Ulla Meyer-Gohr

DAVID gegen GOLIATH


Das Sternenzelt webte ein Glitzerkleid über den Park. Die blattlosen Bäume erinnerten an moderne Grafiken. Alles verschwamm zu einem riesigen, nachtschwarzen Tintenfleck, der sich über einem verharschtem Schneeteppich ergoss. Ein vertrautes Nachtbild des Gählerparkes.Eine Oase der Stille.

Wie lange noch ?

Abermals klang ein aufregender Tag aus. Frieden legte sich über die erhitzten Gemüter. Müdigkeit brachte das Leben in den Baumkronen zum Erliegen. Jeder kroch so tief er konnte in seinen Schlafsack im Inneren des Zeltes. Wieder zeigte das Barometer Minus 24 Grad.Seit drei Monaten hielt der kalte Winter die Aktivisten fest im Griff und prüfte sie auf ihr Durchhaltevermögen.

Sarah konnte nicht einschlafen. Sie brauchte eine geraume Zeit um die Aufregung herunter zu fahren. Die fremden Eindrücke hielten sie gefangen. Ihre beiden Mitstreiter lagen bereits im Tiefschlaf. Nur ein leises Schnarchkonzert drang aus einem der Schlafsäcke. Vor einer Woche führte sie der Zufall, samt Tochter Maja, in den Gählerpark. Dort blieb sie verwundert, über das Treiben unter den großen, alten Bäumen stehen. Einige Leute gruppierten sich um loderndes Feuer, welches aus einer verrosteten Metalltonne die Anwesenden erwärmte. Andere aßen, tranken oder riefen kurze Verständigungen zu vermummten Gestalten in die Baumkronen hinauf. Mit neugierigen Fragen näherte sich Sarah der Gruppe. Einer der Männer löste sich aus dem Kreis und kam mit einem " HALLO , ich bin Sven" direkt auf sie zu. Seine vertrauen erweckende Hand streckte er ihr entgegen.

     " Und ich bin Sarah," stellte sich die Frau vor.

     " Sag bloß du hast von uns noch nichts gehört !?"
Das unkomplizierte plötzliche DU störte sie nicht.

     " Zu meinem Bedauern, muss ich gestehen, NEIN ! - Aber bitte, kläre mich auf !"

     " Gerne ! - Komm mit zu der Metalltonne. Das lodernde Feuer wärmt uns ein wenig."

Sven stellte Sarah seinen Freunden vor. Auch hier scholl ihr freundliches HALLO entgegen. Man reichte ihr eine Tasse Kaffee und ein Stück Kuchen. Zu Majas Freude drückte man ihr einen gelben Lolly in die Hand.

      " Dann wollen wir mal ......," Sven zeigte sein gewinnendes Lächeln," die Umweltbehörde machte einen  schweren Fehler - ohne die Bürger und Verbände zu fragen gab sie einem der größten Stromanbieter Norddeutschlands, nämlich Vattenfall, grünes Licht eine 12,2  KM lange Fernwärmetrasse quer durch eine Grünzone legen zu dürfen. Dieser Beschluss blieb natürlich nicht ohne Resonanz. Das rief ein starkes, organisiertes Netzwerk zusammen, nämlich uns Klimaaktivisten, um die Abholzung der ca. 400 Bäume zu verhindern. Vom Steinkohlekraftwerk Mooburg quer durch das Hafengebiet, nicht achtend der größten Sturmmövenkolonie des Norddeutschen Binnenlandes, über Altona bis Diebsteich.  Es ist nicht das erste Mal, dass die Protestierenden mit den Säbeln rasselten. Den Klimaaktivisten ist die Erbauung des Kraftwerks Moorburg schon lange ein Dorn im Auge. Nach Berechnung von Fachleuten würde es den CO 2 Ausstoß etwa 40 Prozent in der Stadt Hamburg erhöhen. Das entspricht dem Ausstoß des gesamten Straßenverkehrs. Der Bau von neuen zentralisierten Kraftwerken dieser Art ist ein Hemmnis für die Entwicklung erneuerbarer Energien. Wir fordern Umdenken zu bewussteren, sparsameren Umgang mit Ressourcen anstatt Produktionskapazitäten dieser Art zu erweitern."    

Sven machte ein nachdenkliches Gesicht. Eine tiefe Konzentrationsfalte stand plötzlich zwischen den Augen und verdüsterte für einen Moment seinen sonst so freundlichen Blick.  

     " Wie schrecklich diese Profitgier und Gleichgültigkeit gegenüber der Umwelt," stieß Sarah angewidert hervor.
    
     " Das kannst du wohl laut sagen ! - Die ganze Situation lief auf eine Beschwerde des Verbandes hinaus. Zur Zeit läuft ein Verfahren in der zweiten Instanz und noch kein Ende in Sicht. - Sollte der Tag X tatsächlich kommen und eine Abholzung akkut werden steht bereits eine Mahnwache in den Startlöchern und droht mit einem ernsten Boykott. Wo kommen wir denn dahin, wenn wir zu allem Ja und Amen sagen müssen. Die Profithaie kosten uns eines Tages Kopf und Kragen, wenn das so weiter geht !" 

Inzwischen gesellte sich Maja zu den anderen Frauen und Männer. Sie trieb ihren Schabernack mit ihnen. Für die Aktivisten eine kleine. unterhaltsamen Abwechslung.

