Karl-Heinz Franzen

Perfekter Service

Perfekter Service, perfekter Service, perfekter Service. Ihr werdet mir entgegnen: “Es gibt nichts Perfektes. Und schon gar nicht einen perfekten Service!“ Ich werde Euch entgegnen: „Das glaubte ich bis heute Vormittag, 10.00 Uhr auch!“

 

Wenn ich dann noch berichte, dass ich diesen perfekten Service auf unserer Postannahmestelle unseres Stadtteiles erlebt habe, dann würdet Ihr mich anschauen und denken: „Jetzt gehen sie mit ihm ab, dem Guten. Jetzt ist er total von der Rolle!“

 

Ich war der zweite Kunde zu dieser Zeit in der Postannahmestelle. Diese betreibt Frau Graubner nur nebenbei, denn das Hauptgeschäft soll mit Süßigkeiten, Rauchwaren, Alkoholika und Krimskrams „laufen“. Wie auch immer. Vor mir bediente Frau Graubner, so die nunmehr 75jährige, ich muss ihr noch gratulieren. Sie hatte, wenn ich es mir vom letzten Einschreiben, dass ich bei ihr „einwarf“, richtig merkte, vor einigen Tagen Geburtstag. Sie neigt ein wenig zur Altersfülle, so nennt sie es, ist aber insgesamt „Meine Hüften wollen nicht mehr so richtig …“ recht fit. Die junge Frau, so Anfang bis Mitte vierzig, die gerade mit fünf oder sechs mittleren Paketen sich auf dem Posttisch entladen hat, schaut sich kurz zu mir um, lächelt mich aus kohleschwarzen Augen und schmalen Lippen freundlich an, dreht sich wieder Frau Graubner zu und sagt etwas zu ihrer Fracht, was ich zwar höre aber mir durch beide Ohren flitzen lasse. Mittelgroß wirkt sie und recht passabel in ihrem lockeren T-Shirt und ihren engen Jeans. Wie eng diese sind, wird mir mit einem Schlage deutlich, als sie sich vorbeugt zu Frau Graubner, um ihr wahrscheinlich etwas zuzuflüstern.

 

Ja, ja, ja. Ich halte ja den Diskretionsabstand ein. Das sind vom großen Schild mit diesen Worten darauf so ungefähr zwei Meter. Und zuhören würde ich Euch sowieso nicht. Es interessiert mich einfach nicht, was ihr schwätzt. Sind doch sowieso die üblichen Frauengeschichtchen. Welchen Mann interessieren die schon wirklich? Flüstert nur!

 

Wow. Ist das ein reizend pralles Heck. Wow. Ich spüre, wie mir meine eher locker umgetuchte Jeans an bestimmter Stelle oberhalb des Schrittes eng wird. Ich muss mich kurz umdrehen, zum Glück ist kein weiterer Kunde hinter mir, um den eigensinnigen Gesellen gen Himmel zu richten. Als ich mich wieder Richtung Posttisch wende, bleibt mir der Blut treibende Anblick treu. Es hilft nichts. Ich bin nun mal ein Mann. So durch und durch. Ich fixiere den Spalt zwischen diesen bejeansten Hügeln und fahre auf meinem Gedankenstrahl kräftig ein. Das ging glatter, als ich es mir gedacht hatte.

 

Meine rhythmischen Bewegungen beginnen sofort … und ich traue meinen Augen nicht. Das darf doch nicht wahr sein. Es bewegt sich der kostbare Jeansstoff vor mir sanft hin und her. Genau fordernd zu meinen Bewegungen. Frau Graubner lässt ihre Arbeit Arbeit sein. Nimmt die Hände von … ach, ich nenne sie einfach Luise, der Name gefällt mir … in ihre Hände. Die beiden Frauen schauen sich, ich möchte sagen, sehr intensiv an. Die Jeans bewegen sich. Frau Graubner und Luise schmeicheln sich streichelnd mit ihren Händen. Ein leises Stöhnen aus beiden Mündern wird für mich hörbar. Dann folgt ein irgendwie mit großer Erleichterung ausgehauchtes: „Ach, ja …“

 

Die Frauenhände lösen sich wieder voneinander. Frau Graubner schaut kurz mit großen Augen zu mir auf und widmet sich wieder den Paketen. Die Jeans vor mir am Posttisch stehen still. Ich entlade mich in die weiße Leibwäsche und traue mich nicht zur kleinsten Bewegung.

