Sascha Theodor Kühl

Der verliebte Stuhl





Donnerstag,
elf Uhr. Es ist ein Tag wie schon so viele. Menschen kommen und
gehen, schauen mich zu Beginn misstrauisch an und nehmen im Endeffekt
glücklich einen meiner verpackten Geschwister mit. Bitte nicht
missverstehen, mein Name ist Alejandro und ich bin ein Stuhl bei
IKEA.
Glaubt
mir, es gibt nichts Langweiligeres als dumm vor der Kasse zu stehen
und sich den Po testender Kunden anzugucken. Meine Existenz ist die
reinste Hölle und wäre nebenan nicht Säckö, ein liebenswerter
Tisch, hätte ich schon längst Suizit begangen. Ich kann mich zwar
nicht bewegen, aber es gibt immer irgendeinen Weg.
Habe
ich schon erwähnt, dass sie Säckö heißt? Gedanklich flüchte ich
immer zu ihr, genau genommen unter ihre prachtvolle Tischfläche. Ihr
Glas glänzt wie Sterne es nur können, trotz ihres scwarzen
Untergrunds. Ihre Beine sind ebenfalls schwarz wie die Nacht und sie
haben statt einer geraden Form eine Welle im mittleren Bereich. Sie
sind gebogen wie der Hals eines Schwans, nur eben in schwarz. Dieses
Objekt Gottes kann man einfach nur lieben. Sie ist so einfühlsam. An
einem Tag konnte ich mich mit ihr unterhalten. Ich war von meinem
Platz verrückt worden. Genau wie ich hasst sie das Stehen. Außerdem
beneidet sie uns Stühle, da wie in der Lage sind, die Last der
Menschen auszuhalten. Mehr erfuhr ich nicht, da mich ein Mitarbeiter
an meinem ursprünglichen Platz zurückstellte.
Heute
sehe ich schon die ganze Zeit Menschen Säckö bewundern, bis zu dem
Zeitpunkt, als ein Mann zwei Angestellte ruft. Zuerst versperrt mir
der Mann die Sicht, dann bewegen sich die Mitarbeiter von IKEA mit
Säckö unter den Armen zur Kasse. In diesem Moment bricht meine Welt
zusammen. Am liebsten würde ich schreien, den Mann bitten, mich auch
mitzunehmen, aber wie, wenn mich dieses Stück Fleisch nicht hören
kann? Warum macht er das? Warum trennt er uns? Sehe ich nicht gut
aus? Mein schwarzes, künstliches Leder passt doch zu ihr. Hat er
mich nicht gesehen?
Eine
Leere bricht über mich herein. Was soll ich machen? Der Mann ist
inzwischen außer Sichtweite und hat sicherlich schon das Gelände
verlassen.


Wenn
es einen Gott gibt, so bitte ich dich, mir meine Säckö
wiederzubringen oder mir Holzwürmer zu schicken. Wie sonst soll ich
ohne meine große Liebe weiterleben?

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Gestatten, dass ich mich vorstelle. Ich heiße Pedro und bin ein Graupapagei, ja, genau, der mit dem schwarzen Krummschnabel, der weißen Maske, dem grauen Gefieder und den roten Schwanzfedern. Meine drei Freunde Kasimier, genannt »Karl-Karl Kasel«, Grete, genannt »Motte-Maus« oder »Prinzessin«, Peter, genannt »O«, und ich leben seit Dezember 1994 in einem schönen Einfamilienhaus in einem Dorf in der Vorharzregion. Ich habe mir vorgenommen, aus meinem Leben zu berichten, was mir alles so passiert ist, wie mein Tagesablauf ist und war und was mich alles so bewegt.

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