Karl-Heinz Fricke

Meine Bergmannsjahre (achter Teil)

Während der Maurerarbeiten war mir ein Missgeschick passiert, das schlimm hätte ausgehen können. Als ich einmal im kleineren Maurerkübel nach oben fuhr, kam ich glatt durch die rechteckige Öffnung des mit dicken Bohlen abgedeckten Schachtes. Die Öffnungen hatten Klappen, die immer geschlossen sein mussten, um zu verhindern, dass uns unten nichts auf den Kopf fallen konnte. Nachdem ich die Öffnung passiert hatte und etwa einen Meter über der Öffnung hing, hätte der zuständige Kumpel die Klappe schließen sollen, um dann dem Fördermaschinisten

das Signal ‘langsam runter’ zu geben, damit der Kübel aufsetzen konnte. Der Kumpel war jedoch nicht da, weil er Steine holte und so blieb die Klappe offen. Der Fördermaschinist im Glauben, dass die Klappe zu war, ließ den Kübel ohne Signal

runter, und der hätte normalerweise wieder durch die Öffnung gehen müssen. Das tat er jedoch nicht, denn er setzte sich am Rand auf und legte sich um. Der schwere Karabinerhaken, der in dem Kübel eingeklinkt war, setzte sich auf meine Wirbelsäule, und unter mir die gähnende Tiefe. Ich verlor die Besinnung. Das lose Förderkabel ringelte sich um den Kübel bis der Kumpel mit den Steinen kam und sofort ‘Auf’ signalisierte. Ich hätte 40 Meter mit Kübel und dem losen Förderkabel in die Tiefe rauschen können. Das sind die unerwarteten Gefahren bei solchen Arbeiten. Wieder war ein Gesetz verletzt worden. Der Kumpel hätte warten müssen um die Klappe schließen zu können. Der Fördermaschinist konnte von seinem Sitz den Schacht nicht einsehen.

 

Nachdem die ersten 40 Meter gemauert waren, ging das Teufen weiter. Es waren auch gewaltige Frischluftröhren installiert worden, die an einer Seite des Schachtes mit Flanschen verbunden herunterhingen. Jede dieser Metallröhren, Lutten genannt, war 2 ½ Meter lang mit einem Durchmesser von 50 cm und einem Gewicht von einem Zentner. Nach jeder Sprengung wurde eine Lutte zugefügt, damit wir bei der schweren Arbeit genug Sauerstoff hatten. Ich hätte diese Beschreibung nicht gemacht, aber später passierte etwas mit diesen Lutten, das uns hätte umbringen können.

Die nächsten 40 Meter waren nach einem weiteren Monat ohne besondere Zwischenfälle abgeteuft, und auch die zweite Mauerung war fertig. Wir waren nun 80 Meter tief und weitere 15 Meter mussten noch aufgefahren werden. In einer Nachtschicht passierte das, was wir befürchteten. Der volle Kübel schwankte wegen der größeren Auffahrtslänge immer mehr, daher unsere Befürchtung, er könne oben nicht glatt durch die Schachtöffnung gehen und anstoßen. Der Steiger meinte aber, der Kübel sollte nicht unsere Sorge sein. In einer Nachtschicht passierte es dann. Ich selbst hatte den vollen Kübel eingeklinkt, und nachdem er etwa einen Meter hochgezogen war, hielt ich ihn bis er ganz ruhig hing. Dann signalierte ich ‘langsam auf. Mit einem Ruck schwebte der Kübel in die Höhe. Er schwankte sehr, und wie immer hielten wir den Atem an. Nach einigen Sekunden gab es einen lauten Krach, denn der Kübel hatte die Luttenleitung erfasst, zog diese seitlich hoch, und weil der Kübel den Drang zur Mitte hatte, befreite er sich, und die Lutten, elf an der Zahl hatten sich losgerissen und kamen nun polternd herunter. Unten im Schacht gab es keine Deckung, nur glatte Wände., und weil die große Hängelampe getroffen worden war umgab uns totale Finsternis. Als das Gepoltere aufgehört hatte stöhnte

Fritz Fasshauer, mein alter Kollege. Eine der Lutten hatte den leeren Kübel getroffen, und war von dort gegen seinen Rücken geprallt. Ich hatte mich gegen die Wand gestellt und als der Fördermaschinist auf der Strickleiter mit seiner Karbidlampe herunter gekommen war, sahen wir die Bescherung. Drei Lutten, die noch zusammen waren, standen etwa einen Meter rechts von mir gegen die Wand gelehnt.

Mein Schutzengel war wieder einmal bei mir. Ein weiteres Berggesetz hatte man missachtet, das unser aller Tod hätte sein können. Man hatte es wissentlich unterlassen nach einer Teuftiefe von 80 Metern eine Führung für den schwankenden Kübel zu bauen, und spielte damit mit unserer Leben. Verantwortlich war der Fahrsteiger Schwinn, der da noch lebte, und entschieden hatte, dass wir ohne Kübelführung die 15 Meter wohl noch schaffen würden. Das wurde nun eilends nachgeholt, und wir hatten eine einwöchige Verschnaufpause.

Karl-Heinz Fricke  17.9.2010
Karl-HeinzK 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Karl-Heinz Fricke).
Der Beitrag wurde von Karl-Heinz Fricke auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.09.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Buch von Karl-Heinz Fricke:

cover

Isidor was machst du da? von Karl-Heinz Fricke



Eine poetische Reise durch den Humor.
Ein Mutterwitz, der beabsichtigt nicht nur ein Lächeln auf das Gesicht des Lesers zu zaubern, sondern der die Bauch- und Gesichtsmuskeln nicht verkümmern lässt.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (13)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Autobiografisches" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Karl-Heinz Fricke

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Meine Bergmannsjahre (erster Teil) von Karl-Heinz Fricke (Autobiografisches)
Geht es mir gut ? Eine bittere Erkenntnis...! von Rüdiger Nazar (Autobiografisches)
Erlebtes von Karl-Heinz Fricke (Wahre Geschichten)