Karl-Heinz Fricke

Meine Bergmannsjahre (sechster Teil)

Meine Bergmannsjahre (sechster Teil)

Besonders bei Aufbrüchen machte die Technik nach Mitte des 20. Jahrhunderts revolutionäre Fortschritte. Ein vorgebohrtes Loch von Sohle zu Sohle, 30 cm im Durchmesser, erlaubte drei wichtige Arbeitserleichterungen. Ein Kranz von Bohrlöchern um das vorgebohrte Loch ersetzte das Bohren des schwierigen Einbruchs, der vorher immer zuerst gebohrt und ausgesprengt werden musste, um ein Loch von etwa 1,80 m Tiefe ins Gestein zu schaffen. Danach konnten dann gerade Löcher von 1,8 Meterlänge gebohrt werden und nach der Sprengung hatte man 1,8 Meter herausgesprengt. Der zweite Vorteil des vorgebohrten Loches war der entstandene Durchzug, der dadurch den nötigen Sauerstoff lieferte. Drittens war das Loch auch Richtungsangabe und der Markscheider wurde nicht benötigt. Diese Erklärung war notwendig, damit die folgende Tragödie verständlich ist.

Es wurde uns Bergleuten immer wieder gepredigt die Berggesetze aus Sicherheitsgründen zu beachten. Es lässt sich denken, dass die Arbeit mit Sprengstoffen hauptsächlich damit gemeint war. Dass nach einer Sprengung Spätzündungen auftreten können, ist bekannt. Das Gesetz schrieb vor, dass deshalb 20 Minuten gewartet werden musste, ehe man wieder den Arbeitsplatz vor Ort betreten durfte. Dieses Gesetz wurde selbstverständlich von uns Knappen befolgt.

Der Fahrsteiger der Grube, der Schwinn hieß und gleich neben dem Grubenbetriebsführer rangierte,vertrat allerdings die Meinung, dass das Gesetz nur für die Bergarbeiter Gültigkeit zu haben schien. Das oben beschriebene neue Verfahren bei Aufbrüchen hatte interessierte Besucher angelockt, und der Fahrsteiger betätigte sich als Fremdenführer, um drei Besuchern das neue Projekt zu zeigen. Als sie die Einstiegstelle auf der Sohle erreicht hatten, wartete der Hauer und sein Helfer bis die gesetzlichen 20 Minuten nach der Sprengung verstrichen waren. Bei dem neuen Verfahren war anzunehmen, dass Rauch und Staubnebel gleich durch das vorgebohrte Loch abgezogen war. Schwinn erkundigte sich beim Hauer, wann die Sprengung stattgefunden hatte. Dieser erwiderte, vor 10 Minuten. Darauf sagte der Steiger den Besuchern, dass vor Ort alles klar sei und er schickte sich an, die Leiter zu besteigen und forderte die Gäste auf ihm zu folgen. Daraufhin trat der Hauer, ein früherer Offizier und Ritterkreuzträger, der sinnigerweise Krieger hieß, vor die Leiter und machte Schwinn und dessen Besucher auf die gesetzliche Wartezeit aufmerksam. Der Fahrsteiger, als Hitzkopf bekannt, schnauzte daraufhin Krieger wütend an, er solle Platz machen. Daraufhin wandte sich Krieger nochmals direkt an die Besucher und machte auf die Gefahr aufmerksam, gab aber dem Fahrsteiger den Weg frei. Dieser eilte die Leiter hinauf, die zu dem etwa 20 Meter hohen Ort führte. Er hatte wahrscheinlich gar nicht bemerkt, dass ihm niemand folgte, denn Krieger hatte sich sofort wieder vor die Leiter gestellt. Nach etwa einer Minute kam der Fahrsteiger wieder herunter. Allerdings nicht im gewöhnlichen Sinne, sondern er fiel. Als er unten aufschlug, hatte er das Genick gebrochen und war tot. Seine Ungeduld und Missachtung des Gesetzes kostete ihm das Leben. Die Besucher hatten käsebleiche Gesichter und dankten Krieger für sein entschlossenes Handeln. Etwas Ungewöhnliches war geschehen. Die Löcher, die den Einbruch erweitern sollten, hatten erstmalig das Gegenteil gemacht. Sie verstopften das Loch bei der Sprengung. Infolgedessen wurde der Durchzug unterbrochen und mangels Sauerstoff erstickte der Fahrsteiger. Er verlor die Besinnung und stürzte herunter.

 
Karl-Heinz Fricke  15.9.2010

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