      " Sarah, hast du nicht Lust dich uns an zuschließen ?"
    
      " Ich ?"  
  
      " Ja - du. - Für deine Tochter wird gesorgt. Eine Kita kümmert sich um das Kind. Dein familäres Gleichgewicht wird von uns total berücksichtigt."

Überraschend sagte Sarah zu.


Nun saß sie seit einer Woche, nach einem erfolgreich absolvierten  Kletterkursus, mit in den Baumwipfeln. Vermummt gegen die Kälte wie alle anderen auch. Die Medien berichteten jeden Tag über die Baumbesetzung. Die Bilder sahen etwas exotisch aus und erweckten den Eindruck von Baumhäusern im Regenwald. Leise schlug die Kette des Flaschenzuges gegen den Baumstamm. Das verankerte Zelthaus schwankte etwas ausgelöst durch die Bewegungen der Schlafenden. In Sarah breitete sich ein Glücksgefühl aus. Endlich konnte sie zur Nützlichkeit der Gesellschaft beitragen. Heiserer, bellender Husten scholl aus dem Nachbarbaum herüber.

       " Sven sollte ein paar Tage zu hause bleiben," sie lachte schlaftrunkend," bei dieser Unterbreitung würde Sven, der Kopf der Organisation Robin Wood, mich für verrückt erklären !"


Sie kuschelte sich in ihren Schlafsack, von Müdigkeit übermannt, schloß sie die Augen.



Diesen Tag blieben die Baumkronen unbesetzt. Wie jeden Tag loderte das Feuer in der Metalltonne. Wie jeden Tag stellten die Anwohner Altonas mitgebrachte, belegte Brote, Kuchen sogar eine heiße Suppe im Topf und Kaffeethermen auf die improvisierte Tafel. Nur heute umarmten sich alle und schüttelten sich gegenseitig die Hände. Befreites Lachen klang hier und da heraus.Man konnte große Zusammengehörigkeit spüren. Verhalten nahmen die Naturschützer die Zuwendung dankend an. Die Erschöpfung stand ihnen ins Gesicht geschrieben. Ein tragbares Radio landete auf dem Tisch. Die angenehme Stimme des Nachrichtenspechers kündigte die Neuheiten vom Tage an:   

      " IN DEM PROZESS GEGEN VATTENFALL,  DER SICH BEREITS IN DER ZWEITEN INSTANZ BEFAND, KONNTE DER VERBAND EINEN SIEG VERBUCHEN. DIE CA. 12,2 KM LANGE TRASSE WIRD VORERST ZURÜCKGESTELLT  !"

Jemand schaltete das Radio aus. Eine Schweigeminute entstand. Sven erhob sich.

      " Freunde, ich will keine großen Reden schwingen. Meine Danksagung richtet sich an alle.
DANKE - DANKE - DANKE !"
Er legte seine Hände ineinander als reichte er jedem persönlich die Hand. Seine Stimme ging in den Hochrufen und Klatschen unter.

       " Freunde, - Freunde," verschaffte Sven sich wieder Gehör," dieser Etappensieg muss gefeiert werden. Am 13. März 2010, zwischen 16 Uhr - 22 Uhr, findet hier im Gählerpark ein Fest statt."


Sarah entfernte sich aus der Menschenmenge. Tränen schossen ihr in die Augen. All dies musste sie zurück lassen. Das intensive Zusammensein mit den Naturschützern gehörte der Vergangenheit an. Sie hob den Blick in die Bäume zu den Transparenten, die leicht im Wind flatterten wie Wäsche an einer Leine.



                                              TRASSE  -  NEIN   - DANKE   !
  

MOORBURG  -  STOP  -  WÄRE  WIE  WEIHNACHTEN  FÜR  KLEINE   !


                                                                    BAUM   AB    -    NEIN     DANKE     !




                   DER  PARK  GEHÖRT  UNS  ALLEN    !





Mit viel Elan und Kampfgeist gemalte Botschaften. Manche wirkten wie von Kinderhand kreiert.

Der Abschied fiel schwer. Sarah musste zurück in ihren Alltag. Ihre Familie brauchte sie.





   
                                

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                               
  

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Ulla Meyer-Gohr).
Der Beitrag wurde von Ulla Meyer-Gohr auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.09.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Die Autorin:

Bücher unserer Autoren:

cover

Fern der Heimat: Auf den Spuren einer Aussiedlerfamilie von Ernst Gerhard Seidner



Der Weg eines ausgesiedelten Lehrerehepaars führte ab 1977 über Höhen und Tiefen. Die Erziehungsmethoden aus Ost und West prallten manchmal wie Feuer und Wasser aufeinander, und gaben uns Recht,dass ein Umdenken im Sinne einer Verbindung von positiven Elementen aus den beiden Schulsystemen aus West und Ost,erfolgen musste.Siehe Kindertagesstädten,ein entschlossenes Durchgreifen bei Jugendlichen, ohne Verletzung der Schülerwürde.Ein Geschichtsabriss aus der Sicht eines Volkskundlers.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Krieg & Frieden" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Ulla Meyer-Gohr

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Das Geschenk von Ulla Meyer-Gohr (Zwischenmenschliches)
70 Jahre Bücherverbrennung von Margit Farwig (Krieg & Frieden)
Alles über Schlemils oder Männer, Männer, Männer von Martina Wiemers (Liebesgeschichten)