Marion Walter

Das Fest der Gefühle

Es war wieder soweit. Wie jedes Jahr trafen sie sich, um sich darüber auszutauschen, wie sie Besitz von den Menschen ergreifen und ihr Leben beeinflussen. Sie wollten voneinander wissen, wie sie sich bei den Menschen entwickelt haben und was es Neues gibt.
Die Gier kam als erste und hatte die Missgunst, ihre Schwester, im Gefolge. Sie war sichtlich zufrieden mit sich selbst. Sie hatte noch nie die Befürchtung, von den Menschen nicht gefühlt zu werden. Sie stürzte sich sofort auf das Buffet und raffte alles, was sie zu tragen vermochte. Als der Neid dies sah, tat er es der Gier gleich. Er fühlte sich sichtlich wohl in der Nähe der Gier. Wahrscheinlich hatten die beiden ein Verhältnis miteinander. Auch er strotzte vor Selbstvertrauen. Er war sich sicher, dass er den Menschen ein beständiger Begleiter ist.
Der Hochmut und die Eitelkeit stritten sich wieder heftig darüber, wer von ihnen am stärksten von den Menschen gefühlt wird. Sie werden sich wohl nie einig werden. Ihr Streitgespräch konnte nahezu jeder im Raum mit verfolgen. Obwohl sie ständig stritten, haben sie sich doch nie getrennt. Sie waren ehelich miteinander verbunden.
An einem der hinteren Tische in einer Ecke saß die Zurückhaltung ganz allein am Tisch. Sie beobachtete das Geschehen, ohne daran teilzuhaben.
Die Freude und die Fröhlichkeit kamen Hand in Hand wie ein Wirbelsturm durch die Tür und wollten gleich alle umarmen. Doch das gelang ihnen nicht. Wie bei den Menschen. Die Freude klagte über ihren Mangel bei den Menschen. Dennoch schwang sie mit der Fröhlichkeit sofort das Tanzbein und beide waren sehr ausgelassen. Es mag auch daran gelegen haben, dass das Vertrauen in der Nähe war. Aber das Vertrauen war sehr klein geworden. Es erzählte, wie schwer es den Menschen fiele, es zu besitzen. Es klagte die Enttäuschung an, die sich bei den Menschen so verbreitet hatte. Doch darüber lachte der Zweifel nur. Er konnte darüber berichten, dass die Menschen ihn zunehmend fühlten. Das Vertrauen und der Zweifel waren sich schon immer Spinnefeind gewesen. Mit der Enttäuschung jedoch war er sehr eng befreundet.
Beeindruckend war, wie die Unsicherheit aussah. Sie hatte deutlich an Gewicht zugenommen.
In feinstem Zwirn und mit Krawatte stolzierte der Stolz durch den Raum. Der Hochmut und die Eitelkeit hörten kurz auf zu streiten und suchten seine Nähe. Sie kamen in ein anregendes Gespräch.
Die Angst kam sehr spät und wurde von den anderen kaum wahrgenommen. Doch war sie stärker als im letzten Jahr. Deshalb schritt sie auch forsch auf den Mut zu, der ziemlich verzweifelt aussah, weil die Menschen immer weniger von ihm besaßen.
Ähnlich wie mit der Angst war es mit der Traurigkeit. Von ihr konnten die Menschen zunehmend Besitz ergreifen und auch sie wurde immer größer.
Zu fortgeschrittener Stunde trat endlich die Liebe durch die Tür. Sofort erstrahlte der Raum in hellem Licht und füllte sich mit Wärme. Sogar der Hass verbeugte sich vor ihr. Er wusste, er war ihr unterlegen. Sie war wie jedes Jahr das stärkste aller Gefühle. Doch musste auch sie zugeben, dass es den Menschen schwer fällt, sie zu fühlen. Oft wird sie wegen ihrer Ähnlichkeit auch mit ihrer kleinen Schwester, der Verliebtheit verwechselt.
Alle redeten bunt durcheinander, doch irgendwie konnte man eine Unruhe spüren, die alle empfanden. Sie warteten noch auf jemanden. Keiner war sich sicher, ob es sie noch gab. Die Blicke gingen immer wieder zur Tür. Ob sie sich an diesem Abend noch einmal öffnen würde? Nur die Gelassenheit konnte diese Unruhe nicht nachvollziehen.
Und gerade in dem Moment, als alle wieder aufbrechen wollten, um sich unter die Menschen zu mischen, öffnete sich die Tür und sie kam herein. Es war die Hoffnung, die gerade durch die Tür trat. Alle hörten auf zu reden und zu tanzen und schritten langsam auf sie zu. Selbst die Zurückhaltung erhob sich von ihrem Tisch, um ein wenig von ihr zu bekommen. Die Hoffnung war sich ihrer Bedeutung bewusst. Sie sagte: „Solange die Menschen mich besitzen, werden sie leben.“ Ihre Stimme klang sanft, als sie sprach: „Wenn die Menschen mich nicht mehr haben, fühlen sie auch keinen von Euch. Ihr werdet verstehen, dass ich jetzt erst bei euch bin. Ich bin sehr damit beschäftigt, den Menschen von mir zu geben.“.
Und alle wussten, wie recht sie hatte.

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Marion Walter).
Der Beitrag wurde von Marion Walter auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.08.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Die Autorin:

  Marion Walter als Lieblingsautorin markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Felix auf Reisen von Silvia Möbius



Eine Abenteuergeschichte aus der Sicht einer 1 Euromünze, die den Namen Felix trägt. Er und viele andere Münzen und Geldscheine erleben so manches auf ihrer Reise durch Geldbörsen, Registrierkassen , Sandstrände und vielem mehr. Felix ist für Kinder ab ca. 6 Jahren, aber auch Eltern und Großeltern werden ihren Spaß daran haben ihn zu lesen.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Sonstige" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Marion Walter

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

autobiographisch...mein Freund Peter von Rüdiger Nazar (Sonstige)
RENT-A-COMPLIMENT von Andrea Koßmann (Humor)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen