Jens Schriwer

Der grüne Stern

Die Nacht war dunkel. Der Mond verborgen hinter so dichten Wolken, als kehre niemals Licht in diese Welt zurück. Und doch schien ein einzelner Stern im Auge einer Katze.

Der Stern blinzelte und verschwand in den Tiefen der Stadt. Verloren in dem Labyrinth der Täler, sprang er von Schatten zu Schatten. Ungesehen und schnell.

Die Flure eines Hauses lagen still da und erwarteten den Morgen, denn vorher würde niemand von ihnen erwartet. Doch wer in dieser Nacht das Haus betrat, brauchte keine Flure. Sachte wurde ein Fenster aufgeschoben, ungeachtet dessen, dass es abgeschlossen gewesen sein mag. Ein Stück Dunkelheit schob sich ins Zimmer und – obgleich wenn niemand da war, es zu merken. Licht war ein Luxus, den dieser Besucher nicht benötigte, sich zurecht zu finden. Ohne dass er sich rührte, fand er den verborgenen Schatz des Zimmers. Behände und ohne Laut wurde er aus dem Herzen der Wand gelöst. Wert, gefunden unter tausend Profanitäten.

Der Stern brannte hell vor Begierde, ohne in Unvorsicht zu geraten.

Der Schatz verschwand – verschlungen vom Schatten – und mit ihm wich auch die Begierde wieder einer kühlen Zufriedenheit. Lautlos glitt er zum Fenster. Licht entbrannte, bevor er sich hinaus stürzen konnte und da stand der Grüne, seltsamer Störenfried wie in Glas gehüllt. Ein Stern erkannte den anderen und der Schatz würde an den helleren gehen. Keine Flucht.

Eine silberne Zunge leckte nach dem Stern und wollte ihn ersticken, doch das Feuer tanzte sich in Sicherheit. Flammen schlugen dem Grünen entgegen aus der dunklen Korona des Sterns und grün Versengtes schwebte in der Luft – nur von der Hülle, nicht vom Herzen. Fließend fing sich der Grüne auf, Blicke stachen nach dem Stern und die Zunge folgte ihnen lautlos. Ein Schwall von Magma ergoss sich, versengte den Grund und rote Zungen fingen die silberne ein, würgten sie. Sich verschlingend rangen sie und zerbrachen dem Licht, was jeder Mond der Sonne ist – lösten sich und blickten tausendfach tanzend sich stumm an, während der Regen verklang. Dumpfes Grollen rollte sich in den Eingeweiden der bezwungenen Feste aus, das sich klärte und selbst erklärte.

Der Grüne stürzte sich in die Stadt. Der Stern trat ans Fenster, warf den Schatz nach ihm und sprach: „Sei er dein, ich bin hier... gefangen!“

Der Schatz, der unstehlbare, war freigegeben. Seine Schwingen, im erwachten Mondlicht ohne Form, glitten ihn in Ferne. Eine Katze sahs in ihrem Auge, doch ihr schneidendes, weißes Lächeln galt dem schwindenden Stern.

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