Der Blitz
Manchmal da blitzt es stark vom Himmel, der grelle Blitz, der so etwas wie ein Zu-
cken darstellt, ein Zucken mit Millionen Volt versehen. Also: Was vom Himmel ko-
mmt, wo auch der gute Gott seine Heimat haben soll, scheint Gefahr auszugehen,
eine enorme Kraft, mit durchstoßender Wirkung, denn so mancher Blitz, hat schon
eingeschlagen, nicht nur in Bäume oder Hausdächer, sondern auch der Mensch wird
gelegentlich vom Blitz getroffen, zwar nicht oft, aber wenn er trifft, dann ordentlich
und aus dem Individuum, wird ein Häufchen grauer Asche.
Der Bunker
Wenn man Angst verspürt, kann das Singen helfen die Ängste zu vertreiben. In den
Luftschutzbunkern, damals im zweiten Weltkrieg, da wo die Explosionen der Bom-
ben gut zu hören und zu spüren waren, da fingen die Frauen dort zu singen an, sie
sangen laut gegen das kriegerische Gebell der Bomben an, sie wollten sie mit ihren
Liedern vertreiben, vielleicht hielten sie sich mit angstverzerrtem Gesicht auch die
Ohren dabei zu. Das Einschlagen der Bomben geht durch den ganzen Körper, man
spürt die Gefahr am ganzen Leibe, man beißt sich nervös auf die Lippen und fängt
vor Panik mit den Füßen an zu Trommeln und dann immer werden diese klagenden
Lieder gesungen, vorzugsweise von Frauen. Es ist ein Gesang wie in der Kirche,
aber wir sind hier nicht im Gotteshaus, sondern unten in der Verdammnis, im Bunker,
dort wo die Bomben einschlagen. Nach einigen Stunden des Bombardements, wenn
von der Decke des getroffenen Bunkers, der weiße Kalk rieselt und die Atemwege
verstopft und wenn die Kinder immer noch schreien und die Mütter sie versuchen zu
beruhigen und nach dem ganzen Krach und Donner, eine merkwürdige Stille eintritt
und wenn das Schreien der Kinder nun versiegt ist und wenn das eintönige Singen
der Frauen verstummt ist, ja dann ist wieder diese beklemmende Stille zu spüren,
die leise um die Ohren weht und erst viel später merkt man, das die Bombenangriffe
längst vorbeigegangen sind.
Ertrinken
Das Wasser ist klar wie ein Kristall, es leuchtet immer schön in die Augen. Ich forme
meinen Mund zu einem spitzen Lächeln. Meine obere Zahnreihe wird dadurch frei-
gelegt, es sind weiße Zähne zu sehen, schöne Zähne, ohne Belag, weil ich nicht rau-
che und auf die tägliche Zahnpflege achte. Man trinkt das Wasser, wenn es Trink-
wasser ist, aber eine Flut von Wasser, sogenannte Wassermassen, können den Men-
schen ertränken. So ist der Unterschied nicht groß, vom Durst löschen durch Wasser
oder dem ertränkt werden durch Wassermassen oder dem Ertrinken in der Flut, bei-
spielsweise im blauen Meer.
Mein Gesicht
Im Spiegel, sehe ich mich nicht gerne, kann mein blasses Gesicht mit diesen Schlitz-
augen nicht ertragen, es erscheint mir von einem Fremden zu sein, aber es ist mein
Gesicht, nicht das Gesicht eines anderen,-das bin wirklich ich! Kann das denn über-
haupt sein? Wozu denn? Man kann sich sein Aussehen leider nicht aussuchen, auch
seinen Intellekt kann man sich nicht aussuchen. Man muss mit dem Leben, was man
ist. Man existiert eben, wenn ich hier einmal Sartre zitieren darf, nicht mehr und ni-
cht weniger.
Phlegmatiker
Mittags, wenn die Sonne nicht durch die Wolken kommt, wenn eine dichte Wolken-
kette, ein düsteres Bild zeichnet, dann merke ich, das ich wieder einmal akut müde
werde. Ich bin von meinem Charakterzug ein Phlegmatiker und die sind oft schlä-
frig am Tage, wenn andere Menschen, mit einem impulsiven Charakter, zur sel-
ben Zeit, hell wach und aktiv sind. Kaffee und Cola können diesen Hang zur
Schläfrigkeit und Antriebslosigkeit nur subkutan eindämmen, meistens wäre ein
gemächlicher Spaziergang in diesem Falle ratsamer, um meinen Kreislauf wieder
anzukurbeln. Doch wenn mich die Müdigkeit einmal gepackt hat, wenn ich meine,
mein Gehirn wäre blutleer, dann widerstrebt es mir, den rettenden Spaziergang zu
unternehmen, um dann doch lieber zu Hause zu bleiben, um dann dort, meinen
phantasievollen Gedanken nachzugehen, die unendlich schöner sein können,
als die triste Realität dort draußen.
© Wilhelm Westerkamp, September 2010
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.09.2010.
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