Karl-Heinz Fricke

Meine Bergmannsjahre (fünfter Teil)

Meine Bergmannsjahre (fünfter Teil)

Es war wohl der Sinn meiner Versetzung in die Aus- und Vorrichtung mich weiterhin in die Vielseitigkeit des Bergmannberufes einzuführen, denn man hatte wohl den Eindruck, dass ich dem Werk für viele Jahre dienen könnte. In der Aus- und Vorrichtung arbeiteten die fähigsten Hauer, und Fritz Fasshauer zählte als einer der Besten. Während des zweiten Weltkrieges wurde er deshalb nicht eingezogen, sondern als Hauer ins befreundete Finnland beordert, um dort, mit noch einigen Rammelsberger Kollegen, als Hauer und Ausbilder in den finnischen Erzbergwerken zu arbeiten. Nun wurde ich sein Helfer, und unsere erste gemeinsame Arbeit war ein senkrechter Aufbruch von der neunten zur achten Sohle. Alle Sohlen des Rammelsberges sind 40 Meter voneinander entfernt. Die zehnte Sohle z.B. ist somit 400 Meter unter der Tagessohle. Die großen Erzkörper waren fest von Schiefer umgeben. Die Arbeiten in der Aus- und Vorrichtung waren ausschließlich im Schiefer und sie dienten dazu, Zugänge zum Erz aufzufahren. Zu diesen gehören Schächte, Sohlen, Strecken und auch Aufbrüche, die hauptsächlich als Erz- oder Versatzrollen dienten. Die Schächte sind wichtig für die Sauerstoff Zufuhr, wenn man jedoch von den Sohlen Strecken oder Aufbrüche auffährt, oder auch Schächte vertieft, also von der Luft und Sauerstoffzufuhr abweicht, muss Luft in Röhren mitgeführt werden, sonst erstickt der Bergmann. Bei Schachtvertiefungen heißen diese Röhren Lutten, die 2 Meter lang und einen Durchmesser von 50 cm haben. Wie wichtig die Luft- und Ozonzufuhr ist, kann man bei Verschüttungen ermessen, wenn Bergleute ersticken.

Nun arbeitete ich mit Fritz an diesem senkrechten Aufbruch, ein kleiner Schacht von unten nach oben von einer 40 Meter Länge bis zur oberen Sohle. Die Ausmaße eines Aufbruchs sind in der Regel 2 X 2 Meter. Die Arbeit ist schwer, ungewöhnlich unbequem, gefährlich und ausgesprochen dreckig. Nach der Schicht sahen wir wie die Schweine aus. Man muss genau über sich bohren und der nasse Bohrschlamm ergießt sich über das Gesicht, dringt in die Augen und läuft an den ausgestreckten Armen entlang am Körper herunter. Die Bohrung mit Wasser ist unerlässlich, denn sonst würde der Bohrer im Loch im Bohrstaub steckenbleiben. Nachdem alle Löcher nach einem gewissen System gebohrt sind, erfolgt die Sprengung. Der lose Schiefer wird erst abgeräumt, nachdem einige Meter aufgefahren sind. Dann muss ausgebaut werden. Zwei Drittel des abgeteilten Aufbruchs dienen zur Aufnahme des Gesprengten und das restliche Drittel dient als Fahrschacht mit Leitern, um vor Ort gelangen zu können. Es muss darauf geachtet werden, dass der Aufnahmeschacht immer gefüllt ist, weil man für die folgende Bohrung darauf stehen muss. Unten auf der Sohle wird eine Rollenschnauze eingebaut, damit der überfüllige lose Schiefer in Loren abgelassen werden kann. Der Markscheider hat Richtungspunkte angebracht, damit der Aufbruch auf der oberen Sohle an der ausgemessenen Stelle herauskommt. In den vergangenen Jahren wurden neue Methoden entwickelt, die das Auffahren von Ausbrüchen sehr viel leichter machen. Das dabei aber auch Schlimmes passieren kann, davon berichte ich im sechsten Teil.

Karl-Heinz Fricke 14.9.2010

 

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