Karl-Heinz Fricke

Meine Bergmannsjahre (zehnter Teil)

 

Der Förderschacht im Salzbergwerk Wunsdorf wurde auch für Personentransporte

benutzt. An einem Förderkabel hingen im Schacht zwei Förderkörbe. Ging einer runter, kam der andere rauf und in der Mitte des Schachtes begegneten sie sich. Große Salzkammern nahmen uns auf. Einsturzgefahr bestehe nicht, erklärte unser Führer. Unfälle passierten nur durch Unvorsichtigkeit mit Maschinen und bei der Förderung. Wir sahen auch keine Holzbaue oder andere Abstützvorrichtungen. Von der guten frischen Luft in der Grube waren wir überrascht. Besonders die inneren Organe profitieren angeblich davon.Wir sahen den großen Schremmmaschinen zu, die sich in den festen Salzkörper hineinfraßen. Maschinelle Schaufeln an Stahlkabeln zogen das Salz zurück, und Lademaschinen luden es in bereitstehende Loren, die dann zur Förderung zum Schacht gebracht wurden. Es gab fast keinen Vergleich zu unserer Arbeit im Rammelsberg.

Der Grubenbetriebsführer des Werkes war ein ehemaliger Steiger des Rammelsberges. Auch Salzbergleute kamen zu Besichtigungen nach Goslar. Derselbe Grubenbetriebsführer sorgte einige Wochen später für Schlagzeilen in der Presse. Ein schreckliches Unglück hatte sich unter seiner Führung von Besuchern im Schacht des Werkes ereignet. Nachdem die Besichtigung beendet war, begab sich die Gruppe zurück zum Schacht, um auszufahren. Als sie dort eintrafen, war ein Mechaniker dabei, das Förderseil neu einzubinden. Weil sich das Seil dehnt, also nach ständigem Gebrauch länger wird, besagt das Berggesetz, das nach Ablauf von drei Monaten das Seil ein Meter zu kappen sei und dann neu eingebunden werden muss. Danach müsse für eine volle Stunde aus Sicherheitsgründen mit der Höchstbelastung gefördert werden. Ungeduldig, wie Vorgesetzte oftmals sind, trieb der Grubenbetriebsführer den Mechaniker an, sich gefälligst zu beeilen. Dieser war dabei die Schrauben der Neueinbindung anzuziehen. Er machte den Grubenbetriebsführer jedoch darauf aufmerksam, dass noch eine Stunde gefördert werden müsse. Darauf sagte der, fünf Männer seien keine Höchstbelastung, und er bestand darauf, gleich auszufahren. Den späteren Aussagen des Mechanikers zufolge, sei der Grubenbetriebsführer nicht gewillt gewesen länger zu warten, obwohl er noch am Anziehen der Schrauben gewesen sei. Die Gruppe betrat den Förderkorb und nachdem das Signal ‘Auf’ signalisiert worden war, startete die Auffahrt mit der menschlichen Fracht. Der andere Förderkorb, der sich über Tage befunden hatte, befand sich nun auf dem Weg nach unten. Plötzlich löste sich die wahrscheinlich nicht komplette Einbindung, der Förderkorb kam frei und sauste nach unten. Der andere Korb, ohne Gegenbalance sauste nun ebenfalls zum Schachtgrund, während das freigewordene stählernde Seil des Unfallkorbes über Tage aus der Schachtöffnung peitschte und großen Schaden angerichtet haben soll.

Natürlich gab es keine Überlebenden und der Unfall war einem hohen Bergbeamten

zuzuschreiben. Wieder einmal wurden die Sicherheitsvorschriften gröblich verletzt,und unnötige Todesfälle wurden verursacht. Als ich die Geschichte in der Zeitung las, dachte ich daran, dass wir einige Wochen früher einen derselben Körbe betreten hatten. Das Werk wurde mehrere Wochen stillgelegt bis alle Untersuchungen abgeschlossen und die Schäden behoben waren.

 
Karl-Heinz Fricke  19.9.2010

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