Klaus-D. Heid

Interpretationen

Scott stand vor dem großen, fast wandfüllenden Bild – und starrte es an, während eine Flut seltsamer Gefühle über ihn hereinbrach. Nie zuvor hatte er derart viele Emotionen wahrgenommen, wenn er ein Bild betrachtete. Jetzt aber fühlte er eine seltsam starke Erregung, in der sich Melancholie, Heiterkeit und Gleichmut vereinten. Er hätte genau in diesem Moment gleichzeitig weinen und lachen können. Etwas ging von diesem Bild aus, das ihm ins rechte Ohr schrie, er möge sich hemmungslos den Freuden des Lebens hingeben und ins linke Ohr säuselte, er möge sich endlich die Pulsadern aufschneiden. Euphorie und Trostlosigkeit. Hoffnung und Hoffnungslosigkeit. Wärme und Kälte – und alles entsprang diesem einen, gewaltigen und eindrucksvollen Bild, vor dem Scott wie festgewachsen, stand...

Etwas in ihm zwang ihn, seine Augen zu schließen. Vielleicht war es der Drang, wieder zurück in die Realität zu gelangen? Scott schloss die Augen ganz fest, doch immer noch sah er das Bild wie ein Brandzeichen vor sich, das sich auf ewig eingebrannt zu haben schien.

Hin- und hergerissen schüttelte Scott seinen Kopf. Er öffnete die Augen, schloss sie wieder und riss sie erneut auf, um mit seinen Blicken das Bild vor ihm aufzusaugen, als handele es sich bei ihm um einen Gifttrank, den die anmutigsten Frauen der Welt aus verführerischsten Zutaten gebraut hatten.

Scott fühlte, dass er nahe daran war, den Verstand zu verlieren. Er wollte gegen dieses Gefühl ankämpfen, wollte sich ihm widersetzen – aber das Bild war unendlich stärker als die Kraft, die Scott aufbrachte. Es fesselte ihn, schnürte ihn ein und umklammerte wie ein Schraubstock. Es vereinnahmte ihn mit Haut und Haaren. Das Bild zehrte ihn aus und füllte ihn gleichzeitig mit nie zuvor wahrgenommenen Eindrücken.

Sah er da plötzlich seine Frau, die leidenschaftlich einen anderen Mann liebkoste? Waren da nicht seine Kinder zu sehen, die sich ihm immer mehr entfremdeten? Und betrachtete er in dem Bild nicht sich selbst, wie er besoffen und resignierend, die Hoffnung an Gott und der Welt verlor? Er erkannte auch seinen Vater. Sein Vater, der ihm ewig vorhielt, was für ein Verlierer sein Sohn doch war. Seine Mutter, der es längst egal war, was aus ihm wurde. Er sah die vergangenen Jahre in dem Bild vorüberfließen, sah die zerstörten Träume und die winzigen Momente vergänglichen Glücks.

Der Mann, der Scott aus der Umklammerung des Bildes riss, ahnte nichts von den Gefühlen, die Scott in Aufruhr versetzten. Als der Mann Scott freundlich auf die Schulter klopfte und ihn um Feuer für eine Zigarette bat, zuckte Scott zusammen und richtete seinen wild flackernden Blick auf den Fragenden.

„Feuer...? Ja... Feuer... Feuer und ewiges Eis... es verbrennt mich...“

„Hey, Scott! Was ist los? Die Wand ist fertig. Komm schon – wir müssen noch die anderen Zimmer streichen. Ist ein hübsches Grün, oder? Was ist nun? Hast du Feuer für mich? Lass uns mal eine kleine Pause machen, solange der Chef weg ist...!“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.01.2003. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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