cristobal de las Casas war eine faszinierende Stadt. Im Südwesten Mexikos in 2.100 Meter Höhe gelegen, füllten die schachbrettartig angelegten Straßen mit den angrenzenden, niedrigen Wohnhäusern fast den gesamten Talkessel aus, der von den umliegenden Bergen eingeschlossen war. Die Großstadt, die Einwohnerzahl betrug zu jener Zeit knapp 100.000 Menschen, wird auch die Indio-Haupstadt Mexikos genannt. Auf dem berühmten Markt verkaufte die im Umland angesiedelte indigene Bevölkerung täglich ihre Produkte. Kaffee, Kakao, Bananen, Tabak, Mais und Bohnen wurden kunstvoll arrangiert angeboten. Gern schlenderte ich über den sogenannten Eingeborenen-Markt und erfreute mich über Gemüse, Obst, Gewürze, Geflügel (lebende Hühner im Dreierpack mit zusammengebundenen Beinen über dem Fleisch), Essensstände (Hunderte!), Lebensmitteldosen, Schnittblumen, Korbwaren, T-Shirts, Ponchos, Keramik, Kerzen, Töpfe, Sonnenbrillen, Taschenrechnern bis hin zu hell blinkenden und lärmenden Lichtern für den Weihnachtsbaum und Möbeln. Gekauft hatte ich nie etwas.


Ich logierte in einem wunderbaren Hotel, das um einen weitläufigen Innenhof herum gebaut war. Das Gebäude war einstöckig und mit leuchtend roten Schindeln gedeckt. Es bestand keine Möglichkeit, aus den eigenen Räumen direkt auf die Straße zu gelangen. In den Außenmauern gab es keine Türen, sondern nur vergitterte Fenster. Die Eingänge waren zum Hof hin gelegen. In der Mitte des Patios stand ein ständig sprudelnder Springbrunnen, dessen viele Schalen und Becken jeden Morgen von den Hotelbediensteten mit frischem Obst gefüllt wurden. Ich empfand es als eine Labsal, in der Mittagshitze unter dem Strohdach der Veranda vor meiner Suite zu sitzen, träge in einem historischen Roman über die Frühgeschichte Mexikos zu lesen und ab und zu an meinem „Agua de Chia“, Limonensaft, gewürzt mit wildem Salbei, zu nippen. Agnes trat aus ihren Räumen, schlenderte zum Brunnen, griff sich eine Mango, schaute mich an, zog die Augenbrauen hoch und nahm sich nach meinem Kopfnicken eine weitere Frucht. Sie kam über den Hof auf mich zu und setzte sich neben mich in einen der hohen, altertümlichen Rohrstühle, die einen Teil der Terrassenmöblierung bildeten. Das Geflecht knarrte leise, als sie sich seufzend zurück lehnte.

Ich wünsche mir den Schweizer Winter.“ Wir schrieben Ende Dezember 1976.


Agnes lebte in Herrliberg. Herrliberg in der Nähe von Zürich am Nordufer des gleichnamigen Sees. Agnes hatte den beneidenswerten Beruf einer Kundschafterin, neuschweizerisch Scout, für ein großes Schweizer Reiseunternehmen. Sie hatte interessante Orte aufzuspüren, die als Reiseziele für betuchte Bürger der Alpenrepublik von Reiz sein könnten. Sie bereiste die Welt von einem Ort zum anderen und bekam sogar noch Geld dafür. Wie gesagt, beneidenswert. Auf dieser Reise jedoch war sie nur zum eigenen Vergnügen. Agnes war mir auf dem Hinflug aufgefallen, als sie während des Tankstopps in Hartford/Connecticut versuchte, die Transithalle zu verlassen und von zwei amerikanischen Sicherheitsbeamten auf äußerst rüde Weise daran gehindert wurde. In der nachfolgenden Zeit hatte ich den Kontakt zu ihr gesucht, und ich war ihr offensichtlich ebenfalls sympathisch. Während einer Woche in Acapulco hatten wir im gemeinsamen Hotel gewohnt, und dort waren wir zusammen gekommen. Wir hatten einen Spaziergang in das Zentrum von Acapulco gemacht, in die „Zona rosa“. Wir waren gewarnt worden, dieses doch nicht zu unternehmen, weil die Kriminalität in diesem Viertel sehr hoch wäre. Wir hatten dieses Gebiet auch sehr schnell wieder verlassen, weil wir uns des Gefühls der beständigen Bedrohung dort nicht hatten erwehren können. Ich hatte zu der Zeit die Angewohnheit, barfuss zu laufen, wo es nur ging. Prompt trat ich auf dem Rückweg in eine Flaschenscherbe. Die Scherbe zerbrach, und ein großer Splitter verblieb in meiner Ferse. Mühsam humpelte ich, auf Agnes gestützt, zurück ins Hotel. Dort bat ich sie, an der Rezeption irgendetwas zum Desinfizieren zu besorgen. Sie kam mit einer Flasche reinem Alkohol zurück. Mit einer Nagelschere schnitt ich das Fleisch auf und holte den tief sitzenden Splitter heraus. Anschließend zog ich die Wunde auseinander, und Agnes goss den Alkohol hinein. Als ich wieder erwachte, lag ich in ihren Armen. Ich war ohnmächtig geworden. Von nun ab lag ich noch häufig in ihren Armen.


