Klaus Eylmann

Auf dem Fahrrad um die Welt

“Kompanie… aufstehn!”

Heinz stemmte sich hoch und stieß mit dem Kopf gegen die Stahlmatratze. Sein Schädel brummte. Er blieb auf dem Bett sitzen, blickte benommen zu Boden, während Otto von oben heruntersprang.
“Los Heinz. Keine Müdigkeit vorschützen!”
Heinz murmelte etwas vor sich hin und schlurfte zum Waschraum. Mann, was für ein Fusel. Der gestrige Abend war tierisch gewesen. Ihm kam das eigenartige Türschild wieder in den Sinn, dass er im Suff gefunden hatte, als er eine Abstellkammer mit ihrer Kabine verwechselte hatte. ‘Fitness Raum’ hatte draufgestanden. Was war das? Schweigend wuschen sie sich und gingen wieder in ihr Zimmer zurück. Kaum hatten sie sich angezogen hieß es:

“Kompanie…. raustreten zum Frühstück!”

Sie traten auf den Gang und marschierten mit den anderen zum Speisesaal. Auch hier nur Männer, doch Geduld war ihre Stärke. Fünfundvierzig Minuten später war es soweit. Eine Stimme brüllte:

“Kompanie…. raustreten zum Dienst!”

Geschlossen marschierten sie in den Energieraum mit seinen 200 chromblitzenden Trainingsrädern. Dort trat die 5. Kompanie im Gleichtakt in die Pedalen. Rechter Fuß, linker Fuß, rechter Fuß, linker Fuß, rechter Fuß, linker…..Sie wartete auf ihre Ablösung.
Heinz und Otto und die anderen Männern der 6. Kompanie schwangen sich auf ihre Räder. Inzwischen war auch die Frauenkompanie eingetroffen. Sie tat es ihnen gleich. Otto sah Heinz an und dann Lara. Heinz war klar, was Otto dachte. Lara war ein Ereignis. Wenn sie sich in ihrem engen Overall auf dem Rad bewegte, wurde ihnen heiß. Heinz drehte sich um. Voller Ehrfurcht betrachtete er die Tandems im Hintergrund des Saales. Ehepaare. Ihnen stand eine Doppelkabine zu. Einige wenige Lenker waren versilbert, andere vergoldet. Einer schien mit Diamanten besetzt. Es sah aus, als würden einige der Senioren jeden Augenblick von ihrem Tandem fallen. So lange hatten sie es schon miteinander ausgehalten. Doch würden sie die Pedalen treten, so lange noch ein Atemzug durch ihre Lungen pumpte.
Der Stabsunteroffizier hatte seine beiden Pauken aufgebaut und gab den Takt vor. Die Frauen und Männer der 5. Kompanie sprangen von ihren Rädern herunter, ihr Stuffz baute seine Pauken ab und die 5. Kompanie verschwand im Gleichschritt.
Das Leben war hart aber befriedigend. Sie alle wussten, ohne ihren täglichen Einsatz wäre ihr Raumschiff schon lange auf dem Planeten zerschellt, den es ständig umkreiste. Sie hatten eine Aufgabe, die gab ihrem Leben einen Sinn. Die Besatzung trat in drei Schichten rund um die Uhr, 7 Tage in der Woche im Energieraum in die Pedalen, sorgte dafür, dass das Schiff auf einer stabilen Umlaufbahn blieb. Der Einsatz war hart. Nur zwei Personen durften gleichzeitig für einige Minuten den Energieraum verlassen. Täten es mehr, würde das Schiff in einer Todesspirale auf den Planeten stürzen. Das wussten sie, das hatten ihre Großeltern schon gewusst, das war ihnen mehr als einmal erklärt worden. Es gab auch Videos darüber. Heinz blickte zu Lara hinüber, die sich angeregt mit ihrer Nachbarin unterhielt. Mit welcher Anmut sie in die Pedalen trat. Heinz war hingerissen, als sie zu ihm hinschaute und ihm ihr geheimnisvolles Lächeln schenkte. Wie schön wäre es, mit ihr auf einem Tandem zu sitzen!

Schiffsingenieur Brown schaltete seinen Monitor aus. Den Film hatte er nun schon tausend Mal gesehen. Ächzend erhob er sich aus dem Sessel und ging zur Offiziersmesse empor. Es gab nicht mehr viel für ihn auf dem Raumschiff zu tun. Alle paar Monate die Steuerdüsen feuern lassen, um das Schiff in der Umlaufbahn zu halten. Das wars dann schon.
Captain Miller und McGrew, sein erster Offizier, hingen halb betrunken in den Sesseln. “Hey Brown, komm her und trink mit uns. Trink mit uns auf die zillionste Umkreisung um diesen gottverdammten Planeten.”
“Mensch Miller,” Brown holte ein Glas aus dem Schrank und schenkte sich den synthetischen Whisky ein, “wenn wir das jetzt jeden Tag machen, vergesse ich noch im Suff, die Steuerdüsen einzuschalten, und wir stürzen tatsächlich auf diesen Schwefelstinker.”
“Was denn,” meinte McGrew, “dann haben unsere Leute nicht kräftig genug in die Pedalen getreten.” Dröhnendes Lachen hallte durch die Messe. Dann wurde es still und Brown sah mit tränenverschleierten Augen, wie Millers Schultern zuckten..

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