Diethelm Reiner Kaminski

Maßgeschneidert



Meinen Beruf habe ich mir selbst erfunden. Ich habe ihn mir sozusagen maßgeschneidert. Schon immer habe ich gerne geschrieben, ein halbes Leben lang habe ich davon geträumt, Schriftsteller zu werden, und darüber zu leben versäumt, ohne auch nur eine kleine Erzählung bei einem Verlag unterbringen zu können. Mehr recht und schlecht hielt ich mich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, aber dazu, eine Familie zu gründen oder gar zu ernähren, reichte es nie, bis ich eine empfindliche Marktlücke entdeckte und die Chance meines Lebens nicht nur erkannte, sondern auch umgehend nutzte und gewinnbringend umsetzte. Heute bin ich ein gemachter Mann. Verlage und Frauen reißen sich um mich. Eine Familie habe ich zwar immer noch nicht, habe sie aber auch nicht mehr nötig, weil ich so viele Frauen haben kann, wie ich möchte. Und dieser Zustand des Überflusses ist mir allemal lieber als Schmalhans Küchenmeister.
Als Vielleser war mir schon immer aufgefallen, dass fast alle Romane zu lang sind. Das mindert das Lesevergnügen, weil der Leser sich durch die überflüssigen Seiten quält und sich über die vertane Zeit und den unnötig hohen Buchpreis ärgert. Dieser unseligen Entwicklung musste endlich Einhalt geboten werden. Ich diente mich den einschlägigen Verlagen als ‚Romankürzer‘ an: Eine Kürzung von 20 Prozent im Manuskript senkt die Seitenzahl bei einem 500 Seiten-Opus immerhin um hundert auf ein erträglicheres Maß von 400 Seiten, gleichzeitig aber auch die Druck- und Honorarkosten, wovon auch der Kunde preislich, wenngleich nicht alleinig, profitiert. Am liebsten kürze ich die 300 Seiten-Romane auf sympathische 240 Seiten herunter. Nach jedem meiner Eingriffe steigen die Verkaufszahlen und die Zahl der positiven Rezensionen. Ich habe unzählige Klagen zum Verstummen gebracht, dass die Autoren Langeweile verströmten.
Nun dürfen Sie nicht glauben, der Beruf des Romankürzers sei geistig anspruchslos. 20 Prozent der Seiten hinten wegstreichen kann jeder Dummkopf. Die Kürzung muss so erfolgen, dass sie dem literarischen Werk nicht zum Nachteil gereicht, sondern Geist und Absicht des Autors vollständig bewahrt. Und diese hohe Kunst beherrsche ich konkurrenzlos genial. Immer häufiger kommt es vor, dass mir selbst renommierte Schriftsteller unaufgefordert ihre Manuskripte zuschicken, um sie von mir kürzen zu lassen, bevor sie sie einem Verlag anbieten. Seitdem werden sie viel seltener zurückgewiesen. Die Schreiberzunft hat also allen Grund, mir dankbar zu sein. Die Leser auch, doch die ahnen nichts von meinem stillen Wirken und schreiben das ganze Verdienst, einen in sich runden Roman geschrieben zu haben, in dem keine Zeile zu viel ist, dem Schriftsteller zu. Auf Ruhm muss ich verzichten, auf mein gutes Honorar nicht. Ich habe es an den Erfolg des Buches gekoppelt. Ich fordere und erhalte nach anfänglichen Widerständen heute anstandslos je zehn Prozent der Einnahmen des Verlags und zehn Prozent vom Autor. Nicht einmalig, sondern solange der Titel im Verkauf ist. Von diesen Einnahmen kann ich so gut leben, dass ich es mir leiste, die Aufträge, die ich übernehme, so zu begrenzen, dass mir Zeit und Muße bleiben, an meinem ersten Roman weiter zu schreiben, den ich schon als Student begonnen habe. Auf über tausend Seiten ist er mit den Jahren angewachsen. Ich weiß, einen Verleger werde ich ohne massive Kürzungen im Manuskript nicht finden. Bevor ich aber auch nur eine einzige Zeile preisgebe, verzichte ich lieber darauf, mit meinem Erstling an die Öffentlichkeit zu treten. Mein Werk von wildfremden Banausen zerfleddern und zertrampeln lassen? Nicht mit mir.
 

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