Christa hat mich gefragt, ob ich morgen mit zu den Lakandonen möchte“ begann Agnes. Christa war unsere deutschsprachige Reisebegleiterin. “Wir wollen mit einer kleinen Cessna hin fliegen. Ich hab´ große Lust dazu. Ein Platz ist noch frei. Willst du nicht mitkommen? Es kostet 150 US-Dollar“

Ja, klar! Ich komme mit“ stimmte ich begeistert zu.

Zu den Lakandonen? Ich hatte mich vor der Reise über Mexico und Guatemala informiert und auch einiges über dieses Volksstamm gelesen. Die Gruppe war erst in den dreißiger Jahren entdeckt worden. Von der modernen Zivilisation unberührt, lebten sie in ihrem schwer zugänglichen Dorf mitten im Urwald noch wie vor Hunderten von Jahren. Sie waren die letzten originären Nachfahren der Maya. Und jetzt hatte ich die Gelegenheit, sie zu sehen. Ich wäre ein Tor, nicht mitzukommen. Wir sollten am nächsten Morgen um neun Uhr am kleinen Flughafen der Stadt sein. Ich gab Primus, meinem Diener Bescheid, uns am nächsten Morgen rechtzeitig zu wecken. Agnes wollte bei mir schlafen. Damit kein falscher Eindruck entsteht: Ich hatte auch zu jener Zeit keinen Diener. Das Hotel in San Cristobal de las Casas stellte jedem Gast für die Zeit des Aufenthalts einen persönlichen Diener zur Verfügung. Primus entzündete abends den Kamin, übernahm das Wecken, brachte das Frühstück, erledigte kleine Einkäufe und war wirklich rührend um mich besorgt. Ich war eben auf einer wahrhaftigen Luxusreise. Um noch Eines klar zu stellen: Ich hätte mir diese Reise niemals leisten können. Ich bekam sie geschenkt.


Primus weckte uns am nächsten Morgen so zeitig, dass wir noch Zeit für ein sehr reichhaltiges Frühstück hatten. Wir wussten beide nicht, wann wir wieder etwas zu essen bekommen würden. Als wir das Hotel verließen, versäumte ich es nicht, einen 5-Dollar-Schein unter das Kopfkissen zu legen. Auch Agnes legte ihren Obolus dazu in der Hoffung, dass Primus den Schein Agnes´ Diener geben würde. Das herbei gerufene Taxi wartete bereits am Straßenrand. Ein uralter amerikanischer Straßenkreuzer mit ausladenden Heckflossen. Schade nur, dass die Stoßdämpfer entweder völlig ausgeschlagen oder gar ausgebaut waren. Jeder Stoß eines Schlaglochs, und derer gab es viele, schoss ungehindert ins Steißbein. Ich war froh, als wir endlich den Flughafen erreichten. Christa und Juan, der Pilot warteten schon. Zur Sicherheit wurden wir noch gewogen, bevor wir die kleine Maschine besteigen durften. Agnes nahm neben mir auf den Rücksitzen Platz. Wir rollten mit wachsender Geschwindigkeit über die Startbahn und waren bald in der Luft. Jetzt begann ein halbstündiges Kreisen. Wir mussten aus dem Talkessel heraus. Es dauerte wirklich lange, ehe wir über den Kämmen der umliegenden Berge waren. Dann bot sich aber ein wahrhaft grandioser Ausblick. Schier endlos dehnte sich der grüne, undurchdringliche Dschungel vor uns aus. Nur das schwarze Band der Panamericana unterbrach das gleichförmige Bild. Auf dieser Straße waren wir mit Taxis in die Stadt gekommen. Der Dschungel war durchaus nicht eben. Über viele Höcker zog sich der dichte Teppich hin, an vielen Stellen durch heraus ragende Felsmassive durchbrochen. Nach etwa einer Stunde ruhigen Flugs kam ein gewundener Fluss in Sicht, der sich in manchen Bereichen seenartig erweiterte. Juan zog die Maschine hinunter, und wir donnerten in kaum fünf Meter Höhe über dem tiefdunklen Wasser dahin. Als am Ende einer Flussbiegung ein Kanu in Sicht kam, nahm Juan die Cessna sofort hoch, um die Leute im Boot nicht zu erschrecken.


