Diethelm Reiner Kaminski

Möbelrücken



Im Hauseingang stehen zwei Punker mit blau-gelb-violetter Irokesenfrisur. Oma Kraftczyk lächelt sie freundlich an.
„Wie schön, dass Sie schon so früh gekommen sind. Ich habe Sie erst gegen Mittag erwartet. Ich war nur kurz im Supermarkt um die Ecke. Ich gehe mal voraus.“
Joscha, die Bohnenstange, und Ronni, das Fass, schneiden Grimassen hinter ihrem Rücken und bleiben stehen.
„Hattie nich mehr alle?“, flüstert Ronni.
Da dreht Oma Krafczyk sich um: „Was ist, meine Herren?“, und schon gibt sie Joscha ihre Einkaufstasche in die Hand: „Wenn Sie so nett sein würden. Dann geht´s schneller.“
Widerstrebend drücken Joscha und Ronni ihre Zigaretten an der Flurwand aus, nehmen noch einen Schluck aus der Bierdose, stellen sie dann aber ab und folgen der alten Frau in den dritten Stock.
„Wat is nu Sache, Omma?“
„Ich habe Ihnen ja schon am Telefon gesagt, worum es geht. Nächsten Monat kommt mein Jüngster auf Besuch und da möchte ich das Kinderzimmer streichen lassen. Das muss vorher natürlich ausgeräumt werden. Die Möbel müssen rüber ins Nachbarzimmer. Dafür brauche ich zwei starke Männer wie Sie.“
Oma Krafczyk bemerkt die Blicke der Punker, die auf der gehäkelten Geldbörse ruhen, die sie, noch im Mantel, auf dem Couchtisch abgelegt hat.
„Dafür lohnt es sich nicht straffällig zu werden. Da sind fünfzig Euro für Sie drin. Aber die müssen Sie sich erst verdienen.“
„Wie alt isser denn Ihr Jüngster?“, bringt Ronni das Thema wieder auf ein normales Gleis.
„Erst achtundvierzig. Ich bin gespannt, ob mein Gabriel sich auch so eine neumodische Frisur zugelegt hat. Die jungen Leute heute …“
„Da bin ick mir sogar janz sicher, Omma“, sagt Joschi, „würd irre zu seim Namen passen.“
Während Joscha und Ronni einen Kleiderschrank, ein Klappbett, zwei Sessel und drei Bücherregale mit lautem Getöse ins Nachbarzimmer mehr schieben als tragen und auch noch die Vorhänge, Gardinen und Gardinenstange lässig vom Fenster reißen, stellt Oma Krafczyk eine dampfende Terrine und zwei Teller auf den Couchtisch.
„Gemüsesuppe, heute morgen frisch gekocht. Kräftig und gesund. Nun erholen Sie sich erst einmal. Leider kann ich Ihnen nur Malzbier anbieten.“
Das lehnen Joscha und Ronni dankend ab, aber zwei Teller heiße Gemüsesuppe löffeln sie brav aus.“
„Geraucht wird aber bei mir nur auf dem Balkon.“
Auch dieses freundliche Angebot nehmen Joscha und Ronni lieber nicht an. Das fehlte gerade noch, dass einer aus ihrer Gang sie mit ´ner Oma zwischen den Geranienkästen sieht und denkt, sie machen jetzt in Altenpflege.
Oma Krafczyk hält ihnen den Fünfzig-Euro-Schein hin, bedankt sich vielmals und sagt: „Und wenn das Zimmer fertig gestrichen ist, rufe ich Sie wieder an.“
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.09.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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