Diethelm Reiner Kaminski

Wir hassen teuer


Frosch Abraham und Fröschin Ernestine bewohnten zwei benachbarte Teiche, die – vor allem im Winter – unterschiedlicher nicht hätten sein können. Während Abrahams Teich zugefroren war und an den Ufern nur blattlose Buschgerippe und bereifte Gräser standen, war Ernestines Teich ein einziges Schmuckstück. Wie wenn sie ihn für die Bundesgartenschau 2009 vorbereitet hätte, die im August stattfinden sollte. Wohin man blickte, blühten Blumen in allen Farben, flatterten Schmetterlinge, schmetterten Singvögel fröhliche Melodien.
Abraham vertrat sich vor Kälte schnatternd am Teichrand die Beine, während Ernestine sich im warmen Wasser ihres Teiches erging, umschwirrt von leckeren Mücken, Libellen und Wasserläufern.
„Hallo Abraham“, rief Ernestine ihrem griesgrämig dreinblickenden Nachbarn zu.
„Siehst du nun ein, dass es ein Fehler war, das Angebot unserer Frosch-Kooperative auszuschlagen? Ich habe mir die Unterwasserheizung einbauen lassen und damit den Winter zum Sommer gemacht. Du nicht, weil du Angst vor der zu hohen Gasrechnung hattest. Das hast du jetzt davon.“
Abraham trat von einem Bein aufs andere und wusste nicht so recht, wie er Ernestine seinen Wunsch vortragen sollte:
„Wäre es denkbar …? Ich meine ja nur … Was hältst du davon, wenn …? Nur mal so ins Unreine gedacht …“, stotterte er verlegen oder weil er vor Kälte schlotterte.
„Ich kann mir schon denken, worauf du hinaus möchtest“, kam ihm Ernestine entgegen, die nicht auf den Kopf gefallen war und den Fliegenbraten roch.
„Du möchtest in meinen Teich einziehen, gib´s zu.“
„Wie hast du das erraten?“, staunte Abraham: „Kannst du jetzt schon Gedanken lesen? Ich möchte ja gar nicht umsonst in deinem Teich wohnen. Wir könnten uns doch die Gasrechnung teilen. Das wäre für uns beide von Vorteil.“
„Ich wäre nicht abgeneigt“, sagte Ernestine, „aber nur mit Vertrag. Wenn es dir ernst ist, lass ich gleich meinen Notar Dr. Fliegenschnäpper kommen und wir setzen den Nutzungsvertrag noch heute auf.“
Freudig stimmte Abraham zu, der es nicht abwarten konnte, seine eingefrorenen Glieder ins wohlig warme Wasser zu tauchen und sich endlich wieder satt zu fressen.
Der Winter war erfreulich kurz in diesem Jahr. Gleich nach Einsetzen des Tauwetters zog Abraham zurück in seinen von Eis und Schnee befreiten Teich, um die anteilige Gasrechnung nicht unnötig in die Höhe zu treiben.
Die Rechnung ließ auf sich warten. Abraham hatte sie am Ende des Jahres schon vergessen, als Ernestine ihn besuchte. „Die Kooperative hat heute die Gasrechnung für 2009 geschickt. Solche Sachen möchte ich schnell vom Tisch haben. Es wäre mir deshalb lieb, wenn du sie sofort begleichen könntest.“
Abraham, der sich insgeheim einen lächerlichen Betrag von 25 Froscheiern ausgerechnet hatte, quakte gutgelaunt: „Aber klar, Ernestine, machen wir doch.“
„Hast du denn einen solch hohen Betrag flüssig?“, zweifelte Ernestine.
„Hoher Betrag?“, fragte Abraham. „Dreitausendfünfhundert Froscheier, wenn du´s genau wissen möchtest. Die Hälfte. Wie im Vertrag festgelegt“, sagte Ernestine kühl.
„Zeig her“, rief Abraham. „Das kann nur ein Irrtum sein. Ich habe deinen Teich keine drei Wochen genutzt.“
„Lies bitte auch das Kleingedruckte“, riet Ernestine ihm noch „und prüfe die Echtheit deiner Unterschrift.“
Abrahams Froschaugen wurden immer größer. Da stand es schwarz auf weiß: „Die Vertragspartner teilen sich die Jahresrechnung für die im Jahre 2009 anfallenden Gasbereitstellungskosten. Frühstück und andere Mahlzeiten werden extra berechnet.“
„Nun mach schon, Abraham, sieh zu, wo du den Betrag auftreibst. Ich muss weiter. Ich habe noch eine ganze Reihe von deiner Sorte auf der Liste, bei denen ich die Gebühren eintreiben muss. In diesem Jahr habe ich einen schönen Überschuss. Davon kann ich mir mindestens drei neue Teiche kaufen und mit Unterwasserheizungen ausstatten lassen. Mich selbst hat die Beheizung des Teiches, in dem ich wohne, kein einziges Froschei gekostet. Geiz ist geil. Wir hassen teuer.“



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