Claudia Lichtenwald

An meine Wiedergeburt


An meine Wiedergeburt,

das Traurige an unserer Beziehung ist, daß sie eigentlich keine ist. Weder weiß ich wer du sein wirst, noch wirst du dich daran erinnern, wer ich war. Es ist ein ewiger Teufelskreis, den ich mit diesem Brief zu durchbrechen versuche. Ich möchte nicht dass ich jedesmal von vorne beginnen muß, weil ich mich nicht mehr an das erinnern kann, was ich in meinen früheren Leben gelernt habe. Es steht mir bis zum Hals. Ich schreibe dir, damit du mich erlöst.
Hoffentlich fühlst du dich angesprochen. Wer weiß schon in welcher Gestalt ich wiedergeboren werde. Es könnte genauso gut dein Nachbar sein, doch können wir uns darauf nicht verlassen. Vielleicht sind du und ich in diesem Moment ein und dieselbe Person. Schade eigentlich, daß du das vergessen hast.
Ich möchte eigentlich nicht mit banalen Erklärungen über dein Leben beginnen - „Du bist ein Mensch. Wenn du deine zwei Beine bewegst, verläßt du den Ort an dem du dich gerade befindest“ – denn diese Lektion hast du hoffentlich schon gelernt. Ich bin mir außerdem nicht ganz sicher, ob die Evolution dir deine Beine nicht schon aberkannt hat, dann hätten alle Erklärungsversuche meinerseits keinen Sinn. Doch selbst ohne Beine wären wir beide noch dieselbe, wir müssten das Beste daraus machen.
Aber laß uns keine Zeit verschwenden. Meine erste Bitte an dich:
Werde Politikerin statt Friseuse! Ich bin mittlerweile 58 und habe es leider versäumt. Bestimmt ärgert mich diese Tatsache seit mindestens 35 Leben und jedesmal fällt mir erst im letzten Drittel meiner Erdenzeit auf, daß ich meinen Beruf völlig verfehlt habe. Dem möchte ich gleich vorbeugen, ich hoffe du bist noch jung genug um alle erforderlichen Maßnahmen in die Wege zu leiten. Ich kann dir auch erklären warum ich dich das bitte, du hast es wahrscheinlich auch schon vergessen. Meine Bandscheiben sind im Eimer. Meine Lunge ist im Eimer. Das Dauergrinsen ist auf meinem Gesicht festgewachsen. All diese Opfer habe ich nicht etwa gebracht, um etwas Entscheidendes zu erreichen. Das Einzige, das ich bewirkte war, das Frau Marx und Herr Beutel einen flotteren Haarschnitt trugen. Wenn du das liest, sind beide schon tot. Wäre ich aber Politikerin geworden, hätte ich das Beamtentum abgeschafft und alle Tiere an die Macht gebracht. Ich wäre mit Tomaten beworfen worden, aber diese Opfer hätte ich für einen guten Zweck gebracht. Auf meinem Grabstein stände: Sie wurde auf dem Weg zu einer Kabinettsitzung gesteinigt. Aber wenigstens stände dort etwas Extravagantes.
Sei nicht du selber. Du bist nicht gefragt. Gefragt ist dein ausstaffiertes, selbstsicheres Ich dass sich auf dem Weg in die völlige Anpassung nicht beirren läßt. Eine genaue Anleitung für dieses Ich gibt es nicht geschrieben (obwohl schon einige Versuche angestellt wurden), doch kannst du dir Anregungen im Kino holen. Lasse dir Dialoge auf dich wirken, kaufe dir das dazugehörige Video sobald es erscheint, übe mit seiner Hilfe und lerne einzelne Passagen auswendig. Beginne mit deiner Familie nur noch wie die Synchronstimme von Sharon Stone zu sprechen. Bei deinen Freunden benutze Charaktere aus Dawsons Creek. Schlage zwischendurch die Augen nieder. Ändere deinen Gang. Laufe wie Claudia Schiffer. Deine Mitmenschen werden dich als große Persönlichkeit verehren.