Nach einer weiteren Stunde sahen wir vor uns ein langgestrecktes, schmales, hellgrünes Rechteck auftauchen. Eine Landepiste. Langsam gingen wir tiefer. Unmittelbar nach der sanften Landung und dem Abstellen des Motors waren wir von kleingewachsenen, dunkelhäutigen Menschen mit blauschwarzen Haaren umgeben. Die Arme streckten uns einfach gefertigte Kunsthandwerkgegenstände hin. Ich schaute Agnes enttäuscht an. Das war also der ursprüngliche Volksstamm, der uns billige Souvenirstücke verkaufen wollte? Dafür hatten wir jeder 150 Dollar bezahlt? Na, wenigstens den Flug war es wert gewesen. Unwillig folgten wir Juan, der uns durch dichtes Unterholz auf einem schmalen Dschungelpfad zur eine halbe Stunde entfernten Siedlung führte. Handtellergroße Moskitos setzten sich auf freie Hautstellen und stachen sofort zu. Wider meine Erwartung schwollen die Stellen nur kurz an und schmerzten auch nur wenig. Wir erreichten ein Dorf mit etwa zwanzig Strohhütten. Die Behausungen waren niedrig, nur ungefähr 130 Zentimeter hoch. Was wir an der Landepiste erlebt hatten, wurde hier noch gesteigert. Vor einigen Hütten standen Verkaufstische, voll gestellt mit Waren der bereits am Flugzeug angebotenen Art. Wir waren auf einem Souvenirmarkt im Dschungel gelandet. Christa redete auf Spanisch erregt und erbost auf Juan ein. Er schien ein wenig bedrückt und schuldbewusst. Er entschuldigte sich offenbar wortreich und schien dann noch etwas Interessantes zu sagen, denn Christa beugte sich gespannt vor und hörte aufmerksam zu. Auf dem Rückweg zum Flugzeug erzählte sie Agnes und mir, dass er den Vorschlag gemacht hätte, auf dem Rückflug noch einen Abstecher zu einem anderen, noch später entdeckten Dorf zu machen, dort würden wir tatsächlich noch Lakandonen in ihrer ursprünglichen Lebensart sehen. Klar wollten wir.


Während des Fluges zum besagten Dorf bat Christa darum, doch einmal den Steuerknüppel übernehmen zu dürfen. Sie machte gerade in Deutschland ihren Flugschein. Juan kannte die Frau schon länger und überließ ihr den Knüppel. Sie flog ruhig und sicher. Als wir uns der Lakandonensiedlung näherten, musterte ich mit Sorge die für mich viel zu kurze Landepiste jenseits des Flusses Rio Usumacinta nahe der Grenze zu Guatemala. Immer noch gelassen, näherte sich die Pilotin schnell dem Landeplatz. Eine Buschreihe kam immer näher, noch näher. Wir waren viel zu tief. Agnes klammerte sich an mich und rief mir ins Ohr „Ich hab´ Angst! Ich hab´ Angst!“ Was sollte ich denn machen? Ich hatte auch Angst. Der eigentliche Pilot schob den Gashebel ruckartig nach vorn und zog den Steuerknüppel hastig zurück. Die kleine Maschine machte einen regelrechten Satz über das Buschwerk und setzte hart auf der Landepiste auf. Wir waren zu schnell. Nur wenige Meter vor dem Waldrand brachte Juan die Cessna zum Stehen. Leichenblass und zitternd kletterten Agnes und ich aus der engen Kabine. Juan sagte kein Wort, sondern drohte wortlos Christa mit dem Finger. Sie reagierte darauf nur mit einem resignierten Kopfschütteln.


