Karl-Heinz Fricke

Meine Bergmannsjahre (elfter Teil)

 

Als man im unteren ‘Neuen Lager’ dem Erz mit allen modernen Maschinen zu Leibe rückte, wusste man bereits in den fünfziger Jahren, dass kein Erz für die Generationen des nächsten Jahrhunderts mehr da sein würde. Große Kammern wurden auf der zehnten Sohle ausgesprengt und mit großen Lademaschinen das Erz in Loren befördert. Zwischen den Kammern ließ man sicherheitshalber Pfeiler stehen, damit das oben hängende Erz Halt behielt. Diese Pfeiler wurden dann später noch in Querschlägen abgebaut. Fieberhaft begann man nach neuen Erzlagern zu suchen. Versuchsbohrungen und seismographisches Schießen waren ergebnislos. Es ist ein Wunder für den Laien, wie zwei riesige Erzkörper derart im Schiefer eingeschlossen sein konnten. Es mag sich für meine interessierten Leser lohnen, im Google einmal Erzbergswerk Rammelsberg anzutippen um mehr über das Weltkulturerbe zu lesen.

Weil nun alle Versuche, neues Erz zu finden fehlgeschlagen waren, versuchte man von der 10 Sohle aus Versuchsstrecken in mehrere Richtungen aufzufahren.Es wurde mein neuer Job als Schießhauer mit zwei Helfern eine Strecke, die bereits 3

Kilometer vom Schacht entfernt war weiter aufzufahren. Das Projekt wurde in drei Schichten begonnen. In Anbetracht möglicher Wassereinbrüche wurde eine Bleitür in die Strecke eingebaut, und alle Sprengungen mussten zu unserer Sicherheit hinter dieser Tür ausgelöst werden, um eventuelle Wassermassen von uns fern zu halten. Wir hatten tatsächlich einen kleinen Wassereinbruch, den wir allerdings mit einer Backsteinmauer abschirmten. Im Durchschnitt drangen wir täglich 5 Meter vor. Wir hatten auch eine Lademaschine, so dass in jeder Schicht einmal gebohrt, geschossen

und abgeräumt werden konnte.

Bei dieser Arbeit hatte ich unerwarteterweise zwei leichte Unfälle. Als ich den Pressluftschlauch der Lademaschine von der Rohrleitung abschraubte, kam das Ventil nicht von dem Anschlußnippel nach, und als ich den Schlauch abgedreht hatte, ergoss sich die Pressluft über meinen linken Arm. Luft schadet an sich nicht, aber winzige Rostteilchen, die sich in der Leitung angesammelt hatten, drangen in meine Haut ein. Der ganze Unterarm war davon gespickt. Ich dachte, der Sanitäter über Tage würde zu einer Pinzette greifen um die vielen kleine Fragmente herauszuziehen. Der dachte nicht daran. Er schmierte eine Creme auf den unteren Innenarm und wickelte eine Mullbinde darum. Zu Hause merkte ich, wie es sich spannte. Es wurde fast so hart wie ein Gipsverband. Am nächsten Morgen vor der Grubeneinfahrt, wickelte er die Binde ab und alle kleinen Stücke befanden sich darin. Die Haut war gerötet, blutete aber nicht. Dann trug er eine Heilsalbe auf und verband den Arm.

Die zweite Verletzung sah erst harmlos aus, kostete mich aber einen 2- wöchentlichen Arbeitsausfall. Ein ganz dummer Zufall hatte sich ereignet. Ich sah ein bleistiftartiges loses Schieferstück an der Streckenwand hängen und schlug mit dem kurzstieligen Pickhammer danach. Es fiel aufrecht auf meinen rechten Gummistiefel und blieb zwischen zwei Zehen stecken. Gefühlt hatte ich keinen Schmerz. Ich zog es heraus und arbeitete weiter. Weil wir wegen dem Wasser vom Bohren immer im Wasser standen, fühlte ich Nässe im Stiefel, schrieb es aber dem Loch darin zu. Nach der Ausfahrt stellte ich fest, dass es Blut war. Das Schieferstück war neben dem großen Zeh ins Fleisch eingedrungen, und der Sanitäter stellte kleine Splitter in der Wunde fest, die er nicht herausholen wollte. Ich sollte zum Arzt, konnte aber am nächsten Morgen nicht laufen. Da kam der Doktor zu mir und verarzte mich.

Die Versuchsstrecke wurde plötzlich unterbrochen, als der sonst feste Schiefer immer poröser wurde und schließlich in Mergel endete. Das war der letzte Versuch, im Rammelsberg ein neues Erzlager zu finden.

So langsam geht meine Serie dem Ende zu. Es gab allerdings auch viel Humor in der Grube und davon erzähle noch

 
Karl-Heinz Fricke  20.9.2010

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