Beate Minderjahn

9.) Noch mehr Shopping! - Unser neues Leben ...

9.) Noch mehr Shopping!
Unser neues Leben am Ende der Welt – Neuseeland  22. November 1999
Freitag hat Bernd nochmal bis zum spaeten Nachmittag unserem neuen Deutschen Freund Karl geholfen. Da habe ich doch gleich die Gelegenheit genutzt und bin mit meinem kleinen Mannlein und dem Auto nach Orewa gefahren um mal in Ruhe alle Geschaefte zu erforschen. Henry lag gemuetlich in seinem Kinderwagen und schlief tief und fest als ich den ersten Shop betrat. Kaum hatte ich den Kinderwagen durch die Eingangstuere bugsiert, steckte schon ein altes Muetterchen den Kopf in den Wagen, weckte ihn auf und Henry und das Muetterchen lachen sich an, beide ohne Zaehne. Das Muetterchen wiederum freut sich, dass sich das Baby sich freut und dann wollte sie alles genau wissen. Junge oder Maedchen, wie alt, aus welchem Land? Dann wurde Henry noch 10 Minuten als „Happy chappy“ (was immer das ist) gelobt bevor wir uns endlich losreissen konnten. Freundlichkeit wird ja hier gross geschrieben und so ist es nicht ungewoehnlich, alle paar Minuten angesprochen zu werden. Zielgerecht umfuhren wir auf dem Weg zum naechsten Geschaeft ein anderes altes Muetterchen, das im Vorbeifahren noch schnell den Kopf in den Kinderwagen steckte  und wissen wollte, wie alt das Baby ist. So braucht man hier viel Zeit zum Einkaufen...
Am Samstag fuhren wir nochmal alle zusammen in die Stadt. Unterwegs sahen wir mehrere Schilder „Garage Sale“. Nach einer Weile meinte Bernd „hier werden aber viele Garagen verkauft“. Ich musste lachen und ihn dann natuerlich (als ausgekochte- und -gebildete Pionierfrau) eines besseren belehren.  Das sind die kleinen privaten Flohmaerkte, wo die Leute mal endlich ihre alten Regale, Sessel, Ehpartner, Kind, Kegel, Hund, Katze, Maus und sonstiges Zeug verkaufen, das sie nicht mehr brauchen. Es ist immer samstags ab 8.00 Uhr und vorher annoncieren die Leute ihre Adresse in der Zeitung. Wenn dann der grosse Tag kommt, wird alles aus der Garage vor die Garage geschleppt, Schilder an allen Haupt-und Nebenstrassen aufgestellt und dann kann jeder im Vorbeifahren sein Auto bremsen und den ganzen Kraempel kaufen. Habe ich natuerlich alles schon laengst rausgefunden und finde es gar nicht so doof! Dann brauchen sie nicht wie in Deutschland schon morgens um 5.00 Uhr das Auto vollzupacken, zum Flohmarkt zu fahren, sich in der Schlange anzustellen, sich mit anderen Haendlern um einen guten Standplatz zu pruegeln,  ueberteuertes Standgeld zu bezahlen,  nur damit der ganze Kram bei stroehmendem Regen noch nass wird  (jahrelange Flohmarkt-Erfahrung in good old Germany).  Wenn es hier regnet, ueberschreibt man einfach die Flohmarktschilder mit „cancelled“ , schleudert alles zurueck in die Garage und macht das Tor wieder zu! Und die Steigerung von „Garage Sale“ ist „Monster Garage Sale“. Dann verkaufen sie neben den  Garagen auch noch die passenden Monster...