Eine Gruppe von Kindern in einfach geschnittenen weißen, langen Hemden kam mit Pfeil und Bogen auf uns zugelaufen. Nein, es waren gar keine Kinder, es waren Erwachsene, noch kleinwüchsiger als die Bewohner des vorigen Dorfes. Sie hatten wohl das Flugzeug gehört und wollten sehen, wer sie denn besuchte. Sie trugen auch keine zu verkaufenden Gegenstände in den Händen. Sie umringten uns und starrten uns stumm an. Niemand von ihnen schien Spanisch sprechen zu können. Und keiner von uns war der indigenen Sprache mächtig. Juan zeigte in eine Richtung im Dschungel. Dort schien wohl die Siedlung zu liegen. Schweigend drehten sich die Lakandonen um und gingen auf einen schmalen Buschpfad zu. Gespannt folgten wir ihnen. Nach erstaunlich kurzer Zeit erreichten wir eine Waldlichtung und erblickten ungefähr zehn der schon bekannten Hütten. In der Mitte brannte schwach ein Feuer. Die Einwohner hockten um die Feuerstelle herum und schauten uns an. Ich wusste nicht, wohin mit den Augen. Ich fühlte mich hier völlig fehl am Platze. Was wollte ich hier? Ich gehörte hier nicht hin. Ich war nur froh, meine Kamera im Hotel vergessen zu haben. Mit diesem ungehängten Apparat hätte ich mich noch unangemessener gefühlt. Agnes empfand wohl ähnlich. Sie lehnte sich an mich. Ich spürte, wie ihr Körper leicht zitterte. Vielleicht hatte sie Angst. Nein, ich hatte keine Angst, ich fühlte mich in keiner Weise bedroht. Ich konnte auch nichts aus den Blicken der Lakandonen lesen, ich empfand sie als ausdruckslos. Sie konnten wohl genau so wenig mit uns anfangen wie wir mit ihnen. Juan sagte etwas auf Spanisch zu Christa. Sie erklärte uns, dass Juan uns ein Hütteninneres zeigen wollte. Ich schüttelte entschieden den Kopf. Das ging nun wirklich zu weit. Ich wollte nur noch fort von hier, wollte die Menschen wieder allein lassen. Ich drehte mich um und ging auf den Dschungelpfad zu. Agnes folgte mir auf der Stelle. Christa und Juan zögerten noch ein wenig, bis auch sie den Rückweg antraten. Ich stapfte merkwürdig niedergedrückt über die sich wirr kreuzenden Baumwurzeln. Ich hätte nicht her kommen sollen.


Besorgt musterte ich auf der Piste die Entfernung zur Buschreihe am anderen Ende. Juan sah wohl meinen Gesichtsausdruck und plapperte fröhlich auf mich ein. Ich verstand kein Wort. Doch seinen Gesten entnahm ich, dass der Wind sehr günstig stände und ich mir keine Sorgen machen sollte. Wir mussten nämlich in Richtung der Büsche starten, und von dort her wehte ein kräftiger Wind. In der anderen Richtung, über die Baumgruppe hinweg, hätten wir es niemals geschafft. Wir kletterten in die Kabine, Juan ließ den Motor an, gab Vollgas und hielt das Bremspedal energisch nieder. Als der Motor seine volle Leistung erreicht hatte, ließ er es abrupt los, die Cessna machte einen Satz nach vorn und nahm Fahrt auf. Wir wurden immer schneller. Und Büsche kamen erschreckend rasch näher. Im gefühlten letzten Moment zog Juan die Maschine hoch, und wir kratzten gerade noch über das Buschwerk. Dass auch Juan diesen Start nicht als alltäglich ansah, merkte ich daran, dass er sich anschließend mit einem hörbaren Seufzer zurück lehnte. Während des Startvorgangs hatte er gespannt auf den Staudruckmesser gestarrt, um bloß nicht den richtigen Abhebezeitpunkt zu verpassen. Für den Rest des Fluges durfte Christa nicht noch einmal den Steuerknüppel übernehmen.
 

