Christa Astl

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Sie hat Mann, Kinder, Freunde verlassen. Freiwillig ist sie gegangen, allein, in die selbst gewählte Einsamkeit. Ruhe will sie finden, Frieden mit sich, tiefen, in sie eindringenden Frieden. Menschenscheu ist sie geworden. Sie, die viel mit Menschen zu tun hatte, ist ihrer überdrüssig. Sie hat genug davon, sich aufzuopfern, für andere da zu sein, sich selbst dabei zu verlieren.
Ausgelaugt, ausgebrannt war sie oft, hat ihr Leben nur mehr als Zwang, als Pflichterfüllung gesehen, fand keine Freude mehr. Nichtstun, Träumen war ihr zum Fremdwort geworden. Fast schon zwanghaft war sie dauernd in Bewegung, hatte zu tun, irgendetwas lag immer irgendwo herum.
Hier hofft sie nun, ihr inneres Gleichgewicht wieder zu finden, ihr Leben leben zu können.
Sie wohnt jetzt in einem kleinen, alten, fast schon baufälligen Häuschen. Eigentlich steht das Haus ja mitten im Dorf, da es aber sehr klein ist und inmitten einer großen Wiese liegt, sind die Nachbarn doch so weit weg, dass ihr „keiner in die Suppenschüssel schaut“, wie sie das so ausdrückt.
Vor Jahren ist sie von hier, ihrem Elternhaus fortgezogen, hat turbulente Zeiten erlebt. Jetzt im Alter zieht es sie wieder zurück an die Stätte der Kindheit, den Ort lieber Erinnerungen. Sie sehnt sich nach der Ruhe, der Stille auf diesem Fleckchen Erde, der Einsamkeit. Die Welt ist ihr zu laut, zu bunt geworden. –
Sie hat wenig Kontakt mit den Menschen rundum, manchmal einen kleinen Plausch über den Zaun, sonst ist sie lieber allein. Die Angelegenheiten der Nachbarn und auch die Weltneuigkeiten interessieren sie nicht mehr. Ihr genügt ihre kleine selbst geschaffene Welt.
Als sie vor Jahren mit ihren wenigen Habseligkeiten hier eingezogen ist, hat sie beschlossen so einfach und so unabhängig wie möglich zu leben. Auf einen Fernseher hat sie von vornherein verzichtet, Telefonanschluss braucht sie auch keinen, für Notfälle genügt ihr ein Handy. Geheizt wird mit Holz, das sie selber schneidet und hackt. „. . so gibt es zweimal warm“, meint sie lächelnd. Sie bäckt ihr Brot selber, zum Einkaufen geht sie nur einmal die Woche ins Dorf. Ein paar alte Obstbäume stehen auf der Wiese hinterm Haus, sie kennt sie noch aus Kindertagen. Oft sieht man sie hoch oben auf der Leiter, wenn sie im Frühjahr die Bäume schneidet oder im Spätherbst die Äpfel pflückt, die sie dann im Keller einlagert. An der Hausmauer rankt sich eine Weinrebe, auch diese noch aus ihres Vaters Weinberg im Süden, von wo er sie einst hierher verpflanzt hat. Aber auch hier im raueren Klima des Nordens trägt sie reiche Früchte. Sie setzt ihre Erdäpfel, ihr Kraut und ihre Bohnen. Das Stück Gartenland umzustechen war eine ordentlich harte Arbeit, auf die sie immer noch stolz ist. Stolz ist sie auch auf ihren „Wald“, bestehend aus sechs Fichten und einer Föhre, unter denen sie als Kind schon gespielt hatte. Immerhin wachsen in ihrem Wald Erdbeeren, Himbeeren, Brombeeren und sogar wilde Ribisel. Außerdem bietet er einem Eichkatzerl und einem Igel Unterschlupf und gerne schaukeln abends die Raben auf den Wipfeln im Wind. Einmal hat sich sogar ein Buntspecht sehen lassen. An der warmen Hausmauer tummeln sich die Eidechsen, im Kompost leben die Blindschleichen, die leider manchmal Opfer des Rasenmähers werden. Grasmücken, Rotschwänzchen, Bachstelzen, aber auch Amseln suchen ihre Würmer, und im Spätherbst spazieren die Raben über die große Wiese.
Die große Wiese mit ihrer Blumenvielfalt liebt sie besonders. Zwar muss sie alle zwei bis drei Wochen mähen, da sonst der Rasenmäher nicht mehr durchkommt, aber jedes Mal lässt sie ein besonders bunt blühendes Stück übrig.
Manchmal überlegt sie, ob sie nicht den Sommer über ein paar Schafe ausleihen sollte, dann hätte sie nicht so viel zu mähen. Nur, Tiere machen auch Dreck, und wie sollte sie sie hüten, dass sie nicht bei allen Nachbarn sind?
Mohrli, die schwarze Katze hat sie im Vorjahr als Baby am Fluss gefunden und aufgepäppelt, und diese begleitet sie nun auf Schritt und Tritt.
Nun möchte sie sich ein paar Enten kaufen, um der Schneckenplage Herr zu werden und vielleicht ein paar Hühner. In der Garage findet sie genug Bretter und ein hilfsbereiter Nachbar ist auch zur Stelle, so kann gleich ein größerer Stall gebaut werden.
Bei einem Bauern im Nachbardorf bekommt sie ihre Tiere und voll Freude führt sie sie in ihr neues Heim. Es sind dies das Entenpaar Adam und Eva, die drei jungen Hennen Gigi, Gaga und Gaia, und den Sommer über eine Ziege. Eigentlich hat sie daran gedacht, zwei Schafe zu nehmen, aber das braunweiß gescheckte Zicklein hat sie so treuherzig angeschaut, ist ihr überall hin nachgesprungen, so dass sie ihm nicht mehr widerstehen konnte. Und so hat auch Mitzi, die Goaß, Einzug gehalten….
 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.08.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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