Vergiß auch nicht, dich niemals zu verloben. Falls das bereits aus der Mode gekommen ist gilt natürlich auch: heirate nie. Niemals, hörst du? Während ich das schreibe, türmt sich neben der Tastatur ein Stapel vergilbter Briefmarkenalben, deren mutwilliges Entfernen meinen frühen Tod zur Folge hätten. Ich sitze daher mit an den Körper gepreßten Armen, während die Wäscheklammer auf meiner Nase mir die Tränen in die Augen treibt. Sie befindet sich dort, weil die Wäschetruhe mit der zwei Monate alten Wäsche , die ich aus Wasserspargründen nicht leeren darf (Wir haben genug Unterwäsche auf Vorrat um mit dem Waschen zu warten) ein Betreten des Raumes ohne Schutzmaßnahmen unmöglich macht.
Nenne deinen Chef unter keinen Umständen einen Krüppel. Auch wenn er dich beleidigt und provoziert, dir unter dem Tisch sein Knie zwischen die Beine rammt und dabei lächelnd über unumgänglichen Gehaltskürzungen spricht! Laß dich „unser Sorgenkind“ nennen, werfe dich vor Lachen über seine sexistischen Witze auf den Boden und laß jegliche Anfeindungen im Beisein deiner Kollegen gleichmütig über dich ergehen. Verliere in Gottes Namen nicht die Fassung! Ansonsten kannst du dich auf eine zehnjährige Episode in deinem Leben einstellen, in der du aufgrund der angespannten Verhältnisse auf dem Arbeitsmarkt deine Wohnung besser von innen kennenlernen kannst. Und zwar 23 Stunden am Tag. Glaub mir, ich spreche aus Erfahrung.
Und selbst wenn es nicht dein Chef ist. Sage überhaupt niemals irgend jemandem deine wahre Meinung über ihn. Auch wenn du hundertmal danach gefragt und in allen Lebenshilfebüchern steht es wäre dein einziger Weg zum Glück. Es dauert nicht lange und du wirst als unsensibel und egoistisch beschimpft. Ich bitte dich um meinetwillen, tu mir den Gefallen und halt den Mund. Wenn du schon etwas sagen mußt dann: „Das war aber süß, was du gesagt hast oder „ich bin leider auf dem Geburtstag meiner Großmutter eingeladen, und wer weiß wieviele Geburtstage sie noch hat“.
Mein wichtigster Tipp: Gedanken über dein Leben sind nicht mehr als ein sinnloses Vergeuden deiner wertvollen Zeit, denn sie führen zu nichts. Komme auf keinen Fall auf die Idee, dich zu fragen warum du deiner Nachbarin nur lächelnd begegnen darfst und warum es ehrenvoller ist seine Zeit auf einem Bürostuhl anstatt unter einer Brücke zu verbringen. Frage nicht warum Menschen ohne Abitur nicht die selben Chancen haben sondern füge dich deinem Schicksal und erklimme die Leitern die dir vor die Nase gestellt werden auf das du im Augenblick des Todes auf ein erfüllteres Leben blicken kannst als ich. Die Gesellschaft wird dir das Gefühl geben ein sinnvolles Leben zu führen, was dich davon entbindet entkräftende Diskussionen mit dir selbst führen zu müssen.
Und last but not least, ich flehe dich an, benutze Antifaltencreme! Beginne sofort damit. Verwende meinetwegen Liter um Liter. Um mir langwierige Ausführungen zu ersparen hefte ich ein Foto an diesen Brief. Ich hoffe, du verstehst dann wie dringlich dieser Wunsch ist.

Vielleicht schreibst du mir ja mal zurück, wie es dir ergangen ist?!

Viele Grüße, Deine Elfriede

Nov `02

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.01.2003. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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