Henry soll wegen seiner Verstopfung mehr trinken, aber er weigert sich, den Fencheltee runterzuschlucken. Den Moehrensaft, der hier sehr schwer zu bekommen ist, mag er auch nicht  und das einzige Getraenk, das eine Chance hat, ist verduennter Orangensaft. Allerdings spuckt er den dann eine Viertelstunde spaeter wieder aus, genau wie die Babymilch. Am besten zieht man ihm gar nichts an, ansonsten kann man zehnmal am Tag die Kleidung wechseln. Dass noch niemand, selbstreinigende Babykleidung oder Einmal-Kleidung zum Wegwerfen erfunden hat, wundert mich. Henry ist nicht nur ein kleines Ferkelchen, er ist auch noch raffiniert. Obwohl ich beim Fuettern immer ein Tuch auf der Schulter habe, schafft er es taeglich, auch meine Kleider zu versauen. Jedesmal reisst er mit der kleinen Hand erst das Tuch von meiner Schulter und bevor ich es wieder zurueckerobern kann, spuckt er sein Essen auf mich und lacht. 
Heute war Bernds letzter freier Tag, bevor er morgenfrueh um 8.00 Uhr endlich seinen neuen Job in Albany anfaengt.
Deshalb sind wir nochmal alle zusammen nach Auckland in ein grosses Einkaufszentrum gefahren, um fuer Henrys Babybett eine kleine Matratze zu kaufen. Hoert sich einfacher an als es ist. Ich hatte die Auswahl zwischen zu lang oder zu breit. Habe mich dann fuer das zu lange Modell entschieden, Stoff aufgeschlitzt, mit dem guten Brotmesser 40 cm vom Schaumstoff abgeschnitten, Stoff wieder zugenaeht! Da fackel ich doch nicht lange rum!  Sitzt – passt und hat Luft, wie man so schoen sagt.  Da kann das Baby schlafen wie ein Engelchen.
Ansonsten habe ich mir noch ein Backblech und Rezeptbuch fuer Muffins gekauft, um mich  bald unauffaellig in die Reihen einheimischen Muffin-Baeckerinnen zu mischen. Lernen – Anpassen - Eingliedern ist die Devise.  Und in Muffins kann man alles einbacken, was man nicht mehr braucht, genau so einfallsreich wie der Belag von Sandwichs.
Sonntags scheint der beliebteste Einkaufstag der Neuseelaender zu sein. Die Shopping Centers sind total voll und die ganze Grossfamilie wird mitgeschleppt. Und in den Shopping Centres  haben sie tolle Wickel- und Fuettereinrichtungen fuer Muetter mit Kleinkindern. Dort gibt es  Wickeltische, Waschbecken, Mikrowellen, bequeme Sessel zum Fuettern und Stillen, Spielsachen  und einen Fernseher, um die abgeschlaffte und vom Einkauf gestresste Mutter 736-teiligen Familiendramen zu unterhalten. Solch einen Service habe ich in Deutschland noch nicht gesehen (ausser bei Ikea!). Mein lieber Mann hasst diese Einkaufzentrenn, nicht nur wegen der Bakterien, vor allem wegen den vielen Leuten. Irgendwann hatte  ich meinen Cafe-suechtigen Mann und unser liebstes Baby dann mal in einem Cafe geparkt und bin fuer ein paar Minuten alleine losgezogen (man goennt sich ja sonst nix...).  Aber es dauerte nicht lange (definitiv weniger als ein paar Minuten), da hoerte ich schon ein kleines Monster krakelen und wusste genau, das ist meins! Bernd war damit voellig ueberfodert, und noch bevor ich das Cafe erreichte, hing sein Nervenkostuem nur noch an einem klitzekleinen Zipfelchen (man kennt sich ja lange genug und ein Blick genuegt!). Er hatte keine Chance, den bitterboesen Blicken saemtlicher vorbei schleichender Muetter, Tanten und Omas zu entrinnen, die ihn am liebsten persoenlich in Fetzen gerissen haetten, voller Mitleid fuer das arme kleine, unschuldige Opfer-Buendel, das sich gegen solche (whatever) Grausamkeiten nicht wehren konnte. Kaum komme ich um die Ecke, da lacht der Schelm aus vollem Halse. Shopping finished!     
Gerade haben wir unsere Spagetti verschlungen und schon haengt mein Mann wieder im Hochofen. Hoffentlich kann er heute Nacht ueberhaupt schlafen vor lauter Aufregung vor seinem ersten Arbeitstag in NZ...  
Fortsetzung folgt...
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.08.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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