 

„Zweiundzwanzig Euro und achtzig Cent“, sagt Frau Graubner zu Luise. Luise reicht ihr das Geld, offensichtlich vorher schon passend abgezählt, sie kennt sich also „auch“ mit den Paketen aus. „Machs gut Luise“, sagt Frau Graubner und gleich darauf, „oh, entschuldige, Michaela. Ich weiß gar nicht, wie ich auf Luise komme. Grüße Deinen Mann von mir, bitte. Er möchte sich morgen Vormittag mal melden. Der Computer von meinem Hans. Du weißt schon!“ „Klar doch“, antwortet Michaela, „ich sage es ihm. Bis dann, und grüße mir Deinen Hans!“

 

Dann dreht sie sich um zu mir. Schaut mich an. Mit großer Sicherheit glüht meine Birne immer noch tiefrot. Ihre Augen scheinen mir noch schwärzer zu sein als vorhin. Sie lächelt. Als sie an mir vorbeigeht, streift sie mit ihrem linken Unterarm gegen meinen, obwohl der Diskretionsweg breit genug für uns beide gewesen wäre. Ich verspüre so einen elektrischen „Schlag“, wie ich ihn in Erinnerung habe, als wir so als Halbwüchsige gegen den elektrifizierten Weidenzaun pinkelten, hinter dem die Kühe meines Großvaters ihre Kuhfladen platschen ließen. „Die Jungens“ wissen vielleicht, wovon ich rede. Die Mädchen kennen es eher nur von Hörensagen, da sie in die Richtung gegen den Elektrozaun, bis auf Margarete, aber das ist eine andere Geschichte, nicht halten können. Der Schlag geht durch und durch … Dann ist sie mit einem weiteren „Tschüss“ aus dem Laden.

 

Frau Graubner schaut mich irgendwie wissend und lächelnd an. Nimmt freudig meine nachträgliche Gratulation zu ihrem 75sten entgegen. Erzählt mir noch kurz von einem überraschenden Kurzurlaub in Büsum. Den hatte ihr Hans so heimlich gebucht. Von Ebbe und Flut und Wattwandern und … Fertigt so nebenbei mit Scanner und Aufkleber mein Einschreiben ab. Ich zahle die gewünschten drei Euro und fünfzig Cent und verlasse den Laden. Natürlich schaue ich bald mal wieder ein, liebe Frau Graubner, natürlich.

 

Als ich wieder zuhause eintreffe, schaut meine Frau mich prüfend an und meint sagen zu müssen: „Du siehst aus, als ob Du gerade fremdgegangen bist. Irgendwie siehst Du so aus!“ „Ja, das stimmt“, lächle ich ihr zu, während ihr Lächeln sofort von den Lippen weicht und aus den schelmischen Augen entflieht das Strahlen. „Du warst doch bei der Post, oder?“, fragt sie unsicher. „Ja, mein Schatz, ich war bei der Post. Der Service war perfekt!“

 

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24. August 2010

 

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Mit dem Schreiben und Dichten, ist das so eine Sache.So war ich oft der Meinung, nur lyrisch Schreiben zu können, falls ich mich in einem annähernd, seelischen Gleichgewicht befände, erkannte aber bald die Unrichtigkeit dieser Hypothese.Wichtig allein, war der Mut des Eintauchens.Das Eins werden mit dem kollektiven Fluss des Ganzen. Meine Gedanken, zärtlich zu Papier gebrachten Gefühle,schöpfte ich stets aus diesem Fluss.

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