Juan fuhr uns nach der Landung noch ins Hotel. Wir baten ihn, noch ein wenig bei uns zu bleiben. Er lehnte jedoch mit der Begründung ab, dass er Sehnsucht nach seiner Frau und seinen Kindern hatte. Ein kaum zu widerlegendes Argument. Christa, Agnes und ich suchten nach dem erforderlichen Duschen zunächst das hoteleigene Restaurant auf. Schließlich hatten wir seit dem Morgen nichts mehr gegessen. Ich wählte eine Spezialität der Gegend, Jamón Planchado, geräucherten Schinken in Karamellkruste mit gebratenem Reis und einem gemischten Salat. Selten hat mir ein Schinken so gut geschmeckt. Aber musste denn unbedingt eine folkloristisch aufgedonnerte Marimba-Band für lautstarken Hintergrund sorgen? Nach dem Essen setzten wir uns in die Bar, um über den vergangenen Tag zu sprechen. Ich äußerte die Meinung, dass dieser Ausflug ein Fehler gewesen wäre und schilderte meine Empfindung in dem zweiten Lakandonendorf. Agnes widersprach mir heftig. Genau aus diesem Grunde wäre es kein Fehler gewesen, meinte sie. Denn wenn ich nicht dort gewesen wäre, hätte ich niemals dieses totale fehl am Platze Sein erfahren können. So ihr Argument. Sie war allerdings mit mir einer Meinung, dass wir dieses Unternehmen nicht wiederholen würden. Christa erzählte dann noch einiges über die Lakandonen und ihre Lebensumstände. Die Gebiete, in den sie siedelten, wurden von der mexikanischen Regierung als rechtmäßiges Eigentum der Nachfahren der Maya anerkannt. Nun geschah dieses selbstverständlich nicht uneigennützig. In den ausgedehnten Wäldern wuchsen Mahagonibäume. Nicht Sipo oder Sapeli, nein der richtige, der Swietenia gedieh hier. Um diese wahren Schätze ausbeuten zu können, hatte die Staatsgewalt einigen Forstunternehmen Lizenzen ausgestellt, die es ihnen erlaubten, das begehrte Holz zu schlagen. Die Lizenzgebühr betrug 120 US-Dollar jährlich pro Kopf der registrierten Lakandonen. Bei geschätzten 500 erfassten Seelen ein lächerlicher Betrag für den anschließend erzielten Profit. Das Geld sollte direkt den Ureinwohnern zugute kommen. Es kam und kommt jedoch nur ein Bruchteil davon an. Abgesehen von der Tatsache, dass das Aushändigen von Bargeld diesen Leuten ohnehin nicht hilft, wurden die Lakandonen nach Strich und Faden über den Tisch gezogen. Dabei wäre es so leicht gewesen, den Lebensraum dieser Leute zu schützen, sie in ihrer Isolation zu belassen. Was die sogenannte Zivilisation ihnen brachte, sahen wir leider an den Verkaufsbemühungen der Lakandonen im ersten Dorf – ihre Kultur lag am Boden.

Wir drei waren ein wenig traurig, weil wir hier eine große Chance vertan worden war. Es war eben so. Rolf, der Rechtsanwalt aus Frankfurt kam an unsere Tresenecke und setzte sich zu uns. Immer wieder glitt sein Blick zum zugedeckten Flügel, der den Mittelpunkt der kleinen Bar bildete. Ich wusste, dass er nicht nur das Fach Klavier in Hamburg studiert, sondern sogar sein Diplom in der Tasche hatte. Schließlich war ich zufällig bei seiner öffentlichen Diplomprüfung in der Hamburger Musikhalle anwesend gewesen. Zu jener Zeit besuchte ich häufig diese Konzerte. Der Besuch kostete nichts, und es wurde exzellent musiziert. Es war reiner Zufall, dass ich ihn im Flugzeug nach Mexiko wieder erkannte. Er kannte mich natürlich nicht, freute sich aber über mein Interesse. Er hatte selbst eingesehen, dass er nicht so gut war, um mit dem Klavierspielen Geld verdienen zu können. Und auf Kreuzfahrtschiffen und in Hotelbars wollte er für Geld nicht auftreten. Also sattelte er zum Rechtsanwalt um. Schließlich stand ich auf und fragte den Bartender, ob wir den Flügel benutzen durften. Wir durften. Rolf zog das Tuch von dem Instrument und erstarrte.

Ein Bösendorfer! Ein Bösendorfer!“ rief er. „Wo haben die denn hier einen Bösendorfer her?“

Egal. Es war einer, und er war sogar gestimmt, wie Rolf durch einige Läufe heraus fand. Er meinte noch, dass dieses jetzt kein Wunschkonzert wäre und begann mit der Waldsteinsonate von Beethoven. Donnerschlag! Während der Darbietung versammelten sich immer mehr Hotelangestellte am Eingang der Bar und lauschten hingerissen dem Vortrag. Nach Verklingen der letzten Töne klatschten sie nicht etwa Beifall, sondern traten schweigend vor und bedankten sich bei ihm per Handschlag und gingen zurück auf ihre Zuschauerplätze. Rolf war dadurch so berührt, dass er noch eine Zugabe gab: „Aus Holbergs Zeit“ von Edvard Grieg in einer Fassung für Klavier. Es trieb mir die Tränen in die Augen.


Hamburg, Januar 2010

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.08.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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