Karl-Heinz Fricke

Meine Bergmannsjahre (dritter Teil)

 

Alle Bergleute, die zur Okerschen Hütte abgestellt wurden, waren unter der Aufsicht eines Steigers, der kein Ruhmesblatt unter seinen Kollegen darstellte, der aber immerhin den Titel eines Bergingenieurs trug, und von uns Kumpels keinen Respekt erntete, weil er sich wie eine Vogelscheuche kleidete und zudem noch eine Augenklappe trug. Im kühlen Oktoberwind schlotterte seine Bekleidung um seine besenstielähnliche Gestalt. Sein ewiges Tabakschnorren trug auch nicht gerade dazu bei, in ihm einen Bergbeamten zu vermuten.Vier Bergleute waren dazu ausersehen einem Hüttenmeister direkt zugeteilt zu werden. Glücklicherweise war ich einer von denen. Von nun an hatte der Steiger uns nichts mehr zu befehlen, was ihn natürlich wurmte. Der Grund dafür war die Entscheidung des freundlichen Hüttenmeisters, dem wir unterstanden, uns im Zeitakkord arbeiten zu lassen. Er erwartete von uns, dreißig Loren mit Sinter zu beladen, was wir ohne Anstrengung in zwei Stunden schafften. Damit war das Tagespensum erreicht, und es wurde uns erlaubt nach Haus zu gehen. Es war augenscheinlich, dass man nicht viel für uns zu tun hatte, und dass es hauptsächlich darum ging uns zu beschäftigen.So sah man uns zwischen zehn und elf Uhr fröhlich pfeifend das Hüttenwerk verlassen. Dieser Zeitakkord war ein Erholungsurlaub, und unserem lieben Steiger passte diese Abmachung nicht. Missmutig erklärte er, wir hätten einen ‘schönen Lenz’, und er versprach uns, etwas dagegen zu tun. Glücklicherweise war er dem Hüttenmeister noch nicht begegnet, und wir passten höllisch auf, dass das auch nicht geschah. Einmal wäre es fast ins Auge gegangen, als der Hüttenmeister nach uns schaute und unser Steiger auf einem Schienenwege nahte. Wir wurden gefragt, ob wir den Kerl kennen. Wir verneinten, sagten aber, dass wir ihn beim Betrachten des Kohlenhaufens beobachtet hätten Er sah auch aus wie der damals berüchtigte Kohlenklau. Darauf rief der Hüttenmeister dem Steiger zu, er solle abhauen, was er zu unserem Erstaunen auch tat, denn er machte auf der Stelle kehrt.

Alle guten Dinge gehen einmal zu Ende, und wir hatten wohl genug Sinter geladen. Da

im Hüttenwesen nun einmal Sand für die Öfen benötigt wird, wurden wir in die Sandgrube außerhalb des Ortes beordert. Auf dem verhärtetem Sandkörper befand sich eine meterhohe Erdschicht, die zuerst abgetragen werden musste. Danach trieben wir senkrechte Löcher in den Sand, besetzten sie mit Dynamitpatronen und lösten die Sprengung aus. Wir hatten dann für mehrere Tage losen Sand, den wir auf einen von Pferden gezogenen Kastenwagen luden, mit dem ein Kutscher dreimal am Tage erschien.

Unsere Vorgänger hatten einen kleinen Stollen höhlenartig in den harten Sandkörper herausgehauen, der uns als Warteraum diente, bis der Kutscher wiederkam. Dieser war ein freundlicher Mann und er wurde immer netter, weil wir ihn auch aus einer mitgebrachten Schnapsflasche trinken ließen. Er war daher nicht abgeneigt, uns eine Blechtonne und Koks von der Hütte mitzubringen, denn es wurde Anfang November mächtig kühl da draußen. Bald hatten wir einen glühenden Ofen in der Sandhöhle um den wir uns herumsetzten. Bei einer Höhe von etwa anderthalb Metern mussten wir gebückt die Höhle betreten. Als wir einmal gemütlich beisammen saßen, besuchte uns unser Steiger, der mit dem Kutscher ankam. Gebückt betrat er die Höhle und stellte sich vor die glühende Tonne, um sich zu wärmen. Ehe er um Tabak betteln konnte, fiel er plötzlich um. Glücklicherweise zur Seite, sonst wäre er gegen die Tonne gefallen. Nach einer Weile kam er wieder zu sich. Das Koksfeuer hatte Gas unter der Sanddecke gebildet. Wir gingen nun raus, luden den Wagen und auch unseren Steiger darauf und ab ging die Post.

Für zwei Wochen kehrten wir nochmals zur Hütte zum Sinterladen zurück, und dann rief uns der Rammelsberg wieder.

Teil Nummer vier folgt.  


Karl-Heinz Fricke  11.9.2010

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